Wie in alten Zeiten

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„Ich bin ein Polizist der alten Zeit“, erklärte der freundliche fette Beamte seine Unfähigkeit und zog dabei den Kopf in einen Fleischwulst wie eine Schildkröte. Auf seinen Schulterklappen 2 Wellen, obwohl er nicht der Wasserschutz- sondern der Dorf-Polizei angehört. Seine Kragenspiegel generalsmäßig silbern und goldich blitzend. Dann übernahm ein jüngerer im rot-weißen Trainings-Anzug den immerhin schon modernen Komputer, in dessen Flachbildschirm er meinen Stick schob. Daß ein Kunde sich auf diese Weise Zugang zum Polizei-Netz verschaffen könnte, schien kein Problem. Ohnehin hatten sie noch nie erlebt, daß ein Anzeigender mit fertiger Text-Datei und Beweis-Fotos erschien. Aus reichlicher Erfahrung wußte ich, wie das Aufnehmen des Protokolls Stunden dauern konnte. Doch so kopierte der Beamte einfach meinen Text, den meine Ex übersetzt hatte. Auch die Fotos, die – wenn ich gerade zeigen wollte: Hier habe ich gestanden, da Andy – nach 3sec immer wieder plötzlich verschwanden. Weil wahrscheinlich die Spracheinstellung nicht stimmte, waren alle Wörter meines Textes im Polizei-PC rot unterstrichen. Doch sonst lief es schneller und wesentlich kühler im klimatisierten Raum, so daß ich diesmal keine Schweißflecken auf den Aktendeckeln hinterließ. 2 weitere weibliche Opfer warteten noch im Raum und bekamen gleich meine Daten und Fakten mit, wie Religions-Zugehörigkeit, Alter, Beruf, um den Skandal viel genauer weiterverbreiten zu können. Denn natürlich ist es wieder der Deutsche, der unschuldige Indonesier aggressiv anzeigt, obwohl das Krachmachen bei den Minahasa zum adat gehört. Richtig ist, daß die Einheimischen, die sich auch gestört fühlen, Angst vor der Musik-Mafia haben und sich ungern der korrupten Polizei ausliefern, die selber Krach-Feste feiert. Darüber hinaus wissen sie auch meist nicht, was man unter dem Begriff Nötigung (pendesakan) zu verstehen hat. Dagegen haben sie Bedrohung (ancaman) fast alle schon erlebt. Ein ertappter indonesischer Asozialer geht so lange in die Offensive, bis man ihn in den Staub tritt. Dann küßt er einem die Füße.
Auf der Wache entdeckte ich einen Hinweis auf die Web-Seite der Polizei, die sogar einen „Panic Button“ anbietet – aber nur für Handphones. Das hätte interessant sein können, jedoch funktionierte mein HP mal wieder nicht, und ich schenkte es meiner Ex, bei der das Telephonieren wesentlicher Teil des Lebens-Stils ist. Auf dem Rückweg überlegte ich, wie ich nun im Falle eines Angriffs oder schwerer Krankheit Hilfe bekommen könnte, wenn das Internet ausfällt. Am nächsten Tag zerrissen gleich 2 stürzende Bäume das Telephon-Kabel, und ich war wieder perfekter Eremit. Auch fand ich den Händler in Manado nicht mehr, bei dem ich mir schon mal einen Schlagring angesehen hatte: leicht, unauffällig, wirksam.

