Strich durch die Rechnung

eingeschlafen

Aufgrund der zahlreichen Betrugsfälle hat das staatliche Strom-Versorgungs-Unternehmen PLN, das uns meistens mit Strom versorgt, die Zähler gegen elektronische Geräte ausgetauscht, in die man 20 Zahlen eintippen muß, wenn es zu piepen anfängt – dann hat man wieder Strom. Dafür kauft man im Büro der PLN, in einem privaten Wohnzimmer mit PC oder an der Supermarkt-Kasse einen token, auf dem die Zahlen stehen. Das PLN-Büro ist oft nicht besetzt, weil gerade eine Oma gestorben, im Wohnzimmer geht das Internet nicht, und im Supermarkt ist Stromausfall. Deshalb kaufe ich immer 1 token auf Vorrat. Diesmal im Supermarkt. Dort sah er aus wie ein gewöhnlicher Kassenzettel, hier slip genannt. In manchen Supermärkten bekommt man keinen slip, und ich mag dann die Verkäuferin nicht auffordern: „Ich will den Slip!“
Dieser token-slip aus dem Supermarkt verlor innerhalb eines Monats seine Farbe, und die Zahlen waren nicht mehr lesbar. Auch nicht von der PLN rekonstruierbar. Schaden: 11,83 EUR. Typisch indonesisch, daß der Kunde immer der Dumme ist.

Im mikro saß ich diesmal eng, aber relativ bequem neben einer relativ hübschen jungen Frau. Wir glitten zu relativ erträglich lauter Schmuse-Musik durch die Landschaft, und ich stellte mir vor, wie ich zu dem gesungenen Schmalz langsamen Walzer tanzte. Die Frau – Typ Angestellte mit weißer Bluse, an der sie herumzupfte, und schwarzem Rock – hatte einen Tortenkarton auf dem Schoß, auf dem sie den Takt trommelte, sofern sie nicht ihr Handfön bediente. Der Kartondeckel besaß ein durchsichtiges Fenster in Herzform – wie bei manchen Särgen – durch das man die ungenießbare Torte sehen konnte. Alle Torten auf Nordsulawesi sind ungenießbar. Dann, nachdem sie – die Frau – ihre geschwänzten Haare gerichtet hatte, fing sie leise mit hoher Stimme an mitzusingen. Daß Frauen in meinem Einzugsbereich zu singen anfangen, ist nicht ungewöhnlich. Bei Odysseus soll das ja auch so gewesen sein. Deshalb braucht man mich jedoch nicht festzubinden. Verblüfft hat sie mich dann schließlich doch noch, als ich mein Fahrgeld zusammensuchte. Da zeigte sie mir die 5 Finger ihrer linken Hand und sagte das auch so. Ich antwortete, daß ich wüßte, wieviel ich zu bezahlen hätte, dachte jedoch vor mich hin: Wo iss ihr sechster Finger? Denn der Fahrpreis Airmadidi-Manado beträgt 6000 Rupiah (~38 Cent). Mein Fehler ist, daß ich in überraschenden Situation zuerst immer denke, daß ICH was falsch gemacht, übersehen oder nicht verstanden habe. Schließlich bin ich neu hier. Aus Erfahrung angemessen wäre es jedoch, davon auszugehen, daß ich von Idioten umgeben bin.
Kurz bevor ich bezahlen wollte, reichte sie mir plötzlich einen 10000 Rupiah-Schein und nahm mir meinen 5000-Schein aus der Hand. Ich sollte für uns beide bezahlen, weil sie kein Kleingeld hatte und die Fahrer oft auch nicht. In der Hitze verlangsamt sich meine Gehirntätigkeit bis fast zum Stillstand, mir war nur klar, daß die Rechnung nicht stimmte. Doch gab ich dem Fahrer den 10000-Schein plus meine 1000 in Kleingeld, und bevor er die Münzen nachzählen und merken konnte, daß 1000 fehlten, war ich schon umgestiegen. Und sie saß wieder neben mir. Da erklärte ich ihr, daß ich dem Fahrer 1000 zu wenig gegeben hatte, weil die Fahrt 6000 kostet. Sie biß sich auf die Lippe und lachte.
So machen mir diese Wildinnen immer wieder einen Strich durch die Rechnung.
Der Fahrer wird gedacht haben: Immer diese dummen Ausländer!
Und dann gibt es da noch diesen Strich durch meine Lebens-Rechnung.
Da ist auch die Tinte verschwunden.
Alles weiß.

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Das Glühen

Benedicta

Im PC-Spiel „Anno 1404 – Venedig“ lebt auf einer der Inseln Benedicta und nervt mit christlichem Okkultismus. Zur Erfüllung des biblischen Missions-Auftrags führt sie bestimmt einen Blog bei WordPress. Klickt man sie an, betet sie gerade mit ihren Anhängern für eine Erscheinung: „Noch konnte ich keine Erscheinung wahrnehmen. Habt Geduld! Glaubt fest daran, und das Wunder wird geschehen.“

