Hofdachdeckermeister

alex

Sie sind ja SO neugierich, diese Wilden. Die Menge ihrer Arbeitsgeräte geht hart gegen Null. Ein miserables Schaufelblatt wird auf der Baustelle mit einem abgehackten Ast als Stiel versehen. Die tunta ist meist vorhanden, im Grunde ein stählerner Zaunspfahl, dessen abgeplattetes Ende Spitzhacke, Vorschlaghammer und Brecheisen ersetzt. Erscheine ich dann mit meinen zweckmäßig spezialisierten Werkzeugen, werden jene gleich ausgeliehen. Selbst mein etwa 100 Jahre alter Notizblock wird bewundert. Der Königliche Baumeister Christoph Kalweit bekam ihn einst als Webegeschenk vom Hofdachdeckermeister Alex. Brinck (gegr. 1730) aus Hannover. Der Deckel zeigt in Gold-Prägedruck den Turm der Marktkirche im Zustand vor den Bomben-Angriffen des 2. Weltkriegs. Da es 1918 mit dem dekadenten Hof aus war, kann ich daraus das Alter dieses liebevoll produzierten Gegenstandes vermuten. In beständiges Leder gebunden, liegt seine praktische Funktion im integrierten Bleistift mit Messingkappe. Was für eine Handwerkskunst! Eben deshalb hat es der Block bis zum Äquator geschafft. Vergleich das mal mit diesen geldfressenden Plastikbrettchen, die die Wilden heutzutage ständig mit sich rumtragen. Neuerdings auch Feld- und Bauarbeiter. Naht das Schicht-Ende, hocken letztere in der Baugrube und drücken auf verschmierten Displays herum, die oft so zersprungen sind, als ob schon mal ein mikro drübergefahren ist. Mit diesem Sonder-Müll der digitalen Moderne kann man viel machen – und nichts funktioniert so, wie er vorgibt zu können. Mein Notizblock dagegen kann immer. So nett, daß ihn niemand zuende genutzt hat.

alexauf

Advertisements

Ungefähr gerade

mauer

„Eine gerade Linie ist diejenige, welche nicht aus ihrer Lage kommt, wenn sie sich um zwei in ihr liegenden festen Punkte dreht.“
„Ausführliches Lehrbuch der Elementar-Geometrie“, Friedrich Brandstetter, Leipzig, 1894

Das ist eine der größten Schwierigkeiten hier auf Sulawesi: Nicht aus der Lage kommen, wenn sich alles dreht! Die Mauer habe ich bauen lassen, als ich das Grundstück kaufte. Sie ist das einzige Gerade auf dem Platz. Der Abriß des schrottigen Hauses, das dort stand, hat mich fast einen Finger gekostet. Die betrügerischen Machenschaften des Eigentümer-Paares, beide Beamte, auch Geld. Ihre Kinder wollten mich sogar verprügeln, als sie noch nicht wußten, daß ihre Eltern ihnen das Haus unterm Hintern weg verkauft hatten. Nun baue ich ein neues. Die Fundament-Arbeiten wirken wie ein archäologischer Grabungsplatz. Während die Erde im Außenbereich nur mit dünnem Beton verdeckt ist, befand sich unter dem Haus eine atombombensichere Mehr-Kammer-Gülle-Anlage, deren Funktion nur die Schlangen begreifen. Die Leute haben über ihrer Scheiße gewohnt. Gebrauchte Tampons warf man zum Fenster hinaus. Die Natursteine im vorhandenen Fundament erschwerten die Ausschachtungen. So wurde der Graben für das neue Güllerohr nur ungefähr gerade. Zwar hatte ich den Arbeitern empfohlen, eine Richtschnur zu ziehen, machte aber wohl zu viel Umstände. Deshalb mußte ich das Rohr etwas biegen, als ich es einsetzte.

ungefaehr

Villa Schlangennest

gestohlen

Wenn man morgens als erstes feststellt, daß wieder eine Ziege gestohlen wurde, ist der Tag schon im Eimer. Sowas trifft mich persönlich, weil ich eine emotionale Beziehung zu meinen Ziegen habe. 8 Tage war dieses hübsche Böckchen alt, zu jung, um sich selbst zu ernähren. Die Wilden behaupten, daß es von einer Python verschluckt wurde. Von wegen! Die einzige Python, die ich hier in 18 Jahren gesehen hab, war eine mittelgroße voller Ratten, die Ahmad versehentlich motorgesenst hatte. Die größeren findet man allenfalls in Stücken auf dem Markt. Wenn es jemals eine in meine von Umweltzerstörern umzingelte Wildnis geschafft hätte, wäre ich über sie gestolpert oder hätte sie wenigstens gerochen. Dagegen sind junge Böcke heiß begehrt von Muslimen, die sie für ihre widerwärtigen Rituale unbedingt brauchen. Außerdem wird hier ALLES geklaut. Die Menge der Kriminalität verhält sich direkt proportional zur Anzahl der Gebete. Gerade habe ich eine vergammelte Bambus-Leiter von einem Fruchtbaum abgerissen, die sich Diebe zum bequemeren Besteigen konstruiert hatten. Mein Bauunternehmer sagt, sowas tun Faule, die nicht arbeiten wollen. Wer fleißig ist, hat genug zu essen.

Auch mit der Zuordnung der Schlangen hapert es. Bei der „2-Kopf„-Schlange, die beim Fundament-Ausgraben aufgetaucht ist, handelt es sich nicht um eine frisch geschlüpfte Python, sondern eine sehr sonderbare, die mit ihrem Schwanz den Kopf vortäuscht, während der eigentliche eher wie abgehackt und vernarbt wirkt. Augen sind überhaupt nicht feststellbar. Es gibt tatsächlich Schlangen-Mutationen mit gegabeltem Doppelkopf, habe ich hier jedoch noch nicht gesehen. Wie die Koordinierung beim Zubeißen funktioniert, wäre interessant. Am schlimmsten sind jedoch die zweibeinigen Schlangen.

scheinkopf