Ohrenbetäubend

uss

Daß ein Mensch ein ruhiges Leben hat, das ist gut; daß ein Mensch ein mühevolles Leben mit Geduld erträgt, das ist besser; aber daß man Ruhe hat im mühevollen Leben, das ist das Allerbeste.
Meister Eckhart

Wär das nicht auch was für die Bundeswehr? Ein mobiles Sound-System im Dunkelgrün des indonesischen Militärs. Als Folter-Methode der CIA hat sich der Einsatz von Hardrock schon bewährt, und wenn die Bundeswehr zur Zeit nur beschränkt einsatzfähig ist, könnte man den Feind doch wenigstens mit Musik bekämpfen. Mich haben Uniformierte jedenfalls auf diese Weise aus der Megamall in Manado vertrieben, wo sie für eine Kampfsport-Vorführung Matten auslegten. Ich konnte nicht mal das Restaurant aufsuchen, in dem ich essen wollte. Das besonders Unangenehme an meiner neuen Schwerhörigkeit ist die Ungleichmäßigkeit des Geräusch-Empfangs. Ich hatte gehofft, daß alle Töne einfach leiser ankommen. Stattdessen erzeugt die internationale Pest der mir ohnehin verhaßten Baß-Schwingungen nicht nur Körper-Vibrationen sondern jetzt auch tatsächliche Schmerzen auf dem rechten Trommelfell. Dagegen bewirkt das linke anscheinend gar nichts mehr außer Hall-Geräuschen und Druck-Gefühl. Und zu der schwierigen sprachlichen Kommunikation kann ich die Wilden nun auch akustisch kaum verstehen. Die Verkäuferin im dörflichen Supermarkt hielt mir neulich einen Zettel hin, auf den sie die zu zahlende Summe geschrieben hatte. Der Grund war jedoch die mal wieder nicht funktionierende Kasse. Auch das Überqueren von Straßen ist problematisch geworden, weil ich Fahrzeuge nicht mehr akustisch orten kann. Zum räumlichen Hören braucht man anscheinend 2 Ohren. Kürzlich schlich ein LKW im Lorong Jerman hinter mir her, den ich erst sehr spät bemerkte. So ziehe ich mich immer mehr in mich zurück und werde zur Schildkröte.
Was hier gespielt wird, macht auch ein Gerichts-Urteil deutlich: Eine 44jährige indonesische Buddhistin ist wegen Gotteslästerung zu 18 Monaten Haft verurteilt worden, weil sie sich über die Sehrlautsprecher einer Moschee beschwert hat. Ich kenne die Details nicht, jedoch ist die Methode der fanatischen Muslime deutlich erkennbar. Was da noch auf D zukommt, haben wohl noch nicht alle Deutschen begriffen. Es zählt nicht, wie sozial, friedlich oder sonstwie eine Religion in der Theorie ist, sondern nur die Perversion der Ausübung. Und die ist in allen Religionen bizarr. Zwar wächst dem mittelalterlichen Druck der Fanatiker Widerstand entgegen, aber der ist in Indonesien noch eine sehr zarte und gefährdete Pflanze. Eher wird im TV auch redaktionell für ein neues islamisches Medaillon mit Kette geworben, das u.a. gegen Bluthochdruck wirken soll. Ehrlicher wäre eine allgemeine Lärm-Bekämpfung in Verbindung mit im Volk verankertem Umwelt-Bewußtsein. Doch das werde ich nicht mehr erleben.

noisy

Vietnam

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Sukarela

korupsi

I do really take it for an indisputable truth, and a truth that is one of the corner stones of political science ― the more strictly we are watched, the better we behave.“
Jeremy Bentham (1748-1832)

