Kreuzgriff

kreuzgriff

Bevor der mikro-Fahrer die neue Brücke eines gigantischen Autobahn-Kreuzes erreicht, streift er mit seiner linken Hand über die Fransen, die sich unter einem kleinen Kreuz befinden, welches am Rückspiegel hängt. Dieses wiederholt er 2x und nochmal, als wir die Brücke erfolgreich überquert haben. Ich weiß nich, ob das korrekt iss. 3x ja, aber 4x? Man sollte die Geister nich überstrapazieren! Außerdem stürzen die Brücken trotzdem gelegentlich ein.

superhp

Ein muslimischer Fahrer macht das nicht, obwohl unter seiner glückbringenden Scheibe mit arabischer Kaligraphie auch ein Fransen-Bündel angebracht ist. Dazu ein Drehzahl-Messer, der die Drehs zählt – in 4 Dreh-Zonen.
Auf buddhistische Fahrer trifft man kaum. Hokuspokus wird vom Ur-Buddhismus ausdrücklich abgelehnt. Buddha bezeichnete jede Art magischer Praxis als nutzlos und verbot seinen Jüngern Handlesen, Traum-Interpretation, Feng Shui und glückbringende Amulette. Schon daran erkennt man, wie pervertiert chinesischer, tibetischer und thailändischer Buddhismus mit ihren Zirkus-Nummern sind.
Vor dem Einsteigen in Airmadidi fordere ich den Fahrer auf, die Musik leiser zu stellen. Das versucht er auch mit seinem angestöpselten HP, was jedoch nicht gelingt. Ein zu Hilfe gerufener Fahrer dreht dann einfach den Lautstärke-Knopf runter. Dann startet der schrottreife Wagen nicht. Auch dabei muß der andere Fahrer helfen. Vor der neuen Autobahn-Brücke, die schon befahren wird, obwohl sie noch nicht fertig ist, gibt der Wagen dann wegen Benzin-Mangels auf. Ich steige ohne zu bezahlen aus, schultere meinen Rucksack und mache mich zu Fuß auf den Weg Richtung Heimat. Sind ja nur noch 8km. Auf der langen Brücke holt mich das mikro ein, und der Fahrer fordert mich auf, wieder einzusteigen. Hinter der Brücke geht es bergauf, und der Wagen gibt endgültig seinen Geist auf, wobei er solange zurückrollt, bis der Passagier neben dem Fahrer letzterem den Tip gibt, die Handbremse zu ziehen. Dann steigen alle aus und in einen gerade eintreffenden anderen Wagen, in dem die Musik viel leiser ist.

Werbeanzeigen

Gasbeitrag

gasbeitrag

Die Frau mittleren Alters im mikro links neben mir rülpst 1x pro Minute. Nach dem Umsteigen in Airmadidi rülpst ein verschrumpelter Mann rechts vor mir 3x pro Minute – von Airmadidi bis Manado – was den Fisch-Geruch erklärt. Dabei bewegt er ständig kauend seine stark vorgestülpten Lippen wie ein Schimpanse und brabbelt vor sich hin. Offensichtlich ein Wiederkäuer. Als ein anderer Verrückter spastisch schlingernd aussteigt, der mich in Airmadidi euphorisch gegrüßt hat, lacht der Schimpanse über ihn. Was ist bloß los an diesem ganz gewöhnlichen Donnerstag? Wieso wird so viel gerülpst?

Ich bin auf der Suche nach einem Zahnarzt. Meiner ist verschwunden. In D verschwinden keine Zahnärzte. Meiner war so gut wie ein deutscher, sogar besser, weil nicht so geldgierig. Zwar hängt an seiner Tür noch ein Schild „OPEN“, jedoch finde ich im Internet „now closed“ – ohne Erklärung. Es gibt in Manado auch einen Zahnarzt-Palast mit dem passenden, jedoch abschreckenden Namen „Rich“ und ein „Dental-Kingdom“. Letzteres suche ich auf. Schon beim Anblick der weiblich verkitschten Fassade habe ich das Gefühl, hier falsch zu sein. Stufen führen in ein Keller-Geschoß, und alles weist auf einen ehemaligen Friseur-Salon. Der Empfangs-Bereich gemütlich wie im Puff, nur schwarz. Die ebenso gekleidete junge Frau, die im Halbdunkel auf einem schwarzen Sofa mit ihrem HP spielt, erkenne ich erst, als sie sich staunend erhebt. Von einer Zahnarzt-Praxis erwarte ich eher klinisch Helles, doch mein Blick durch die offene Tür in den grün-gelben Behandlungsraum zeigt auch dort Friseur-Design: mindestens 3 Zahnarzt-Sessel direkt nebeneinander. Steril ist hier nichts. Alles offen zur schmutzigen Straße. Diese „Praxis“ öffnet um 9, ich bin um 9:30 da, der Arzt wird mir für 11 angekündigt. Vielen Dank! Eine andere Adresse in Manado existiert auch nicht mehr. Jetzt habe ich ein weiteres Problem. Ich kann mir noch vom allgemeinen Arzt der staatlichen kranken Versicherung eine Überweisung zu einem drittklassigen Wanderarzt besorgen, der nur an bestimmten Tagen in bestimmten kranken Häusern praktiziert, wo er oft doch nicht auftaucht, so daß für mich eine tage- und wochenlange Wander- und Wartezeit entsteht – oder was?

