Der Wal

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Er war schon lange vor mir da. Während der Bauzeit saß ich manchmal auf seinem Rücken und beobachtete die aufrecht gehende Enten-Schar von Enten-Elly. Wie bei einem Eisberg kannte ich nur etwa 1/4 dieses Monstrums. Solch vereinzelt liegende Felsen sind nicht selten in der Region, bei denen man sich gleich fragt: Wie kamen die hierhin? Ausgespuckt vom 10km entfernten Vulkan Klabat? Aber er besteht nicht aus scharfkantigem vulkanischem Material sondern ist hart und abgeschliffen. Hergerollt in einer Lawine aus Schlamm und Lava, die schließlich im Pazifik endete? Nun habe ich ihn freibaggern lassen, aber er offenbart seine Basis immer noch nicht. Der etwa gleichgroße Pinawetengan-Stein südwestlich von hier, der Messer-Schleif-Narben zeigt, ist sogar mythologisch aufgeladen.
Angeblich erwärmt sich die Erde seit 13200 Jahren. Auch die dabei von geschmolzenen Gletschern freigelegten Funde zeigen, daß es in der Erdgeschichte keinen klimatischen Status quo gegeben hat. Genau den wollen aber Stadtneurotiker, die in den Krebs-Geschwüren der Welt leben. Fast alle ziehen es vor, sich dort aufzuhalten, immer mehr zu konsumieren und sich nicht um ihren Abfall zu kümmern. Fast niemand will mehr auf dem Land körperlich arbeiten und sich zumindest teilweise selbst versorgen. Von meiner Referendar-Gruppe zog es nach dem 2. Staatsexamen nur einen auf’s Land. Mich! Einer gab sogar seinen Beruf auf, weil der Einsatz in der Provinz drohte.
Daß sich Teenager auf einmal für Natur interessieren, ist ein Witz. Gelang nur in der Kombination mit Schule schwänzen. Tatsächlich sind fast alle Menschen zur Zeit damit beschäftigt, ihre Handföne anzuglotzen, als ob darin das Paradies zu finden wäre, und ständig auf der Suche nach Steckdosen. Damals waren meine Schüler entsetzt, daß ich kein TV besaß: „Was machen Sie denn den ganzen Tag?“ Die neuen Welt-Untergangs-Sektierer sind keine Revolutionäre, sondern sie möchten einen von ihnen gewünschten Zustand der Erde konservieren – was nicht gelingen kann.
Das zeigt mein Wal.
Doch wenn du etwas für die Natur tun willst: Zieh dahin, wo kaum noch jemand wohnen will, pflanz einen Wald – keine deutsche Stangen-Wald-Plantage – und beobachte, wie sich die Natur zurückholt, was du durch deinen orientierungslosen Lebensstil bisher vernichtet hast.

walretter

Seit den 60er Jahren zeichnet Robert Crumb solche Sachen. Damals entstand auch die Zurück-auf’s-Land-Bewegung, die für mich beispielgebend wurde. Was hast DU inzwischen gemacht? Geschlafen? Gehofft, daß durch Müll-Trennung alles irgendwie gut wird? Schuhe gekauft, mit denen man nicht gehen kann? Am Sonntag sah ich aus dem mikro heraus eine stark modisch gekleidete Wilde auf ihrem Rückweg vom Gottesdienst am Straßenrand entlang humpeln. Ein extremer Hochhacken ihrer silbern spiegelnden Schuhe hatte ein großes Blatt aufgespießt. Da wurde mir mal wieder vor Augen geführt, wie sinnlos das ist, was ich hier tue. Ich hab’s wenigstens versucht. Nach mir die Sintflut!

Comic aus R. Crumb’s „Endzeit Comics“, 1986

Unter Wölfen

grasdieb2

„Und was hat Tolstoi schließlich getan?“
„Ach, der ist natürlich zum gleichen Schluß gekommen wie Sie: daß es ein Faß ohne Boden ist und daß er nichts ändern könnte, auch wenn er sein ganzes Vermögen verschenkte. Und er kam zu dem Schluß, daß er an ihrer Armut schuld war, weil er einer Klasse von Parasiten angehörte.“
Christopher J. Koch, „Ein Jahr in der Hölle“, 1978

Ein Rinderzüchter ohne eigenes Land ist schon von vornherein verdächtig, doch können die Wilden ungenutztes, sich selbst renaturierendes Land nicht ertragen. Man kann froh sein, wenn sie dort nicht siedeln oder wenigstens ein 1-Eimer-Restaurant eröffnen. So stehlen sie zumindest mein Gras, meine Früchte, und nachts schleichen sie mit Taschen-Lampen herum – sofern ich sie nicht direkt angreife oder ihnen die Stricke kappe.

