Volle Symbolik

durchgestrichen

Ich vasteh das alles nich. Wieso geht der Sichelmond, der seine Anweisungen offensichtlich vom Propheten selbst bekommt, da um 5Uhr ziemlich schnell und senkrecht neben dem Sendeturm hoch, wo wenich später die Sonne erscheint, die schon den Himmel üba der Palmensilhouette vor dem Pazifik rötelt? Und wie kommt der Mond-Schatten an diesem melancholischen Mittwoch, dem 31. August, zustande? Und wer hat die Palme durchgestrichen? Ich kannte ma eine, das wa ne richtich intelligente Frau, die hätt mir das erklärt. Die hätt mich auch gern übanommen, aba ich happ ihr gesacht: Meine Frau iss herzkrank, und wenn ich se verlasse, stirbtse vielleicht. Das kann ich nich tun. Außadem isse außaordentlich loyal. Und denn wollte ich auch in Indonesien bleiben. Ichigo ichie“, wie der Japana sacht. Nur ein einziges Mal im Leben. Ich bin eben ein dauerhafter Idiot von geradezu russischen Dimensionen. Jetz sitz ich allein auf meina Veranda, denk üba das nach, was ich alles nich gelernt happ, und fühl mich irgendwie halbiert. Die vawirrten Wilden würden sofort festellen, wie man da ein Kreuz sieht, und das wär latürnich ein Zeichen, daß Jesus mir auf jeden Fall helfen wird, zumal sogar meine Adventisten-Freunde für mich beten. An der Manado-Bay ham die Wilden für alle Fälle 2 von Sadam Hussein inspirierte kolossale Bet-Arme betoniert und schön naturalistisch angepinselt. Iss gut gegen Tsunami.

flehend

Die moderne Bebauung des Küsten-Boulevards zeigt verschiedene Ansätze zu variantenreicher Architektur, die jedoch durchweg miserabel ausgeführt, schnell verwahrlost und stilistisch orientierungslos sind. Als ich dieses Ding zum ersten Mal im Vorbeifahren erblickte, deuchtete mir, es handele sich um einen der neusten Plätze für organisierte Hysterie. Nach dem weltweit größten fliegenden Jesus – der in Rio De Janeiro fliecht ja nich – nun die größten betenden Hände im Stile des Metaphysischen Realismus? Ein unvollendeter Platz für die Ekstase der Bekloppten, wo die Blinden wieda laufen und die Lahmen sehen? Links 2 riesige Betongläser fürs Abendmahl zum Kochen der Blut-Suppe mit Fleischplättchen? Und in der Mitte die Tribüne für kommerziell versierte Schreihälse, deren weibliche Exemplare jeden Morgen wie Florence Foster Jenkins singen?

rusak

Dagegen sprach bei näherer Betrachtung, daß sich im Zentrum dieses vorerst aufgegebenen Freizeitparks ein Basketball-Feld befindet, und selbst katholische Zauberer während der Messe nich in Körbe ballen. Auch deutet ein doppelwogiger Skateboard-Beton nich auf ein spirituelles Zentrum. Die 2 unvollendeten Becher also vielleicht ein Café? Die Aussichts-Plattform, deren Treppe sich schon wieder zerlegt, wird unterhalb nur von einem Wächter bewohnt, den das Aufhängen seiner Wäsche so ermüdet hatte, daß er eingeschlafen war. Ich schlich an ihm vorbei, um Sicht auf den aus der Bucht ragenden Vulkan Manado Tua und die verkrampften Hände zu bekommen. Was iss bei dieser neusten Investitions-Ruine schiefgelaufen? Geld verdunstet, Geist und Geschmack sowieso? Ähnliches findet man in Bagdad. Der Minahasa iss der beste Beweis dafür, wie man auch ohne Geschmack heiter vor sich hinleben kann. Wichtich iss, imma und überall zu demonstrieren, daß man nich nur falschspielen sondern auch heucheln kann. Das Projekt wird bereits von Plastik-Müll und Pflanzen überwuchert. Letzteres gibt Hoffnung. Gott sei Dank!

Jetz wird alles bessa

htimur

Nachdem im Oktober Joko als unsa neua Präsi vereidigt iss, soll alles mit frischem Schwung bessa wern. Er will die Infrastruktur modernisieren, der allgegenwärtigen Korruption Einhalt gebieten und gegen Umweltzerstörung vorgehen. Dann wird auch endlich das Schiff kommen mit meinem Familien-Formular, welches dem Einwohner-Konfusions-Amt fehlt. Männer sind latürnich Haushalts-Vorstand. Ich hab zwar neulich in som amerikanischen Propaganda-Film gesehn, wie sogar die Frauen jetz schon andere Leute umbringen dürfen, aba so schlimm isses hier zum Glück noch nich. In dem Film wurde unsere Freiheit diesma nich in Vietnam sondan in Afganichverstan verteidicht. Da hat ein männlicher Soldat, nachdem es ihm nich gelungen wa, den weiblichen zu vergewaltigen, also da hat er ihr ganz höflich jesacht, sie solle ersma innen Schatten gehn, damitse keinen Sonnenstich kricht, wie ich damals im Bada-Valley. Un da hatse sich innen Hummer gesetzt, während die männlichen Soldaten alle in die Luft geflogen sind. Danach machte se sich latürnich den ganzen Film lang Vorwürfe, daß se nich auch in die Luft geflogen iss. Jetz warte ich nur noch auf den Film, wo ein männlicher Soldat, nachdem der weibliche ihn erfolglos zu vergewaltigen versuchte, den …

So, jetz iss wieda Schtrom da, und ich muß das nochma schreiben, bin aba irgendwie aus dem Konzert gefalln.

