Schiffe versenken

gesprengt

Und dann rumst es wieder. In Zeiten des gärenden Wahnsinns kann man nachts zum Gehämmer von Disco-Sound einschlafen – wenn man kann – und morgens durch das hysterische Geschrei christlicher Prediger geweckt werden. Doch diesmal ist es anders. Schweres Explosions-Gedonner höre ich gegen 10, und es setzt sich im halbstündigen Rhythmus bis 13Uhr fort. Sprengt einer unserer Verwandten die Berge in seinem Steinbruch? Dafür sind die Erschütterungen eigentlich zu gewaltig. Schon in der Nacht beobachte ich ungewöhnliche Aktivitäten auf dem Meer. Normalerweise kann ich vom Bett aus die Lichterkette der Fischerboote am Horizont sehen. Doch diesmal sind außergewöhnlich viele Boote auch im Küstenbereich aktiv. Von einem Schiff erblicke ich nur eine starke Scheinwerfer-Batterie, wie sie die Wasserfläche anstrahlt, dabei blendet sie mich sogar noch in 5km Entfernung. Am Morgen suche ich das Meer mit dem Fernglas ab und erkenne Kutter, die mit ihrem Netz anscheinend einen tobenden Fisch-Schwarm eingekesselt haben. Wäre doch interessant, das von der Küste aus zu betrachten. Also machen wir uns am Spätnachmittag zu Fuß zum Fischerdorf Kema auf. Weiße sind dort noch immer eine Seltenheit, besonders ohne Fahrzeug. Während man meine Frau ignoriert, werde ich überall freundlich begrüßt. Besonders die Kinder jubeln mich an und testen ihre Englisch-Kenntnisse:
„Hello Mistrr! What’s your name?“
„Good Morning!“ (gegen 15Uhr)
„Where are you?“
„You are stupid!”
„Fuck you!”
An der Kontroll-Station der Verkehrs-Polizei, bei der es sich nicht um Polizei sondern um ein Inkasso-Büro handelt, fragt der Beamte, wohin ich wolle.
„Nach Kema.“
„This IS Kema!“ schreit er über die Straße.
Ach ja, richtig. Wir sind ja schon in Kema, das aus 3 Teilen besteht und trotz Tsunami-Gefährdung immer ausufernder bebaut wird.
„Zum Strand!“ ruft ihm zu seiner Erleichterung meine Frau zu. So muß er sich keine Sorgen machen, ob ich mich eventuell verirrt hab. Die Wilden sind ja soo hilfsbereit, und für Geld tun sie alles. Ungewöhnlich, daß er nicht nach meiner Religions-Zugehörigkeit fragt.
So komme ich auch ins Gefängnis. Ins denkmalgeschützte „Alte Gefängnis“ von Kema. Leider sind die 3 Sammel-Zellen des fensterlosen Kubus mit kleinen Vorhänge-Schlössern verriegelt. Nur weit oben an den hohen Wänden befinden sich schießschartenartige Lüftungsschlitze. Schlechte Aussichten.
