Das Glühen

Benedicta

Im PC-Spiel „Anno 1404 – Venedig“ lebt auf einer der Inseln Benedicta und nervt mit christlichem Okkultismus. Zur Erfüllung des biblischen Missions-Auftrags führt sie bestimmt einen Blog bei WordPress. Klickt man sie an, betet sie gerade mit ihren Anhängern für eine Erscheinung: „Noch konnte ich keine Erscheinung wahrnehmen. Habt Geduld! Glaubt fest daran, und das Wunder wird geschehen.“

Erscheinung

Jenes erfolgt in ihrem Steinbruch mit einer gelegentlich nebulös aufglühenden Maria („Hosianna in der Höhe! Das ist das Abbild der Mutter Gottes!“), einer plötzlich entspringenden Quelle oder physiotherapeutischen Auswirkungen auf Blinde und Lahme: „Der Lahme kann wieder gehn. Es ist ein Zeichen des Himmels.“ Dabei kommt es zu moderat massenhysterischen Wallfahrten („Mein Gott! Sind das tatsächlich Stigmata?“), die danach von Benedicta mit butterweicher Stimme beruhigt werden müssen: „Nun ist es an der Zeit, daß wieder Ruhe einkehrt an diesem heiligen Ort. Ziehet von dannen, gute Menschen, und verbreitet die Wunder unseres Herrn!“ Voraussetzung für derartige Wahnvorstellungen sind ein Straßenanschluß und die Versorgung der Psychopathen mit Brot. Also alles wie im richtigen Leben. Ich lebe ja unter Geistheilern, die als Tutoren auch diejenigen ausbilden, die den dafür notwendigen schwachen Geist mitbringen. Jene, und das habe ich leider aus erster Hand, sind nach jeder ihrer Heilungs-Aktionen echt erschöpft. Woran man gut begreifen kann, was da für Energie-Ströme fließen. Man sollte das mal mit einem Spannungs-Meßgerät bestätigen. Jedenfalls muß ich leider feststellen, daß auch 40 Jahre Aufklärung durchaus total erfolglos sein können, und die Bekämpfung der Dummheit, die von der indonesischen Regierung als mindestens so wichtig wie die der Armut eingeschätzt wird – Dummheit macht und hält arm – wird wohl noch viel Zeit benötigen. Solange man nicht mal in D begreift, daß das Schulfach Religion eigentlich seit Jahrhunderten Philosophie heißt, besteht wenig Hoffnung auf globale Erleuchtung.

Ausbruch

Zum Glück ist in diesem wunderbaren Spiel nicht alles ernst gemeint, und es gibt auch noch Glühendes mit naturalistisch erfahrbarem Bezug, der die Herkunft der bei mir unmotiviert rumliegenden Felsbrocken erklärt. Auch sind mir die Wunder des Ibn al Hakim von der „Akademie der Weisen“ lieber, der Baupläne für Gauklerlager mit Musikant, Gewichtheber, Tänzerin und Tanzbär erfindet. Zwar handelt es sich dabei ebenfalls um eine Erscheinungsform des Betruges, jedoch um eine ehrliche.

Gaukler

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Irre maschinell

blechband

Es ist ganz einfach: Mit den 5 Schrauben, die man beim Brettspiel gegen einen Blech-Roboter erlangt hat, kann der Saxophonist sein Instrument aktivieren, die Blechkatze, die man per Stromstoß fängt, vertreibt die Ratte aus der Blasröhre, und das Ölfaß für den Trommler bekommt man mit Fliegenpapier in der Taverne. Danach muß man nur mit dem Aufzug außen am Turm bis zum Zellenfenster hochfahren, hinter dem sich die Küche befindet, in der die Blech-Geliebte gefangen ist. Jene hat den Topf vom Herd zu nehmen und auf den Boden zu stellen, um den Maiskolben im Regal zu erreichen, den sie auf dem Herd erhitzt, bis die Körner durch den Ablufttrichter nach draußen purzeln und dabei eine Stange lösen, die man durch das Zellenfenster reicht, damit die Geliebte ein Gitter öffnen kann, hinter dem sich gefrorene Kühlschlangen befinden. Dann stellt sie den Topf wieder auf den Herd und kocht die Rohre solange weich, bis sie eine Schlauch-Verbindung vom Öltank nach draußen herstellen kann. Nachdem man die richtige optische Einstellung der Knöpfe im Starter-Kasten herausgefunden hat, wird mit dem Öl im Aufzug-Motor nach oben zum Ventilator-Roboter weitergefahren, der einem mehre optische Fragen stellt, die man alle falsch beantwortet, damit er anfängt zu husten und dadurch seinen Rotor wegbläst, so daß man in die Öffnung klettern kann. Etwa so lief auch der bürokratische Vorgang meiner Einbürgerung ab.