Dabei begleitet mich mein Samsung S9, von dem sicher jemand behauptet, es sei funktional. Ich brauche es jedoch nur in eine Tasche meines Rucksacks zu schieben, und es macht schon Sachen, die es nicht soll. Das ist nicht etwa ein Problem der Berührungs-Empfindlichkeit, denn wenn ich es antatsche, muß ich das oft 3x tun. Es dauert meist, bis ich es davon abbringen kann, mich, anstatt das angezielte Motiv zu telephonieren. Jede Foto-Serie enthält mindestens 1 rätselhaftes Bild, welches das S9 selbständig geknipst hat. Neuerdings erhalte ich ganze Serien des gleichen Motivs. Und dann springt mich „Bixby“ an und überprüft meinen Netzwerk-Status, worüber You-Tube-Videos existieren, wie man das App killen kann. Aber nicht den Knopf, den man schon berührt, wenn man das Gerät nur anfaßt. Manchmal geht es auch nicht an, weil ich es verkehrtrum halte. An der Kasse im Bauladen muß ich meine Telefon-Nummer angeben. Die habe ich nicht im Kopf, sondern zeige sie – nach mehreren Drück-Versuchen – im S9. Dabei leuchtet die Lampe. Angemacht hab ich sie nicht, ausmachen kann ich sie nicht. Ich stopfe das Ding in meinen Rucksack und hoffe, daß die Lampe von selbst ausgeht.
„Ihre Lampe brennt noch“, warnt mich die Kassiererin.
„Ich weiß nicht, wie sie ausgeht“, antworte ich. Sie macht sie dann aus, muß dafür jedoch extra ein Menü aufrufen. Für ein Gerät, bei dem man aus ästhetischen Gründen schon nicht weiß, wo oben und unten ist, sollte man den Designer erschie… – na gut, lebenslänglich reicht auch. Wären in D ja nur kuriose 10 Jahre für die Mißhandlung von Verbrauchern. So wie meine neuen Folter-Schuhe von „Weinbrenner – Made in China“. Die bekommen Regime-Kritiker sicher kostenlos.

Verliebt

natural

Es war ein rechtwinkliges Dreiecks-Verhältnis: Eine weiß bebluste, derb breitgesichtige junge Frau saß im mikro vor mir, ihr Freund daneben und starrte sie von Airmadidi bis Kairagi so heftich verliebt an, daß ich ihn ständich im Profil sah. Die Kopfseiten fast rasiert, oben drauf toll Gegeltes, die Haut pickelich. Um den Hals eine der Ketten, die gewöhnlich Stöpsel von Waschbecken fixieren. Immerhin schmucklose Ohren, obwohl bei jungen Männern zur Zeit eine starke Tendenz zum Teller-Ohrläppchen besteht. Die Hypotenuse zwischen ihm und mir betrug etwa 50cm. Wir waren uns also sehr nah. Da mir ihre langen, schwarzen Haare mit einem hennahaften Hauch Rot im Fahrtwind ins Gesicht wehten, spreizte ich abwehrend meine Finger hinter ihrem Kopf. Dies mußte der Bursche bemerkt haben, denn er näherte sich ihrem Ohr in Zeitlupe und flüsterte in dasselbe, worauf sie nach hinten langte, ihre Haare griff und sich jene nach vorn über die Schulter zog, wo sie nicht lange blieben. Dann war wohl etwas ins Auge geweht, was er ihr mit seinen Fingern zärtlich entfernte. Er hielt sogar eine ihrer Strähnen fest, was jedoch nix nützte, denn sie besaß davon reichlich. Also mußte ich immer wieder meine Hand hinter ihrem Kopf aufstellen, so lange, bis er sich wieder ihrem Ohr näherte, und sie wieder nach hinten griff. Das ging die ganze Fahrt so. Dabei beobachtete er sie beständig, als ob er sie hypnotisieren wollte. Auch hielten sie sich verkrampft die Pfoten. An ihrem Handgelenk zwei Schnittnarben. Suizid gefährdet? Dort befand sich ein geflochtenes Armband mit kleinen Holzwürfeln, auf denen jeweils ein Buchstabe aufgedruckt war. Seine Initialen? Immer wieder näherte er sich starrend ihrem Kopf wie ein Hahn, der gleich auf die Henne springt, und ich dachte jedesmal: JETZT! JETZT! Doch schmiegten sie nur innich ihre Köpfe aneinander, und immer wieder hatte ich mich gegen ihre Haare zu wehren – von Airmadidi bis Kairagi.
Ich mußte an die gern gesehenen YouTube-Dokumentationen über Partner-Suchende denken, die mich vor Illusionen bewahren. Ich würde beim Blind-Date in Verkennung der wahren Verhältnisse wahrscheinlich feststellen: „Da tropft was aus Ihren Nasenlöchern! – Ach! Das ist Nasenschmuck? Haben Sie ein Loch in der Schei… äh, in der Nasenwand? Zuviel Kokain? Ha, ha, ha!“ Und schon wär alles im Eimer. Warum wollen Fraun wie Rinder aussehen?
Dagegen forderte mich die attraktive Verkäuferin im „Indomaret“ auf, doch einen neuen Müsli-Riegel zu probieren. Bei zweien gips einen umsonst. Auf dem Rückweg von Manado – mein Rucksack schon mit 3kg Katzenfutter, 2 Stücken Käse und einer Packung Jasmin-Räucherstäbchen aus Malaysia gefüllt – tat ich jenes, worauf sie bat, mich für promo telephonieren zu dürfen. Dazu drehte sie ihren gut entwickelten Oberkörper um fast 180° über den Thresen, hielt einen Müsli-Riegel hoch und knipste uns vier mit ihrem Telefon-Brettchen, denn lächelnd hielt ich auch einen. Influenzer. Früher war das eine Krankheit.