I CLOSE MY EYES

rotauge

Und damit hoffentlich auch das Thema. Eigentlich wollte ich gar nicht mehr losgehen und zum 4. Mal einen Augenarzt suchen, aber die Entzündung verschlimmerte sich wieder in der 3. Woche, und so suchte ich die Augenklinik SMEC in Manado auf, die ich im Internet entdeckte.
Perfecto! Offensichtlich unter muslimischer Kontrolle. Moderne Geräte anstatt Blut und Anbetungs-Objekte an den Wänden, keine Halbtoten in düsteren, vergammelten Räumen. Wenn man die schwül-protzigen Hochglanz-Kirchen der Christen mit ihren Hospitälern vergleicht, versteht man sofort, worum es ihnen wirklich geht. Überall in den christlichen Instituten erlebt man, wie nicht Verbesserung menschlicher Existenz sondern Missionierung das Ziel ist.
In einem sauberen, etwa 2,50m breiten Gang beidseitig Wartende auf Hockern, jedoch keine Konfusion. Für jeden Patienten wird gleich eine Akte angelegt, er wird aufgerufen und zu verschiedenen Stationen geleitet. Die ersten 2 befinden sich allerdings wie Markt-Stände zwischen den Wartenden, die gut mithören können, ob man die Sehtests besteht. Das hat den Vorteil, daß man den anderen Patienten nicht mehr erzählen muß, woran man leidet. Vermutlich handelt es sich um ein Provisorium, denn das Gebäude wird gerade komplett umgebaut. Die Räume perfekt klimatisiert, ausgeleuchtet und klinisch rein. Das Arztzimmer als 3. Station sogar mit Privatspähre. Der junge Arzt, von offensichtlich fein javanischer Art, wirkt sehr professionell, auch wenn ich nicht alles verstehe. Er fragt, ob ich Indonesisch könne, und ich antworte: „Ja, wie ein Kind.“ Was die Helferin zum Lachen bringt. Trotz des großen Andrangs, bin ich nach 90min untersucht, behandelt, beraten und mit Medikamenten versorgt – für ~22EUR. Dazu bekomme ich noch eine Kunden-Karte – für’s nächste Auge.

flehen

Diese typischen Irrwege darf man nicht persönlich nehmen, sondern sollte froh sein, die medizinische Modernisierung Nordsulawesis noch erleben zu dürfen. Für nicht mehr im Berufs-Streß Stehende ist dieses Chaos eine Lebensform. So gut wie Unterhaltung – sofern man es überlebt. Man lernt neue Gesichtswarzen-Positionen kennen, neue Bauten in dieser Boom-Town, oder sieht, wie das, was neu war, schon wieder verfällt. Die södernden Hände von Albrecht Minahasa flehen immer noch darum, daß die Anlage endlich fertiggestellt wird und ihren Sinn enttarnt, aber ich könnte vorher sterben. Immerhin besitzt die Treppe jetzt schon ein hölzernes Geländer, welches man besser nicht benutzt, damit es nicht noch weiter zerbricht. Auf dem Rückweg wandere ich durch die Gerüche Manados. Hier ein wenig Fisch, dort Gewürznelken, und die Frau auf dem Foto transportiert ein lebendes Huhn in ihrer Plastiktüte, das sich ab und zu beschwert.

close

Die Weite des Pazifiks und der warme Seewind am Küsten-Boulevard wirken angenehm auf meine Augen. Entzündungen soll man sogar mit Seewasser spülen. Die Soße vor Manado würde allerding zur Erblindung führen. So riecht sie auch. In der ersten Mall, deren erfrischend kühlen Konsum-Irrgarten ich betrete, sitzt eine alte Frau im Rollstuhl völlig allein in einer Schuh-Abteilung. Fast bin ich geneigt, den Schlachtruf aller Verkäuferinnen auszustoßen: „Cari apa?“ Was suchen Sie? Worauf ich immer antworten möchte: „Woher wissen Sie, daß ich was suche?“ Zu lang. Vielleicht einfach: „Den Sinn von’s Janze!“

uebersichtlich

Die Erlebniswelt außerhalb meines Dschungels enthält auch Fahrzeuge ohne Innen-Verkleidung. Schön übersichtlich, leicht zu reparieren und viel Platz für meine Beine. Keine Rückruf-Aktionen wegen nicht funktionierender Sicherheit, weil ganz ohne Sicherheit, oder wegen irgendwelcher Abgas-Probleme. Gut belüftet durch Löcher im Bodenblech und ein interessant tätowierter Fahrer mit Irokesen-Frisur, der die Pedale barfuß bedient. So authentisch-einfach kann das Leben sein.

