Aussteigen und entfallen

„My view is that the mind-wandering network and the so-called default-mode network (DMN) basically serve to keep our sense of self stable and in good shape. Like an automatic maintenance program, they constantly generate new stories, weaving back and forth between different time-horizons, each micro-narrative contributing to the illusion that we are actually the same person over time.“
Thomas Metzinger

Die Alte (74) ist wirklich hart im Nehmen. Das erste Mal erlebte ich sie singend neben mir im mikro, ihre Hühner uns zu Füßen, die sie zur Ruhe ermahnte. Natürlich zahlte ich ihr die Fahrt, denn sie hatte extra für mich gesungen. Inzwischen habe ich sie immer wieder getroffen und ihr System durchschaut, kostenlos zu reisen. Sie stammt aus Kema und fährt mit Waren zu irgendeinem Markt. Im mikro zwingt sie den Nächstsitzenden ein Gespräch auf, dem die Betroffenen freundlich nachkommen („Oma“), singt ihnen was Religiöses vor, und am Ende dann Bettelei. Kürzlich hat sie sich die Fahrt sogar 2mal bezahlen lassen. Das erste Opfer stieg unterwegs aus, und danach war eine Zugestiegene dran. Anscheinend ist die Alte noch vergeßlicher als ich. Inzwischen auch deutlich geschrumpft. An Zähnen reckt sich nur noch einer in der Mitte des Unterkiefers. Ans Handgelenk hat sie sich eine Wasserflasche gebunden, und jedesmal gibt es Ärger mit dem Fahrer, denn sie beansprucht ganz frech Transportraum für 3 zum Preis von einem. Jedesmal baggert sie mich an, jedoch lehne ich ab. Diesmal gab es in Airmadidi wieder Theater mit dem Fahrer, denn sie hatte 2 zerfledderte, nur noch von Plastikband zusammengehaltene Kartons dabei, die mir den Ausstieg hoffnungslos versperrten. Und natürlich saß sie wieder neben mir. Allerdings mit dem Rücken zu mir, damit sie mit ihrer Zielperson besser kommunizieren konnte. In Manado leerte sich der Bus, nur wir 2 blieben übrig, und als sie mit dem Fahrer wegen des komplizierten Aussteigens in Disput geriet, tippte sie sich hinter seinem Rücken an den Kopf, um mir zu zeigen, für wie blöd sie ihn hielt. Dann versuchte sie sich ächzend zu erheben, fiel aber zurück und mir fast auf den Schoß. Als ich ihr helfen wollte, wehrte sie ab. Stattdessen benutzte sie einen Stock, ein umfunktionierter Besenstiel.
Auf der Rückfahrt, auf der mein Schädel diesmal nicht von 24 Sehrlautsprechern massiert wurde, fingerbreit entfernt in der Decke über mir, bemerkte ich sie am Straßenrand. Glück gehabt, dachte ich so vor mich hin. In Airmadidi dann nach dem Umsteigen längeres Warten. Derweil hielt ein mikro parallel, und die Alte versuchte den Bus zu wechseln. Das schien nicht zu klappen. Ich also raus und ihr meine Arme entgegengestreckt.
„Laß das! Nimm lieber den Karton!“
Ich hob ihn aus dem Bus – und versuchte ihre Arme zu greifen, denn es ging nicht voran.
NICHT!
Na gut. Ich enterte meinen Bus und nahm gleich wieder an der offenen Tür Platz, wo etwas mehr Raum für meine Beine und natürliche Belüftung vorhanden sind. Dann kam die Alte, forderte meinen Platz, ich verzog mich nach hinten – und alle Passagiere lachten.
Später stieg eine erstaunliche, wie von Gauguin gemalte Dicke dazu, plumste auf das schmale VIP-Brett im Mittelgang, und die Alte fing an, deren umfangreiches Fleisch zu kneten. Mal sehn, wann sie Geld fordert, frohlockte ich. Schließlich verglichen die beiden ihre Hautfarben. Besser sei ja meine helle, behauptete die Alte, und drehte sich zu mir um. So weit der Dicken das möglich war, versuchte jene es auch und bestätigte die Beobachtung.
„Der Weiße ist ein Stadt-Weißer, und ich bin eine Wald-Weiße!“ verkündete die fast schon schwarzbraune Alte, ohne meinen tatsächlichen Aufenthaltsort zu kennen. Und wieder unterdrückten die anderen Passagiere mühsam ihr Lachen. Schließlich gelang es der Wald-Weißen, zwei 2000Rupiah-Scheine (der Fahrpreis) gegen einen 10000 Rupiah-Schein der Dicken zu tauschen, die beim Aussteigen etwas unglücklich wirkte.
Kurz bevor wir mein Dorf erreichten, tippte die Alte mir ans Knie und wollte nochmal Geld. Wahrscheinlich hatte sie schon wieder vergessen, wie ihr das bereits gelungen war.
In Manado, bevor ein mir völlig unbekannter Passagier-Sammler am mikro-Terminal allen verkündet hatte, ich würde schon lange in Indonesien leben, verstände die Sprache und sei „dosen“ (Lehrer), war ich noch keine 100m von der Zahnarzt-Praxis entfernt gewesen, als der gerade vereinbarte Termin meiner geistigen Festplatte entschlüpfte. In der Hand eine Tüte mit neuen Schuhen, weil die Sohle der alten sich wieder selbst zerlegt hat, obwohl ich sie nur 2x die Woche benutze. Spätestens nach 4 Monaten sind diese chinesischen Produkte unbrauchbar, egal ob sie 30 oder 60Euro kosten. Offensichtlich nur als Vor-der-Tür-steh- oder Gaspedal-Schuhe konzipiert, auch wenn sie wie Trekking-Schuhe aussehen. Im letzten Jahr verbrauchte ich 3 Paar. Diesmal habe ich sie irrenderweise eine Nummer zu klein gekauft. Das wird hart.
Die Kopfhaare entfallen mir auch, jedoch wachsen sie an den Ohren immer besser.