Jedenfalls iss der Mann als Haushalts-Vorstand in dem Formular zu vermerken. Ein ausländisches Element wie ich, kann aba nich Haushalts-Vorstand sein. Vielleicht iss ja auch das Schiff mit dem neuen Formular gesunken. Doch lassen sich die zahlreichen Beamten deshalb nich beim Essen stören. Am liebsten essen sie in der Gruppe. So sehn sie auch aus. Ich esse lieba allein. Da kann mir keina was wechnehmen. Ohne Haushalt-Vorstands-Formular gips keine Heirats-Bestätigung, und ohne indonesische Heirats-Anerkennung kann ich nich das Nutzungsrecht für unser Haus bekommen, was meine Frau aus Geldgier gerade verspielt hat. Und wennse keine Familien-Karte hat, iss das Umschulden bei der Bank kompliziert. Und die Bank braucht eine Bau-Genehmigung, die wir nich ham, weil der damalige Bürgermeister jesacht hat: Solange ER, bräuchten wa keine! Jetz wird aba ganz Indonesien in Ordnung gebracht. GANZ Indonesien? Na ja, so ein kleines Dorf auf der Nordspitze Sulawesis leistet noch Widastand. Das Bauamt mußte sich ersma unsa Haus ansehen und wollte auch Zeichnungen ham. Ich hatte aba nur übaholte, weil ich 10 Jahre lang gezeichnet, soga n Modell aba dann vor Ort anders gebaut hab. Brauchte ich keinen zu fragen. Manchmal hatte ich über Nacht ne neue Idee und hab den Arbeitern am nächsten Tag die entsprechenden Anweisungen gegeben. Das meiste mußten wa sowieso wieda abreißen, weil die Arbeiter es verpfuschten. So krich ich jetz auch ne Baugenehmigung. Im Amt wolltense das Doppelte von dem kassieren, was die Sache eigentlich kostet. Sie lassen dich darüber imma im Unklaren, weshalb man am besten mit nem „Helfer“ hingeht, der die Tarife kennt. Das iss billiga, die Differenz kassiert dann der „Helfer“. Lumpen wie Jafar kassieren bei beiden Seiten. Sowas nennt man „peda sangir“, weil bei den Haumessern auf der Insel Sangihe beide Kanten wie Schwerter geschliffen sind. Sind also 2-schneidige Lumpen.

Ich nehm jedenfalls an, der neue Joko wird ersma die Bevölkerung Indonesiens austauschen. Sonst macht das ja alles keinen Sinn. Ob Pünktlichkeit, Ordentlichkeit und Ehrlichkeit Sekundär- oda Tertiär-Tugenden sind, iss mir quadrophonisch Wurscht. Auch ob sie von jenen gehaßt werden, die Fidel Castro zum Geburtstag gratulieren. Wo sie fehlen, spürt man den Mangel.

