Folter mit Musik

custerohr

Der Weg unter den architektonisch monotonen Arkaden des Pazifik-Boulevards, die ihre Hintern dem interessanten Meeresblick und ihre Fronten dem konfus-stinkigen Gewimmel Manados zuwenden, wird durch einen fetten, schwarz verkleideten Klops und ebensolche Terror-Soundboxen so verstellt, daß ich mich mit zugestöpselten Ohren dazwischen durchschlängeln muß. Den terroristischen Handel mit eigentlich waffenscheinpflichtigen Boxen in Kühlschrank-Formaten in den Fußgänger-Bereich auszuweiten, ist eher die Regel. Schon die auffällige Anzahl dieser Läden zeigt die aktuelle Verwirrung der Minahasa. Dem Klops, der mit dem Soundcheck seiner Boxen beschäftigt ist – in einer Sehrlautstärke, mit der man normalerweise Islamisten foltert – kann ich leider keine reinhauen. Dazu ist er zu kompakt. Doch sind meine geschützten Ohren ein Zeichen, das wahrgenommen wird – wie alles was ich tue. Die orientierungslosen Wilden imitieren ja den Westen, den sie in verzerrter Form nur aus den Medien kennen, und hier tritt ein Weißer auf, der von ihrer Kopie nicht begeistert ist, sondern jene für sozialen Massen-Wahn hält. Musik ist neben Rauch aus Brandrodung, Müllverbrennung und den rücksichtslosen Vulkanen die zweitgrößte Ursache der extremen Luftverschmutzung in Nordsulawesi.
Schädigung durch Musik gab es bei mir schon in der Kindheit. So wurde mir nicht nur gymnasialer Unterricht zuteil, in dem ich klassische Musik zu hassen lernte, sondern ich sah auch 1963 in Berlin das Musical „Annie Get Your Gun“ mit Heidi Brüll, dessen Titel man heutzutage politisch korrigieren müßte. Aber damals gab es in meinem Leben einfach keine alternativen Angebote, und ich ahnte nur, wie da noch etwas anderes sein konnte, als das, was die christlich-konservativ Verklemmten zuließen. Das Musical und der Besuch einer „Othello“-Oper in Hildesheim verfestigten bei mir für den Rest meines Lebens den Eindruck, daß es sich bei diesem musikalischen Genre um weltweit verbreiteten Scheiß handelt. Allein singend zu sterben – wie auch in „West Side Story“ (1957), ist ja schon ein Ausdruck kranker Phantasie.
Den Verirrungen Bildender Kunst kann man ausweichen, extrem lauter Musik eher nicht. Sie dringt in dein Hirn und hinterläßt Zerstörung. Als Kunstlehrer habe ich mich gegen die Kanibalisierung meines Unterrichts durch Musicals gewehrt. Sie schufen kein Mehr an Kreativität sondern zogen nur die besten Kräfte ab und machten Unterricht wegen Proben zeitweise unmöglich. Dabei blieb das enge zeitliche Korsett aus Klausuren und Prüfungen erhalten. Und dann gab es Kollegen, die glaubten sich damit aus der Gefahren-Zone halten zu können, indem sie den Schülern in den Hintern krochen. Pädagogisch feiner nannte man das: den Schüler da abholen, wo er ist. Aber wo ist er, wenn ihn nur das interessiert, was er kennt. Jedenfalls halte ich Musicals für ein ideales Thema, gymnasiale Qualität weiter abzusenken. Hier singt vor allem der, der nichts kann und ist, und dann so laut wie möglich, Tag und Nacht. Besoffene Männer mit engelsgleichen Kastraten-Stimmen. Einmal als Star kilometerweit gehört zu werden – ein Traum wird wahr!

Foto: Dem toten General Custer werden die Ohren abgeschnitten, weil er nicht auf die Indianer gehört hat.

Ohrenbetäubend

uss

Daß ein Mensch ein ruhiges Leben hat, das ist gut; daß ein Mensch ein mühevolles Leben mit Geduld erträgt, das ist besser; aber daß man Ruhe hat im mühevollen Leben, das ist das Allerbeste.
Meister Eckhart

