Blutspuren

hundeblut

Nein, diesmal nich von mir. Zwar verletze ich mich draußen bei der Arbeit immer wieder, und auch das depressive Gefühl, daß ich mein neues Leben lieber abkürzen sollte, stellt sich wiederholt ein, doch dieses Blut in meiner Pendopo stammt von einem angeschossenen Hund.
Wenn es Tage gibt, wo alles geradezu beklemmend friedlich und ruhich iss, so muß dann auch mal wieder der Wahnsinn offen ausbrechen. Das isso bei den Wilden. Schon morgens wird in der Nachbarschaft „Happy birthday!“ gesungen, wahrscheinlich inzwischen von Afghanistan bis Mali. Die Frau des stellvertretenden Regierungs-Präsidenten hat Geburtstag. Ich weiß nich, wer korrupter iss, ihr Mann oder seine Chefin. Die hat jedenfalls schon gesessen. Das iss ganz normal in einer Gesellschaft, in der jeder jeden betrügt. Sie singen also wieder wie die Blöden, aber ob es an meinen Aktionen liegt oder doch ein gewisser allgemeiner Trend – weil es ja beim Telephonieren stört – jedenfalls sind die Wilden nich mehr SO laut. Ich weiß auch nich, ob der Assistent des stellvertretenden Regierungspräsidenten der gleiche iss, der mich ma umbringen wollte, weil ich die Polizei zu der Krachparty seines Bosses geschickt hatte, dessen Vater Om Jakob mich im 1. Wasserkrieg auch umzubringen drohte. Jedenfalls schießt der Assistent am Nachmittag mit seinem Trommelrevolver auf meinem Grundstück rum, und nach 4 Fangschüssen mit maximal Kaliber 22 in unmittelbarer Nähe meiner 2 neuen Ziegen iss der Hund endlich tot. Das wäre dem Schützen bei mir mit Kaliber 22 sicher auch nich auf Anhieb gelungen. Der Hund sollte zur Ernährung der Gäste der Frau des stellvertretenden Regierungspräsidenten geschlachtet werden, hatte es jedoch vorgezogen, abzuziehen und sich angeschossen in die Pendopo geflüchtet. Von da aus schwankte er in meinen Dschungel, verfolgt von mehreren Wilden, die unter dem Stacheldraht reinkrochen. Männer auf der Jagd. Wie die Wahnsinnigen, nich zu bremsen, im deutschen Moor ebenso wie auf Sulawesi. Nach vollendetem Mord schiebt sich der Assistent den Revolver hinten in die Hose und reicht mir die Hand zur Entschuldigung. Eben doch zivilisiert. Ich muß gestehn, daß ich über solche Ereignisse imma so verblüfft bin, daß ich erst hinterher, wenn alles vorbei iss, Flashback-Visionen krich, in denen ich diese Lumpen angreife. Bessa nich! Man braucht dazu die Staatsbürgerschaft!
Ich hab dann einen Schlafplatz auf der der Party abgewandten Seite gewählt. 4 Schlaf-Plätze in 4 Himmels-Richtungen auf 2 Ebenen besitze ich inzwischen. So läßt sich umzingelnde Unkultur aushalten. Außerdem höre ich auch nich mehr so gut. Danach wischte ich das Blut auf. Als ob ich nich schon genuch im Haushalt zu wischen hätte. Übrigens war er nich richtich schwarz, der Hund. Die schwarzen sollen ja am besten schmecken. Aber ein gebratener stellvertretender Regierungspräsident am Spieß hätte auch seinen Reiz – sofern er nich zu cholesterinhaltich iss, und die permanente Korruption den Geschmack verfälscht.
Und die schlitzohrige Aufkäuferin, die meinen Eßtisch und die Stühle kaufte (Was soll ein Eremit mit 6 Stühlen?), bemerkte, daß es trotz des Blutes auf dem Fußboden bei mir wie im Hotel sei. Stilvoll und schön meinte sie damit. Doch beim Bezahlen legte sie zuerst „versehentlich“ ein paar Scheine zu wenich auf den Tisch. Diesen Trick habe ich erst in Indonesien kennengelernt – am Bankschalter! Beim Verladen der Möbel auf einen Klein-Laster, dessen Ladefläche nur wenich größer als der Tisch war, kam wieda die Überlegenheit der weißen Rasse zum Ausbruch. Wie transportiert man die 7 Möbelstücke ohne Kratzer? Ganz einfach: Man stellt zuerst die Stühle auf und senkt den Tisch von oben darüber. Schließlich bindet man die ganze Gruppe zusammen. Wenn sich dann der Fahrer noch aus den Möbeln befreien kann, geht’s los. Vorausschauendes Denken!