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Borderline Syndrom

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„Probleme im zwischenmenschlichen Verhalten sind die am meisten sichtbaren und die am besten unterscheidbaren Merkmale von BPS. Experimentelle Daten deuteten auf instabile Gefühle, (Selbst-) Aggression, Überempfindlichkeit gegenüber möglichen Bedrohungen, geringen Erfolg bei Verständigung nach Konflikten, häufige Mißverständnisse und Vermischung von Selbst- und Fremdeinschätzung.“

Ich säuberte gerade die Reisterrassen rechts oben vor meinem Haus (T.D.), als die Musik höllisch laut losdröhnte. Also ging ich mit meiner schlammigen Kleidung zu posisi 1, genau an der Grenze meiner durch den Lorong Jerman geteilten Grundstücke. Was ich dort in ~140m Entfernung sah, waren die 3 neuen Moslem-Baracken. Seit Om Jakob tot ist, der mich mal umbringen wollte, geht sein Imperium unter – wie meins auch. Seine mehr oder weniger mißratenen Söhne zerteilten das Land und verkauften auch an ihre ehemaligen Landarbeiter aus Gorontalo. So wurden diese armen Leute zum ersten Mal Landbesitzer. Rechts von mir ist ein Slum aus 5 Sperrholz-Buden entstanden (hier untere Mittelklasse). Jede Woche eine. Das reinste Indianer-Dorf, in dem Hühner, Hunde, Ziegen und Wilde durcheinanderlaufen. Es riecht auch so. Daß es Ärger geben würde, war mir von Anfang an klar. Ihre freilaufenden Ziegen begannen meine lebenden Zäune abzufressen, gewaltige Explosionen (täglich von November bis Februar) rückten näher – und dann das erste Terror-Fest. Der Lärm war so gewaltig, daß meine ~200m entfernten Glasscheiben vibrierten. Vor dem vordersten Haus im Hintergrund sah ich junge Leute ein Zeltdach aufbauen. Also blieb ich auf der Stelle stehn und starrte rüber. Das funktionierte sofort: Die Wilden hielten in ihrer Arbeit inne, machten sich gegenseitig auf mich aufmerksam, und einige liefen ins Haus. Heraus kam ein Mann mittleren Alters, der mit einer Latte pantomimisch einen Tanz gegen mich aufführte, als ob er mich wegscheuchen, erschlagen und aufspießen wollte – in 140m Entfernung. Er fing sogar an, sich mit seiner theatralischen Drohung den Hang runter zur Brücke (jembatan) zu bewegen.

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Das war für mich, unbewaffnet und praktisch noch auf meinem Land, eine Aufforderung zum Duell. Also ging ich ebenfalls los. Da sein Weg zur Brücke kürzer war, erreichte er sie zuerst, zog mit seiner ~2m langen Holzlatte eine Linie in den Sand (posisi 2) und baute sich hinter jener wie ein Lanzenträger auf. Ich wußte nur, daß bei den Moslems ein reicher Papua eingeheiratet hatte, der die Szene dort beherrscht und die solide Beton-Brücke über den Canyon gebaut hat. Da er ein sanfter Christ ist, brüllen die Sehrlausprecher der Moslems nun „JÄÄSUUUSS!“. Diese geistlichen Schwankungen sind weit verbreitet und zeigen, wie religiöses Theater in Indonesien in der Regel ohne Tiefgang abläuft. Mit seinem Geld kauft er ihnen Alkohol, Motorräder, Feuerwerk – und eben die musikalischen Terror-Gruppen. Weder kannte ich den Mann, noch hatte ich ihn bisher gesehen. Mir war nur bekannt, daß er nicht die Papua-Einheits-Visage besaß. Und ein Mann, der vor mir die Grenzlinie eines Grundstücks zieht, konnte nur der Eigentümer sein. Das war ein Irrtum, der mich mal wieder um eine erlösende Schlägerei brachte, denn natürlich überschritt ich nicht die Grenze sondern stellte mich unmittelbar vor ihn und fragte, ob er mich mit dem soliden Holz schlagen wollte. „Ja“, sagte er und noch einiges, was ich nicht verstand. Nach einem heftigen Wortwechsel, bei dem ich ihm unter anderem mit der Polizei drohte – was ihn überhaupt nicht beeindruckte – drehte ich mich um und ging zurück zu meinem Haus. Noch kurz verfolgt von einem primitiv aussehenden – fast so breit wie hoch – der behauptete, er sei der Hausherr. Ich hielt ihn für einen dieser nichtsnutzigen Roadies und beachtete ihn nicht.