Wär das nicht auch was für die Bundeswehr? Ein mobiles Sound-System im Dunkelgrün des indonesischen Militärs. Als Folter-Methode der CIA hat sich der Einsatz von Hardrock schon bewährt, und wenn die Bundeswehr zur Zeit nur beschränkt einsatzfähig ist, könnte man den Feind doch wenigstens mit Musik bekämpfen. Mich haben Uniformierte jedenfalls auf diese Weise aus der Megamall in Manado vertrieben, wo sie für eine Kampfsport-Vorführung Matten auslegten. Ich konnte nicht mal das Restaurant aufsuchen, in dem ich essen wollte. Das besonders Unangenehme an meiner neuen Schwerhörigkeit ist die Ungleichmäßigkeit des Geräusch-Empfangs. Ich hatte gehofft, daß alle Töne einfach leiser ankommen. Stattdessen erzeugt die internationale Pest der mir ohnehin verhaßten Baß-Schwingungen nicht nur Körper-Vibrationen sondern jetzt auch tatsächliche Schmerzen auf dem rechten Trommelfell. Dagegen bewirkt das linke anscheinend gar nichts mehr außer Hall-Geräuschen und Druck-Gefühl. Und zu der schwierigen sprachlichen Kommunikation kann ich die Wilden nun auch akustisch kaum verstehen. Die Verkäuferin im dörflichen Supermarkt hielt mir neulich einen Zettel hin, auf den sie die zu zahlende Summe geschrieben hatte. Der Grund war jedoch die mal wieder nicht funktionierende Kasse. Auch das Überqueren von Straßen ist problematisch geworden, weil ich Fahrzeuge nicht mehr akustisch orten kann. Zum räumlichen Hören braucht man anscheinend 2 Ohren. Kürzlich schlich ein LKW im Lorong Jerman hinter mir her, den ich erst sehr spät bemerkte. So ziehe ich mich immer mehr in mich zurück und werde zur Schildkröte.
Was hier gespielt wird, macht auch ein Gerichts-Urteil deutlich: Eine 44jährige indonesische Buddhistin ist wegen Gotteslästerung zu 18 Monaten Haft verurteilt worden, weil sie sich über die Sehrlautsprecher einer Moschee beschwert hat. Ich kenne die Details nicht, jedoch ist die Methode der fanatischen Muslime deutlich erkennbar. Was da noch auf D zukommt, haben wohl noch nicht alle Deutschen begriffen. Es zählt nicht, wie sozial, friedlich oder sonstwie eine Religion in der Theorie ist, sondern nur die Perversion der Ausübung. Und die ist in allen Religionen bizarr. Zwar wächst dem mittelalterlichen Druck der Fanatiker Widerstand entgegen, aber der ist in Indonesien noch eine sehr zarte und gefährdete Pflanze. Eher wird im TV auch redaktionell für ein neues islamisches Medaillon mit Kette geworben, das u.a. gegen Bluthochdruck wirken soll. Ehrlicher wäre eine allgemeine Lärm-Bekämpfung in Verbindung mit im Volk verankertem Umwelt-Bewußtsein. Doch das werde ich nicht mehr erleben.

noisy

Vietnam

Sukarela

korupsi

I do really take it for an indisputable truth, and a truth that is one of the corner stones of political science ― the more strictly we are watched, the better we behave.“
Jeremy Bentham (1748-1832)

Sukarela bedeutet freiwillig. Zusammengesetzt aus suka (mit Vergnügen wollen) und rela (bereit, gern). Ich bin freiwillig in Indonesien. Ich begebe mich freiwillig zum Duell mit Andy. Ich gebe dem Polizisten freiwillig Schmiere, denn das Zurückziehen der Anzeige kostet nichts. Der Kunde kann natürlich trotzdem was geben – sukarela. Damit ist der Kunde in der Zwickmühle, wenn er die Tarife nicht kennt. Jedesmal wenn wir auf der Wache erschienen, wies der Beamte darauf hin, daß die Sperrholz-Vertäfelung seines Büros noch gestrichen werden müsse.
Zur Friedens-Verhandlung kam Andy 40min zu spät. Das sei normal, erklärte der Beamte. Warum Andy denn zum Disput mit einer Latte angetreten sei?
„Um die Linie ziehen zu können.“
Warum er denn eine Linie gezogen habe, wo er doch nur Gast und nicht Hausherr gewesen sei?
Darauf wußte Andy keine Antwort. Doch habe er sich schon bei mir entschuldigen wollen, aber niemanden angetroffen.
Die letzte WUMM-WUMM-Party endete am Verhandlungs-Tag um 4Uhr morgens. Wo das denn gewesen sei, fragte der Beamte mich.
„Irgendwo weit im Süden.“ Das vermutet man wegen der Lautstärke. Solche Feste besitzen oft keine polizeiliche Genehmigung, und wenn die Beamten die Party abbrechen, werden sie als arrogant bezeichnet. So viel zum Rechtsverständnis der Wilden. Jenen geht es dabei gar nicht um Musik-Genuß sondern um maximale Außenwirkung.
Zeige mir, was du mit deinem hape machst, und ich sage dir, was mit dir nicht stimmt. Während Andy vom Beamten eine Ermahnungs-Predigt bekam, telephonierte er mit einem Kunden. Sein Klingelton war so raumfüllend, daß ich ihn zuerst für ein Alarm-Signal der Wache hielt.
Gekostet hat mich die Erziehungs- und Ordnungsmaßnahme 16Euro + etwas Schmiere für meine Dolmetscherin. Andy wird sich nicht ändern, aber meine neuen Nachbarn kennen mich nun. Das war mir die Sache wert. Man muß hier in den Zwischenräumen leben. Zwischen 2 Festen, zwischen 2 Erdbeben, 2 Vulkan-Ausbrüchen, 2 Fluten, 2 Krankheiten. Die Zwischenräume sind gut. Seit Weihnachten feiern die Wilden jeden Tag. Da bleibt wenig Zwischenraum.
Auf dem Rückweg von der Polizei-Station kreuzte eine kleine, schwarze Schlange meinen Weg am Rande der stark befahrenen Straße nach Bitung. Ich wollte ihr schon zurufen, sie solle besser nicht in dieser Richtung weiterschlingeln. Da hielt sie inne und drehte um.

Foto: „AKUR“ Laßt uns Wächter des Volksvermögens sein! Zum Welt-Anti-Korruptions-Tag.