Gesang sterbender Hühner

einstieg

„Moonlight“ bester Film? Da ich weder Neger noch schwul bin, hat mich schon das Thema nich interessiert. Und dann diese miserable Kamera-Führung. Ich hab’s aufgegeben, den Schmarren bis zum Ende zu sehn. Das Lieblingswort „fuck“ in amerikanischen Filmen iss jetzt anscheinend durch „nigger“ ersetzt worden. Mir geht deren Gangster-Manierismus („Cool, man!“) so auf den Keks, daß ich mich frage, ob sich die USA-Neger wirklich so aufführen, und wo das herstammt. Ich kann verstehn, wenn sich weiße Gemeinden vor sowas abschotten.
Von den 9 „besten“ Filmen habe ich 8 bereits gesehen. „Hidden Figures“ ist gut aufgearbeitete Geschichte. Man erfährt Neues über den Anteil von schwarzen Frauen an der Entwicklung der Raumfahrt. Extra-Klos bei der NASA für Farbige! Was für eine bigotte Gesellschaft! Und wenn „Hacksaw Ridge“ von Mel Gibson nicht als Teil der neureligiösen (adventistischen) Propaganda erschiene, wäre es ein starkes Stück Film-Geschichte. „Fences“ mit Denzel Washington ist dagegen ein als Film getarntes Theaterstück mit sehr nervigem Alkoholiker-Gequatsche. Abgebrochen. Zeit-Verschwendung! „Lion“ drückt schwer auf die Tränendrüsen. Vermutlich von Google finanziert. Muß eine ganz erstaunliche Auflösung sein, wenn man sein indisches Heimat-Haus aus der Vogel-Perspektive wiederfindet, das man nur als kleiner Junge und nie so gesehn hat. Ich glaub’s nich. Und Casey Affleck in „Manchester by the Sea“, was für ein Langweiler! Die pseudo-intellektuelle Idee des Rieseneis in „Arrival“ ist wirklich bemerkenswerter Schwachsinn. Nur noch übertroffen von „La La Land“, in dem Auto-Dächer plattgetanzt werden. Allerdings kann ich über den Film wenich sagen, da ich ihn kaum über den Stau-Tanz hinaus ausgehalten hab. Bei CNN erfährt man, was sich WIRKLICH in amerikanischen Staus abspielt (Schießereien, Schlägereien, absichtliches Anfahren): Heftige Ausbrüche urbaner Frustration. Es gibt bereits genügend gute Filme, die das Thema aufgegriffen haben. Jean-Luc Godard führte es 1967 in „Weekend“ exemplarisch vor. Doch der Trend zur vermusicalten Lebensbewältigung ist offensichtlich ungebrochen.