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Jesus haut den Blinden

blindhau

Kaum zu glauben aba wa: Jesus hat ma einem Blinden in die Augen gespuckt (Markus 8, 23). Danach sah der Blinde nur Bäume. Iss aba nich bekannt, ob es Banyans waren. Da hat Jesus ihn nochma angepackt und schaf angesehn, und denn wa bei dem Blinden alles schaf.
Deshalb wollte ein Doppel-Seha ebenfalls gehaut werden, obwohl es eigentlich schön iss, wenn man die Landschaft und das selbst geschaffene Ambiente doppelt sieht. Also fuhr er zur Klinik „Bethsaida“, wo Jesus praktizierte. Leida traf er untawegs einen analphabetischen Verwandten, der ihm den Weg zu eina falschen Klinik wies, die zwar auch von den Christen kontrolliert wurde, wie das ganze Gesundheits-System der Region, wo Jesus aba gerade keine Sprechstunde hatte. Am nächsten Tach ging der Doppel-Seha wieda hin, um von Jesus gehaut zu werden, aba der wa gerade woanders. 3 Tage späta versuchte er es nochma im richtigen kranken Haus, aba da wa Jesus noch nich zurück, weil er gerade am Tach davor zum Himmel gefahrn wa. Deshalb gab es auch keine Eia im Supamarkt. Dafür traf er im Warteraum, wo verschiedene Objekte an den Wänden hingen, die gegen das 2. Gebot verstießen, einen älteren Mann mit eina großen Gesichts-Warze, dem die Ex von dem Doppel-Seha in der Zeit ma Geld geliehen hatte, als sie eine halbe Million Euro vergeigte. Jetz isse bankrott.
Danach hat Jesus den Doppel-Seha gebeten: „Aba nich weitasagen, daß ich dreima nich da wa!“
„Geht kla!“ hat der Doppel-Seha geantwortet – und es gleich geblockt.
N viertes Mal hat es der Doppel-Seha nich mehr versucht sondan lieba einige adventistische Heilungs-Tips (ohne Jesus):
2. Have a laugh
4. Sit less
6. Have faith (Die Ex von dem Doppel-Seha abeitet jetz als Heilarin und hat ihm per Email angeboten, ihn mit ihrer Methode zu heilen. Er müsse es nur wollen! Aba er hat geantwortet: „Heil Dich ersma selbst!“)
8. Listen to music
9. Spend time outdoors
10. Move more
Wegen 10. hat der Doppel-Seha wieda n Ast von dem Banyan abgesägt, der das Dach bedroht, und der iss runtagefalln und hat dabei 2 Dachziegel zerschlagen.

