JÄÄÄH-SSUUHS

laut

„Es handelt sich nämlich um ein Resonanzphänomen. Bedrängt von der Rätselhaftigkeit seines Daseins und seines eigenen Wesens ist der Mensch schlechthin darauf angewiesen, seine Selbstdeutung über ein Nicht-Ich heranzuholen, über ein Anderes-als-Menschliches.“
Arnold Gehlen, „Die Seele im technischen Zeitalter“, 1957

Als ich am Samstag auf dem Rückweg von Manado mit durch Katzenfutter schwer bepacktem Rucksack in meinen Lorong Jerman einbog, der jetzt eigentlich umgetauft werden müßte, weil kein Jerman mehr drin wohnt, hörte ich sie schon von weitem schreien: In einem kleinen Haus, in dem sich Christen aus Halmahera angesiedelt haben, seit dort die schweren Unruhen zwischen Moslems und Christen ausgebrochen waren, fand ein Haus-Gottesdienst statt. „Without worship no reign!“ Oda „rain“? Den gips auch ohne reichlich. Die Priesterin verbreitete ihren theologischen Schwachsinn in totaler Brüll-Ekstase. Zu dem völlig überflüssig elektronisch verstärkten Volumen ihrer Stimme gehörte sicher auch ein entsprechend physisches. Sehen konnte ich das zum Glück nicht. Während ich das Haus passierte, steigerte sie sich in einen schluchzenden Fake-Orgasmus hinein, an dessen Ende ein zweimalig erlösend gestöhntes „JÄÄÄH-SSUUHS!“ deutlich machte, daß sie es geschaft hatte. „Wo man singt, da laß dich ruhich nieda. Wo man singet, wird kein Mensch beraubt.“ Das iss ja wohl eine der verfehltesten Empfehlungen der deutschen Leid-Kulturgeschichte, und der Seume hat übahaupt keine Ahnung von Indonesien gehabt. „Seume gehört zu den Leuten, die gern von Sachen schreiben, die sie nicht verstehen.“ (Johann Christian Reinhardt). „TUHAAN TAU-UUUH!“ Aber Gott weiß bescheid. Wenn sich solche Irren in von Moslems beherrschten Regionen niederlassen und dort eine Garage ohne Genehmigung zur Kirche umfunktionieren, kriegen sie Zunder. Das wird dann von den internationalen Phädophilen-Organisationen als Christenverfolgung verkauft. Die Moslems jammern auch aus Sehrlautsprechern, aber meist nur kurz und mit Stil. In 17 Jahren bin ich von ihnen nicht ein einziges Mal anmissioniert worden, doch Christen können andere nicht in Ruhe lassen. Eventuell versprechen sie dem einen Kühlschrank, der die Seiten wechselt – was in Indonesien ausdrücklich verboten ist. Wer in solch einer zauberhaften Gegend so eingeklemmt ohne jegliche Fernsicht haust, demonstriert allein schon dadurch die Abwesenheit ästhetischer Bedürfnisse. Wer dazu noch seine gesamte Nachbarschaft mit diesem pathetischen Schwachsinn terrorisiert, obwohl sich religiöse Orgasmen auch mit Zimmerlautstärke abhandeln ließen, sollte sich nicht über Gegendruck wundern. Übrigens wollte die Hausherrin mal ein Grundstück von mir kaufen, weil es ihr an ihrem Platz zu laut war. Dauermassage durch Subwoofer hat sie nicht so gern.
Ich mußte an die intoleranten Pilgerväter denken, die Nordamerika ruiniert haben. Jene „Heiligen“ waren nicht nur besonders radikale Calvinisten, die ihre Religion nicht frei ausüben konnten, sondern Asoziale und Irre, die mit ihrem Fanatismus in ihrer Heimat unangenehm auffielen. In der neuen wurden dann die Indianer ihre ersten Opfer, indem man ihnen u.a. verbot, samstags zu jagen. Und da rigides Verhalten durchaus genetische Spuren entwickeln kann, braucht man sich nicht über den heutigen Zustand der amerikanischen Gesellschaft zu wundern. Wenn die Fakten stimmen, sind Frauen international die Religionsträgerinnen. Männer ziehen echte Orgasmen vor. Und es waren überwiegend Frauen, die den Schwachkopf Trump gewählt haben. Die ganze Pazifik-Region ist von einer Unzahl christlicher Sekten verseucht, deren Ursprung hauptsächlich in den USA zu finden ist. Inzwischen missionarisch sogar schon von den Südkoreanern überflügelt, die noch verrückter sind.