selbstzerstoerung

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Verkrustet

verkrustet

„I may be alone, but at least I don’t feel alone with the closest people I know because I changed myself into something fake to gain the group’s praise till I don’t even know my own soul, which, if you ask me, is the loneliest state of being alone.“
Touched with Fire, 2015

„Nur, weil man allein ist, heißt das nicht, daß man einsam ist. Als einsam gilt nur jemand, der das Alleinsein als schmerzhaft empfindet, der sich isoliert oder nirgendwo zugehörig fühlt. Dabei ist das Gefühl der Einsamkeit nicht per se etwas Schlechtes, es ist sogar lebenswichtig. Einsamkeit treibt uns an, bringt uns dazu, uns neu zu organisieren. Ohne das Gefühl von Einsamkeit würden wir wahrscheinlich alle nur noch vor dem Fernseher, dem Computer oder dem Smartphone hocken.“
Manfred Beutel

Ich hab das wieda nich vastanden: „Live Life – CRUST FIRST“ stand da übagroß an der Wand der Pizza-Hütte. Man verkrustet doch zuletzt, wenn die Vorurteile aufgrund von Erfahrungen zu Urteilen werden, wenn man im Alter verkalkt, versteinert, erstarrt (Wo happich denn wieda meinen Hippocampus hingelegt?). Aba zuerst iss man doch weich und offen. Man glaubt, alle Möglichkeiten der Welt zu haben. Zwar eine Illusion, doch Hoffnung treibt voran. Sogar nach Indonesien.
Mir gegenüba saßen mindestens 16 Soldatinnen, zum Teil in Dschungeltarn und Kopftuch gewandet, kuckten imma wieda rüba, aba diesmal traute sich keine mich aufzufordern, sich mit mir telephonieren zu lassen. Wascheinlich zu schüchtern diese Soldatinnen. Gut iss, dasse so winzich sind. Dann findet der Feind se nich so leicht. Allerdings sollte man sich im Pizza-Restaurant bessa als „Tuna melt“-Pizza tarnen, oda in Dschungeltarn nur die Salatisten-Bar frequentieren, sich dabei jedoch der roten Melonen-Stücke enthalten, die das beste an Indonesien sind.
Erschöpft vom langen Gehen in schattenloser Hitze hing mein gequollenes Gesichtsfleisch wie traurige Brustwarzen. Über mir hatte Elvis etwas von blauer Weihnacht gegurrt, aba weit und breit war niemand blau. Erst dachte ich, Elvis wäre wiedererschienen, doch sang er nur aus einem Sehrlautsprecher außen an der Ecke des 5. Stocks des IT-Centers, in dem mehr Klamotten und Plastik-Weihnachtsbäume als Computer angeboten werden.
Beim Besteigen des mikro rückte eine schwarz-elegant gekleidete junge Frau zuvorkommend auf der Bank zur Seite, so daß ich über dem Motor zu sitzen kam, der meine Schuhsohlen immer heißer werden ließ und das Katzenfutter im Rucksack zu schmelzen drohte. Sie trug die Uniform der Kosmetik-Verkäuferinnen in den Malls. In der einen Hand ein weißes hape, mit der anderen hielt sie ihre Plastiktasche von Wuttong. Sie war verstöpselt und sagte die ganze Zeit kein Wort. Meist häßliche Frauen, was man aba nich so leicht erkennt, weilse imma stark verputzt sind. Ich sagte auch nix, weil ich schlechte Erfahrungen mit Kosmetikerinnen hab. Auch mit Lehrerinnen und kranken Schwestern. Mit Soldatinnen hab ich noch keine. „Das Leben ist zu schwer mit einer Frau“, meinte Herr Hilmer.
Auf dem Hinweg hatte ich eine umfangreiche Gruppe Kartenspieler passiert, die an zwei Tischen unter einem Zeltdach über der Straße wie in einem Spaghetti-Western spielten. Hinter ihnen waren Sehrlautsprecher-Boxen so groß wie der Giebel der dazugehörige Baracke aufgebaut. Reste einer Totenfeier. Der Dahingeschiedene wurde erstochen. Ein älterer, mir unbekannter Mann fragte:
„Thomas, wohin?“
Und ich antwortete: „Nach Manado. Einkaufen.“
Auf dem Rückweg war ich über das unebene neue Pflaster gestolpert, als einer der Pflasterer fragte, wohin ich wolle.
„Zum Lorong Jerman!“
„Jau!“ rief er entsetzt. Weit!
„Ya, jau!“ antwortete ich, aba es war gelogen.
In der Außenwelt rief derweil ein 6jähriges Kind mit seinem Handy 19x die Polizei an, ein Mann bedrohte das SEK mit einer Bratpfanne, und eine Frau versuchte Jesus zu stehlen.