Sukarela bedeutet freiwillig. Zusammengesetzt aus suka (mit Vergnügen wollen) und rela (bereit, gern). Ich bin freiwillig in Indonesien. Ich begebe mich freiwillig zum Duell mit Andy. Ich gebe dem Polizisten freiwillig Schmiere, denn das Zurückziehen der Anzeige kostet nichts. Der Kunde kann natürlich trotzdem was geben – sukarela. Damit ist der Kunde in der Zwickmühle, wenn er die Tarife nicht kennt. Jedesmal wenn wir auf der Wache erschienen, wies der Beamte darauf hin, daß die Sperrholz-Vertäfelung seines Büros noch gestrichen werden müsse.
Zur Friedens-Verhandlung kam Andy 40min zu spät. Das sei normal, erklärte der Beamte. Warum Andy denn zum Disput mit einer Latte angetreten sei?
„Um die Linie ziehen zu können.“
Warum er denn eine Linie gezogen habe, wo er doch nur Gast und nicht Hausherr gewesen sei?
Darauf wußte Andy keine Antwort. Doch habe er sich schon bei mir entschuldigen wollen, aber niemanden angetroffen.
Die letzte WUMM-WUMM-Party endete am Verhandlungs-Tag um 4Uhr morgens. Wo das denn gewesen sei, fragte der Beamte mich.
„Irgendwo weit im Süden.“ Das vermutet man wegen der Lautstärke. Solche Feste besitzen oft keine polizeiliche Genehmigung, und wenn die Beamten die Party abbrechen, werden sie als arrogant bezeichnet. So viel zum Rechtsverständnis der Wilden. Jenen geht es dabei gar nicht um Musik-Genuß sondern um maximale Außenwirkung.
Zeige mir, was du mit deinem hape machst, und ich sage dir, was mit dir nicht stimmt. Während Andy vom Beamten eine Ermahnungs-Predigt bekam, telephonierte er mit einem Kunden. Sein Klingelton war so raumfüllend, daß ich ihn zuerst für ein Alarm-Signal der Wache hielt.
Gekostet hat mich die Erziehungs- und Ordnungsmaßnahme 16Euro + etwas Schmiere für meine Dolmetscherin. Andy wird sich nicht ändern, aber meine neuen Nachbarn kennen mich nun. Das war mir die Sache wert. Man muß hier in den Zwischenräumen leben. Zwischen 2 Festen, zwischen 2 Erdbeben, 2 Vulkan-Ausbrüchen, 2 Fluten, 2 Krankheiten. Die Zwischenräume sind gut. Seit Weihnachten feiern die Wilden jeden Tag. Da bleibt wenig Zwischenraum.
Auf dem Rückweg von der Polizei-Station kreuzte eine kleine, schwarze Schlange meinen Weg am Rande der stark befahrenen Straße nach Bitung. Ich wollte ihr schon zurufen, sie solle besser nicht in dieser Richtung weiterschlingeln. Da hielt sie inne und drehte um.

Foto: „AKUR“ Laßt uns Wächter des Volksvermögens sein! Zum Welt-Anti-Korruptions-Tag.

Wo hat wer gestanden?

