Lesen

Was liest Denzel Washington als semi-intellektueller Killer in „The Equalizer“, diese beliebte Idee von Rache, die deshalb so stereotyp ist, weil sie ein in der Regel unerfülltes Bedürfnis bedient: Ernest Hemingway, „Der alte Mann und das Meer“. In meiner schön gebundenen Ausgabe von 1959, deren haptischer Reiz kein Täpp ersetzen kann, mit allerdings ziemlich dürftigen Illustrationen von Frans Masereel: „Erst borgt man; dann bettelt man.“ Wußte schon Hemingway, hat sich jedoch immer noch nicht überall rumgesprochen. „Denk an das, was du tust. Du darfst nichts Dummes tun.“ Ein ganz elementarer Lehrsatz, an den man sich so früh wie möglich halten sollte. Hat sich Sabine Strauß, der das Buch gehörte, deshalb umgebracht? Wie der alte Hemingway nahm sie beim Nachhausegehen die Abkürzung. „Niemand sollte im Alter allein sein, dachte er. Aber es ist unvermeidlich.“ „Armer Kerl“, meinte William Faulkner über Hemingway, „dreimal heiraten zu müssen, um herauszufinden, daß die Ehe ein Fehler ist und daß man, um Frieden zu haben – wenn man schon so blöd war, überhaupt zu heiraten-, die erste unbedingt behalten und sich weit von ihr fernhalten soll, in der Hoffnung, sie zu überleben.“

Ich brauche einen zweiten Aktivierungs-Brief, weil sich die Photo-TAN in meinem neuen Singsang-Tab S4 nicht mit der Photo-TAN-Äpp meines nach einem halben Jahr total abgestürzten S9 auslesen läßt. Auch paßt meine indonesische HP-Nummer nicht in die deutsche SMS-Banking-Maske. Jedenfalls kann sich niemand mehr darüber beklagen, daß nicht mehr gelesen würde. Alle lesen permanent. Heutzutage Chat-Texte, während sie Zeit und Bewußtsein verlieren (in „The Equalizer 2“ ist es Marcel Proust, den Aldous Huxley kritisierte, er kauere „im lauwarmen Bad seiner erinnerten Vergangenheit … wie ein frommer Hindu im Ganges“. Und Jean Cocteau fand ihn „nicht lesbar“).

Werbeanzeigen

Harry dreht durch

Harry-Zeki-romance-scammer

Harry Zeki (unwahrscheinlich, daß es sein echter Name ist), Heiratsschwindler, Betrüger, Erpresser, schickt nun auch Morddrohungen: „BASTARD, YOU BETTER DELETE MY PICTURES OUT OF YOUR POOR BUDGET SITE. I GIVE YOU 2 DAYS TO DO IT OR ELSE I WILL COME TO YOUR HOUSE AND SHOOT YOU. YOUR CHEATING WIFE GAVE ME YOUR HOUSE ADDRESS, YOU DONT KNOW WHERE I LIVE IN IRAQ. I WILL SEND MISSILE TO YOUR RICE FUCKING FARM AND BLOW IT UP. DON’T YOU FUCK WITH ME. I KNOW WHERE YOU LIVE.“
Sehr passend zur aktuellen Haß-Kommentar-Debatte Meisterwerke purer Galle. Und wenn es schon Luther nicht gelungen ist, seine Haß-Gefühle rational zu kontrollieren, was können wir dann von Harry erwarten. Dabei macht die wirre Diktion eher den Eindruck, als ob es ihm mental nicht wirklich gut geht: „SO I WARN YOU FOR THE LAST TIME, TAKE DOWN MY PICTURES OF YOU WILL FACE WAR WIT ME. YOU CAN CALL FBI OR ANY POLICE, I HAVE MY LAWYER WAITING TO DESTROY YOU IN IRAQ … ALL YOU CARE ABOUT IS YOUR RUBBISH DAMN BLOG THAT NOBODY CARES ABOUT YOU FOOL. FUCK AND FUCK YOU AND FUCK YOU
YOUR GOATS LOOKS BETTER THAN YOU PIG FAGGOT FROM GERMANY.
BITCH LIKE YOU TOM
IF YOU HAVE THE GUTS NF YOU FEEL YOU ARE A MAN, POST THIS COMMENT SO THAT YOUR FOLLOWERS ON THIS BLOGS WILL SEE IT BITCH.“
Sein entzückender Text enthält noch wesentlich mehr Beleidigendes. Vorwiegend illustrieren sie seine sexuellen Phantasien und Prägungen. Auch gegen meine Ex, die er mal beschimpft, bedroht, mal umwirbt, um noch mehr Geld aus ihr heraus zu locken. Und alles in dieser sehr typisch amerikanischen Proleten-Sprache. Na, ich werde jetzt lieber mit Helm rausgehen – wegen der Raketen!