Hausmodell

Sicht des Gegenüber

Brandrodung

In der Diogenes Taschenbuch-Reihe „Meistererzählungen der Weltliteratur“ erschienen 1993 auch miserabel gedruckte Werke von Herman Melville (1819-91), die aufgrund der tanzenden Buchstabengröße von den Krankenkassen als Schädigung der Volks-Gesundheit eingestuft werden sollten. Die mit typografischen Verzerrungen des Foto- anstelle des Bleisatzes gedruckte Erzählung „Die Veranda“ zeigt zudem auch noch literarische Schwächen, die verdeutlichen, warum die Zeitgenossen schon weitgehend das Interesse an Melville verloren hatten. Zuerst einmal fragt sich der Leser, wo sich Melvilles Aussichtspunkt eigentlich befinde. Anscheinend setzt er dieses Wissen voraus: „Als ich aufs Land übersiedelte, zog ich in ein altmodisches Bauernhaus ein, das keine Veranda hatte. Diesen Mangel bedauerte ich um so mehr, als ich ein Liebhaber von Veranden bin; denn irgendwie verbinden sie die Traulichkeit des Innen mit der Freiheit des Außen, und es macht Freude, das Thermometer dort abzulesen. Auch ist die ganze Umgegend so malerisch, daß zur Zeit der Beerenlese kein Knabe einen Hügel erklimmen oder ein Tal durchqueren kann, ohne in jedem Winkel auf eine Staffelei und einen sonnenverbrannten Maler zu stoßen. Ein richtiges Malerparadies.“ Was hier fast wie eine Beschreibung der leicht entnervenden Zustände auf Bali klingt, erinnert ihn in Betrachtung der umgebenden Kalkberge an die Kaaba oder an Karl den Großen, im Osten „gen Quito im Dunst versinkend“. Ahornwälder gibt es dort, und aus dem fernen Vermont wehe der Rauch brennender Wälder herüber. Die Erwähnung und Verklärung des Mount Greylock als Berg Sinai ist der einzige Hinweis, daß sich Mellville auf seiner Farm „Arrowhead“ nahe Pittsfield im unausprechlichen Massachusetts befindet, die er 1850 neben der Farm seines Onkels erworben hatte. Dort lebte er als „Gentleman-Farmer“ ebenso erfolglos wie als Schriftsteller. Chronisch in Geldnöten, ist die Richterstochter Elisabeth Shaw, die er 1847 geheiratet hatte, seine Lebens-Versicherung. Trotzdem muß er die Farm 1863 verkaufen und 20 Jahre lang eine Stelle als Zollinspektor im Hafen von New York ausüben. Konsul in der Südsee wäre dem schon zu Lebzeiten völlig Vergessenen lieber gewesen. Bitter!
Während er auf „Arrowhead“ an dem erst nach seinem Tode weltberühmten Roman „Moby Dick“ schreibt, schweift sein Blick immer wieder in die Ferne der Berge, wo er es blinken sieht und seine durch Shakespeare erglühte Fantasie beim Anblick einer verrotteten Hütte aufflammt. Dort befände sich ein „Elfenland“. Neugierig reitet er hinüber und findet eine leicht wirre Marianne, die dort mit ihrem Holzkohle brennenden Bruder verwaist lebt. Schlaflos fantasiert sie über das „Marmorhaus“ in ihrer Sicht (das von Mellville war mit Brettern verschalt), in dem ein Glücklicher wohnen müsse: „Ach, wenn ich nur einmal nach jenem Haus gelangen und sehen könnte, wer das glückliche Wesen ist, das es bewohnt!“ Dieser doppelte Blick auf die Situation des jeweils anderen, vermeintlich Glücklicheren, ist die dünne Idee der kurzen Erzählung; „Genug! Ich wende meinen Nachen nicht mehr zum Elfenland, sondern bleibe auf meiner Veranda … Ja, es ist eine zauberische Bühne, die Illusion vollkommen … Aber allabendlich, wenn der Vorhang fällt, kommt mit dem Dunkel die Wahrheit.“
Trotz des Spotts der Nachbarn ließ Melville seine Veranda an die Nordseite anbauen, weil die Aussicht dort am schönsten war. Eine Rundblick-Veranda konnte er sich nicht leisten. „Zur Schönheit gehört Andacht; man kann sie nicht im Gehen genießen. Man braucht dazu Ruhe und Beständigkeit, heutzutage also einen Lehnstuhl.“ Ich besitze 3 Veranden, die nicht angebaut sind sondern sich aus der Struktur des Hauses entwickeln. Obwohl die Wilden ihre Veranden traditionell zur Straße richten, um besser die Autos zählen und die Passierenden mit überlauter Musik unterhalten zu können, befindet sich bei mir nur an jener Seite keine. Deshalb sind manche Wilde der Ansicht, mein Haus stände verkehrtrum. Die nach Norden ließ solange den Blick auf den Vulkan Klabat zu, bis ich dort einen Dschungel pflanzte, um den Lärm aus dem Dorf zu mindern. Jetzt blickt man über einen Teich in dunkel verschlungenes Grün. Auch die bezaubernde Aussicht im Süden auf eine Bergkette mußte ich durch Dschungel verstellen, weil sich dort überraschenderweise eine unerträgliche Nachbarin ansiedelte. Während mein Haus entstand, sah ich manchmal nicht nur den Rauch der Brand-Rodungen sondern auch die Wellblechdächer neuer Hütten an den Hängen das Sonnenlicht reflektieren, und ich fragte mich – wie Melville – wer dort wohl lebte, und was er sähe. Barens, ein kleiner, schwerhöriger Bauarbeiter, der wie ein Affe klettern konnte, half dort oben gelegentlich bei der Gewürznelken-Ernte und berichtete eines Tages stolz, er habe mein Haus sehen können – was inzwischen durch die Bäume nicht mehr möglich ist. Bleibt noch die unverstellte Pazifik-Sicht von der Ost-Veranda aus, wo ich mit dem Fernglas die Bewegungen der Fähren, Frachter, Tanker und Fischerboote beobachten kann. Mit einem Glas stärker als 12×40 könnte mich vielleicht so mancher Kapitän auf meiner Veranda sitzen sehen. Was würde er denken? Wie glücklich der Mann sein muß, der dort sitzen kann?
„Vor allen Dingen aber, wenn man eben noch ein Landschulmeister war, vor dem auch die ganz großen Jungens heiligen Respekt hatten, und nun muß man mit seiner weißen Hand in den Teerpott hinein … Es bedarf schon eines starken Suds aus Seneca und der Stoa, wenn man’s mit Anstand ertragen soll. Aber mit der Zeit gibt sich das.“ („Moby Dick“)

nah