Die Zukunft

better-dance

„Education is the passport to the future, for tomorrow belongs to those who prepare for it today.“
Macolm X (1925-65)

Im günstigsten Fall stimmt das Zitat, gezeigt auf dem Hintergrund einer Bühne in der Megamall Manados. Doch daß die christlichen Veranstalter – Vertreter einer Sprachen-Schule im Reichen-Ghetto „Citraland“ – wissen, wer Macolm X war, ist eher unwahrscheinlich. „Immer wenn ich eine Religion sehe, die mich nicht für mein Volk kämpfen lassen will, sage ich: zur Hölle mit dieser Religion, deshalb bin ich ein Muslim.“ So Macolm X, der sich später El Hajj Malik el-Shabazz nannte. Ein ehemaliger Drogen-Händler und Einbrecher, der den Islam im Gefängnis kennenlernte und schließlich von Anhängern seiner radikalen „Nation of Islam“, die er wegen Korruption kritisiert hatte, brutal ermordet wurde.
Was für eine Zukunft diese Werbeveranstaltung meinte, zeigten Tanz-Darbietungen von Kleinkindern: Kostüme und Bewegungen aus der banalen Einheits-Suppe internationaler Gleichschaltung. Wenn traditionelle Tänze ihren Ursprung in bäuerlichen Arbeits-Abläufen finden, so war dies das absolute kulturelle Nichts. Wobei die verwöhnten Jungen zeigten, wie sie – im Gegensatz zu den von ihnen oft terrorisierten Mädchen – zu disziplinierter Gruppen-Bewegung weitgehend unfähig sind. Deren ehrgeizige Mütter waren trotzdem begeistert. Die Personen auf dem Transparent veranschaulichten, auf welche Berufe vorbereitet wird: Pilot, Büro-Angestellte, Ärztin. Nahrungsmittel wachsen von selbst. Keiner will mehr im Schlamm des Reisfelds arbeiten.
Auch wenn ich auf einer Rolltreppe mit meinem Gesicht direkt vor der Mündung einer Maschinenpistole aufwärts fuhr, wird man hier eher selten ermordet. Es handelte sich nur um einen Geldtransport, und man hofft, daß sich wenigstens der Sicherungs-Hebel in der richtigen Stellung befindet. Auffällige Sicherheits-Vorkehrungen gab es nach den letzten Terror-Angriffen nur vor einem christlichen Krankenhaus, in dem der Aufenthalt immer lebensgefährlich ist, und vor einer Kaserne. Vor dem kranken Haus wurden die Unterseiten der anfahrenden Fahrzeuge mit einem Spiegel geprüft, vor der Kaserne waren die Wachen nun behelmt, und ein futuristischer Truppen-Transporter mit der Aufschrift „JIHANDAK“ parkte in der Nähe. Kleinlaster mit Propangas-Flaschen meide ich. Falls sich die Christen in Surabaya auch so anmaßend verhalten, wie in meinem Dorf, ist Haß als Reaktion zu erwarten. Nur sollte man nicht den Fehler machen, die Aktionen von Geisteskranken, über den rein pathologischen Befund hinaus, rational zu erklären. Im übrigen hat sich wieder gezeigt, daß der Begriff Familie kein Wert an sich ist, sondern auch Keimzelle für multiplizierten Wahnsinn sein kann.

menorah

So eklektizistisch wie ihre Tänze ist auch die in zahlreiche Sekten zersplitterte Religion der Christen Nordsulawesis. Gerne schmücken sie sich mit Judenstern, Siebenarmigem Leuchter und Vokabeln wie „Jehova“ und „SCHALOMM!„. Jerusalem ist ihr Mekka. Erklärt man ihnen, daß Juden keine Christen sind, kontern sie mit: „Aber sie sind das von Gott erwählte Volk!“ Und so näherte ich mich, aus einer Wüste von Nicht-Planung, Fehl-Investition und schon wieder einsetzendem Verfall kommend, der Küsten-Bebauung, aus der eine Kuppel emporpilzt, die anscheinend direkt vom Sultan in „Anno 1404“ in Auftrag gegeben worden ist. Es befand sich jedoch eins der wichtigsten jüdischen Symbole oben drauf: „MENORAH – Gereja Bethel Indonesia – The New Beginning“. Also wieder Zukunft. Und zwar sonntags um 8, 10 und 18Uhr. Sonder-Gebete freitags und samstags – außer bei Tsunami. Gleich rechts daneben Hotel, Supermarkt, Parkhaus und chinesischer Tempel. Noch weiter rechts södert ein weißes Kreuz in den Westbergen.

