Postfaktische Filterblasen

loesung

„Mir kam einmal der Gedanke, daß man – wollte man einen Menschen restlos zerschmettern und vernichten, ihm die härteste Strafe auferlegen … nichts weiter zu tun brauchte, als ihm eine völlig sinn- und zwecklose Arbeit aufzutragen … Wollte man ihn aber beispielsweise zwingen, Wasser aus einem Zuber in den anderen zu füllen und wieder zurück, oder Sand zu zerreiben oder einen Erdhaufen von einer Stelle auf die andere und zurück zu karren – so würde sich der Sträfling, glaube ich, schon nach wenigen Tagen aufhängen, oder er würde eine Unzahl von Verbrechen begehen, er würde lieber tot sein wollen, als noch länger einer solchen Erniedrigung, Scham und Qual ausgesetzt sein.“
Fjodor Dostojewskij, „Aufzeichnungen aus einem toten Hause“

Ich hab lebenslänglich, meine Frau dagegen will fliehen. 24Std. vor der 1. großen Flut mußte sie unbedingt zum Meer an die Küste, obwohl man schon von der Veranda den Regen heraufziehen sah. Das kindische Verhalten des „Ich will es JETZT!“. So blieb sie auf dem Motorrad in Wolkenbruch und Gewitter-Inferno stecken und erreichte den Strand erst ganich. Sehr symbolhaft! Wer sich jedoch mit der Situation identifiziert, weiß, was im Dezember blüht: Extreme Regenfälle, diesmal wieder besonders zerstörerisch. Tonnenweise zerbrachen die Dämme in der 2. Flut (mit Erdbeben in Aceh und Tsunami-Warnung), manche von mir schon zigmal repariert. Eine Müll- und Schlamm-Lawine ergoß sich in die Bewässerungsgräben, und ich weiß nich, was ich zuerst ausgraben, wieder anschütten und säubern soll. Es ist so hoffnungslos für einen allein.
Dabei bin ich mit meiner neuen Chrom-Schaufel bestimmt der eleganteste Tiefbau-Arbeiter Sulawesis. Ich war auch mal der bestangezogenste Taucher in der Bucht von Manado, als ich kein T-shirt als Sonnenschutz besaß sondern in einem feinen, weißen Hemd mit Manschetten tauchte. Die mit mir ausgewanderte Schaufel dient ebenso wie mein Spaten bereits der 3.Generation. Während der chinesische Dreck, der hier angeboten wird, oft schon beim ersten Gebrauch zerbricht, versagt beim deutschen Edelstahl nur der hölzerne Stiel nach jahrzehntelangem Gebrauch. Der Spaten wurde durch ein angeschweißtes verzinktes Rohr noch effektiver, das jedoch für die Schaufel zu klein war. So kam ich für 7EUR zum Chromrohr. Hier sehr gebräuchlich und erstaunlich widerstandsfähig gegen Rost. Jetzt hebeln sich die Kubikmeter Schlamm gleich viel besser. Frustrierend bleibt es trotzdem.

Damals in D gab es für Indonesien 2 extrem gegensätzliche Filterblasen: Die Touristen fanden hier von Reise-Unternehmen gestylte Paradiese, für die Linksintellektuellen ergaben die Spotlights der im günstigsten Fall in Jakarta residierenden Korrespondenten Fakten über eine unerträgliche Diktatur. Dann erfolgte der Sturz Suhartos, und vieles wurde in winzigen Schritten anders, manches sogar besser. Meine Frau, deren Ziel Bali ist (mit Harry, Ossai oder Edmond?), wo man weder Tourismus noch Tollwut bewältigt, denkt immer noch oder schon wieder blasenhaft. Ich jedoch habe mit allem gerechnet und mich auf alles vorbereitet – nur nich darauf, daß meine Frau mich abstreifen würde wie eine gebrauchte Unterhose und allein in diesem Jahr mindestens 2 postfaktische Forever-Lover mit Geld-Überweisungen bedienen würde. Nun bin ich weitgehend rechtlos und völlich unversichert in einem goldigen Käfich gefangen, aus dem es kein Entrinnen mehr zu geben scheint. Immerhin isser schön warm, man brauch nich heizen, und selbst wenn die Frau in ihrer filterblasigen Verblendung fast alles verspielt, kommt man mit wenich Geld noch gerade so durch (Die neue Zahn-Krone kostet ~380EUR!). Die Fernsicht iss phantastisch, doch die Zukunfts-Aussicht düster. Sorgenfrei einschlafen geht nich mehr. Wieviel Jahre kann ich noch körperlich arbeiten? Wie soll ich mit der Fülle der Arbeit überhaupt alleine fertichwerden? Was passiert, wenn ich – wie neulich beim Steine-Transport – wieder schwer stürze und die morschen Knochen brechen? Wer füttert dann die Ziegen?

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Brennender Schwiegervater

Edmonds2

„Die meisten menschlichen Leben verlaufen in einer Kurve, in der sich die einzelnen Stadien deutlich unterscheiden: der ansteigende Ast des Ehrgeizes, ein abgerundeter Scheitel der Reife, ein sanft absteigender Ast der Ernüchterung und Enttäuschung, und am Ende das flach auslaufende Stück des Wartens auf den Tod.“
John Steinbeck (1902-1968), „Das Tal des Himmels“

Da Steinbeck mich in seinen „Pastures of Heaven“ nicht erwähnt, muß ich es wohl selber tun, mein untergehendes Imperium, wie eine abstrakte Konstruktion unter der Last der Wirklichkeit.

