Unter der Achsel

burmaescape

Makesh: „There is a small trouble, but it is a small trouble several times. Thus it becomes a large trouble.“
Gwen Moore: „If we face it together, it will only be half as large.“
Jim Brecan: „Why would a woman like you want to spend her time in a teak forest?“
Gwen Moore: „I love it!“
Escape to Burma„, (1955)

Ich aß da in diesem Restaurant in Airmadidi, wohin ich mit einem mikro gefahren war, wo der Staub und die Geräusche der Straße und die Gase der Laster – der LKW’s meine ich – durch die lattenvergitterten Fenster fetzen. Wo die Plastikstühle und die Dekoration chinesisch rot sind, das Essen jedoch trotzdem nich schmeckt, aba billich iss. Auch war die Portion Reis „Nasi Goreng Special Lovely“ mit unbeschreiblich miesem Geschmack viel zu groß für meinen geschrumpften Magen, und irgendwann droht es mir zu unterlaufen, daß ich auf den Tisch kotze. Wohl Eßstörungen, die sich verschlimmern, seit ich selber koche. In der Nähe saß ein junges Pärchen, mit dem Motorrad eingetroffen. Offensichtlich noch recht frisch verliebt, denn sie beschäftigten sich nich gleich mit ihren Handphones, sondern unterhielten sich, wie man das früher machte, und das Mädchen versuchte ihn immer wieder zu berühren, während er eher cool freundlich blieb. Auf seinem Jacken-Rücken stand „ARSENAL“. Ich glaub, das hat was mit Fußball zu tun. Nachdem das Mädchen versehentlich die Tischvase mit den Plastik-Blumen umgestoßen hatte, drehte sie ihren Kopf zur Achsel und roch dran. Dann ließ sie auch ihren Freund riechen. Er blieb unbewegt. Deshalb kann ich nich sagen, ob sie dort stank oder duftete. Danach öffnete sie ihre langen Haare, die sie vorher zum Knoten aufgewickelt hatte. Üblicherweise kämmen sich die Frauen in Restaurants. Ganz entspannt. Man will sich ja wohlfühlen beim Essen. Deshalb sang auch John Lennon gerade „Imagine“. Das iss schon das 2. Mal, daß ich John Lennon in Airmadidi „Imagine“ singen höre. „And no religion too“, das war Ostan oda Pfingsten. Diesmal gefiel mir besonders gut die Stelle: „Imagine all the people, living life in peace!“ Inzwischen kroch eine winzige Ameise auf meiner Hand herum, die lustlos die verbogene Gabel hielt. Von schräg gegenüber beobachte mich eine jener verfetteten, kurzen, völlich unerotischen Standardfrauen mit Brille. Sie sagte etwas über mich zu ihrem Sohn, was ich nich hören konnte. Vielleicht: „Kuck mal! Der Weiße ißt Reis!“
„No need for greed or hunger, a brotherhood of man, imagine all the people, sharing all the world!“
Als ich rausging, war da dieses Loch im „Bürgersteig“. Unten weiß-graue, blasige Gülle. Einige Schritte entfernt das nächste Loch und noch eins. Aba ich fiel da nich rein. Ich falle nich mehr rein. Bin schon reingefallen.
Und dann kaufte ich ein Stück Melone und Zwiebeln und Äpfel. Die Plastiktüten sollte man wie in zivilisierten Supamärkten von einer Rolle abreißen. Das klappte noch bei der ersten. Die nächsten 3 bekam ich nich auf. Deshalb packte ich die Äpfel und die Zwiebeln in die 1.Tüte. Der junge Mann an der Waage packte dann wieda alles um. Auch kaufte ich etwas pampiges Weißes, das man hier fälschlicherweise als Brot bezeichnet. Und viel Schokolade. Überall versuche ich Streichhölzer zu finden. Für eine Zündung benötigt man mindesten 3. So sind sie schnell alle. Man wies mich an einen Tresen, wo ein Mann mir stattdessen ein Feuerzeug zu verkaufen suchte. Ich wollte aba Streichhölzer. Und dann mußte ich noch 5Liter Mais für die Ziegen besorgen, und all das Zeug war so schwer zu tragen, daß das Heranschaffen der Nahrung mehr Energie verbrauchte, als das Essen an Kalorien liefern kann. Deshalb wäre es sinnvoller, wenn ich ganz ruhich auf meiner Matratze liegen bliebe.

„You may say, I’m a dreamer
But I’m not the only one
I hope someday you’ll join us
And the world will live as one.“

Na ja, bei Lennon hat das ja auch nich geklappt.
Und die dicke Chinesin im Kühlschrank-Laden vergaß, mir einen Kühlschrank zu verkaufen, sondern erzählte stattdessen was über die Wilden: „Geht doch gut hier mit den Leuten!? Viele Christen!“
„Ja“, antwortete ich, „viele Gebete und viele Betrügereien!“