tuerhuehner

Die verschrumpelte Alte, die in Airmadidi vor dem mikro ihre halbtoten Hühner auf dem Boden ablegt, schimpft und singt sich durchs Leben. Nich Oscar-reif. Winzig, weitgehend zahnlos, mit kantigem Kopf und flachen, kindlichen Gesichtszügen, die grauen Haare wirr. Ihre Wasserflasche trägt sie mit einem Band am Handgelenk. Ambulante Marktfrau. Der Fahrer will sie anfangs nich mit ihren Hühner reinlassen. Doch schimpft sie so lange, bis er aufgibt. Dann breitet sie einen Reissack auf dem Boden der Türöffnung aus und drapiert ihre Hühner daselbst. Mucksen sie sich während der Fahrt, werden sie übel beschimpft. Ausgerechnet neben mir läßt sie sich nieder. Für die Belästigung durch die Hühner, die sich ruhiger Verhalten als ihre Besitzerin und nur gelegentlich quietschen, entschuldigt sie sich mit: Sie käme aus dem Wald, ich dagegen aus der Stadt. Ich antworte, daß ich auch aus dem Wald käme, aber das glaubt sie wohl aufgrund meines feinen Batik-Hemdes nich. Vielleicht bin ich sogar genauso alt wie sie, nur nich so verbraucht. Dann fängt sie mit ihrer Kinder-Stimme zu singen an. Tanzen geht ja im mikro nich, schon wegen der Hühner zu unseren Füßen. Ich zücke gleich mein intergalaktisches Fon und nehme die Darbietung auf. Die im Hintergrund lachenden Fahrgäste spekulieren, wie die Aufnahme noch bei YouTube lande. Doch filmen kann ich sie leider nich, denn mikro-Fahren iss wie Erdbeben.
„Laßt uns gemeinsam kämpfen als Boten Christi! Christus begleitet uns, der schön, stark und edel ist. Des Teufels Macht kann zerstört werden, wer kann ihr widerstehen? Kommt, wir vereinigen uns, laßt uns das Banner des Gotteskreuzes erheben! Amen.“
Danach fragt sie nach meiner Religion und erklärt den Mitfahrenden, daß Buddhismus was Chinesisches sei. Schon vorher hat sie sich besorgt darüber geäußert, daß meine Partnerin es mißverstehen könne, wenn sie für mich sänge. Ich beruhige sie damit, daß das kein Problem sei, weil ich allein lebe. Also singt sie noch was: „Sei wachsam, der Feind lauert! Wenn du schwach bist, suche nach deinem Herrn …. Sei wachsam und bete!“
In Manado bezahle ich für sie mit (~42Cent) und klettere über die Hühner hinaus – eine von mir voll begeisterte Katholikin zurücklassend. SO iss das in La-la-Land!

Vanesa ist müde

dschungelbus

„Buses are for people who don’t know each other.“
Swiss Army Man“ (2016), „We all need some body to lean on.“