Wenn hinter den Westbergen die Ohren verglühn

gekippt

Auf der Rückfahrt von Manado saß ich eingeklemmt auf der hinteren Bank des mikros. Sie fahren erst los, wenn alle Plätze besetzt sind. Hat man Pech, kann das eine halbe Stunde dauern. Hat man noch mehr Pech, steht die blaue Konservendose dabei in der Sonne. Das ist wie japanische Folter-Tonne. Mein Gehirn brodelte also schon. Während der Fahrt vibrierte mich der Baß der Soundanlage so gründlich durch, daß ich von hinten zu brüllen anfing, ob der Baß vielleicht etwas vermindert werden könne. Wir wären nicht taub. Einige Fahrgäste drehten sich erschreckt zu mir um, die Frau neben mir schlief weiter, doch der junge Fahrer, der so bekloppt wirkte wie seine Musik, reagierte überhaupt nicht. Vielleicht schon halb taub. Die 2 nächsten Stücke bestanden eher aus sentimentaler Marmelade, so entschärfte sich das Problem etwas. Immer wieder gab es Geräusche wie Schüsse. Da die sozialen Wilden die Gesellschaft von November bis Februar darauf hinweisen müssen, daß sich das Jahr angeblich ändert, hielt ich das für die traditionellen Artillerie-Angriffe. Doch schienen sie den Wagen so zu verfolgen, daß sogar eine ältere Frau auf dem Beifahrersitz unruhig wurde. Da hielt der Fahrer an, stieg aus, trat gegen die beiden Hinterreifen, machte auf der Straße einige Entspannungs-Übungen mittels Drehung des Oberkörpers, was mir vermittelte, es würde schwierig werden, ihm ein Ohr abzureißen, stieg wieder ein und fuhr weiter. Danach gab es noch weitere Fehlzündungen. Als die meisten schon ausgestiegen und ich allein auf der Rückbank saß, trat ich in einen der Seitenlautsprecher, der kein Schutzgitter mehr aufwies. Der Sachschaden war gering, und er lärmte einfach weiter. Ich diagnostizierte eine starke Wut in mir. Vielleicht weil ich seit Monaten permanent krank bin und nicht mehr normal essen kann.
Beim Umsteigen in Airmadidi saß ich allein unter einem rot-futuristischen Himmel mit 12 Sehrlautsprechern. Der Fahrer stellte ohrenzerbröselnde Musik an und stieg aus um Kunden zu fangen. Ich besah mir die Lautsprecher – einige besaßen Schutzgitter in Spinnenform – und bemerkte auf einer absurden Mittelkonsole 6 Kippschalter. Neben einem leuchtete es blau. Den kippte ich, und dann war Ruhe – bis der Fahrer losfuhr, sich über die Stille erschreckte und den Schalter wieder betätigte. Doch schien jetzt irgendwas nicht mehr zu stimmen, und er schaltete den Lärm ab. Dann schnippte er die Asche seines Zigaretten-Stummels aus dem Fenster. Geleitet durch den Fahrtwind flog sie gleich wieder rein und auf meine Hose, denn ich saß direkt hinter ihm. Zum Glück spuckte er nicht durch den offenen Türrahmen wie die Frau auf der anderen Seite des Wagens. Jene schob schon im Normalzustand ihre Lippen so weit vor, daß ich in ihr eine weitere bisher unbekannte Orang Utan-Art vermutete. Auch beim Überholen von Fußgängern muß man sehr achtsam sein, denn die Wilden spucken wie Lamas. Eigentlich hätte ich dem Fahrer gern die Warze oben auf dem Rand seines rechten Ohrs abgebissen, aber seine Zigarette war schon abgebrannt. Nach seinem Husten zu urteilen, wird er sowieso bald verenden.
In dem Moment, als wir mein Dorf erreichten, gab die Kupplung des Wagens ihren schwachen Geist auf.
Als ich endlich zuhause angekommen war, fiel der Strom aus. Da war es so still in meinem Tempel, daß ich beschloß, einfach das feuerrote Runterglühen der Sonne hinter den Westbergen zu beobachten.