Foto: Gioacchino Assereto (1600-50), „Christus haut den Blinden“

Völlig down

down

Die Rache des Banyan war erbarmungslos: Wahrscheinlich hat mir seine giftige Milch ein Auge nachhaltig entzündet. Ich sehe alles doppelt, es ist gerötet und tränt stark. Die Medikamente, die mir der allgemeine Arzt unserer dörflichen Krankenstation gab, wirkten nicht, brachten nur mein chronisches Sodbrennen wieder in Wallung. Also mußte ich erneut hin, um von ihm einen Überweisungs-Schein zum Spezialisten zu bekommen. Auf dem Weg morgens bergauf zur Klinik, den ich gerade vor wenigen Tagen bewältigt hatte, war mir schon wieder entfallen, ob ich die Pentacosta-Kirche rechts (falsch) oder links (richtig) zu umgehen hatte, auf deren Stufen ein mit einer Haarklammer verzierter dickbäuchiger Säufer seinen Rausch ausschlief. Während ich nach links abbog, bedauerte ich, ihn nicht fotographiert zu haben. Dann beschlich mich das Gefühl, auf dem falschen Weg zu sein, ging zurück und (falsch) rechts um die Kirche – nicht ohne vorher den Fleischklumpen zu knipsen. Eine Frau gesellte sich zu mir und wies mich darauf hin, daß einer seiner leichenfarbenen Füße eine erhebliche offene Wunde zeigte, in der gerade Fliegen frühstückten. Tot war der Mann noch nicht. Dafür schnarchte er zu laut.
Der Vertragsarzt der staatlichen Versicherung erschien wieder 1Std. zu spät, aber ich war Nr.2. Er nannte mir Namen und Standort eines Krankenhauses in Airmadidi, das mir unbekannt war. Mit dem Überweisungs-Schein fuhr ich im mikro nach Airmadidi, wobei ich auf meine Augenklappe verzichtete, um keinen Verkehrsunfall zu provozieren. Ich falle auch ohne schon genug auf. Gegen den Fahrtwind schützte ich mich, in dem ich das kranke Auge zukniff.
In Airmadidi fragte ich an der vom Arzt benannten Stelle einige Motorradtaxi-Fahrer nach dem Krankenhaus. Sie wiesen mir den Weg und boten gleich ihren Dienst an. Ich vermeide jenen, weil jeder Kunde den gleichen Helm bekommt, und die Fahrt bei dem chaotischen Verhalten der Wilden extrem gefährlich ist. Außerdem sollte das Krankenhaus ja gleich in der Nähe sein. Als ich dann noch einen verwandten mikro-Fahrer traf, der mir empfahl, für den weiteren Weg einen Wagen zu benutzen, schwante mir, daß der Arzt mich an das weit außerhalb Airmadidis gelegene öffentliche Krankenhaus „Maria Walanda Maramis“ überwiesen hatte, das sich im Ortsteil Sarongsong befindet, wohin niemand zu Fuß geht – außer mir. Zum Glück gibt es einen Fußweg, der sogar stellenweise noch den Schatten alter Bäume bietet. Irgendein Vorausschauender hat die Straße Bitung-Manado vor langer Zeit breit genug angelegt. Vielleicht die Japaner, die an strategisch wichtigen Kreuzungen ihre Maschinengewehr-Bunker hinterließen. Die wegen Veruntreuung staatlicher Gelder Vorbestrafte, die zur Zeit unsere Regierungspräsidentin ist und ihrem Sohn angeblich alle Bauaufträge zukommen läßt, hat vor einiger Zeit den Fußweg über dem Hauptgülle-Kanal ausbauen lassen. Alle 10m befinden sich Öffnungen, deren Schutzgitter meist geklaut sind. Der Weg selber in allen Stadien des Verfalls. Manchmal bis zum Pfad überwachsen mit dezenten Fußfallen, oder überbaut mit stark angeschrägten Einfahrten und Restaurants gleich neben der sicht- und riechbaren Gülle. Der Kanal so mit Müll verstopft, daß er bei starken Regenfällen überläuft. Keine Chance, das muntere Treiben der Wilden zu beobachten, sondern hier droht ständig Fuß- und Beinverletzung oder Absturz. Es mögen vielleicht nur 2km in schwüler Hitze gewesen sein, als ich das Krankenhaus erreichte. Nicht lange her, daß ich mir hier ein Gesundheits-Zeugnis erstellen ließ, welches ich für die Einbürgerung benötigte. Um ein ordentlicher Indonesier werden zu können, wurden mein Blutdruck und Gewicht festgestellt. Seinerzeit hatte ich vor der Verbrennungs-Anlage gewartet, wo man alles verbrennt, was man in diesem kranken Haus nicht mehr benötigt.

verbrennung

Die Kranken-Aufnahme erinnert an einen Fahrkarten-Schalter der Bundesbahn aus den 50er Jahren. Sofern die Wilden mich nicht betrügen, bestehlen oder angreifen, sind sie immer sehr hilfsbereit und versuchen, ihr mageres Englisch an mir auszuprobieren. So sprach mich gleich einer der Wartenden an und erklärte mir, eine Wartenummer zu nehmen, und welche Kopien meiner Ausweise ich am Schalter benötigen würde. Die Nummern standen auf kleinen, gelochten Zetteln, die auf einen senkrechten Draht gefädelt waren.