Doch diese dekorativen Moslems überall! Man leidet ja fürchterlich als Photograph, weil man andauernd das Motiv seines Lebens verpaßt, mit dem man weltberühmt werden könnte. Man drückt nicht schnell genug oder zu schnell, wählt den falschen Ausschnitt, begreift die Qualität der Situation erst am PC, oder – das ist der Regelfall – möchte den Wilden nicht die Kamera vor die Nase halten, obwohl sie mich dazu sogar oft auffordern. Da sitzt z.B. diese leuchtend rot verschleierte Prinzessin auf einem Beton-Block am Straßenrand, wirkt wie aus 1001 Nacht, und der Sehschlitz, der ihr verblieb, durch den sie mich (lächelnd?) mustert, wird von einer exakt passenden, schmal-rechteckigen, modern-randlosen Brille bedeckt. Eine andere dekorativ Verpackte hat einen nackten, verkrüppelten Fuß und humpelt mit einer selbstgebastelten Latten-Krücke vorbei.
Auf einem schmalen Anleger aus Bambus kippt hinter mir eine Frau ihren Abfall ins Meer. Ach, da sind sie ja wieder, all diese niedlichen Kack- und sonstigen Stücke, mit denen ich zu Hause auch fast täglich händele. Anscheinend hat sie noch nie – wie ich – auf einem Fischerboot gegen den See-Wind gepißt. Sonst hätte sie gewußt, wie ihr ein Teil des Mülls vor die Füße und auf den Steg fliegen würde. Zwischen dem schwimmenden Müll wird geangelt. Später emigriert er zu den Tauchgebieten der Touristen.
Aus der Ferne zoome ich mir Schiffsmüll heran. Und da erklären sich nun die Explosionen mühsam aus dem Wirrwar mündlicher Überlieferung: In Anwesenheit der Ministerin für Schiffahrt Susi Pudjiastuti hat die indonesische Marine hier vor wenigen Stunden eine Sammlung von 11 philippinischen Fischerbooten gesprengt, die illegal in indonesischen Gewässern gefischt haben. Da habe ich WIEDER was knapp verpaßt! Aber wieso sprengt man Schiffe im Fahr- und Fischerei-Bereich? Warum übergab man die Boote nicht einer Fischer-Kooperative oder läßt sie wenigsten abwracken? Als ich die ohnehin schon stark gezoomten Fotos mit dem PC weiter vergrößere, erkenne ich, daß es sich um mindestens 2 Wracks handelt, die offensichtlich auf Grund sitzen und gerade von 2 Männern geplündert werden. Doch hat das Militär ja selten Gelegenheit, was kaputt zu machen. Zumindest erlegten sie mit ihren Detonationen, die noch 5km weit im Boden spürbar waren, sicher eine Menge Fische. Bei der simultanen Zerstörung von 41 Schiffen aus Thailand, Vietnam, China, Malaysia und den Philippinen auf Sumatra, Kalimantan und Sulawesi soll es sich nicht um eine Demonstration der Stärke sondern des indonesischen Rechts zum „National Awakening Day“ handeln, erklärt Susi. Den Tag kennt hier jedoch keiner, weil er im fernen Jakarta konstruiert wurde.