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I CLOSE MY EYES

rotauge

Und damit hoffentlich auch das Thema. Eigentlich wollte ich gar nicht mehr losgehen und zum 4. Mal einen Augenarzt suchen, aber die Entzündung verschlimmerte sich wieder in der 3. Woche, und so suchte ich die Augenklinik SMEC in Manado auf, die ich im Internet entdeckte.
Perfecto! Offensichtlich unter muslimischer Kontrolle. Moderne Geräte anstatt Blut und Anbetungs-Objekte an den Wänden, keine Halbtoten in düsteren, vergammelten Räumen. Wenn man die schwül-protzigen Hochglanz-Kirchen der Christen mit ihren Hospitälern vergleicht, versteht man sofort, worum es ihnen wirklich geht. Überall in den christlichen Instituten erlebt man, wie nicht Verbesserung menschlicher Existenz sondern Missionierung das Ziel ist.
In einem sauberen, etwa 2,50m breiten Gang beidseitig Wartende auf Hockern, jedoch keine Konfusion. Für jeden Patienten wird gleich eine Akte angelegt, er wird aufgerufen und zu verschiedenen Stationen geleitet. Die ersten 2 befinden sich allerdings wie Markt-Stände zwischen den Wartenden, die gut mithören können, ob man die Sehtests besteht. Das hat den Vorteil, daß man den anderen Patienten nicht mehr erzählen muß, woran man leidet. Vermutlich handelt es sich um ein Provisorium, denn das Gebäude wird gerade komplett umgebaut. Die Räume perfekt klimatisiert, ausgeleuchtet und klinisch rein. Das Arztzimmer als 3. Station sogar mit Privatspähre. Der junge Arzt, von offensichtlich fein javanischer Art, wirkt sehr professionell, auch wenn ich nicht alles verstehe. Er fragt, ob ich Indonesisch könne, und ich antworte: „Ja, wie ein Kind.“ Was die Helferin zum Lachen bringt. Trotz des großen Andrangs, bin ich nach 90min untersucht, behandelt, beraten und mit Medikamenten versorgt – für ~22EUR. Dazu bekomme ich noch eine Kunden-Karte – für’s nächste Auge.

flehen

Diese typischen Irrwege darf man nicht persönlich nehmen, sondern sollte froh sein, die medizinische Modernisierung Nordsulawesis noch erleben zu dürfen. Für nicht mehr im Berufs-Streß Stehende ist dieses Chaos eine Lebensform. So gut wie Unterhaltung – sofern man es überlebt. Man lernt neue Gesichtswarzen-Positionen kennen, neue Bauten in dieser Boom-Town, oder sieht, wie das, was neu war, schon wieder verfällt. Die södernden Hände von Albrecht Minahasa flehen immer noch darum, daß die Anlage endlich fertiggestellt wird und ihren Sinn enttarnt, aber ich könnte vorher sterben. Immerhin besitzt die Treppe jetzt schon ein hölzernes Geländer, welches man besser nicht benutzt, damit es nicht noch weiter zerbricht. Auf dem Rückweg wandere ich durch die Gerüche Manados. Hier ein wenig Fisch, dort Gewürznelken, und die Frau auf dem Foto transportiert ein lebendes Huhn in ihrer Plastiktüte, das sich ab und zu beschwert.