awaiting-Harry

Telephonieren als Risiko

vogelself

„Alle Welt sucht die Methode, sich nicht zu irren … Wenn man mit Erfolg entgegnen und einem andern aufzeigen will, daß er sich irrt, muß man darauf achten, von welcher Seite er die Sache ansieht.“ Blaise Pascal (1623-62)

Ich wollte mir eigentlich keine pulsa mehr für mein Samsung Galaxy A3 kaufen, das ich nur im Rucksack als leichten Fotoapparat mitführe, und das noch nich explodiert iss. Doch dann riß jemand ein Stück Telefon-Leitung wech, und ich war von allem abgeschnitten. Weder konnte ich die Polizei anrufen, falls ich als Alleinstehender mit aggressiven Wilden zu händeln hätte, noch bei Bewegungsunfähigkeit einen Arzt. Letzteres sowieso fraglich, denn gerade ist wieder ein Verwandter an einem Medikamenten-Schock gestorben. Und es ist nicht das erste Mal, daß der in Frage kommende Arzt vermutlich Falsches verschrieben hat. Ein Risiko also, sich überhaupt auf Hilfe zu verlassen. Trotzdem ging ich los und kaufte pulsa bei einer attraktiven jungen Frau in einem Dorf-Schuppen. So brauchte ich nicht zur weiter entfernten Telkom-Station zu gehen, um da jemanden zu finden, der das Dschungel-Kabel reparieren würde, sondern ich textete. Im galoppierenden mikro traf ich mit meiner ohnehin zu klobigen Fingerspitze allerdings meist die falschen Buchstaben. Doch nun funkt das Internet wieder zäh vor sich hin, und ich kann der ganzen Welt mitteilen, warum Zellföne nich nur dick sondern auch dumm machen – sofern man’s nich schon iss. Dazu brauch ich mich nich mal auf Philip Reed, einen amerikanischen Philosophie-Professor berufen, denn ich hab ja selbst fürchterliche Erfahrungen mit den Dingern („Niemals überwindet die Vernunft den Wahn, während das Gegenteil häufig ist.“ Pascal).

nointerest

Reed möchte ganich in die Lage versetzt werden, mit lauter Menschen kommunizieren zu können, die nich anwesend sind. Und wie ich, hat er schon allein im Gespräch mit jemandem gemerkt, der plötzlich zu seinem Ha-Pe greift, um welche Kommunikations-Qualität es sich da handelt. Wenn meine Frau mich gelegentlich besucht, um noch etwas zu erledigen, braucht es keine 10min, bis sie wieder ihre Maschinen am Ohr hat, und mir die letzten 3 Horror-Jahre mit ihr wieder hochkommen. Außerdem macht Telephonieren als Lebensinhalt offensichtlich dick. „Communicating with someone who is not physically present is alienating, forcing the mind to separate from the body … people walking down the street talking animatedly to themselves who turn out to be apparently healthy people using their Bluetooth.“ Weshalb Zellföne und Gesichtsbuch in ganz Indonesien so ein extremer Erfolg sind, liegt vor allem daran, daß beide Erfindungen Einsamkeit, Langeweile und selbständiges Denken verscheuchen. Alles Phänomene, die der Indonesier unbedingt meidet. „This propensity for diversion was notably confirmed in a recent study where subjects preferred to give themselves electric shocks rather than occupy themselves with their own thoughts for 15 minutes.“

nolikes

„Ich behaupte, wenn alle Menschen wüßten, was die einen über die andern reden, so gäbe es keine vier Freunde auf Erden … So dünkelhaft sind wir, daß wir wünschen, die ganze Welt möge uns kennen, und selbst die, die leben werden, wenn wir nicht mehr sind; und so eitel sind wir, daß uns die Achtung von fünf oder sechs Menschen, die uns nahestehen, freut und zufriedenstellt.“ (Pascal)
„Pascal believed that the height of human dignity is thought, and that the order of thought begins with oneself, one’s creator, and one’s end. He linked this kind of thought inextricably to genuine rest and happiness … Avoiding a cellphone allows, for me, space for thinking and so enables a richer, more fulfilling way of life. With fewer tasks to perform and preferences to satisfy, life slows to a pace compatible with contemplation and gratitude.“ Deshalb sind mir ja auch Ziegen so sympathisch: Sie telephonieren nich.

will