nummer

Ach ja! Kopieren, die Hauptbeschäftigung der indonesischen Bürokratie, die erst langsam durch Digitalisierung ersetzt wird. Irrsinnige Mengen von Kopien habe ich in 17 Jahren angefertigt. Also suchte ich einen der zahlreichen Kopier-Läden auf und fand ihn in 100m Entfernung. 21×32,5cm ist solch ein Blatt groß, das dann zum Beispiel nur die Abbildung der Versicherungs-Karte zeigt. Ich ließ 3 drucken, die ich am Schalter vorlegte, nachdem ich mir eine neue Nummer genommen, weil ich die erste nicht wiederfand. Am Schalter teilte man mir mit, daß sie nicht alle Kopien bräuchten, und der Augenarzt sei nur dienstags und donnerstags im Haus. Es war gerade Montag.
Ich habe das schon so oft erlebt, auch wesentlich schwerer erkrankt, daß mindestens 3 Versuche nötig sind, um einen Spezialisten zu erreichen. Das passiert den Selbstzahlern genauso. Die Ärzte können durchaus fähig sein, aber in der Regel völlig verantwortungslos und auch überfordert mit dem Pflichtdienst in Krankenhäusern. Effektive Koordination zu erwarten, ist in Indonesien sowieso illusorisch. Trotzdem war ich nun völlig erschöpft und bereit aufzugeben. Nicht das erste Mal wollte ich lieber zugrunde gehen, als in diesen Mühlen zermahlen zu werden. Ich suchte nur noch nach einem Supermarkt, wo ich eine kühlende Sojamilch kaufte, und der Verkäufer mir auf Englisch erklärte, Nordsulawesi sei die beste Provinz. Das Gesundheits-System nicht, antwortete ich ihm auf Indonesisch. Danach erstand ich in einer Apotheke ein Augen-Medikament zur Selbstbehandlung. Neuerdings ist der freie Verkauf rezeptpflichtiger Medikamente verboten. Auch im TV weist die Regierung darauf hin. Die Schrift auf dem Plastik-Fläschchen, das wenigstens nach einer damit zu träufelnden Medizin aussah, war so winzig, daß ich sie nicht mal zuhause mit einer Lupe entziffern konnte. Nirgendwo fand ich das Wort mata (Auge). Nur „rezeptpflichtig“ war deutlich zu lesen.
Am Dienstag hatte ich mich so weit aus meiner Depression erholt, daß ich es nochmal versuchte. Ich kannte ja nun den kürzesten Weg zum kranken Haus. Am Schalter, an dem sich mehrere Wilde vordrängelten, informierte mich eine junge Angestellte mit einem Lächeln: „Achje! Heute hat der Augenarzt woanders zu tun!“ Wann er denn anwesend sei, fragte ich. „Donnerstags, aber der ist rot!“ Feiertag. Alle Blinden feiern Himmelfahrt!
Auf der Rückfahrt überholte uns ein Kleinlaster mit einem Eisenkäfig auf der Ladefläche, in dem ein mittelgroßer Hund angekettet war. Schlachtreif. Dem ging es noch schlechter als mir. Dann mußte der Fahrer halten, um seine Reifen aufpumpen zu lassen. Danach nochmal, weil er vergessen hatte, einige Radmuttern festzuziehen. Als das erledigt war, reinigte er sich während der Fahrt mit einem Ohrstäbchen. Was herauskam, schnippte er mit dem Zeigefinger in den Wagen. Dann legte er das gereinigte Stäbchen sorgfältig auf dem Armaturenbrett ab.
Jetzt habe ich noch 3 Optionen: Einfach von selbst gesund oder halbblind werden, oder am Sonnabend zum kranken Haus in Lembean fahren, wo sich dann der wandernde Augenarzt theoretisch gerade befindet, und falls nicht, einfach weiter zu einer Augenärztin in Airmadidi, deren Schild ich zufällig entdeckte, die sonnabends praktiziert.