Über Tom

German artist, hermit, rice-farmer & goat-whisperer on Sulawesi / Indonesia

Sasando

Natalino-Mella

Om Nano bekreuzigte sich, als das mikro losfuhr. Ich weiß das, weil ich neben ihm saß. Er fragte, wo ich hinwollte und erzählte mir, daß er auf dem Friedhof meines Dorfes arbeite. Das weiß ich auch – seit Jahrzehnten – denn ich arbeite ja oft neben ihm. Er sammelt den Müll am Rand des Baches, sortiert Steine zu sinnlosen Haufen und poliert den Lehmboden solange, bis jener bei der nächsten Regenflut zusammen mit dem Müll in den Bach geschwemmt wird, der dann als wüster Fluß in den Canyon tobt, wo ich mit Müll- und Schlamm-Lawinen kämpfe. Deswegen hab ich Om Nano schon mal angebrüllt, aber der hat nur noch Mus im Kopf und erkennt mich gar nicht mehr. Doch der überlaute Reggae-Sound im mikro beschwingte ihn so, daß er den Takt auf seinem Knie nachklopfte. Ich dagegen hielt mir die Ohren zu. Als der Fahrer das im Rückspiegel bemerkte, drehte er den Krach runter.
So auch in dem großen, weißen Zelt in Manado, dem ich mich nur zögernd näherte, weil es schon kilometerweit vor sich hinbaßte. Schwarze Limousinen transportierten hinter dunklen Scheiben unsichtbare VIP-Wilde, geführt von Polizei-Wagen, die die Straße mit elektronischen Maschinen-Gewehr-Geräuschen freischossen, und um den schmalen Zelteingang wimmelte es ameisenhaft wie in einem aufgebrochenen Bambus. Kaum innen zwischen festlich gewandeten Wilden eingeklemmt, befand ich mich unmittelbar neben einem schrankgroßen Sehrlautsprecher, aus dem mir das Gebrüll einer Band-Sängerin die Schnecke mißhandelte. Also wieder Finger in die Ohren und zügig durch zum anderen Ende des Zeltes, dabei sorgfältig beachtend, keinen der Zwerge umzustoßen. Glühend heiß das mit zahlreichen Ständen der Provinzen Ostindonesiens gefüllte Zelt. So stellte ich mich erstmal mit ausgebreiteten Armen wie Jesus vor einen großen Ventilator. Nachdem ich etwas getrocknet war, fand ich Natalino Mella aus Kupang, der – in dem Band-Krach kaum hörbar – auf einem selbstgebauten Sasando rumzitherte. Daß im Hintergrund noch ein alter Wilder zu seiner Musik sang, bemerkte ich erst zuhause in einem Video, das ich von ihm mit meinem neuen S9 telephoniert hatte, mit dem ich noch nie jemanden anrief. Endlich, dachte ich so vor mich hin, macht mal einer mit schöner roter Jacke, die ich nur im Dunkeln tragen würde, meditativ-traditionelle Musik! Ein Sasando besteht aus einem Bambusrohr, auf dem die Saiten dreidimensional wie eine Wendeltreppe verspannt sind. Um es beidhändig spielen zu können, steckt Mella es auf einen verchromten Ständer, den er mit traditionell gewebten Tüchern verdeckt. Ich kaufte gleich seine 3 CD’s zu ~3EUR das Stück, hätte mir dafür jedoch lieber 9 Äpfel besorgen sollen, denn keine erwies sich als Ganzes erträglich. Eigenes schien kaum vorhanden zu sein. Stattdessen Imitationen amerikanischer Schlager nach dem Motto: Das kann ich auch auf einem Kamm blasen. Wie wenn man den Kölner Dom mit Streichhölzern nachbaut. Weder ist es der Dom, noch kommt Neues dabei heraus. Dazu erzeugt eine gewöhnliche Flach-Zither meist volleren Klang. Mellas Produkt schwankt zwischen extrem hohen Spieldosen-Tönen und einem Baß-Gerumse, das der Bambus gar nicht leistet, sondern die angeschlossene Elektronik. Wenn dann auch noch christlicher Kitsch im Gangsta-Rap-Stil geliefert wird, reicht es mir. So blieben von seinen 42 Werken nur 9, die ich mir zu einer recht angenehm vor sich hinklimpernden CD zusammenstellte.
Natürlich wurde ich erwartungsgemäß wieder telephoniert und – ohne zu fragen – im Gesichtsbuch veröffentlicht. Dazu rupfte mir eine Wilde einfach mein S9 aus der Hand und forderte mich auf, mich zwischen 2 Kanibalen aus einer benachbarten Provinz zu stellen. Eigentlich kann man mit dem galaktischen S9 gar keine Personen telephonieren, weil die eingebaute Fettkloß-Reduzierung Proportionen extrem zusammenquetscht – was den Übergewichtigen sicher gut gefällt.

