Der Wind ist nicht still

stillness

„Oma sagte immer: …“

Die Art, wie Talma kirchernd und quietschend mit ihren Ziegen umgeht, hat mir im Trailer so gut gefallen, daß ich fälschlicherweise annahm, „The Stillness of the Wind“ könnte ein Spiel für mich sein. Doch weder fand ich in diesem Produkt die landwirtschaftliche Rationalität noch die anspruchsvolle Optik von Forest Village. Nur das Ziegen-Gemecker, mit dem das Spiel startet, versprach emotionale Verbindung.
Die fette, halbabstrakt-gesichtslose Talma wuchs auf einer extrem kargen Wüstenfarm auf – ein schlanker Eremit im fruchtbaren Dschungel, der den Tag allein mit 2 Ziegen und diversen Hühner startet, wär mir lieber gewesen. Neugier ist schädlich. Erkundet man mit Talma das fast völlig leere, gelb-rote Gelände, wird sie leicht im Wüstensand abgetrieben, aus dem nur noch die Escape-Taste hilft. Kein Zoom, kein Abspeichern möglich, nur Maus-Bewegungen. Der Arbeitstag so irrational kurz, daß man nichts zu schaffen glaubt und oft im Dunkeln rummurkst. Der optische Kontrast so gering, daß man kaum bemerkt, wie die 2 Ziegen Unmengen von Heuballen verschlingen. Selberdenken ist auch schädlich. Das einzige Ziel des Spiels ist es, der Unsinnigkeit des Scripts zu folgen. Als ich endlich verstehe, daß man beim gelegentlich auftauchenden Händler Heu gegen Käse tauschen kann, ist es zu spät: Das Futter ist alle. Es folgt eine Traum-Sequenz in Grau, in der die schlafende Talma einer schwarzen, unbeweglichen Ziegen-Silhouette gegenübersteht, sie jedoch nicht erreichen kann. Dazu hört man im Hintergrund die Geräusche eines nicht sichtbaren vorbeifahrenden Zuges. Schon geschockt durch diese Parallele, sehe ich am Morgen, als Talma aus dem Haus tritt, einen Ziegen-Kadaver am Boden liegen.
Da überfiel mich solch eine Traurigkeit, daß ich nicht mehr weiterspielen konnte.

Das Glühen

Benedicta

Im PC-Spiel „Anno 1404 – Venedig“ lebt auf einer der Inseln Benedicta und nervt mit christlichem Okkultismus. Zur Erfüllung des biblischen Missions-Auftrags führt sie bestimmt einen Blog bei WordPress. Klickt man sie an, betet sie gerade mit ihren Anhängern für eine Erscheinung: „Noch konnte ich keine Erscheinung wahrnehmen. Habt Geduld! Glaubt fest daran, und das Wunder wird geschehen.“

Erscheinung

Jenes erfolgt in ihrem Steinbruch mit einer gelegentlich nebulös aufglühenden Maria („Hosianna in der Höhe! Das ist das Abbild der Mutter Gottes!“), einer plötzlich entspringenden Quelle oder physiotherapeutischen Auswirkungen auf Blinde und Lahme: „Der Lahme kann wieder gehn. Es ist ein Zeichen des Himmels.“ Dabei kommt es zu moderat massenhysterischen Wallfahrten („Mein Gott! Sind das tatsächlich Stigmata?“), die danach von Benedicta mit butterweicher Stimme beruhigt werden müssen: „Nun ist es an der Zeit, daß wieder Ruhe einkehrt an diesem heiligen Ort. Ziehet von dannen, gute Menschen, und verbreitet die Wunder unseres Herrn!“ Voraussetzung für derartige Wahnvorstellungen sind ein Straßenanschluß und die Versorgung der Psychopathen mit Brot. Also alles wie im richtigen Leben. Ich lebe ja unter Geistheilern, die als Tutoren auch diejenigen ausbilden, die den dafür notwendigen schwachen Geist mitbringen. Jene, und das habe ich leider aus erster Hand, sind nach jeder ihrer Heilungs-Aktionen echt erschöpft. Woran man gut begreifen kann, was da für Energie-Ströme fließen. Man sollte das mal mit einem Spannungs-Meßgerät bestätigen. Jedenfalls muß ich leider feststellen, daß auch 40 Jahre Aufklärung durchaus total erfolglos sein können, und die Bekämpfung der Dummheit, die von der indonesischen Regierung als mindestens so wichtig wie die der Armut eingeschätzt wird – Dummheit macht und hält arm – wird wohl noch viel Zeit benötigen. Solange man nicht mal in D begreift, daß das Schulfach Religion eigentlich seit Jahrhunderten Philosophie heißt, besteht wenig Hoffnung auf globale Erleuchtung.

Ausbruch

Zum Glück ist in diesem wunderbaren Spiel nicht alles ernst gemeint, und es gibt auch noch Glühendes mit naturalistisch erfahrbarem Bezug, der die Herkunft der bei mir unmotiviert rumliegenden Felsbrocken erklärt. Auch sind mir die Wunder des Ibn al Hakim von der „Akademie der Weisen“ lieber, der Baupläne für Gauklerlager mit Musikant, Gewichtheber, Tänzerin und Tanzbär erfindet. Zwar handelt es sich dabei ebenfalls um eine Erscheinungsform des Betruges, jedoch um eine ehrliche.

Gaukler

Irre maschinell

blechband

Es ist ganz einfach: Mit den 5 Schrauben, die man beim Brettspiel gegen einen Blech-Roboter erlangt hat, kann der Saxophonist sein Instrument aktivieren, die Blechkatze, die man per Stromstoß fängt, vertreibt die Ratte aus der Blasröhre, und das Ölfaß für den Trommler bekommt man mit Fliegenpapier in der Taverne. Danach muß man nur mit dem Aufzug außen am Turm bis zum Zellenfenster hochfahren, hinter dem sich die Küche befindet, in der die Blech-Geliebte gefangen ist. Jene hat den Topf vom Herd zu nehmen und auf den Boden zu stellen, um den Maiskolben im Regal zu erreichen, den sie auf dem Herd erhitzt, bis die Körner durch den Ablufttrichter nach draußen purzeln und dabei eine Stange lösen, die man durch das Zellenfenster reicht, damit die Geliebte ein Gitter öffnen kann, hinter dem sich gefrorene Kühlschlangen befinden. Dann stellt sie den Topf wieder auf den Herd und kocht die Rohre solange weich, bis sie eine Schlauch-Verbindung vom Öltank nach draußen herstellen kann. Nachdem man die richtige optische Einstellung der Knöpfe im Starter-Kasten herausgefunden hat, wird mit dem Öl im Aufzug-Motor nach oben zum Ventilator-Roboter weitergefahren, der einem mehre optische Fragen stellt, die man alle falsch beantwortet, damit er anfängt zu husten und dadurch seinen Rotor wegbläst, so daß man in die Öffnung klettern kann. Etwa so lief auch der bürokratische Vorgang meiner Einbürgerung ab.

aufzug

Ich muß gestehen, daß meine kreative Phantasie in dem wunderschön irren Spiel „Machinarium“ (2009) überfordert ist, das in der Zeit angesiedelt ist, wo man noch sehen konnte, wie alles funktioniert, und dessen Designer sich anscheinend von Fliegenpilzen inspirieren lassen. Um mich nich hoffnungslos zu verirren und steckenzubleiben, sehe ich mich gezwungen, immer wieder eine Gebrauchsanweisung anzuklicken, die den Spielfluß zerschreddert. Schade!

amanita