Löcher

Im Restaurant tropfte ich beim Essen so, daß sich zwischen meinen Fűßen eine gelbliche Pfütze bildete. Den Speichel auf dem Tisch zog ich in Ermanglung einer Serviette mit der Hülle des Plastik-Trinkhalms über den Plattenrand. Die Fäden rissen aus der ständig feuchten Haut aus, und das Loch wurde wieder größer. Da begab ich mich erneut ins katholische, kranke Haus, wo die kranke Schwester des Chirurgen für 10EUR (inkl. Medikamente) die Fäden entfernte, etwas Placenta-Gel in die Wunde schmierte und sie nur abdeckte. Unterstützt von Wels-Extrakt-Kapseln heile jene angeblich bereits von innen nach außen. Es würde bloß noch ein paar Wochen dauern. Inzwischen sieht das Loch schon wieder hübscher aus.
Um an das Loch in der Scheibe der Medikamenten-Ausgabe zu gelangen, nahm ich Anlauf, als ich aufgerufen wurde, und schlidderte auf dem spiegelglatten Kachelboden – begleitet von einem milden Aufschrei der überwiegend gehbehinderten Wartenden – bis zu einem rohen Regalbrett, auf das man sich flach wie ein Frosch aufstützt, um mit den kranken Schwestern hinter der Scheibe zu kommunizieren. Zurück wieder geschliddert, so daß die Wilden merkten, wie ich nur albrich war, weil ich wieder Hoffnung auf Gesundung bekommen hatte.
Meine Welt geht also vorerst nicht unter – trotz der fast täglichen, mehrstündigen Stromausfälle, weil das Wasserkraftwerk in den Bergen eventuell nicht mehr genug Wasser hat. Nachdem es jahrelang (Ich hab den Überblick verloren!) fast täglich geregnet hat, regnet es nun überhaupt nicht mehr. Dafür weht ein starker, kühlender Wind. Dieses abenteuerliche Land voller Extreme bleibt sich also treu.

Mehr Nähte

Ambulante, postoperative Fürsorge ist im protestantischen, kranken Haus Siloam in Manado nicht landesüblich, aber relativ teuer. Ich bekam eine westlich ausgefeilte Rechnung über 72EUR, doch kaum Informationen und behandelte mich deshalb selbst. Die Fäden der 7 Nähte ließ ich offensichtlich zu früh von meiner angeheirateten Krankenschwester ziehen. Die Wunde öffnete sich wieder, und als das Loch schon so groß war, daß ich den kleinen Finger hätte reinstecken können, ich die cremefarbenen Hügel der Ohrspeicheldrüse sehen konnte und mein Versuch, die Haut mit Klebeband wieder zusammen zu ziehen, gescheitert war, beschloß ich, mich zum katholischen, kranken Haus in Lembean zu begeben, wo man mir mal ein Mörtelstück in den Finger genäht hatte. Dort wartete ich, bis ich zur Anmeldung aufgerufen wurde, bekam eine Rechnung (4EUR), bezahlte jene an der Kasse und begab mich zu einem Chirurgen, der mich wieder zunähen wollte. Zuerst mußte ich jedoch unterschreiben, daß ich sendiri war, also landesunüblich allein – ich bedauernswerter Weißer (und keinen Platz zum Beten!). Außerdem benötigte Chirurg Sidhit natürlich Nähzeug. Hätte ich das vorher gewußt, hätte ich zumindest Nadel und Faden aus meiner umfangreichen Sammlung mitgebracht, womit ich meine Kleidung repariere. Also schob ich seinen Schein durch ein Loch in der überwiegend undurchsichtigen Glasscheibe der Medikamenten-Ausgabe. Danach wartete ich, bis ich aufgerufen wurde, erhielt durch das Loch eine Rechnung (4EUR), die ich an der Kasse bezahlte. Zwischendurch bekam ich gratis eine katholische Predigt per Sehrlautsprecher, aber kein Hämorrhoiden-Festival weit und breit. Die Quittung steckte ich in das Loch, und nach einer Weile, in der ich neue Bekanntschaften machte, u.a. mit Nela, die wie ein Frosch aussieht, kamen die Materialien für Dr. Sidhit aus dem Loch. Die brachte ich ihm, er stellte Musik an, seine kranke Schwester begann laut zu singen, und dann fädelten sie mich gemeinsam mit 3 Nähten zu. Davon merkte ich nur wenig, weil die zuständigen Nerven durch die Tumor-OP beschädigt worden sind. Der katholische Faden ist dicker als der evangelische, und das Klebeband miserabel.
Da ich meine Medikamente alle verschluckt hatte, schrieb Dr. Sidhit ein Rezept, ich steckte jenes in das Loch, bekam nach einer Weile die Rechnung raus (1,3EUR), bezahlte sie an der Kasse, schob die Quittung in das Loch, und etwas später bekam ich Antibiotika zurück. Die verschriebenen Vitamine waren zum Glück nicht mehr vorrätig. Dann fuhr ich im mikro nach Hause, und während des Abendessens fing ich wieder wie ein undichter Wasserhahn zu tropfen an.

Viel mehr als für meine Krankengeschichte interessierte sich das Personal dafür, warum ich als 78jähriger noch so fit bin. Auch das ist hier nicht normal. Männer sind oft Mitte 50 schon erledigt und gehen in Rente. Zwar fällt mir auf, wie die Indonesier größer und dicker werden, aber da mein Gesundheits-Zustand überall Aufsehen erregt, glaube ich es manchmal schon selbst und fühle mich gleich besser. Vielleicht sollte ich mich noch luckmaxen oder wenigstens tätowieren lassen. Einen Ring in der Nase mag ich allerdings nicht. Sowas tragen hier nur Rinder.

Nach dem Abendessen

Hat mir niemand gesagt, daß nach der OP mein Speichel, gemischt mit einer Prise Eiter, bei jeder Mahlzeit wie ein undichter Wasserhahn aus der Wunde tropfen würde. Überhaupt gingen die Infos der Ärzte gegen Null. Dafür läuft diese sehr unangenehme Geschichte billig ab: Für 2500EUR inkl. Medikamente wird einem in D wohl kein Tumor operiert.
Nach 2 Wochen ist die Wunde immerhin auf 1/3 geschrumpft – die Fäden hat meine angeheiratete Krankenschwester gezogen – aber das Loch erscheint immer größer. Man kann bis auf die Ohrspeicheldrüse hinein sehen. Es klafft schon deshalb, weil ein Teil der Haut so mit dem Tumor verwachsen war, daß sie entfernt werden mußte. Jetzt bin ich rechts geliftet, solte mir also noch links einen Tumor zulegen. Ergänzt mit etwas Botox, wäre ich wieder wie neu.
Zum Glück habe ich noch ein paar restliche Antibiotika von irgendeiner anderen Plage. Aus dem Internet weiß ich, daß sich die durchtrennten Nerven auf längere Sicht erneuern, so daß ich irgendwann mein Ohr und meine Wange wieder normal fühlen kann. Warum sich solch ein Parotis-Tumor bildet, weiß niemand. Keine typische Alters-Krankheit. Man benötigt eine mehrsprachige Gebrauchsanweisung.