Wilde jagen

Grasdiebe

Da isser wieda, dieser junge Wilde im roten T-shirt. Aus der Mitte der Reisfelder meiner Frau – ich sach nich mehr „unserer“, die Verhältnisse sind nich so; ich bin hier ja nur der Hof-Narr, der sein Haus 2x bezahlen mußte – also mitten zwischen ihren Reis-Feldern erscheint er plötzlich, und vor ihm geht ein Bündel Gras. Durchs Fernglas beobachte ich, in welche Richtung die Beiden, das Bündel mit Beinen und der rote Wilde, verschwinden. Er stiehlt wieder Futter-Gras. Weit außerhalb der Felder in der Nähe zweier Hütten wirft sich das Bündel einem Rind zu Füßen und enttarnt einen älteren, ausgeblichenen Mann.
Ich schnalle mir also mein Haumesser in der harten, holzverstärkten Lederscheide um und gehe los, Wilde jagen. Das Messer iss aus einer Wagenfeder geschmiedet, der extra große Knauf aus schwarzem Eisenholz geschnitzt. Seit jener sich wegen roher Gewalt gespalten hat, hab ich den Riß mit Holzleim gefüllt und den Griff mit schwarzem Isolier-Band umwickelt. Ich bewege mich über die schmalen Dämme der Reisterrassen Richtung Nordosten auf die 2 eng nebeneinander aufgestellten, wellblechgedeckten Sperrholz-Baracken zu. Vater und Sohn. Kein Mensch weit und breit im gleißenden Licht der Vormittags-Hitze, nur vereinzelt grasende, cremefarbene Brahman-Rinder, die die Dämme zertrampeln. Vor den Hütten nur noch parallele Lehm-Wülste, die mit Tomaten beflanzt sind. Deshalb fehlt es an Weideland, aba bloß nich auf ne Kuh verzichten, solange man sie irgendwo illegal weiden lassen oder wenigstens das Gras für sie klauen kann. Ein paar Dörfer weiter zerstören unangebundene Rinder sogar die Anpflanzungen von Roger, dem Australier. ALLE Landbesitzer haben das Problem, und es iss nur mit Gewalt zu lösen. Früher hat man das Rind zum Bürgermeister gebracht oda am nächsten Baum aufgehängt. Bei mir halten sich die Wilden inzwischen zurück, weil ich ein gefürchteter Strick-Sammler und Anarchisten-Jäger bin. Doch sie vermehren sich wie die Wilden, und die neu Hinzuziehenden muß ich ersma er-ziehen. Das bißchen Gras iss dabei unwichtich. Für meine Ziegen bleibt noch genuch übrich. Doch wenn ich mir nich jeden einzelnen dieser Lumpen vornehme, wildern sie auf dem Land meiner Frau wie die Heuschrecken.
Ich schiebe mich also zwischen den halbhoch umwachsenen Tomatenstangen aus Bambus hindurch auf die Hütten zu, dabei von ekelhaften Kötern hysterisch verbellt. Dort steht das Rind und frißt mein Gras, und ich stelle mich daneben. Unter dem Vordach der einen Hütte sitzt ein alter, verknitterter Apache mit Baseball-Mütze im Schatten. Als er mich bemerkt, schleicht er heran und fragt – mit beträchtlichem Sicherheits-Abstand – was ich suche. Ich frage ihn, dabei grußlos auf das Gras deutend, wo das herkäme. Dabei verwechsle ich rumput mit rambut (Gras mit Haar), weil ich so wenich mit den Wilden rede, daß an sich richtich Gedachtes mir mal wieda falsch aus dem Munde springt. Er versteht mich jedoch sofort, antwortet aba, das wisse er nich (Er war das Bündel mit Beinen!). Dann frage ich ihn, ob er den Mann im roten T-shirt kenne (seinen Sohn!). Nein, den kenne er nich. Da drehe ich mich ebenso grußlos um und gehe meinen Weg zurück. Außerhalb der Tomatenfelder blicke ich mich nochmal um und sehe den Mann mit dem roten T-shirt hinter der anderen Hütte zwischen den Reisfeldern. Ihm wird gerade von den Hütten aus (von seinem Vater) etwas zugerufen. Deshalb dreht er sich um und blickt zu mir. Da bleibe ich nochmal deutlich stehen und starre ihn an, bis er sich abwendet. Zumindest weiß er jetz, wie ich ihn auf dem Kieker habe. Bestimmt kommt der nich wieder. Falls doch, bediene ich mich bei seinen Tomaten. Wir können ja auch tauschen: Gras gegen Tomaten.

Mehr Geld im Regen

kopfhacken

„Äs war schlemm, aber äs jing.“ (Ostpreußische Nonne zum Kriegsende)

