Die Bergprinzessin

Beerdigungsinstitut

Mehr als 7/8 Tote wegen Beerdigungs-Vazögerung ham wa noch nich geschafft, aba dafür gäbe es bald ne Hochzeit, meint Lena und hält eine angebissene, mit Fisch und Gemüse gefüllte Pirogge in der Hand.
„Willste ma abbeißen?“
„Nein, danke! – Wieso? Wer heiratet denn?“
„Na, Paul!“
Paul? Der Witwer, dessen Frau gerade vor 3 Wochen an Krebs gestorben iss?
„Wen denn?“
„Na, seine Putri Gunung. Willste was trinken?“ fracht Lena und drückt ihren schmutzigen Fingernagel durch die Deckel-Folie eines Wasserbechers.
„Nein, danke, ich hab gerade Kaffee getrunken. Wer iss denn Putri Gunung?“
Putri Gunung, die Bergprinzessin, iss sone Art Dorfhure, die nur etwas höher am Hang wohnt, und Männer abkassiert. Der gembala (Hirte) ihrer Penta- oda Pantekosta-Sekte, GDP oda GPP – blickt ja keina durch, jedenfalls so Pfingstler, bei denen imma der heilige Geist einschlägt, und denn fangse an komische Sachen zu plappern – also der Hirte von der Bergprinzessin iss schon ganz sauer, weilse imma wieda n neuen Mann zum Heiraten anschleppt, und denn wirds doch nix, wenn dem sein Geld alle iss. Und jetzt iss eben Paul dran, der schon 8 Jahre nich mehr auf seine kranke Frau steigen konnte. Iss ja vaständlich. Bloß denn wärer doch mit der Bergprinzessin bessa ins Hotel gegangen, wo seine tote Frau noch nich ma malele (geschmolzen) iss, meint Lena. Aba Paul hat nich ma imma genuch Geld für Benzin, und seine Frau war durchaus schon am Schmelzen, so leicht ins Blaue getönt. Deshalb hatters mit der Bergprinzessin im Haus getrieben, was seine Kinda so wütend machte, dasse das Tor verschlossen ham, wo keina mehr rauskonnte, und denn sindse reingerazzt, ham ihren Vatta mit der Bergprinzessin in flagranti erwischt und son Theater gemacht, daß draußen die Moped-Fahrer angehalten sind. Die Putri Gunung hat vor Schreck zwar noch gerade ihre Hose hochziehen können, aba ihre Bluse nich gefunden. Da hatse einfach Paul sein Hemd übergezogen und iss fluchtartich üban Hofzaun geklettert. Dabei hat sich das Hemd im Zaun verfangen und iss hinten aufgerissen. So konntese aba nich durchs Dorf nach Hause laufen, weshalb se sich ersma in einem Haus gegenüba vasteckt hat.
Und deshalb gips jetz bald ne Hochzeit, meint Lena.

Inzwischen wissen wir auch von Paul direkt, was passiert ist: Er ist deshalb so klamm mit Geld, weil seine Tochter in den USA – um ihn abzustrafen, da sie über die Bergprinzessin informiert ist – kein Geld mehr schickt. Bei der Razzia wurde er sogar von seinem Schwiegersohn körperlich angegriffen (Sie sind ja soo liebenswürdig, diese Wilden!), worauf seine Bergprinzessin, ebenfalls attackiert, die Flucht ergriff.

Und nun sind es 9 Tote. Den Fastenmonat überleben immer einige nicht.
„Besides the medical risks, the side effects of not eating, drinking and smoking in the daytime can result in irritability and short-temperedness, spilling over into violence and crime. So perhaps it’s not surprising that anti-social behavior and domestic abuse surge throughout the Muslim world in the holy month.“
http://www.asianewsnet.net/news-78160.