Auf der Jagd

krudungsw

Was könnte informativer sein über indonesische Frauen, als sich im Internet mit Kopftuch und Sonnenbrille unscharf anzubieten. Keine Ausnahme! In was soll man sich da verlieben? Mund, Nase? Letztere gehört in der typisch malaiischen Variante nich gerade zu den schönsten der Welt. Und dann diese Gesichtswarzen! Da ahne ich schon, daß die Dame aus der Region stammt. Eine verwarzte Gesellschaft. Typische Insel-Bewohner. Auf Stirn, Kinn und bevorzugt in beachtlicher Größe mitten auf der Nase. Eventuell lächelnd mit Zahnspange und Handphone. Jenes Instrument gehört auch zu den aufgelisteten Interessen: „Blackberry“ oder „Iphone“. Und natürlich Reisen. Dann zeigen sie sich auf den Standardplätzen dieser Welt. Etlichen gelingt es, dabei immer die gleiche Pose oder auch den gleichen Gesichtsausdruck zu liefern. 2 gezeigte Finger könnten das „Victory“-Zeichen sein. Doch welcher Sieg? Zusammengehalten, weisen diese Finger eher auf Freimaurer. Oft sind es auch 3. Animierend (?) streckt die Dame auf der Jagd dem Betrachter die Zunge raus oder schürzt die Lippen zum Kuß. Manche zeigen mehr als 100 unscharfe Fotos von sich und haben dabei offensichtlich den Überblick verloren, denn viele erscheinen doppelt. Gerne auch in Unterwäsche im Bett, vor der Luxus-Karosse oder am Steuer derselben. Die HP-Fotos verschleimen die Gesichter 20 Jahre jünger. Anscheinend existiert da ein Programm, das die Augen zu Porzellan-Knöpfen vergrößert. Damit werden diese Puppen derartich surreal verhübscht, daß man sich wie in einer Spielwaren-Abteilung vorkommt. Eventuell folgt dann ein Foto des aktuellen Alters wie ein Schock für den neugierigen Betrachter. Mutige, vorwiegend fette Damen lassen tief in den Ausschnitt blicken, die ordentlichen nach Mekka, die süßen erscheinen mit Knuddelbär, die modernen mit Ohrstöpseln verkabelt, wobei sie eher ihr HP als den Betrachter anblicken. All das für mich auf abstoßende Weise interessant. Eine Palette von Modepuppen auf der Suche nach dem Finanzier. Ohne Geschmack, weder zum Fotographieren noch zum Englischen fähig, im Kopf und Portemonnaie die große Leere. Und so sieht man sie an den Zahlstellen der Warenhäuser peinlich berührt gleich mehrere Kredit-Karten hervorkramen, weil die Konten blank sind. Doch immer bereit, sich heftich in Internet-Phantome zu verlieben: „Und wennschon die Liebschaften, wie auch alle Menschen, einander ähneln, so gilt dennoch für wahrheitsbeflissene Ergründer aller Dinge als erwiesen, daß zum Glück der Weiber jede Liebe eine ganz besondere Art und ein einmaliges Gesicht hat und daß zwar nichts einem Mann so ähnlich sieht wie ein Mann, daß aber auch nichts so verschieden ist von einem Mann wie ein anderer Mann. Das macht alles so verworren und schwer verständlich, oder es erklärt die tausenderlei Nücken und Launen der Weiber, welche unter tausend Leiden und tausend Freuden immerfort nach dem allerbesten Manne suchen, wobei ihnen vom einen stets mehr zuteil wird als vom andern.
Doch wie könnte man sie um ihrer Versuche und Probestücke willen, für ihren Wankelmut und ihr widerspruchsvolles Verhalten tadeln? Was wollt ihr schon? Die Natur ist wetterwendisch und wankelmütig, sie wandelt und verändert sich in ewiger Unrast und Bewegung, und da soll ausgerechnet eine Frau getreulich am selben Fleck ausharren?“ Honoré de Balzac (1799-1850), „Tolldrastische Geschichten“

mitherz

Wie geht es weiter?

posthapkesw

Nun, das zu beantworten, iss theoretisch einfach. Kurt Schwitters (1887-1948) hat es vorgemacht. Seine „Kathedrale des erotischen Elends“ wird weitergebaut. Isolierung in Igel-Stellung, weil es nich anders geht. Auch Erwin Hapke setzte das fort: Leben als Gesamtkunstwerk in extremer Vereinsamung abseits jeder Beschleunigung: „Wer kein Papierfalten mag, hat es gut. Braucht nichts zu machen außer schlafen + fernsehen.“ Für den Eremiten gibt es immer was zu tun. Er spinnt sich ein in das Netz monoman-ausdrucksstarker Einsamkeit. Hapke, 1937 in Ostpreußen geboren, wie ich ohne jegliche Versicherung, erfror 2016 nach einem Sturz. Sturz ja. Kann täglich passieren, auch Schnittverletzungen. Neulich knallte mir eine unreife Papaya auf den Rücken. Das war hart. Danach hätte ich mir beim 1-Mann Sofa-Transport beinahe ein Bein gebrochen. Aber erfrieren – nee! Das Wahrscheinlichste iss, daß meine Kreativität in Hausarbeit untergeht. Putzen, waschen, kochen, nähen, bügeln, reparieren, Ziegen und Katzen versorgen, Dschungel entdschungeln, Wasserläufe regeln – und keinen Fehler machen! Beim Aufräumen merke ich, wie meine Vorgängerin auf Hauswirtschaft keine Lust mehr hatte. Sie wollte nich zum „Sklaven“ dieses Hauses werden. Kann man selbstbestimmt wohnen, ohne sich täglich um sein sehr befriedigendes Ambiente kümmern zu müssen? Vielleicht als ständiger Gast in Hotel-Zimmern. Sie hat sich jedenfalls lieber zum Sklaven der Internet-Mafia gemacht. Iss ja nich so, daß ihr dabei nix geboten wurde, nur war der Preis für Telephon-Sex stark überhöht.

Und als ich dem Taxifahrer, der mich von Manado zurückbringt, weil es den ganzen Tag regnet, den Weg erklären will, iss kaum noch ne Stimme da. Wird ja nich mehr gebraucht.