Da stimmt was nich

mesw

Meine Nikon „Coolpix P500“ zeigt mich zu breit, meine Asus „Bamboo“ Läptopf-Kamera zu schmal, mein noch nich explodiertes galaktisches Samsung „A3“ mit Schmier-Skrien zu jung, und sämtliche Spiegelbilder glotzen mich untaschiedlich an. Doch die Tendenz iss deutlich: Da fällt eina vom Fleisch. Plumps! Kleidung schlackert an mir rum. Das Sitzen auf den kuriosen mikro-Busbänken, die in ihrer zynischen „VIP“-Variante aus schlichten Holzbrettern bestehen, wird härter. Auch friere ich leichter – was kein wirkliches Problem in den schwülen Tropen iss. Leida hat sich die Hoffnung, eine deutliche Gewichts-Reduzierung würde vielleicht mein Wirbelsäulen-Problem beheben, nich erfüllt. Im Gegenteil. Jetzt wird mir das linke Bein manchmal schon partiell bis in die Fußspitze gefühllos. Irgendwann fall ich einfach um – wie Om Jakob, mein ehemaliger Gegner im 1.Wasserkrieg. Jetz isser tot. So viele Wilde schon, die ich kannte.
Warum essich nich mehr? Mir iss einfach der Appetit vergangen. Mal sehn, welche manischen Formen das noch annimmt. Wichtich iss nur, in der Öffentlichkeit nich die Hose zu verlieren.
Und auch unseren Reisfeldern sieht man es an: 1/3 liegt brach und verwildert. Unser Hauptpächter Ahmad hat nach 2 Mißernten mit ~3½Tausend Euro Schulden (bei uns!) aufgegeben. Ein Nachfolger-Pärchen pflanzte und überließ die Terrassen dann sich selbst. So wuchs der Reis nur ausnahmsweise. Keine Miß- sondern eine Null-Ernte. Schuld waren angeblich die Rallen, Sumpfvögel, die ich nich totschlage, und deren Schnabelform schon darauf verweist, daß sie sich nich für Reis interessieren sondern eher für dessen Schädlinge. Der verwandte alte An, der das Land früher bearbeitete und Moslems haßt, meint: „Die Gorontalos können überhaupt nichts!“ Das stimmt. Sie wirtschaften so miserabel wie die Minahasa. Allein der Versuch, die Ausbildung von Ahmads 4 Töchtern zu finanzieren, war ein Faß ohne Boden. Die beiden ältesten haben ihre Krankenschwester-Ausbildung immerhin fertiggestellt. Die eine gab die Arbeit schnell wieder auf, die andere fing sie gar nicht erst an sondern wurde lieber unverheiratet schwanger. Jetzt kümmern sich 5 Frauen um das Kind, man lebt gemeinsam von den Unterhalts-Zahlungen des Vaters und telephoniert viel.
Der Inder Vasu (Basūsennin) war ein buddhistischer Einsiedler, der einsam und weltfremd durch die Wildnis pilgerte und Leute rettete, die ihren Weg verloren. Etwa 9,2Millionen. Dabei hatte er imma sein buddhistisch konfiguriertes Handphone dabei, das unta anderem das Sutra „Die Perfektionierung der Weisheit“ enthielt. Und während er 9,2Millionen Idioten zu perfektionieren versuchte, kam er auch nich zum Essen. So wa das damals.

Vasuhp

Audioboß

audioboss

20000Watt gekoppelt mit 1200, das sollte für einen Suzuki-Kleinbus, genannt „mikro“, reichen. Die gesamte niedrige Decke über mir ist mit solch merkwürdigen Geräten überkrustet. Offensichtlich alle verrottet. Zum Glück! Nur in Wadenhöhe brutzelt es aus Wand-Sehrlautsprechern, als ob sich die Zündkerzen akustisch bemerkbar machen wollten. Früher war eine derartig vollgedröhnte Fahrt unerträglich, neuerdings hat das deutlich nachgelassen, sogar in den Restaurants. Neulich bemerkte ich den Grund dafür: Als eine Frau zum Telephonieren anhub, drehte der Fahrer den Terror-Sound runter. Das Benutzen der Handphones hat das gesamte soziale Miteinander deutlich verändert. Außerdem wollen die Fahrer auch selbst während der Fahrt telephonieren. Mit der Linken rauchen sie.
Mein Ohr wird jetzt von einem dünnen, alten Seemann bedient, der hinter mir Platz genommen hat und aus seinem zahnlückigem Mund stinkt. „Right, man!“ Das etwas rüde Englisch des ehemaligen Quartermasters einer holländischen Gesellschaft ist gut zu verstehen. Er kennt sogar Südamerika von seinen Fahrten und weiß, wie seine Landsleute – trotz der Spielereien mit modernster Technik – in ihrer Entwicklung 50 Jahre zurück sind. Dabei stammt er aus einer berühmten PERMESTA-Familie in Tomohon: Joop Warouw (1917-60) war 1958 während der kurzen Revolte gegen Sukarnos diktatorisches Regime Minister der Minahasa-Regierung. Sein Nachfahre erzählt mir, wie die Zentral-Regierung damals die Region ausgebeutet habe. „Sie wollten ALLES“, sach ich. „YES, man!“ antwortet er. „Besiegt, aber nich untergegangen!“ seien sie. So geht mir das auch. Romantisierung der eigenen Bedeutungslosigkeit. Wenn man nur lange genuch nich mehr hinhört, fällt die Terror-Elektronik von der Decke und die Handphones explodieren.

laerm

„Jeden Tag von Mitternacht bis zum Morgen Karaoke-Krach,
daß sogar die Gottesdienste gestört werden“
(aus „Manado Post“)
…, die die regelmäßigsten Ruhestörungen verursachen
und eine akustische wie auch mentale Pest in Nordsulawesi sind.