Neulich war meine Frau wieda ganz lieb zu mir. Na? deuchtete mir, sie braucht wohl Geld. Das läuft zur Zeit so: In der einen Woche zahlt sie mir 10Mille Rp (~711EUR) für die vergeigte Viertelmillion Euro zurück, in der nächsten leiht sie 15, danach 35, dann 8, weil einer ihrer Schuldner wieda nich gezahlt hat, aba noch 3 Monate Zinsen für ihre Gläubiger fällich sind. Deshalb leih ich ja auch keinem was. Schon ganich dieser Frau, die früha imma ihre Predigten mit einem Wein-Orgasmus gewürzt hat, an dem das ganze Dorf um 5Uhr morgens per Sehrlautsprecher teilhatte, und die jetz pleite iss, weilse ihren Sohn zum 2.Mal verheiraten mußte, da dessen Frau wahnsinnich wurde, nachdem ein Wassa-Tank platzte und ihr Haus wechspülte. Oda Nick und Rin, die beide regelmäßige Lehrer-Pensionen beziehen, aba wahrscheinlich so hoffnungslos verschuldet sind, daß sie jeden Verwandten anbetteln, den sie auf der Straße treffen.
Also wolln wir, nachdem ich wieda wie jeden Morgen in Schlamm und Müll rumgewühlt hab, nach Manado zur Bank fahren. Eine halbe Stunde vorher fällt der Strom aus und damit sämtliche Handphone-Verbindungen. Der bestellte Wagen erscheint nich, der Fahrer iss telefonisch unerreichbar. Deshalb machen wir uns auf zur Kreuzung, um zum nächsten Geld-Automaten in Airmadidi zu fahren. Meine Frau auf dem Motorradtaxi, ich zu Fuß. Ich bin doch nich lebensmüde. Na ja, zumindest möcht ich nich nur verstümmelt werden. Kürzlich hab ich ein Video gesehn üba Kriegsverbrechen der Alliierten, von denen mir höchstens 10% bekannt waren. Ein Ex-Landser zeigte im Interview die Narben des Genickschusses, den er von einem dieser liebenswürdigen russischen Befreier bekommen und übalebt hatte: Im Nacken rein, neben der Nase raus.
Unterwegs komme ich mitten im Dorf an einem Wach-Häuschen vorbei, an dem ein langes Transparent aufgehängt iss. Großbuchstaben verdecken irgendwelche Propaganda-Fotos wie „Indo-Nudeln schmecken“, „Sauft nich!“ oda „Jesus lebt“. Beim Passieren bemerke ich gerade noch aus dem Augenwinkel, wie einer zum Köpfen vor einem Holzblock hockt. Da stoppe ich und gehe sogar 1 Schritt zurück: Die Anti-ISIS-Kampagne der Polizei. Wer wirbt, verspürt ein Defizit. Diese bedruckten Plastikbahnen sind nur als Sonnenschutz und zur Reparatur von Hüttendächern zu gebrauchen. Ansonsten werden hier mit Sicherheit wieder einmal Steuergelder in Polizisten-Taschen umgeleitet.
An der Kreuzung besteigen wir einen Mikrobus. Ich fahr gern in diesen zichmal restaurierten Blechdosen. Imma abenteuerlich. Auf halber Strecke nach Airmadidi fängt es wüst an zu regnen. Ich versuche das Seitenfenster des Beifahrer-Sitzes hochzudrehen. Die Kurbel iss nur noch spitze Stange ohne Griff. Das Fenster verkantet sich, der Fahrer greift rüber und richtet es. Ich kurbele, es verkantet sich wieda, doch weiß ich jetz, was tun. Ganz zu bekomme ich es nich. Egal, es regnet überall rein. Sämtliche Sitze naß, auf dem Wagenboden schwappt das Wasser wie in einer Boots-Bilge.
Im Vorraum der Bank werden die Geldautomaten gerade repariert. Also muß ich am Schalter abheben, hab jedoch mein Sparbuch nich dabei. Da schlägt der Blitz in der Nähe ein, und das Licht geht aus. Nun können die Bank-Angestellten nich mehr arbeiten. Wir füllen Formulare im Halbdunkel aus, weil die Transaktion auch ohne Buch mit meiner Lebensberechtigungs-Karte möglich iss. Danach will meine Frau am Automaten abheben, der angeblich inzwischen ebenso wie der Strom wiederhergestellt iss. Ersteres erweist sich als Irrtum. Also fahren wir zum nächsten Automaten. Der iss auch kaputt. Nebenan funktioniert ein Automat einer anderen Bank, kostet jedoch mehr. Nun können wir gleich in Airmadidi in einer Baracke aus Latten und Wellblech mittagessen. Mein Kaffee wird mir ieberjeschwaddert serviert. Die Körnchen kleben außen an der Tasse, in der 1 Suppen-Löffel steckt. Den Fußboden inspizieren Hühnern. Die Kellnerin trägt ein rotes T-shirt. Vorn „T“ von Telekom und hinten „Bayern-München“. Da fühlt man sich gleich wie zu Hause.

Am nächsten Morgen geht alles wieda von vorne los, weil einer ihrer Schuldner … oh, Mann Jottes! Feste Ausgaben und optionale Einnahmen – das kann nich funktionieren. Und wie vermeidet man paranoid zu werden, wenn man mit einer Falschspielerin verheiratet iss?