Unterwegs

Karfreitag unterwegs zu sein, hat den Vorteil, daß man nich so viele Wilde trifft. Einerseits fasten sie gerade und erzählen sich dann rauchend im Bus, wie sie nachts saufen und von einer Party zur nächsten gehen, die anderen haben überall verschiedenartige Poster von Jesus aufgehängt (Sollte man sein Aussehen nicht besser normieren?), sonderbare Kruzifixe vor Folien-Höhlen aufgestellt und tragen Schwarz, weil er wieder stirbt. Ich auch. Ich meine, mein Hemd iss auch schwarz. Manchmal trage ich Moslem-Hemden, was die Christen irritiert. Nicht, daß ich es genieße, andere zu verwirren, sondern ich bin der Ansicht, daß Hemden konfessionslos sind. Und wenn ich fertich bin mit dieser diesmal ziemlich leeren, heruntergekommenen Stadt Manado, wo ich ständig aufpassen muß, nich in offene Löcher voller Scheiße zu stürzen, steige ich in ein mikro, das so aufgeheizt ist wie eine japanische Folterhütte, trinke eiskalten, stark gesüßten Tee aus einer Plastikflasche und warte auf die Abfahrt. Bis ich hinter mir ein Geräusch höre, denke ich, ich bin der einzige Passagier. Aber es sitzt da eine übersehene junge Frau, die auf sich aufmerksam macht. Ich lächele sie an und dreh mich wieder in Normal-Position. Aber sie läßt nich locker. Wo ich denn herkäme? So geht das immer los. Diesmal auf Englisch. Ich antworte indonesisch. Immer die selbe Leier. Weil es so anstrengend ist, mich bei jeder Frage umzudrehen, setzt sie sich einfach neben mich, bevor es jemand anderes tun kann, und für die Heimfahrt sind unsere Oberarme aneinandergepreßt. Das iss ganz normal, denn diese Kleinbusse sind eng wie Konservendosen, und es iss immer nur die Frage: Wer schwitzt dabei am stärksten? Da sie recht gut Englisch kann, kommt eine weniger banale Konversation in Gang als gewöhnlich. Mit Intellektuellen habe ich sonst nur Kontakt, wenn ich einen Arzt brauche. Nach ihrer Arbeit frage ich sie. Lehrerin in der Sonntagsschule. Was sie denn da unterrichte? Religion? Sonntags-Schule! antwortet sie – als ob ich wissen müsse, was ne Sonntagsschule iss. Ich hör nur jeden Sonntag das christliche Kinder-Geplärre per Sehrlautsprecher, auf das die dazu gehörenden Mütter so stolz sind. Dann zeigt sie mir ein Foto in ihrem Fon von einem Unterrichts-Raum, in dem Kinder gerade malen. Ach so! Gehirnwäsche! Das denke ich aber bloß. Obwohl ich einige unhöfliche Bemerkungen über den Minahasa-Protestantismus von mir gebe, läßt sie sich nich abschrecken. Wie alt ich sie denn schätze? Schwere Frage. Hab sie ja bisher nur flüchtig zusammengefaltet auf diesen Kinderstühlen des mikro gesehen. Ihr Gesicht sehr asiatisch mit schlitzigen Augen. Mit einer soliden, schwarzen Brille, die sie mal auf der kleinen Nase hat und dann wieder nich, sieht sie wie eine Lehrerin aus, die nich hübsch genuch iss, um ihr Gehirn vernachlässigen zu können, und ihr zu etwa 1/3 offenbarter, weißer Busen wirkt ziemlich frisch. Zwischen 20 und 30? Genauer! fordert sie. 25 (Die Mitte!). 21! Ich bin 74 (Jetzt müßte sie eigentlich genuch von mir haben.)! OH! Wie das denn? Jeden Tag draußen arbeiten. Zäune reparieren, Gräben säubern. Ob ich in Social Media engagiert wäre? Ich bin Blogger. Sie will mir ihre Telefon-Nummer schicken, und ich zeige ihr meine, die alle 3 Monate verfällt, weil ich nich telefoniere. Dann macht sie mich darauf aufmerksam, daß ich ihre Nummer auch speichern müsse. Deshalb halte ich ihr mein Fon hin, und sie tippt ihren Namen ein: Esther. Ich versuche, in meinem Fon-Profil meine Email einzugeben, finde aber die Menü-Reihe nich. Danach versuche ich, die Mail-Adresse als Notiz zu schreiben, um sie ihr zeigen zu können. Immer wenn ich einen Punkt mache, wird der erste Buchstabe groß. So geht das nich. Ziemlich plötzlich muß sie aussteigen, und ich kann Ester ganich anrufen, weil ich weder pulsa noch data in meinem Fon habe. Was soll ich auch mit einer Sonntags-Schullehrerin anfangen? Wo Jesus eh schon tot iss. Und bei mir dauert es ja auch nich mehr lange.