Entenhausener Buddhismus

Meditation

… „Viel zu kurz, Ihre Opa-Geschichte“, beschwerte sich der Alte. „Was wurde denn aus Ihrem Groβvater?“
„Legationssekretär van Rausch nannte ihn einen Träumer und belehrte ihn dahingehend, daβ er selber älter wäre, diese traurige Welt besser als mein Groβvater kenne und daher wüβte, daβ solche Gefühle keinen Bestand hätten. Deshalb empfahl er ihm, den Gedanken aufzugeben, sich in die Südsee zurückzuziehen.“
„Und das tat er?“
„Er kehrte mit der Forschungsgruppe nach Deutschland zurück, weigerte sich fortan zu fotografieren und lieβ sich zum Postbeamten umschulen.“
„Alles erschtungn un erlogn – aba viel Äktschn“, lallte der Belanda – der saguer zeigte Wirkung – „wir solln uns jez bessa ssur Ruhe begebn!“
Er führte mich schwankend zu einem durchbrochen geschnitzten, Lotospflanzen darstellenden Holzrahmen mit kreisrunder Öffnung, und durch diese hindurch traten wir in den Vorraum zu einem geräumigen Alkoven, auf dessen erhöhtem, mit Matten bedecktem Bretterboden eine kapok-Matratze, ein sarong zum Zudecken und eine „dutch wife“ lagen.
„Hier könn Ssie schlafn.“
Im Vorraum, dem Alkoven gegenüber, war vor einer mit Goldfolie beklebten Wand ein schmaler, mit edlen Batiktüchern verhüllter Tisch aufgestellt, auf dem sich, neben zwei Kerzenleuchtern und einem bronzenen Räuchergefäβ, eine Vielzahl von unterschiedlich groβen Figuren und in ihrer Mitte eine gröβere, farbige, aus Porzellan befand. Diese stellte – mit geschlossenen Augen in Meditationshaltung sitzend – Donald Duck dar. Über ihm glühte eine rote Birne auf der goldenen Wand, und vor ihm standen ein blauweiβes Schälchen mit Reiskörnern und ein Schnapsglas mit einer braunen Flüssigkeit.
„Wassis das für eine Reljon?“ fragte ich verblüfft.
„Entenhausener Buddhismus.“
„Un disse rodn Niern da?“ Ich wies auf zwei karminrote, nierenförmige Holzstücke, die auf einer Seite rundplastisch und auf der Unterseite flach gearbeitet waren.
„Orakelhölzer. Wünschn Ssie sich was! Anner Art, wie ssie falln, weiβ man ob’s klappt.“
Nach kurzer Überlegung meines trunkenen Hirns wünschte ich mir, meinen Ort zu finden, und ich warf die Holzstücke auf den Boden des Alkovens. Beide landeten auf ihren runden Seiten und wackelten noch eine Weile.
„Dasch Orakel lach Ssie aus. – Gude Nach!“ Er öffnete die Schiebetür zum Innenhof und verschwand im gegenüberliegenden Pavillon.

Am nächsten Morgen wurde ich von Sonnenstrahlen geweckt, die durch das groβe, kreisrunde Fenster hinter mir in den Alkoven fielen und diesen schnell aufheizten. Ich vernahm Musik, die von einer javanischen Geige zu stammen schien. Neben mir gewahrte ich die zwei Orakelhölzer, die sich immer noch über mich lustig machten …

aus „Unter Hundefressern“, VIII. Doppelt belichtet

Foto: Yanto Dobat