close

Die Weite des Pazifiks und der warme Seewind am Küsten-Boulevard wirken angenehm auf meine Augen. Entzündungen soll man sogar mit Seewasser spülen. Die Soße vor Manado würde allerding zur Erblindung führen. So riecht sie auch. In der ersten Mall, deren erfrischend kühlen Konsum-Irrgarten ich betrete, sitzt eine alte Frau im Rollstuhl völlig allein in einer Schuh-Abteilung. Fast bin ich geneigt, den Schlachtruf aller Verkäuferinnen auszustoßen: „Cari apa?“ Was suchen Sie? Worauf ich immer antworten möchte: „Woher wissen Sie, daß ich was suche?“ Zu lang. Vielleicht einfach: „Den Sinn von’s Janze!“

uebersichtlich

Die Erlebniswelt außerhalb meines Dschungels enthält auch Fahrzeuge ohne Innen-Verkleidung. Schön übersichtlich, leicht zu reparieren und viel Platz für meine Beine. Keine Rückruf-Aktionen wegen nicht funktionierender Sicherheit, weil ganz ohne Sicherheit, oder wegen irgendwelcher Abgas-Probleme. Gut belüftet durch Löcher im Bodenblech und ein interessant tätowierter Fahrer mit Irokesen-Frisur, der die Pedale barfuß bedient. So authentisch-einfach kann das Leben sein.

Jesus haut den Blinden

blindhau

Kaum zu glauben aba wa: Jesus hat ma einem Blinden in die Augen gespuckt (Markus 8, 23). Danach sah der Blinde nur Bäume. Iss aba nich bekannt, ob es Banyans waren. Da hat Jesus ihn nochma angepackt und schaf angesehn, und denn wa bei dem Blinden alles schaf.
Deshalb wollte ein Doppel-Seha ebenfalls gehaut werden, obwohl es eigentlich schön iss, wenn man die Landschaft und das selbst geschaffene Ambiente doppelt sieht. Also fuhr er zur Klinik „Bethsaida“, wo Jesus praktizierte. Leida traf er untawegs einen analphabetischen Verwandten, der ihm den Weg zu eina falschen Klinik wies, die zwar auch von den Christen kontrolliert wurde, wie das ganze Gesundheits-System der Region, wo Jesus aba gerade keine Sprechstunde hatte. Am nächsten Tach ging der Doppel-Seha wieda hin, um von Jesus gehaut zu werden, aba der wa gerade woanders. 3 Tage späta versuchte er es nochma im richtigen kranken Haus, aba da wa Jesus noch nich zurück, weil er gerade am Tach davor zum Himmel gefahrn wa. Deshalb gab es auch keine Eia im Supamarkt. Dafür traf er im Warteraum, wo verschiedene Objekte an den Wänden hingen, die gegen das 2. Gebot verstießen, einen älteren Mann mit eina großen Gesichts-Warze, dem die Ex von dem Doppel-Seha in der Zeit ma Geld geliehen hatte, als sie eine halbe Million Euro vergeigte. Jetz isse bankrott.
Danach hat Jesus den Doppel-Seha gebeten: „Aba nich weitasagen, daß ich dreima nich da wa!“
„Geht kla!“ hat der Doppel-Seha geantwortet – und es gleich geblockt.
N viertes Mal hat es der Doppel-Seha nich mehr versucht sondan lieba einige adventistische Heilungs-Tips (ohne Jesus):
2. Have a laugh
4. Sit less
6. Have faith (Die Ex von dem Doppel-Seha abeitet jetz als Heilarin und hat ihm per Email angeboten, ihn mit ihrer Methode zu heilen. Er müsse es nur wollen! Aba er hat geantwortet: „Heil Dich ersma selbst!“)
8. Listen to music
9. Spend time outdoors
10. Move more
Wegen 10. hat der Doppel-Seha wieda n Ast von dem Banyan abgesägt, der das Dach bedroht, und der iss runtagefalln und hat dabei 2 Dachziegel zerschlagen.

Foto: Gioacchino Assereto (1600-50), „Christus haut den Blinden“