Wirklichkeit

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Ich gehe etwas zur Seite, als der Verrückte mir in Manado auf der Straße entgegenkommt, dabei mit der rechten Hand einen 5000 Rupiah-Schein wedelt und mit seiner linken einen langen Stock hält. Ich möchte nicht schon wieder geschlagen werden, denn ich bin von der letzten Attacke noch nicht ganz genesen. Es ist ja ein klassisches Western-Schema: Der schöne Held, der sich für Recht und Ordnung aufopfert, wird im Laufe des Films schwer beschädigt, von der schönen Frau so lange gepflegt, bis er wieder schießen kann, legt alle Bösen um und kricht die schöne Frau. Die Wirklichkeit verläuft meist unbefriedigend kompliziert. Selbst Guilliano Gemma, dem der böse Klaus Kinski beide Hände durchschoß, und dessen Erholung der Betrachter mit Sorge verfolgt, wird von Kinski am Ende überraschend umgelegt – was ich Klaus nie verzieh. Der Verrückte brüllt mich etwas Unverständliches mit Panca Sila an, worauf ich mir keinen Reim machen kann, denn die indonesische Verfassung wird so mißachtet wie zur Zeit das deutsche Grundgesetz. Ich vermeide lieber Blick-Kontakt. Doch schimpft er mir das noch nach, als ich schon längst vorbei bin und nur einen Blick über die Schulter werfe, um festzustellen, wo sich sein Stock gerade befindet.
Im mikro erzählt eine Frau hinter mir in der üblich allgemein verständlichen Sehrlautstärke, daß bei ihr eingebrochen wurde. Die Diebe kamen durch die Küche, die nicht beleuchtet war. Man schläft ja hier mit Licht, weil man glaubt, es vertreibe Geister und Einbrecher. Die deutsche Kripo ist dagegen der Ansicht, man beleuchte damit den Dunkelmännern ihren Arbeitsplatz. Aber es stimmt schon: Die 2 Lumpen, die nachts mal direkt vor meinem Haus angelten und sich dabei noch normal unterhielten, hatten es wohl als unbewohnt eingeschätzt, weil unbeleuchtet. Leider bemerkten sie mich und flüchteten panisch, bevor ich sie mit meinem Knüppel erleuchten konnte.
Die Frau zählt auf, was alles gestohlen wurde: TV, Kühlschrank ausgeräumt – und die Kirchen-Schuhe. DAS ist hart! Womit soll sie jetzt zur Kirche gehen?
Und mein Zahnarzt in Manado, dessen Helferinnen wie für einem Reaktor-Unfall ausgerüstet sind, empfiehlt mir, einen schallgeschützten Raum zu bauen. Seiner habe den Lärm um 50% reduziert. Das wäre hier immer noch, als ob jemand mit einem Hammer an die Wand klopft. Außerdem benötigt man dafür AC, und das vertrage ich genauso wenig wie die Maske.

Neger mit Maske

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Ich mag keine Filme mit Negern im Dunkeln. Sieht man sie bei Tageslicht an, kann man nur noch was erkennen, wenn die Schauspieler ganz heftich kucken oder lachen. Aber in den meist lächerlich ernsthaften Filmen lachen sie ja nur selten, damit man merkt, wie unterdrückt sie immer noch sind.
Hier bin ich der Neger. Bekannt wie ein bunter Hund. Allerdings findet man mich auch in der Nacht leicht, weil ich so weiß bin. Wenn meine Ex mir mal wieda widerspricht und sagt: „Ich weiß!“ korrigiere ich sie mit: „Du schwarz!“
Neulich fuhr ich im mikro so vor mich hin, saß neben dem jungen Fahrer, der auch keine Maske trug, als ich plötzlich vor mir auf der Straße ein Beamten-Gewimmel bemerkte. Der Fahrer war anscheinend ebenfalls überrascht, denn normalerweise warnen sie ihre Bus-Insassen vor Razzien. Bevor wir also noch schnell unsere Masken zücken konnten, stand ein mit Gold und Orden überdekorierter Polizei-Offizier neben dem Seitenfenster des Fahrers und forderte ihn auf, sich zu vermummen. Ich befürchtete schon, daß er mich bestrafen würde, weil ich gesund lebe und Viren einfach ganich ignoriere, aber der Mann war nicht mal wie diese deutschen Nahkampf-Experten bewaffnet, die jeden aufmüpfigen Opa gleich umzingeln. Ihm schien es eher wichtig, wie ein dekorierter Karnevals-Prinz rumzulaufen.
„Wieso hat denn der Deutsche keine Maske auf?“
Da war ich baff. Der Offizier wußte genau, wer ich war, ich dagegen, kannte ihn überhaupt nicht. Eventuell gibt es außer mir in der Region nur noch einen sehr kranken australischen Adventisten, der mit Gesundheits-Tips missioniert, aber vielleicht hat mich die Polente schon im Visier, weil ich mal die Direktorin des nahegelegenen Hauptquartiers belehrt hab. Ich setzte also meine gründlich durchlöcherte Maske auf, der Bulle hob freundlich den Daumen, und die Corona-Diktatur war wieder im Lot. Auf meiner Fensterseite telephonierte mich unterdessen lächelnd ein unformierter Verwaltungs-Beamter für seine Chronik sinnloser Aktivitäten. Gern hätte ich ihn gefragt, ob er wisse, was Persönlichkeits-Rechte bedeuten. Ich stand mal vor Gericht, weil ich einen lärmenden Wilden fotographiert hatte, der korrupte Richter sprach mich jedoch frei. Aber dadurch wäre das Straßen-Theater nur verkompliziert worden. Stattdessen zogen der Fahrer und ich 10m weiter synchron unsere Masken runter und mußten beide über diese hirnlos-emsigen Covidioten lachen.