Auf dem Rückweg von Manado – ich muß 2x umsteigen – sitzt vor mir im mikro eine alte Frau und beobachtet die draußen vorbeisausende Szenerie wie ein Tennis-Spiel. Ihren Kopf bewegt sie so nervös hin und her, als ob sie die zivilisatorische Verwirrung beiderseits der Straße zum ersten Mal sieht. Ihr Haare tiefschwarz gefärbt. Auch alte Männer tun das. In Würde alt werden, kann hier kaum einer. Die schwarze Farbe betont die kahlen Stellen auf der hellen Kopfhaut besonders. Bei alten Frauen kann man Haarausfall wie bei Männern beobachten, was durch das Schwarzfärben extrem auffällt. Wo die Haare gewachsen sind, erscheint Grau. Diese Mischung wirkt ebenso vergammelt wie bei einer alten Frau schräg vor ihr, deren Haare einen falschen Rotton besitzen. Bei ihr gibt es von Tiefschwarz über rötlich zu Grau und zusätzlich blanker Kopfhaut alles zu besichtigen. Ergänzend möglichst noch knallrote Lippen wie bei Tante Erna, eine faltige oder aufgedunsene Haut, und die Vogelscheuche ist perfekt. Sie sehen sich eben nie aus meiner Perspektive – von schräg oben. Die rötliche Scheuche schläft trotz der heftigen mikro-Bewegungen mit dem Kopf nach vorne kippend ein. Als sie wieder aufwacht, reinigt sie sich mit ihrem langen Daumennagel die Nase. Die Popel entsorgt sie irgendwo in Kniehöhe. Die letzten reibt sie sich auf der Brust vom Nagel. Ihr Mann in schlicht-ehrlichem Silberhaar unter einer Baseball-Mütze auf der „Timor Leste“ aufgestickt ist. Vielleicht stammt er aus dieser unterenwickelten Zone, die von den Handphones erst später erreicht wurde, vielleicht gehört er aber auch nur jener ha-pe-freien Generation an, die diese Dinger nich ständich mit sich rumträgt. Jedenfalls kuckt er erstaunt, als seine Nachbarin auf dem mit Schaumgummi gepolsterten „VIP“-Brett im Mittelgang plötzlich laut zu reden anfängt. Vornehmere Fahrgäste, die der Bus unterwegs aufzulesen versucht, schrecken manchmal mit dem Ausruf: „Ohh! Wiep!“ vor dem Einsteigen zurück, wenn nur noch dieses Brett als Sitzplatz in der blauen Konservendose zur Verfügung steht. Dabei stählt besonders solch ein Notsitz den Körper wie beim Reiten. Auf der ähnlich harten Rückbank dahinter habe ich links platzgenommen, rechts eine dicke Frau und in der Mitte Vanesa. Das steht in handschriftlichen Buchstaben auf einem Klebeband auf einer flachen, durchsichtigen DIN-A3 Plastikdose, mit der man gewöhnlich Nudeln und Kuchen transportiert, auf ihrem Schoß – sonst wüßte ich es ja nich. Da drauf ein grauer Akten-Deckel größer als DIN-A4 – länger, weil ohne D. Als Vanesa ganz entspannt im Hier und Jetzt einschläft, fällt nicht nur ihr vom Fahrtwind bewegtes schwarzes, langes Haar über ihr schmales Gesicht, auch der Akten-Deckel verrutscht in Richtung dicke Dame und gibt seinen Inhalt frei: irgendwelche kopierten Zeugnisse. Nach wiederholtem Verrutschen packt die dicke Dame das Zeug zusammen, schiebt es Vanesa zurück auf den Schoß und weckt sie auf. Nicht lange danach schläft die junge Schönheit wieder ein und kippt jetzt in meine Richtung. 5 Mal rutscht ihr der Arm vom Akten-Deckel und zwischen unsere Oberschenkel. Beim 5. Mal läßt sie ihn dort liegen. Dann kippt ihr Oberkörper gegen meinen, und ihr Kopf stößt ab und zu an meine Schulter. Im Fahrtwind – man fährt bei offener Tür – kitzeln ihre weichen Haare mein Ohr. Als die dicke Dame aussteigt, wacht das Mädchen auf, das Pocahontas spielen könnte, und setzt sich auf den Platz der Dicken. Schlank, mit dem Gesichtsschnitt einer Blackfoot-Indianerin, kindlich zarte Hände, makellos hellbraune Haut. Eine Bluse mit traditionellem Muster, die an den Schultern im Ausschnitt Haut sehen läßt. Das soll anscheinend nicht sein, denn nachdem Vanesa eingestiegen war, zog sie hier schwarze Gardinen zu. In ihre zierlichen Leinen-Schuhe sind Goldfäden eingewebt.
Kurz bevor diese indianische Schönheit aussteigt, fragt sie – ohne mich anzusehen – mit einem kurzen Nicken des Kopfes in Richtung meiner Armbanduhr:
„Opa, wie spät ist es?“
DAS war hart.
Als ich nach Hause komme, ist niemand anwesend außer einem großen Graureiher, der sich elegant in die Luft schwingt und zwischen meinen Dschungel-Bäumen verschwindet.