Wilde

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Demenz durch Fußball

demenz

… konnte auch nach Kopfball-Einwirkung noch nicht nachgewiesen werden, weil Fußball-Fanatismus sowieso Demenz voraussetzt. Fußball-Weltmeisterschaften sind kultureller Höhepunkt für Alkoholiker. Ich interessierte mich zuletzt als Kind für Fußball. Damals waren die Spieler noch keine zusammengekauften, chemisch modifizierten Gladiatoren mit schräger Nationalität, sondern sie hießen Walter, Rahn, Tilkowski, Seeler, und jede Mannschaft repräsentierte ihr Land. Tätowiert oder sonstwie gestylt war keiner. Schweden galten als ruppich, Russen als brutal, Brasilianer waren einfach zu schnell und die Deutschen fair. Ich brauchte deshalb Stollenschuhe, die aus mir jedoch keinen guten Spieler machten, sondern – ohne Stollen – später einen Handball-Torwart. Meine Sport-Karriere endete damit, daß ich eine Brille benötigte.
Man konnte auf der Straße spielen, weil kaum jemand ein Auto besaß. Auch kein Telefon, TV-Gerät oder Kredit-Karte. Rätselhaft, wie die Menschen das überlebt haben. Wer in der Öffentlichkeit vor sich hinbrabbelte, war offensichtlich verrückt. Verglichen mit dem enorm beschleunigten Chaos heute, kommt mir das Leben damals als einfach und übersichtlich vor. Jetzt mußte ich mir ein Samsung S9 kaufen, um weiter mit meiner deutschen Bank kommunizieren zu können. Es war scheinbar zu allem in der Lage, nur nicht zum Telephonieren. Fotographieren kann es gut, nur sind die Selfies unbrauchbar, weil mein Gesicht surreal zusammengeschoben wird. Damit ich auch telephonieren konnte, sollte ich es erst in der Telkom-Zentrale Manado anmelden. Dort bekam ich eine Nummer, und nach einer halben Stunde forderte mich eine Frauen-Stimme aus dem Off auf, mich zu einem bestimmten roten Schreibtisch zu begeben. Der dort ansässigen jungen Frau mit einer Warze über der Oberlippe legte ich meinen Personal-Ausweis vor und zeigte ihr auf dem Display von dem S9 meine Familien-Karte, die ich geskännt hatte, und auf der vermerkt ist, daß ich jetzt der Familien-Häupling bin, so daß meine Ex nich mehr heimlich unsere Grundstücks-Papiere verpfänden kann. Nachdem die ernsthafte Frau ihren Läpptopf gedrückt hatte, weigerte sie sich jedoch, das HP zu registrieren, weil sie meine Personen-Daten im Zentral-Computer in Jakarta nicht finden konnte. Stattdessen schrieb sie mir einige kryptische Zahlen auf einen kleinen Zettel, mit dem ich zum Standesamt in Airmadidi gehen sollte, damit man dort meine Daten appdätete. Zuerst deuchtete mir, das sei nun wieder Folge der neuen Online-Registrierung meiner indonesischen Staatsbürgerschaft, doch stellte sich heraus, daß zahlreiche Wilde das gleiche Problem haben, weil das von meiner juristischen Nachbarin geleitete Standesamt nicht korrekt arbeitet. Dafür gibt es eine einfache, typisch indonesische Lösung: Man geht in einen etwa schrankgroßen Laden, wo pulsa und kuota (für Internet) verkauft werden. Dort registrieren die Verkäufer jedes Fon mit irgendeiner Identität, die sie aus irgendeiner Quelle besitzen. Da es in Indonesien keine Privatspähre gibt, kommt man leicht an fremde Daten. So ist mein S9 jetzt mit den Daten irgendeiner Person angemeldet, die davon ganix weiß. Zwar ist die Registrierung extra für die Terrorismus-Bekämpfung erfunden worden, ich könnte aber mit meinem S9 einigen Baß-Fans eine finale Vibration verpassen, ohne daß ich als Bomber leicht zu ermitteln wäre.
Jetzt darf ich auch telephonieren – was ich ganich will – und habe mir aus dem Google-Shop das Photo-Tan-App runtergeladen, mit dem ich eventuell mit meiner deutschen Bank kommunizieren kann – sofern mich deren Freischaltungs-Brief erreicht. Danach löschte ich alles, was Google heißt und einiges mehr, denn das S9 kann fast nix ohne Internet-Verbindung, behauptet jedoch normalerweise, es könne keinen Server finden. Zeigt mir nur stundenlang einen vor sich hindrehenden Kreis. In der Zeit bin ich zigmal mit meinem PC im Internet – sofern gerade Strom vorhanden ist.
Und nachdem der Fasten-Monat so wunderbar still war, toben die Wilden nun jede Nacht vor dem TV und schreien dabei. Bevor die Spiele anfangen, singen sie falsch. Die deutschen Fahnen, die man zur Zeit wieder häufig in allen Größen findet, drücken weniger die allgemeine Wertschätzung Deutschlands aus, sondern sind in erster Linie Zeichen dafür, auf den Sieg welcher Nation man wetten will. Mal sehn, ob sie morgen noch da sind. Besser, ich bleibe eine Weile zuhause, um nich Opfer enttäuschter Verlierer zu werden.

hafenfahne