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Audioboß

audioboss

20000Watt gekoppelt mit 1200, das sollte für einen Suzuki-Kleinbus, genannt „mikro“, reichen. Die gesamte niedrige Decke über mir ist mit solch merkwürdigen Geräten überkrustet. Offensichtlich alle verrottet. Zum Glück! Nur in Wadenhöhe brutzelt es aus Wand-Sehrlautsprechern, als ob sich die Zündkerzen akustisch bemerkbar machen wollten. Früher war eine derartig vollgedröhnte Fahrt unerträglich, neuerdings hat das deutlich nachgelassen, sogar in den Restaurants. Neulich bemerkte ich den Grund dafür: Als eine Frau zum Telephonieren anhub, drehte der Fahrer den Terror-Sound runter. Das Benutzen der Handphones hat das gesamte soziale Miteinander deutlich verändert. Außerdem wollen die Fahrer auch selbst während der Fahrt telephonieren. Mit der Linken rauchen sie.
Mein Ohr wird jetzt von einem dünnen, alten Seemann bedient, der hinter mir Platz genommen hat und aus seinem zahnlückigem Mund stinkt. „Right, man!“ Das etwas rüde Englisch des ehemaligen Quartermasters einer holländischen Gesellschaft ist gut zu verstehen. Er kennt sogar Südamerika von seinen Fahrten und weiß, wie seine Landsleute – trotz der Spielereien mit modernster Technik – in ihrer Entwicklung 50 Jahre zurück sind. Dabei stammt er aus einer berühmten PERMESTA-Familie in Tomohon: Joop Warouw (1917-60) war 1958 während der kurzen Revolte gegen Sukarnos diktatorisches Regime Minister der Minahasa-Regierung. Sein Nachfahre erzählt mir, wie die Zentral-Regierung damals die Region ausgebeutet habe. „Sie wollten ALLES“, sach ich. „YES, man!“ antwortet er. „Besiegt, aber nich untergegangen!“ seien sie. So geht mir das auch. Romantisierung der eigenen Bedeutungslosigkeit. Wenn man nur lange genuch nich mehr hinhört, fällt die Terror-Elektronik von der Decke und die Handphones explodieren.

laerm

„Jeden Tag von Mitternacht bis zum Morgen Karaoke-Krach,
daß sogar die Gottesdienste gestört werden“
(aus „Manado Post“)
…, die die regelmäßigsten Ruhestörungen verursachen
und eine akustische wie auch mentale Pest in Nordsulawesi sind.