Grenze

Das war ein Fehler, denn er war es tatsächlich. Damit ist nicht nur der Tatbestand der Bedrohung (ancaman) sondern auch der Nötigung (pendesakan) erfüllt, denn der Lanzenträger hatte sich die Rolle des Eigentümers angemaßt und mir den Weg aggressiv verstellt. Es handelte sich jedoch um Andy, den Meister der akustischen Luft-Verschmutzung und Star unter den hiesigen Festival-Veranstaltern. Merkwürdig typisch ist dabei, daß diese musikalisch begabten Keyboard-Spieler zwar Dienstleister sind, sich aber vom Auftraggeber nicht in Ablauf und Lautstärke reinreden lassen. Der Mann ist inzwischen offensichtlich größenwahnsinnig geworden und dabei voller Wut auf mich, der ich schon mehrmals die Polizei zu seinen Terror-Veranstaltungen geschickt hatte, ohne Andy jemals zu treffen. Obwohl solche privaten Feste mit einer Sound-Anlage bestückt werden könnten, die gut in einen PKW paßt, erscheint ein LKW voll mit Boxen im Kommoden-Format und einem Lumpenpack oben drauf. Dann wird genau in der Mittags-Ruhezeit ein 1stündiger Sound-Check mit maximaler Lautstärke veranstaltet – mit dem Ergebnis einer oft völlig übersteuerten Wiedergabe – dessen eigentliche Funktion es ist, allen im 1km-Radius deutlich zu machen: HIER SPIELT ANDY! Das läuft geradezu als Wettbewerb zwischen den Keyboard-Spielern ab, und der Auftraggeber kann angeblich nichts dagegen tun. Es ist wie eine moderne Seuche in diesem geistig unterentwickelten Gebiet, und wer sich dagegen wehrt, bekommt lebensgefährlichen Ärger mit der Musik-Mafia und den jungen Wilden, die Sehrlautstärke brauchen wie eine Droge.

krachmaschine

Das eigentliche Problem liegt jedoch darin, daß es keinen Paragraphen gegen akustische Ruhestörung gibt, und die Polizei interessiert nur das Geld, was sie an den Fest-Genehmigungen verdient. Wie lange diese Terror-Feste wirklich dauern, mögen sie nicht überprüfen, zumal die Beamten selber solche Lärm-Orgien veranstalten. In West-Indonesien, wo Sharia herrscht, sorgt angeblich die Religions-Polizei dafür, daß um 22Uhr Ruhe ist. Hier in der Christen-Enklave im günstigsten Fall zwischen 1 und 2 Uhr nachts – mit einem extremen Finale. Manche Feste vibrieren die Umgebung bis zum Morgen. Es kann auch JEDEN Tag irgendwo stattfinden. Oder 3 an einem Tag, die sich gegenseitig übertönen. Das ist gelebte Anarchie, und ich habe mir immer gewünscht, mal persönlich an solch einen musikalischen Terroristen zu geraten. Das läuft jetzt. Mal sehn.

Verkrustet

verkrustet

„I may be alone, but at least I don’t feel alone with the closest people I know because I changed myself into something fake to gain the group’s praise till I don’t even know my own soul, which, if you ask me, is the loneliest state of being alone.“
Touched with Fire, 2015

„Nur, weil man allein ist, heißt das nicht, daß man einsam ist. Als einsam gilt nur jemand, der das Alleinsein als schmerzhaft empfindet, der sich isoliert oder nirgendwo zugehörig fühlt. Dabei ist das Gefühl der Einsamkeit nicht per se etwas Schlechtes, es ist sogar lebenswichtig. Einsamkeit treibt uns an, bringt uns dazu, uns neu zu organisieren. Ohne das Gefühl von Einsamkeit würden wir wahrscheinlich alle nur noch vor dem Fernseher, dem Computer oder dem Smartphone hocken.“
Manfred Beutel