Die Hand aufem Obaschenkel

raahfond

Kannste dir vorstellen, daß von Airmadidi bis Manado – so etwa ne halbe Stunde – eina neben dir im Mikro sitzt, dende ganich kennst, und er hat seine Hand auf deinem Obaschenkel? Ich mein, wenns ne Frau gewesen wär, tät ich mich nich unbedingt beklagen tun. Aba n Mann? So von Pädagoge zu Pädagoge? Hat der das auch mit seinen Schülern gemacht, bevor er pensioniert wurde? Wie soll man da reagieren? Ihn aus dem Bus stoßen? Die Tür bleibt ja imma offen. Aba hier iss das ganz normal und passiert mir nich zum ersten Mal. Sie fummeln einfach gerne, diese Wilden, und es hat nich die Bedeutung wie in D. Iss aba soo klebrich! Ich hasse das, auch das Ausgefragtwerden. Ich will einfach nur mein erschöpftes Hirn leerfahrn und in der Menge untatauchen. Doch diesmal hattich keine Chance.
Zuerst son Getuschel von hinta mir mit meinem Nebenmann, ob der mich kennen würde und so. Ich hab latürnich ganix gehört. Dann, als der Nebensitzer ausgestiegen, deuchtete mir gleich: Jetz kommta. Und denn kam er, und setze sich neben mich. Kurze Kunst-Pause, und denn gings los: Ob ich Indonesisch spräche? Woher? Wie lange? Wohnort? Wie alt? Reljons-Zugehörichkeit? Frau, Kinda? So das Übliche. Und denn lag auch schon seine Hand imma wieda und imma länga auf meinem Obaschenkel. Gerade hätter noch zu Gott um einen Freund gebetet, und schon hätter mich getroffen. Das wär doch schön. Ich finde das ganich in Ordnung. Gott hätt mich ja wenigstens ersma fragen können. Er auch pensionierter Lehrer und vielleicht wenich älter aba verbrauchta als ich. Daß ich Buddhist bin, fand er ganz in Ordnung, obwohl ich ja zuhause beten müsse, weils keinen Zen-Buddhismus auf Nordsulawesi gibt. Sowas kann ich nur empfehlen, daß man ne Reljon ausübt, die gerade vor Ort nich angeboten wird. Iss viel billiga. Man brauch keine hochhackigen Schuhe, um inne Kirche zu stöckeln, keine Fahrtkosten, keine Kirchen-Steuer, keine Spenden. Nur Räuchastäbchen, die ja sowieso zu jedem ordentlichen Haushalt gehörn, mit denen man Tag und Nacht das heilige Zen anbetet. Ich konnte sogar Fahrtkosten in Höhe von ~14Cent durch diese neue Bekanntschaft einsparen: Von Airmadidi bis Paal Dua hat er für mich bezahlt (6000Rupiah). Das iss auch sone nationale Unsitte. Von Paal Dua (Vorort von Manado) bis Manado Innenstadt (4000Rupiah) wollta ebenfalls bezahlen, bin ich ihm aba zuvorgekommen. Jedenfalls willa mich auf jeden Fall besuchen und hat sich gleich meine Telefon-Numma geben lassen. Dazu hab ich ihm mein HP gezeigt, weil ich die nich im Gehirn mit mir rumtrage. Denn hatta mich gleich angerufen, und ich hab gesacht, daß ich seine Numma gespeichert hätte, obwohl ich ganich weiß, wie das geht. Er will mich anrufen, bevor er kommt. Kanner ruhich. Mein HP iss nur an, wennich damit fotographiere. Außadem happich auch gakeine pulsa mehr drin, weil da imma sone Nachrichten reinkommen, die ich ganich brauche. Aba man kann sicha sein, daß diesa klebriche Pädagoge irgendwann im Lorong Jerman vorm Tor steht, weil mich hier jeda findet, da ich so auffällich bin.
Schlimm wa auch, wie mein linkes Bein schmerzte, als ich in Manado aus dem Bus stieg. Da bin ich dann so zum Hafen gehumpelt, daß mir die Schuhverkäufa gleich neue Schuhe angeboten ham, weil sie dachten es läge an den Schuhen. Dabei happich gerade die Sohlen wieda angeklebt. Ich mußte mich wien alta Mann ab und zu hinsetzen. Da hat mich wohl wieda ne Zebra-Mücke angetigert. Als ich mich auf dem Rückweg in meinem Dorf vor Schmerzen auf den Rand eines Blumentopfs setzte, fragte mich gleich eine halb varückte, pensionierte Lehrerin, was mir denn fehle. Die Jugend, hättich antworten solln, aba dafür warn wieda nich genuch Vokabeln vorhanden. Jedenfalls wirkte die Hand von dem klebrichen Lehrer deutlich nich heilend auf mein Bein sondern ging mir noch mehr auf die Nerven.
Und als ich im Mikro von Manado Innenstadt nach Paal Dua aus einer kleinen Plastik-Flasche Sojamilch trinken wollte, ging das nich, weil die Decke zu niedrich war.