Kriminalpolizeiprotokolltermin

Ortstermin2

Betrugs-Anzeige gegen Ernny und Jemmy. Wir nehmen es mit einem Klan auf, der gerade an die Macht gekommen ist. Das könnte schwierig werden. Klan-Chef ist Om Jakob, mein unterlegener Gegner im Wasserkrieg, der als seniler Diktator gilt, der versuchte, uns das Wasser abzugraben und danach ein Kind totfuhr. Einer seiner Söhne wird jetzt stellvertretender Regierungspräsident, und falls man Porno-Darstellerin Vonnie die moralische Eignung zur Regierungspräsidentin gerichtlich abspricht, wird der als arrogant geltende Mann sogar bis zur Neuwahl die Amtsgeschäfte führen. Ein anderer Sohn Om Jakobs hat mal mit seinem Bagger einen Grenzgraben begradigt und dabei Teile unseres Landes gleich weggebaggert. Aber das schrägste Exemplar ist Sohn Jemmy, der schon in Untersuchungshaft saß. Das könnte ihm nun wieder passieren. Die Polizisten zeigen jedenfalls NOCH keine Angst vor Intervention von oben, zumal es sich eindeutig um vorsätzlichen Betrug handelt.
Zuerst kommen sie zu zweit zum Ortstermin. Einen der Grenzpfähle, die ich bei der Landnahme setzen ließ, und die ein Klan-Mitglied wieder rausriß, finde ich noch. Die Polizisten, die ihre Schuhe ausgezogen haben, um besser durch den Schlamm der Reis-Felder zu kommen, fordern mich auf, ihn gleich wieder einzupflanzen. Anjas Hütte ist inzwischen aufgeräumt – wir haben ihm die Polizei angekündigt – sieht jedoch immer noch wie eine syrische Notunterkunft aus. Brigadir Ahmad läßt sich gleich die Personal-Ausweise von Anja und seiner Frau zeigen. Sozusagen in ihrem Wohnzimmer. Unglaublich wie brutal sich in Indonesien oben und unten ausgedrückt. Viele der Land-Arbeiter aus Gorontalo vagabundieren ohne gültige Papiere. Ein Grund, warum Terrorismus auf Sulawesi immer noch blüht. Ahmad fotographiert die Ausweise mit seinem Handphone. Meinen auch.
Die nächste Sitzung findet in unserem Wohnzimmer statt. Der markant runde Ahmad kommt allein. Kopf rund, Augen rund, Bauch rund, Hasenzähne. Dabei fast so groß wie ich, und wenn ich mal wieder etwas Komisches sage, lacht er strahlend. Nachdem er sein Auto vom Müll gereinigt hat, den er in unserer Einfahrt zurückläßt, baut er einen Laptop inklusive Drucker auf dem Eßtisch auf. Zwar gibt es gerade keinen Strom, aber sein Laptop hat noch Power. Bis das polizeiliche Protokoll-Programm geladen ist, braucht es ~10min. Diesmal werde ich aber sein Gerät nicht defragmentieren und säubern. Als er mit der Aufnahme unserer Anzeige fertig ist, trage ich ihm den Drucker zum Auto und räume seinen Müll weg. Auf der Tischdecke und meinem weißen T-Shirt befinden sich nun Spuren von Druckerfarbe, obwohl nix gedruckt wurde.
Am nächsten Morgen geht es zur Endausfertigung und Unterschrift ins Polizei-Hauptquartier. Der große Raum der Kriminal-Polizei wird gerade von halbhohen Sperrholz-Unterteilungen befreit und soll umgebaut werden. Bevor die Handwerker mit dem Abbruch der Trennwände beginnen, lassen sie sich erstmal unseren Fall erklären. Dann beginnt gehörzerfetzender Krach. Schrottige Schreibtische werden quietschend über den maroden Kachelboden geschoben, Latten weggehebelt, genagelt, gesägt. Ich könnte mich bei dem Lärm auf nix konzentrieren. Dazu Lautsprecher-Ansagen über Zu- und Abgänge wie auf einem Bahnhof. Eine große Tafel informiert über die Gefangenen: Name, Adresse, wann eingebuchtet, Nr., Paragraph. Wenn die Tabellen nicht völlig leer wären, wüßte ich gleich, ob hier gerade Verwandte oder Bekannte logieren. Immerhin läuft im Zellen-Bereich TV. Weil es etwas dauert, sehe ich mich draußen um: Geparkte nagelneue Kawasaki Enduros stehen für den mobilen Einsatz bereit. Auch finde ich mehrere Schieß-Scheiben, deren Luftgewehr-Einschüsse zeigen, wie das Gewehr stark nach unten rechts zieht. Wenn die Polizisten mit größeren Kalibern auch so schlecht schießen, hat man als Krimineller gute Überlebens-Chancen. Auf seine Frage, wie denn der formelle Ablauf von Anzeigen in D sei, antworte ich Brigadir Ahmad, daß es dort auch so laufe, ich jedoch in D normalerweise nix mit der Polizei zu tun hätte. Um ihm zu erläutern, daß ich dort ein Fisch im Wasser bin, man für Betrug mindestens 2 braucht, 1 Raffinierten und 1 Dummen, und ich bin nicht dumm aber ein Fisch auf dem Trockenen – dafür reicht mein Indonesisch nicht. Außerdem ist es sinnlos dem Brigadir die Welt zu erklären. Sorgen macht ihm auch die Eidesformel, mit der ich beschwöre, daß ich nicht gelogen habe. Wir einigen uns auf: „Demi Budha …“ (Im Namen Buddhas). Vor Gericht wurde schon mal ein Angestellter losgeschickt, um Räucherstäbchen zu besorgen. Das einzige, was man damit erreicht, sind gut riechende Verhandlungen. Die fehlerhaften Ausdrucke der Protokolle wirft Ahmad zerknüllt in einen übervollen Karton, der später auf dem Nachbar-Grundstück entleert wird. Dort würde man sicher viele interessante Fälle finden, denn am Vortag hat zum Beispiel ein Vater in unserem Dorf seinem fünfjährigen Sohn einen Luftballon in den Mund gestopft, weil der mit der Hülle rumquietschte. Das Kind ist erstickt. Ich kannte das bisher nur von steckengebliebenen Kondomen.
Danach bittet einer der Beamten, den wir schon länger kennen, ihm nur übers Wochenende ~150EUR zu leihen, damit er die Handwerker bezahlen könne. Sein Vorgesetzter hätte das vergessen, zumal der ja für die Feste am Wochenende einen erhöhten Geldbedarf hat. Meine Frau sagt zu, ich sage ab. Es ist Schluß mit dem Geldverleih-Betrieb! Wir haben uns an die Polizei gewandt, weil wir unser Geld WIEDERBEKOMMEN wollen, nicht, um noch mehr zu verlieren! Das ist genau der Grund, warum Betrogene meist nichts anzeigen. Und darauf können Betrüger bauen. Wie auf den Polizisten Pak Muntu, der ein Meister sekundärer Ausbeutung ist, und eigentlich in eine der Zellen gehört.