Ich hab das wieda nich vastanden: „Live Life – CRUST FIRST“ stand da übagroß an der Wand der Pizza-Hütte. Man verkrustet doch zuletzt, wenn die Vorurteile aufgrund von Erfahrungen zu Urteilen werden, wenn man im Alter verkalkt, versteinert, erstarrt (Wo happich denn wieda meinen Hippocampus hingelegt?). Aba zuerst iss man doch weich und offen. Man glaubt, alle Möglichkeiten der Welt zu haben. Zwar eine Illusion, doch Hoffnung treibt voran. Sogar nach Indonesien.
Mir gegenüba saßen mindestens 16 Soldatinnen, zum Teil in Dschungeltarn und Kopftuch gewandet, kuckten imma wieda rüba, aba diesmal traute sich keine mich aufzufordern, sich mit mir telephonieren zu lassen. Wascheinlich zu schüchtern diese Soldatinnen. Gut iss, dasse so winzich sind. Dann findet der Feind se nich so leicht. Allerdings sollte man sich im Pizza-Restaurant bessa als „Tuna melt“-Pizza tarnen, oda in Dschungeltarn nur die Salatisten-Bar frequentieren, sich dabei jedoch der roten Melonen-Stücke enthalten, die das beste an Indonesien sind.
Erschöpft vom langen Gehen in schattenloser Hitze hing mein gequollenes Gesichtsfleisch wie traurige Brustwarzen. Über mir hatte Elvis etwas von blauer Weihnacht gegurrt, aba weit und breit war niemand blau. Erst dachte ich, Elvis wäre wiedererschienen, doch sang er nur aus einem Sehrlautsprecher außen an der Ecke des 5. Stocks des IT-Centers, in dem mehr Klamotten und Plastik-Weihnachtsbäume als Computer angeboten werden.
Beim Besteigen des mikro rückte eine schwarz-elegant gekleidete junge Frau zuvorkommend auf der Bank zur Seite, so daß ich über dem Motor zu sitzen kam, der meine Schuhsohlen immer heißer werden ließ und das Katzenfutter im Rucksack zu schmelzen drohte. Sie trug die Uniform der Kosmetik-Verkäuferinnen in den Malls. In der einen Hand ein weißes hape, mit der anderen hielt sie ihre Plastiktasche von Wuttong. Sie war verstöpselt und sagte die ganze Zeit kein Wort. Meist häßliche Frauen, was man aba nich so leicht erkennt, weilse imma stark verputzt sind. Ich sagte auch nix, weil ich schlechte Erfahrungen mit Kosmetikerinnen hab. Auch mit Lehrerinnen und kranken Schwestern. Mit Soldatinnen hab ich noch keine. „Das Leben ist zu schwer mit einer Frau“, meinte Herr Hilmer.
Auf dem Hinweg hatte ich eine umfangreiche Gruppe Kartenspieler passiert, die an zwei Tischen unter einem Zeltdach über der Straße wie in einem Spaghetti-Western spielten. Hinter ihnen waren Sehrlautsprecher-Boxen so groß wie der Giebel der dazugehörige Baracke aufgebaut. Reste einer Totenfeier. Der Dahingeschiedene wurde erstochen. Ein älterer, mir unbekannter Mann fragte:
„Thomas, wohin?“
Und ich antwortete: „Nach Manado. Einkaufen.“
Auf dem Rückweg war ich über das unebene neue Pflaster gestolpert, als einer der Pflasterer fragte, wohin ich wolle.
„Zum Lorong Jerman!“
„Jau!“ rief er entsetzt. Weit!
„Ya, jau!“ antwortete ich, aba es war gelogen.
In der Außenwelt rief derweil ein 6jähriges Kind mit seinem Handy 19x die Polizei an, ein Mann bedrohte das SEK mit einer Bratpfanne, und eine Frau versuchte Jesus zu stehlen.