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Der Kirchenhund

Em-Switlee

Zur Hochzeit von Em und Switlee in Tendeki fahren wir, weil Em der Bruder von Anne, die mit Andreas verheiratet und gerade krank in D ist, nicht kommen kann. Schließlich muß D irgendwie vertreten sein. Em fährt die beiden. Falls er dann auf unserem Hof im Wagen schläft, traut er sich wegen der Geister nich mehr raus, wenn er aufwacht. Auch sieht er sehr viel jünger aus, als er ist.
Beim Ersteigen des Hügels, auf dem sich die protestantische Kirche „Baitel“ befindet, die gerade zur Kathedrale gezuckerbäckert wird, werden wir von einem freundlich-zuvorkommenden Besoffenem begrüßt. Meine Frau fordert mich auf, ihm die Hand wie sonst einem der zahlreichen Verwandten zu schütteln, was ich auch brav tue.
„Wer war denn das?“ frage ich hinterher.
„Keine Ahnung“, antwortet meine Frau.
In der Kirche kuckt mich ein über-2dimensionaler Jesus an, der stark oströmisch-orthodox wirkt und von 2 weißen Tauben belästigt wird. Irritierend an der Predigt des Pastas iss, daß Em, der eigentlich James heißt, gleichlautet wie M, was 1Million Rupiah (~62EUR) abkürzt. Wenn er also erklärt, daß eine M heutzutage nich mehr ausreiche, kann der Ausländer, nämlich ich, das leicht mißverstehen, zumal es keine geschlechts-verdeutlichenden Artikel gibt. Das trägt der Pasta ungefähr so vor (Wie sehr das inhaltlich auf meine Situation zutraf, erfuhr ich erst 4 Tage später.):
„Also, die Frau muß das Geld gut verwalten können, nich wahr? Und darf es nicht einfach ausgeben, ja? Ha – sie darf nicht einfach sagen, daß es nicht reiche, ja? Und nur auf Geld aus sein, nich wahr? Eh … .“
Dieser manirierte Stil, scheinbar in einem Zwiegespräch mit dem Publikum zu stehen, paßt in seiner manischen Monotonie zu vier parallel durch den Kirchenraum gespannten Nylonschnüren mit in gleichmäßigen Abständen daran befestigten roten und blauen Aids-Schleifen, die wirken wie Wäscheklammern. Auch findet man nich nur neben dem an der Altarwand gewaltich drohenden Friedens-Könich 2 Papp-Weihnachtsmänner, sondern noch zahlreich anderes Weihnachts-Dekor. Es ist gerade August und lohnt sich nich mehr, es zu entfernen. Bei den Minahasa-Protestanten handelt es sich um Polytheisten, die an Gott, Jesus, 1-2 Tauben und den Weihnachtsmann glauben. Zur österlichen Ikonologie gehört auch das Saurier-Ei (blaue Punkte auf Orange), das noch immer vor einer unserer zahlreichen Dorfkirchen liegt.
Dann soll Em seine Switlee küssen, weiß aba nich wohin.
„Auf die Stirn“, rät der Pasta.
„Der muß doch den Schleier erstmal aufmachen“, kommentiert ein nach Schnaps stinkender Betrunkener in der Kirchenbank hinter uns.
„Da kannst du dich ja noch erinnern“, ergänzt ein anderer besoffener Mann.
„Na ja, natürlich weiß ich das noch. Ich erinnere mich gern daran. Bin aber schon alt.“
„Alt?“
„Alle über 50 sind alt.“
„Aber ab und zu bewegt sich doch noch was?“
„Ja, ab und zu.“

mit-Hund

Auch der häßliche, verflohte Hund, der systematisch und offensichtlich wie gewohnt durch die Kirche streift und dabei hier und da Hosenbeine daraufhin kontrolliert, ob sich eventuell ein Moslem eingeschlichen hat, interessiert sich nich für Theologisches sondern leckt sich im Mittelgang den Arsch sauber.
Während uns in der Kirchenhalle 4 Lautsprecher stereophonisch hallend entnerven, gelingt es uns im Festzelt HINTER der Terror-Soundanlage zu sitzen. Dort wo die Clowns und Sängerinnen platzgenommen haben. Vor mir 2, die auch auf der Reeperbahn als SM-Leder-Aktricen auftreten könnten. Die eine zwergenhaft, noch halbwegs proportioniert, jedoch mit der hier üblichen Warze auf der Nase. Die andere mit übergroßem Kopf auf pyknisch-fettem Körper, schwarzem Mieder, Lederstiefeln und gedrehten, schulterlangen Löckchen, die aussehen wie abgezogene Kabel-Ummantelungen.
Einer der Clowns, hauptberuflich Polizei-Chef, verliest die von der Polizei ausgestellte Fest-Genehmigung in einem Ton, als ob er ohne Mikrofon tausend Untergebene verdonnere. Im Gegensatz zu unserer Anarchisten-Region ist der zur Muster-Stadt Bitung gehörende Bezirk Tendeki anscheinend unter Kontrolle:
1. Die Veranstaltung ist um 20Uhr zu beenden!
2. Das Abspielen von Disco-Musik ist verboten! Einheimische Musik ist einzusetzen!
3. Der Ausschank von Alkohol ist verboten! (Die Betroffenen haben sich schon vorher versorgt.)
4. Das Schießen mit Pfeilen ist strengstens verboten! „Achtet auf Leute mit kleinen Taschen an der Seite [Wie meine Foto-Tasche?]! Da sind die Pfeile drin! Wenn es dunkel ist, müssen wir alle für Sicherheit sorgen – natürlich ganz unauffällig!“ Womit der Polizei-Clown deutlich macht, wie wir uns hier teilweise noch auf der vorletzten Zivilisations-Stufe befinden. Nur die Papuas weiter östlich sind noch primitiver. In Manado gibt es Bezirke, vor denen gewarnt wird, sie nachts zu betreten. „Panah wayer“ heißt der neuste Wahn. Kurze, selbst hergestellte und mit Plastik-Fransen geschmückte Armbrust-Pfeile, die mit Zwillen abgeschossen werden. Mehrere Tote und Verletzte gibt es schon.
Auch ein Vertreter des Bezirks-Vorstehers, verteilt guten Rat an die Braut: Verärgert, solle sie ihrem Mann kein heißes onde-onde zu essen geben, weil er sich damit fürchterlich den Mund verbrennen kann, sondern besser über Probleme mit ihm reden. Onde-onde besteht aus Klebreis, gefüllt mit rotem Zucker, in einer Hülle von geraspeltem Kokusnuß-Fleisch und schmeckt wie neue Schuhsohle mit Kokosnuß.
Bevor die 2 Leder-Sängerinnen anfangen zu schreien, haben wir nach 4Std. genuch von all dem Bla-bla. Draußen bemüht sich ein Mann in Beamten-Festkleidung höflich um uns, der auch genau über Ems deutsche Beziehungen informiert ist.
„Wer war denn das?“ frage ich hinterher meine Frau.
„Keine Ahnung“, antwortet sie.
Am Abend essen wir noch für 49Cent Nudelsuppe mit geschreddertem Thunfisch bei Nini, der Frau unseres Fahrers. Doch bevor ich damit fertich bin, fällt der Strom aus, und ich finde in der plötzlichen Dunkelheit meine Suppe nich mehr.