aufzug

Ich muß gestehen, daß meine kreative Phantasie in dem wunderschön irren Spiel „Machinarium“ (2009) überfordert ist, das in der Zeit angesiedelt ist, wo man noch sehen konnte, wie alles funktioniert, und dessen Designer sich anscheinend von Fliegenpilzen inspirieren lassen. Um mich nich hoffnungslos zu verirren und steckenzubleiben, sehe ich mich gezwungen, immer wieder eine Gebrauchsanweisung anzuklicken, die den Spielfluß zerschreddert. Schade!

amanita

Das Verbot der Windbeutel

pezeh

Cannabis hat man in D nach 50 Jahren schon fast begriffen, doch taucht eine neue Droge auf, gelten wieder die alten Antworten: Zensieren, verbieten! Bibel-Texte in deutscher Sprache? Gefährlich, führt zu Aufständen. Goethe löste eine Selbstmord-Welle aus. Drucker müssen kontrolliert werden! Das Radio kann Massen-Panik erzeugen, Cowboy-Filme verrohen die Jugend, TV-Abhängigkeit führt zu Übergewicht. Staatliche Institutionen müssen die Medien kontrollieren! So kamen wir zum „Wort zum Sonntag“. Video-Konsum ganz schlecht, besonders die Horror-Filme. Daß Video-Shooter gewalttätig machen, ist Allgemeingut geworden, obwohl es zur Zeit keinen offenen Weltkrieg gibt, und islamistische Attentäter sowas grundsätzlich ablehnen. Tatsächlich waren entwickelte Industrie-Gesellschaften niemals vorher so zivilisiert. Nun das Internet: Kontrollieren, zensieren, verbieten!
Warum kann der eine von der Droge vernünftigen Gebrauch machen, der andere geht damit unter? Weil das Gehirn des Users unterschiedlich ausgebildet ist. Hier, bei der Sozialisation, ist so früh wie möglich anzusetzen. Ob der Vater Jurist ist, oder beide Eltern an die Existenz von Geistern und eines dreiteiligen Gottes glauben, ist ein entscheidender Unterschied für die Entwicklung des Denkens. Die Herkunft ist also von vornherein ein Faktor der Ungleichheit, die keine soziale Gesetzgebung einebnet. Man kann an sich arbeiten, doch lernen ist anstrengend und setzt Lustverzicht voraus. Logik ist eher lästig, Gefühle werden gern als Wert ansich gefeiert:
„Noch nie hatte die Königin solche Worte vernommen, und sie taten ihr wohl und erbauten sie mehr als der schönste Gesang beim Hochamt. Das sah man an ihrem Gesicht, denn sie lief purpurrot an, weil diese Worte ihr das Blut so in Wallung versetzten, daß alle Saiten ihrer Laute in Schwingung gerieten und in vollem, starkem Akkord bis hinauf in ihr Ohr zusammenklangen, denn diese volltönende Laute erfüllt, dank einer besondern Begabung ihrer widerklingenden Natur, mit ihrem Klang Leib und Seele der edlen Frauen und läßt sie zurtiefst erzittern und erwartungsvoll erschauern.“ Honoré de Balzac (1799-1850), „Tolldrastische Geschichten“
Worte! Windbeuteleien, die auf jemanden treffen, der davon ausgeht, die Welt sei dazu geschaffen ihm Lust zu bereiten, und nicht ein Dschungel, in dem jeder auf Kosten des anderen zu überleben sucht. Welche Erkenntnis- und Überlebens-Fähigkeit kommt in solchen Reaktionen zum Ausdruck? Kann man Fake-News und Romance-Scam verbieten? Oder sollte man die Menschen besser dazu befähigen, jede Art gesellschaftlicher Künstlichkeit kritisch analysieren zu können? Von Schulen ohne die Fächer Philosophie und Psychologie, stattdessen die obskursten Religionen im Angebot, kann kaum dialektisches Denken vermittelt werden. Deren Produkte lassen sich eher von Wahrsagerinnen lesen, als daß sie sich mit Kants kategorischem Imperativ auseinandersetzen. Welche Qualität hat eigentlich die Liebesfähigkeit von dummen Menschen? Für die Demokratie sind sie jedenfalls der Untergang. Und immer wird ein Teil der Gesellschaft sich selbst ruinieren und am Rande liegenbleiben. So sicher wie das Amen in der Kirche. Man kann lediglich versuchen, diesen Prozentsatz so niedrig wie möglich zu halten. Und wer verstanden hat, daß Unterentwicklung ihren Grund nicht in mangelndem Geld sondern mangelhafter Bildung hat, der ist schon auf dem richtigen Weg.

Foto: Herziger Jesus und steiniger Ersatzfuß in der dörflichen Sanitäts-Station, das Kabel mit Pflaster geschützt.