Katholizismus mit Druck

Wir müssen, um in allem das Rechte zu treffen, immer festhalten: ich glaube, daß das Weiße, das ich sehe, schwarz ist, wenn die Hierarchische Kirche es so definiert.“
Ignatius von Loyola (1491-1556)

Die Jesuiten, die im 18. Jahrhundert zu den größten Sklavenhaltern Südamerikas gehörten, haben es auch bis Manado geschafft. Allein ihre größenwahnsinnige Architektur demonstriert schon das Programm. Trotzdem ist keine disziplinierende Wirkung auf die Wilden vor Ort zu spűren. Nur das Kapital, was dabei umläuft, und Geld sammeln ist schließlich das bedeutendste Sakrament aller Religionen. Wochenlang kilometerweit hörbare Parties bis zum Morgen. Schlafen, wenn die Primitiven es erlauben. Keine funktionierende Regierung weit und breit. Die feiert selbst bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

Lűgen

Du bist ein Fremder, sei still.“
Franz Kafka, „In der Strafkolonie“

Wenn man eine lange Zeit lebendig war, und es auf das Ende zugeht, versteht man besser, was geschehen ist.
Die erste Erfahrung einer feindlichen Umwelt waren ältere Kinder, die mich auf dem Schulweg schlagen wollten, weil es ihnen Spaß machte. Als Lehrer glaubte ich anfangs, man műsse nur alle Menschen gut behandeln, dann gäbe es keine reine Bosheit mehr. Was fűr ein Irrtum!
Dann waren da die selbstverständlichen Gebräuche der Kultur, in der ich aufwuchs. Man hatte eine Religion, obwohl sie offensichtlich erfunden war. Es existierten sogar mehrere unterschiedliche Versionen. So wurde mir schon frűh deutlich, wie verfeindet jene sich untereinander verhielten. Abgesehen von all dem űbrigen okkulten Scheiß.
Und was man alles zum Leben brauchte: Einen Anzug mit Schlips und Manschetten-Knöpfen, Sommersachen, Winterkleidung. Regelmäßig zum Friseur. Schon um sich ein Auto leisten zu können, hatte man sich in einen Arbeitsprozeß einzuordnen. Besaß man einen Militärparka mit einknöpfbarem Webpelz und Kapuze, eignete er sich als billiger Sommer- und Wintermantel, doch wurde man damit nicht mehr űberall reingelassen. So erfuhr ich vom Drinnen und Draußen. Ich zog das Draußen vor, kűndigte die Religion und mied Friseure. Die Vietnam-Kriegs-Propaganda war die erste deutliche politische Lűge, der ich ausgesetzt war. Es folgten weitere. Die Wahndemie als vorerst letzte große Gleichschaltung, in der man die Dummen sogar optisch an ihren Masken erkennen konnte. Schon die verfehlte Drogenpolitik in ihren international wirren Erscheinungen zeigte mir, wie gesteuerter Massenwahn funktioniert, und wie leicht man als Asozialer eingestuft werden kann. Die indonesische Gesellschaft als Großfamilie vorgefűhrt, ein genauso absurder Gedanke wie das lebenslange Funktionieren von Ehe. Nirgendwo habe ich rűcksichtslosere und hinterhältigere Menschen erlebt, als hier.
Man sollte nicht Egozentrik mit Egoismus verwechseln. Jeder Mensch ist aufgrund seiner biologischen Ausstattung zuerst mit Selbsterhaltung beschäftigt. Man wird allein geboren und stirbt allein. Es ist Selbstbetrug zu glauben, man könnte fűhlen wie ein anderer. Deshalb muß man andere nicht ausbeuten oder sie mißhandeln. Aber viele können es nicht ertragen, wenn man nur anders lebt. Sie fűhlen sich schon dadurch provoziert. Das Gebäude ihrer Lebenslűgen erscheint bedroht.
Und das Fazit? Du mußt alleine laufen, wenn du siegen willst – wie der Video-Kűnstler Nam June Paik (1932-2006) einst feststellte. Paik war Buddhist, rauchte nicht, trank keinen Alkohol und fuhr kein Auto. Auch besaß er keinen funktionierenden Fernseher.

livin

Als Einsiedler sollte man bessa nich Geburtstag ham, denn dann kommen Leute. Iss zwar nich so schlimm, weil ich ja kaum wen kenne, aba die von meiner Bank kommen imma und bringen leckere Torte mit. Dann kucken sie sich auch meine Bilder an und fassen mit den Fingern drauf. „Abstrakt!“ stellen sie fest, und ich antworte: „Halb!“ Schließlich singen sie, und ich muß 2 winzige Kerzen auspusten, die man nich mitessen darf. Die Löcher, wo sie gesteckt ham, sieht man noch. Danach soll ich die neue Bank-Software auf meinem Handfön einrichten. Das Programm heißt livin. „Aha!“ sage ich, „Englisch!“ Slang-Gerundium von lebendig. Es erweist sich jedoch als völlig tot. Sie installieren es dann selbst, so daß es funktioniert.
Was mich daran erinnert, wie ich neulich in Manado eine Bettdecke kaufen wollte, weil es hier manchmal nachts lausige 20º kalt iss. Unter mir wäre das seperai (Laken), aba das űber mir, dafűr wűßte ich nich das indonesische Wort, erklärte ich der Verkäuferin gestikulierend.
Bedcover!“ antwortete sie.