Mit Sicherheit war es nicht der Grund, daß Ahmads Schwiegervater brannte. Ich hatte mich gerade gefragt, wann er sich verdünnisieren würde. Jetzt, wo alles in Stücke fällt, und die Reis-Terrassen wie Schrebergärten wirken. Ein kleiner, dünner Zimmermann um die 65, doch jünger wirkend. Kulleraugen und ein zähnebleckendes Lächeln, wenn man ihn ansprach. Antwortete der stark Schwerhörige gestenreich, war nichts zu verstehen. Als sein Schwiegersohn bei uns als Hauptpächter anfing, schlich er sich – ebenfalls aus der Moslem-Provinz Gorontalo stammend – einfach dazu, baute sich die unglaublichste Schrotthütte, nahm sich, was er brauchte, und wollte als Familien-Oberhaupt behandelt werden. So erfand er die Blitzpalme, weil er Holz benötigte. Sie sei vom Blitz getroffen worden, und stürbe sowieso ab. Nun, sie steht immer noch, sieht allerdings ziemlich jämmerlich aus. Wir duldeten ihn nur, weil sich herausstellte, daß er besser als Ahmad arbeitete, mit dem er sich solange stritt, bis wir die Felder unter ihnen aufteilten. Als neues Ungeziefer auftrat, pflanzte er nicht in den bewässerten Schlamm, sondern bohrte Löcher in den fast trockenen Boden und setzte jede Pflanze einzeln hinein. Mit Erfolg. Auch zauberte er gerne und hielt den möderischen Fastenmonat komplett durch. Daß er nicht früher in der Hitze zusammenbrach, war erstaunlich. Die Symptome weisen auf Vertigo. Bei diesen Schwindelanfällen kann man weder arbeiten noch sich hinlegen. Als dann er und sein Strohhut brannten, weil ihn das selbst gelegte Feuer umzingelt hatte, wäre das schon ein Grund gewesen, aufzugeben. Mir war auch in der extremen Trockenheit des letzten Jahres ein Feuer überraschend schnell davongelaufen, als ich die Reste einer eingestürzten Bambushütte abfackeln wollte. Die Hitze wurde so unglaublich stark, daß ich mich dem Feuer gar nicht mehr nähern konnte. Nur mit Hilfe eines Arbeiters gelang es, die Flammen einzudämmen. Selbst Steinbeck beschrieb solch eine Szene. Aber sich dabei umzingeln zu lassen, weist eher auf pure Dummheit – und Schwerhörigkeit. Oder katula, die Strafe Gottes, denn ich habe es unseren Pächtern verboten, das Reisstroh nach der Ernte anzuzünden. Da, wo ich das Gelände nicht beobachten kann, tun sie es trotzdem, weil es bequem ist. Wenn sich dabei einer selbst verbrennt, kann das nur lehrreich sein. Erfahren haben wir es erst, als der Alte schon nach Gorontalo verschwunden war – unter Zurücklasssung seiner Schulden. Nach Gorontalo abzuhauen, ist eine beliebte Methode moslemischer Krimineller. Erleben wir nicht das erste Mal. Einer der Pächter aus der Pionierzeit entkam mit dem kompletten Ertrag. Der nächste mischte dem Reis Spelzen bei. Wenn ich den Alten nach seinem Unfall nicht noch ein paar Mal bei bester Gesundheit getroffen hätte, so zum Beispiel, als der Feind ihm das Wasser abgedämmt hatte, würde ich die Mär von der angegriffenen Gesundheit und dem gefühlten bevorstehenden Tode sogar glauben. Schulden hatte er immer hemmungslos gemacht, bis wir das abstellten. Wie oft hab ich meiner Frau gesagt, sie soll die Schulden der Pächter nicht auflaufen lassen – von ihren ahnte ich nichts. Genau so gut hätte ich zum Bambus predigen können. Nun ist der Ertrag für den Schwiegervater offensichtlich nicht mehr interessant. Und auch wenn Ahmads 3. Tochter wieder zurückgekehrt ist – sie war beleidigt, weil sie von der schwangeren 2. immer getreten und geschlagen wurde – so erscheint die Sippe seines Schwiegersohns offensichtlich auf ihre sehr vitale Weise auch am Ende zu sein. Also verließ der Alte rechtzeitig das sinkende Schiff. Abgemeldet hat er sich nicht. Das Land, was er bearbeitet, haben wir nur gepachtet. Tin, die vorherige Pächterin, hat den Pachtvertrag für uns ausgehandelt. Um sich zu belohnen, nannte sie uns die doppelte Summe, die wir jahrelang ahnungslos zahlten. Tin ist auch solch ein Fall vergeblicher Liebesmüh. Von uns vorm Tode bewahrt, ist sie nun endgültig verrückt geworden. Katula!

Francis William Edmonds (1806-63), „All talk and no work“, National Gallery of Art, New York