Fingerordnung

schritt

Wenigstens herrscht VOR dem Polizei-Hauptquartier in Airmadidi Ordnung. Dort übt man gerade Gehen und Brüllen, als ich mich nähere, um ein polizeiliches Führungs-Zeugnis zu bekommen. Zuerst begibt man sich zur Dorf-Polizei, wo man ans Hauptquartier verwiesen wird. Leida iss gerade der zuständige INTEL-Polizist abwesend, der von seinen Untagebenen zärtlich „Kleinkind“ genannt wird. Beim 2. Versuch iss gerade Freitag, und alle Beamten singen, tanzen, suchen nach Müll oda laufen rauchend in der Gegend rum. Außadem happich nich die benötigten sechs 4×6 Paß-Fotos dabei, weil ich davon nix wußte. Am 3. Tag fehlt ein zusätzliches in 3×4, weil es keiner gefordert hat. Besser wär auch, wenn man einen Aktenordner mit der eigenen Biographie mitführen würde, weil viel gefragt wird: Namen aller besuchten Schulen, Studium wann und wo, Sterbedatum von Vater und Mutter, welche Auslandsaufenthalte …? Doch zuerst müssen 14 Finger-Abdrücke von meinen 10 Fingern erstellt werden. Mein Einwand, in D würde das nur bei Kriminellen gemacht, beeindruckt niemanden hier. Darauf hinzuweisen, daß meine Abdrücke sich schon im Hauptquartier in Bitung befinden müßten, seit ich dort erfolglos einen Führerschein erhalten wollte, setzt eine nicht vorhandene Vernetzung der Behörden voraus. Seinerzeit wurde ich Opfer einer umfangreichen erkennungsdienstlichen Behandlung. Als man damit fertich war, erkannte man, daß Ausländer keinen Führerschein bekommen können. Also bin ich mit meinem Jeep wieda wechgefahren.
In einem polizeilichen Führungs-Zeugnis sollte es ja eigentlich darum gehen, ob ich mich bisher ordentlich betragen habe. Selbstverständlich! Ich hatte in Konfliktfällen imma recht, aba als Auslända nie. Doch hier im INTEL-Bereich interessiert man sich nur für meine wichtigen Daten wie Gesichtsform, Gewicht, Größe, Haar-, Augen- und Haut-Farbe, Tätowierungen, Religion … . In Bitung gab es damals einen Eimer Wasser, hier reicht man mir ein Papiertuch zum Reinigen der Finger. Danach übaprüft ein Mann, der aussieht wie ein Geldfälscher, meine Drucke mit der Lupe nach geheimen Botschaften. Andere vor mir haben sich ihre Finger am Tischbein gesäubert. Da ich mit meinen Dreckfingern nich fotographieren konnte, hab ich ein Foto aus dem Film „Two Men in Town“ (2014) benutzt, welches aba viel ordentlicher und nich so spelunkenhaft dunkel wie in dem Büro wirkt.

finger

Die Finger-Abdrücke erstellten 2 Beamte, das Zeugnis 4. Zu den 6 unmittelbar Beteiligten gesellten sich abwechselnd etwa 7 Gelangweilte, für die das Erscheinen eines Deutschen Höhepunkt des Tages ist, besonders wenn der Stromausfall bis 10Uhr30 zur Ruhe zwingt. So erhält man viele nützliche Zusatz-Informationen: Ein gewisser Herr Beckenbauer sei Vorstand eines Fußballvereins und ein gewisser fußballspielender Siegmann Manager eines Hotels in Manado. Ich konterte damit, daß Beckenbauer Ärger mit dem Finanzamt habe, und dieser Siegmann vielleicht der ist, der einem Gegenspieler mal mit den Stollen den Oberschenkel aufschlitzte. Sein Bruder ein Ex-Kollege von mir. So klein iss die Welt, besonders an dieser spitzigen Inselspitze. Bei den Fingerabdrückern sollte ich 1,36EUR bezahlen, gab jedoch mangels Kleingeld 3,40EUR. In der Schreib-Stube, wo eine hauteng gekleidete Hochschwangere tippte, und eine Uniformierte für das Aufkleben der Paßfotos und das Wechscheuchen der Fliegen vom Drucker zuständich ist, damit jene nich mitgedruckt werden, sollte ich zahlen, was ich wollte. Ich wollte nich und gab auch nur 3,40EUR.
Draußen steht ein großes Schild auf dem Rasen:

TERIMA KASIH
SEMOGA TIBA DI TEMPAT TUJUAN
DENGAN SELAMAT
„Danke! Hoffentlich kommen Sie heil nach Hause!“

DAS schon, aba der Sachbearbeiter der Imigrasi meinte, die Finger-Abdrücke wärn ganich nötich gewesen. Sie brauchten ja nur eine Bestätigung, daß gegen mich nix vorliege. Dann hatter sich beim Volleyball den Fuß verstaucht und konnte nich mehr bearbeiten.

rechterdaumen

Abdruck Mutter-Finger rechts