grasdieb

Arm sind sie nur relativ – so wie ich nur relativ reich bin. Wer ein oder mehrere Rinder besitzt, den späten Morgen mit Karaoke zum Terror-Baß eröffnet, jedoch in einer Schrotthütte ohne sanitäre Anlage haust, hat eventuell falsche Prioritäten in seinem Leben. Dabei sind sie durchaus kreativ. Wie ich aus gesicherter Quelle erfahren habe, machen sich meine Verwandten im Nachbardorf schon Gedanken über den Erbfall nach meinem Ableben. Zwar sterben viele, die ich hier kennen jedoch nicht schätzen gelernt hab, schon vor mir, doch kann es nicht mehr lange dauern. So haben sie angeblich ihre Ausweise gesammelt, um sie dem Bürgermeister im Fall des Falles vorlegen und ihre Ansprüche anmelden zu können. Daß ich inzwischen die indonesische Staatsbürgerschaft besitze, hat sich anscheinend noch nicht überall rumgesprochen. Es wird also nicht ganz so einfach für die Wölfe, die mich umlauern. Aber es ist schon mancher an künstlich beschleunigter Erbfolge gestorben. In jedem Fall wird sich mein „ökologischer Fußabdruck“ – was für ein kosmologisch unsinniger Begriff – in kürzester Zeit verflüchtigen. Man kann sich wünschen, daß der Mensch nicht des Menschen Wolf sei, doch die Lebenswirklichkeit sieht anders aus.

Was soll ich berichten?

kobelco

Ist doch schon alles gesagt. Ich tue lieber was. Das unterscheidet mich von für das Klima schwänzenden Jugendlichen, die niemals vorher so verwöhnt waren wie heute. Alle Generationen vor ihnen sind mit weniger ausgekommen.
5 Bäume hab ich gepflanzt, und nach der Baggerei ist dafür noch reichlich Platz. Ersatz für den von der Eisenbahn zu zerstörenden Wald, die vielleicht nie gebaut wird. Aber solange jemand an utopischen Plänen verdient, wird weiter Natur niedergemacht. Genau wie im zersiedelten D. Schon ein Blick auf die Karte zeigt die Unsinnigkeit einer Eisenbahn-Strecke in Nordsulawesi. Manche christlichen Minahasa (die, die nicht daran verdienen) befüchten sogar, daß mit der Eisenbahn muslimische Bugis und Gorontalos aus dem Süden in den Norden strömen. Das ist etwa so, als ob sich protestantische Niedersachsen sorgen, von katholischen Bayern und Hessen domimiert zu werden. Fremdenfeindlichkeit ist international ein natürlich-tierisches Verhalten, Willkommens-Kultur neurotischer Krampf. Niemand käme hier auf die Idee, Völkerwanderungen einfach zu akzeptieren.

Daß die Berichterstattung über Indonesien noch mal ein realistisches Niveau erreicht, ist zu meinen Lebzeiten wohl nicht zu erwarten. Immerhin wird sie nicht mehr von linken sondern jetzt eher von christlichen Missionaren dominiert, und Korrespondenten, die in Singapur für ganz Asien zuständig sind, versuchen immer noch den Eindruck zu erwecken, sie wüßten, was läuft. Da wird ein Foto als typisch für die Feierlichkeiten am Unabhägigkeitstag präsentiert, das 2 Jugendliche bei einer Kissenschlacht auf einem Kanalrohr zeigt. Hier habe ich das noch nie gesehn, aber schon mehrfach die typischen Paraden gepostet. „Lügenpresse“ ist ein abwegiger Kampf-Begriff, doch müssen Journalisten mit Nachrichten Geld verdienen. Und langweilige bringen keins. Also hat Jakarta zu versinken. In einem Medium 10cm, im anderen 25 pro Jahr. Demnach müßte die Stadt schon fast verschwunden sein. Seriös wird berichtet, daß die Regierung einen Umzug nach Kalimantan plant, im „Spiegel“ ziehen sie schon. Als ob man die gewachsene Metropole, die wie eine Spinne das Land beherrscht, einfach umsetzen könne. Brasilia und Le Corbusiers Chandigarh sind Beispiele, wo die regionale Kultur zugunsten einer international austauschbaren Moderne aufgegeben wurde.

Als Kind wollte ich im Wilden Westen leben. Daß es der wilde Südosten werden würde, mit Eisenbahn-Korruption, Viehdiebstahl, Zaun-Problemen, betrunkenen Wilden, Macho-Gewalt und extremer Umwelt-Zerstörung, konnte ich nicht ahnen.

Oder soll ich über den nackten Mann schreiben, der in Manado versonnen den schwarzen Strand betrachtet? Fotographiert wird er bereits von chinesischen Touristen, die man nicht nur an der Sprache erkennt, sondern auch an ihren Einkaufstüten und den Frauen in luftig-modischer Sommerkleidung direkt aus der Boutique. Ganz ungezwungen wirft sich der Verrückte dort in die Flut, wo die stinkende Stadt ihren Müll zu den Tauchgebieten schickt.