Kommunikation

Von wegen bürokratische Erleichterung! Bei der eigentlichen Vernehmung in einem diesmal unklimatisierten Büro der Polizei ging wieder alles von vorne los. Schon bei der ersten Aufnahme meiner Anzeige gegen Andy, der angeblich gar kein kibord-Spieler sondern nur Verleiher der Krach-Anlage ist, dafür aber im Kirchenvorstand und Blockwart, mußte ich meine Geschichte gleich 2x erzählen. Bei der Ankunft und danach dem eigentlich zuständigen Personal. Diesmal saß ein älterer vergoldeter Widerling im Raum, dessen Aussehen, Sprech- und Denkweise äußerst abstoßend wirkten. Meine Ex, ohne die ich im bürokratischen Ablauf sprachlich untergehen würde, war schon früher mal mit ihm aneinandergeraten, als er sich darüber beschwerte, daß sie zu oft erschiene. Was sie jedoch deutlich zurückwies. Diesmal versuchte dieser Meister der Arbeitsvermeidung wieder abzuwiegeln, indem er auf den üblichen Prozeß der dörflichen mediasi verwies, der eine juristische Eskalation verhindern soll. Das funktioniert in der Regel nicht, weil die Mediatoren Teil der Musik-Mafia sind. Wir hatten das sogar mit 2 Vermittlern versucht. Natürlich ohne Ergebnis, weil beide mit Andy befreundet sind und nachts selber gern Krach machen wie die Goldhamster. Ich nahm aber die Gelegenheit wahr, den phlegmatischen Beamten nach den Auflagen in der polizeilichen Genehmigung zu fragen, denn bisher habe ich von jedem Beamten dazu etwas anderes gehört. Mal sollten diese Krach-Feste um 22, mal um 24, mal um 1Uhr beendet werden, diesmal um 23Uhr. Das Fest, an dem ich Anstoß genommen hatte, endete jedoch um 24Uhr. Dann hat man noch großzügige 5Std. Zeit zum Schlafen, bis die Christen per Sehrlautsprecher zu brüllen anfangen, von den Moslems ganz zu schweigen. Die heulen in 5 Intervallen Tag und Nacht.
Da sich mein eigentlicher Vernehmer verspätete, fotographierte uns ein anderer Beamter mit seinem HP und schickte das Foto dem zuständigen angeblich als Termin-Erinnerung. Die weitgehende Unbedarftheit dieser Burschen in Fragen von Persönlichkeits-Rechten ist ebenso spektakulär wie der fehlende Datenschutz. Meine Fingerabdrücke sind jedenfalls schon in mindestens 3 Behörden gespeichert, ohne daß ich jemals was angestellt hätte. Sie spielen mit ihren Geräten wie die Kinder.
Als der übermüdete, immer wieder trocken hustende Beamte dann erschien, ein studierter Jurist, las er sich zwar mein Protokoll von meinem Stick, doch dann folgten 2Std. quälende Vorgangs-Formulierungen, die niemals so anschaulich sein können wie meine Fotos, die er ignorierte.
Natürlich wurde auch wieder die Religions-Zugehörigkeit Thema, denn solche Banalitäten haben in Indonesien schon veritable Bürgerkriege ausgelöst. Welchem Stamm in D ich denn angehöre? Meine Ex und ich schauten uns erst fragend an, doch dann antwortete ich: „Ostpreuße!“ Und erklärte ihm kurz, daß die Russen Ende des 2.Weltkriegs das Land meiner Eltern geklaut haben, und jene nach Westen fliehen mußten. Meine Ex, die nie gelernt hat, etwas knapp zusammen zu fassen, erzählte dann noch, wie penibel die Preußen seien, besonders im militärischen Bereich. Das stimmt! Deshalb bin ich ja nicht pleite. Der Beamte vermutete sogar, daß ich als ehemaliger deutscher Lehrer schlau sein müsse. Das bestätigte ich, noch hinzufügend: „Und stark!“ Aber für Preußen wäre das Leben in Indonesien schwierig.
Als ich danach talwärts zu meiner Einsiedelei ging – an einer Krachmusik-Anlage im Lorong Peda (Messer-Weg) vorbei, die so extrem in meine Ohren schnitt, daß es mir im Kopf schmerzte, die jedoch nur 2, Stühle stapelnde Personen unterhielt, kam mir der Dorfsekretär freundlich grüßend auf einem Motorrad entgegen, über den mir meine Ex gerade erzählt hatte, er sei degradiert und versetzt worden, weil er versehentlich Geld verbraucht habe, das ihm nicht gehört.
Nachts um 2 wachte ich auf und hörte ein weit entferntes Fest, das sich gerade im ekstatischen Finale befand. Jaulender Gesang, wummernder Baß. Da wurde ich so wütend, daß ich versehentlich einen Kaffee trank.
Als Grabstein möchte ich ein gemeißeltes, überdimensionales Ohr. Etwa so:

boschohr