Erscheinung

Jenes erfolgt in ihrem Steinbruch mit einer gelegentlich nebulös aufglühenden Maria („Hosianna in der Höhe! Das ist das Abbild der Mutter Gottes!“), einer plötzlich entspringenden Quelle oder physiotherapeutischen Auswirkungen auf Blinde und Lahme: „Der Lahme kann wieder gehn. Es ist ein Zeichen des Himmels.“ Dabei kommt es zu moderat massenhysterischen Wallfahrten („Mein Gott! Sind das tatsächlich Stigmata?“), die danach von Benedicta mit butterweicher Stimme beruhigt werden müssen: „Nun ist es an der Zeit, daß wieder Ruhe einkehrt an diesem heiligen Ort. Ziehet von dannen, gute Menschen, und verbreitet die Wunder unseres Herrn!“ Voraussetzung für derartige Wahnvorstellungen sind ein Straßenanschluß und die Versorgung der Psychopathen mit Brot. Also alles wie im richtigen Leben. Ich lebe ja unter Geistheilern, die als Tutoren auch diejenigen ausbilden, die den dafür notwendigen schwachen Geist mitbringen. Jene, und das habe ich leider aus erster Hand, sind nach jeder ihrer Heilungs-Aktionen echt erschöpft. Woran man gut begreifen kann, was da für Energie-Ströme fließen. Man sollte das mal mit einem Spannungs-Meßgerät bestätigen. Jedenfalls muß ich leider feststellen, daß auch 40 Jahre Aufklärung durchaus total erfolglos sein können, und die Bekämpfung der Dummheit, die von der indonesischen Regierung als mindestens so wichtig wie die der Armut eingeschätzt wird – Dummheit macht und hält arm – wird wohl noch viel Zeit benötigen. Solange man nicht mal in D begreift, daß das Schulfach Religion eigentlich seit Jahrhunderten Philosophie heißt, besteht wenig Hoffnung auf globale Erleuchtung.

Ausbruch

Zum Glück ist in diesem wunderbaren Spiel nicht alles ernst gemeint, und es gibt auch noch Glühendes mit naturalistisch erfahrbarem Bezug, der die Herkunft der bei mir unmotiviert rumliegenden Felsbrocken erklärt. Auch sind mir die Wunder des Ibn al Hakim von der „Akademie der Weisen“ lieber, der Baupläne für Gauklerlager mit Musikant, Gewichtheber, Tänzerin und Tanzbär erfindet. Zwar handelt es sich dabei ebenfalls um eine Erscheinungsform des Betruges, jedoch um eine ehrliche.

Gaukler

Körperliche Geometrie

problembaum

Wir treiben die Ökosysteme ans Limit, seit 1990 hat die Welt 130 Millionen Hektar Regenwald verloren, und wir verlieren jeden Tag Dutzende von Tier- und Pflanzenarten.“
Achim Steiner, Entwicklungsorganisation der UN

Ich mußte nun ran an den Baum, denn er ist mir buchstäblich über den Kopf gewachsen. Das kommt davon, wenn man die Nase immer nur am Boden hat, um nicht zu stürzen. Also warum nicht mal von oben runterfallen. Mit Hilfe des „Ausführlichen Lehrbuchs der Elementar-Geometrie – Zum Selbstunterricht mit Rücksicht auf die Zwecke des praktischen Lebens“, die ich im Mathematik-Unterricht vermißt hatte, konnte ich die ungefähre Höhe des Problem-Banyans bestimmen. Das Buch, 1894 in Leipzig bei Friedrich Brandstetter erschienen, hatte Christoph Kalweit in Stallupönen für seine Karriere als Königlicher Baumeister geholfen.

messung

Demnach war HG = DG + AD. Mit einem rechtwinkligen Dreieck aus edlem Holz von C. Schrader’s Nachfolger, Hannover, das Christoph gehört hatte, einem Lot und Bandmaß visierte ich die Baumspitze an der Hypotenuse entlang an und maß die Entfernung von meinem Standpunkt bis zum Baumstamm. Das ergab eine Baumhöhe von ~24m nach 17 Jahren Wachstum. Im deutschen Moor hatte ich mir solch große Bäume noch zusammen mit dem Baugrundstück kaufen müssen. Hier sind alle selbst gepflanzt.

Das Hinaufklettern wurde durch die senkrechten Luftwurzeln erleichtert, in der Horizontalen versperrten sie mir dann den Weg. Oben fand ich als erstes eine abgestreifte Schlangenhaut in einer Astgabel. Schon bevor ich zu sägen anfing, knackte und quietschte das Astgewirr im Wind. Ich sicherte mir die Rückzugsmöglichkeit mit einem Seil, und ein weit ausladender Ast brach nach dem Ansägen schnell von selbst nach unten. Auch ein zweiter stürzte in den Teich, aus dem ich ihn rausziehen mußte. Am anstrengendsten war das Aufräumen. Das Holz ist so schwer wie Eiche, jedoch als Bauholz ungeeignet. Die weiche Rinde sondert bei der kleinsten Verletzung klebrige Milch ab, die zusammen mit meinem Schweiß durch das Hemd drang und juckende Rötungen auf der Haut verursachte. Ein hinterhältiger Baum, der aber mächtig gut aussieht. Gelöst ist das eigentliche Problem noch nicht, denn der gewaltige Ast, der sich mit Unterstützung seiner Luftwurzeln über einen Teil der Gebäude geschoben hat, wäre nur mit einem komplizierten Seilzug am zerstörerischen Sturz auf das Dach zu hindern.

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