Hochzeitspappe

Pappaar

Um 19:00 sollte die Hochzeits-Feier von Ryan und Nessia in einer edlen Abfertigungshalle beginnen, in der ich vor langer Zeit mal Walzer getanzt hab. Das war jedoch die Silberne Hochzeit eines deutsch-indonesischen Paares, das noch wußte, wie man feiert. Seit die Popen hier die Wilden im Griff haben, tanzt man nicht mehr, sondern lauscht 1Std. lang 2 zu lauten Predigten, da das Brautpaar 2 unterschiedlichen Pfingstler-Sekten angehört. So dauerte es bis 21:30 – mit 1½Std. Verzögerung hatte man begonnen – als endlich das Essen aufgetragen wurde. Die frohe Botschaft ist: Gesellschaften, die von Popen dominiert werden, tragen den Keim der Zersetzung in sich selbst, denn diese Heiligen, ständig im Kampf gegen die befreiende Sinnlichkeit ihrer Schafe, haben nur Monotonie und daraus resultierende Langeweile zu bieten. Die sich dabei aufblähende westliche Hochzeitskultur steht unter dem Zwang, ihren Bewunderern immer raffiniertere moderne Effekte zu bieten. Zwar gab es keine luftbetriebene Hochzeitstorte, doch immerhin obiges Brautpaar aus Pappe, neben dem sich alle Gäste aufstellen mußten (ganz rechts meine Frau im „Paul-Klee-Gedächtnis-Kleid“), um fotografiert zu werden. Der Hintergrund aus gekacheltem Kunstrasen – fast wie in Windows 8. Das Ergebnis wurde sofort ausgedruckt und jedem Gast in einem Papp-Rahmen übergeben. Ich bin latürnich nich drauf, weil ich mich der verdrehten Kultur der Minahasa nich mehr aussetze. Jedoch hab ich das Foto ersma umgedreht, damit das „LIKE IT“ richtichrum iss. Leida kann man da nich draufdrücken, sondern muß es hinten tun. Dann öffnet sich ein Aufsteller, mit dem man das Foto auf seinen Handphone-Ablagetisch stellen kann. Dann isses aba wieda verkehrtrum, und man muß es nochma umdrehn. Dann iss jedoch das „LIKE IT“ wieda verkehrtrum. Ich weiß nich, was man dagegen tun kann.
„Ob diese Dinge irgendeinen Nutzen für sie haben oder nicht, ob sie überhaupt funktionieren, spielt gar keine Rolle für sie. Sie müssen sie einfach haben, um sich wohl zu fühlen … Man denkt, sie sind einfach ein Haufen von angeberischen Kindsköpfen, die westliche Zivilisation nachäffen wollen.“ (Eric Ambler, „Besuch bei Nacht“, 1956)