Lebenslänglich

ktp

Ich hab jetz lebenslänglich (SEUMUR HIDUP). Das iss sehr beruhigend. Nur, wer da aus meinem neuen Ausweis rauskuckt, kann ich nich mit Sicherheit feststellen. Ich erinnere mich noch, wie mich eine Standesbeamtin fotographierte. Weitgehend ohne Licht. Dazu iss ja der Blitz da. Dann hatse mich wohl ins Format gequetscht. Man zoomt nich sondern quetscht, bis es paßt. Ich seh aus, als ob mir gerade jemand gesacht hat, meine Frau hätte unsere Hauspapiere heimlich verpfändet. Na ja, nu bin ich Indonesier. War ein langer und schwieriger Wech. Was ich allein an Wartezeiten in Behörden verbracht hab, iss schon viel Leben. Selbst beim letzten Mal im Standesamt Airmadidi spürte ich noch diese unangenehme Anspannung, wenn meine Existenz von der Unterschrift eines mehr oder weniger korrupten, oder auch einfach unfähigen Beamten abhing. Und immer stand die Zukunft auf dem Spiel. Das kannte ich aus D ganich. Vor mir am Tresen ein älterer Mann aus Kema, der so begriffsstutzich war, daß die mit mir Wartenden schon zu lachen anfingen und ihn verspotteten. Neben mir saß ein nervöser Zwerg aus Tontalete, dessen Kopf sich zwar fast in meiner Höhe befand, als er aufstand jedoch kaum höher.
Die Blutgruppe ist mit :- gekennzeichnet. Die kennt hier niemand. Ich schon, aber es hat mich keiner gefragt. Blutspender-Ausweise sind eine Sensation. Nachdem ich einmal die hygienischen Verhältnisse erfahren hab, spende ich nich mehr. Auch gips dabei keine Privatspähre. Die Wilden würden um mich rumstehn, wie ich liegend den Blut-Beutel fülle, und mich mit ihren Handfönen telephonieren. Wichtiger als die Blutgruppe iss allemal die Relijon: BUDHA. So weiß man gleich, was man mit mir machen muß, wenn mein lebenslänglich abgelaufen iss. Ja was? Räucherstäbchen anzünden?
Als ich die Karte hatte und hinten auf einem Motorrad ohne Helm (der Fahrer auch) den Vulkan Klabat zum Bus-Terminal runtersauste, fühlte ich mich ganz leicht.
Derweil hielt in meinem Dorf ein Polizei-LKW an der Kreuzung, mit Maschinen-Pistolen bewaffnete Polizistinnen sprangen raus und stoppten alle Motorrad-Fahrer ohne Helm. Das iss nämlich verboten und kostet was.
Und während ich dies schrieb, vibrierte mein PC-Tisch vom Party-Monster-Baß meiner juristisch vorgebildeten Nachbarin – der Leiterin des Standesamtes Airmadidi. Natürlich steht sie als höhere Beamtin weit über irgendwelchen polizeilichen Bestimmungen über die Länge dieses Terrors.
Kranke Gesellschaft.
Lebenslänglich.

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Spotlight

family

„Do not wish to be anything but you are and try to be that perfectly.“
St. Francis de Sales, Patron der GEHÖRLOSEN (Aufkleber im mikro; Fahrer offensichtlich gehörlos)

Im Jahre 2002 wurden 249 Priester und Brüder der Erzdiözese Boston des sexuellen Mißbrauchs von mehr als 1000 Opfern öffentlich beschuldigt. Im Dezember des Jahres trat Kardinal Law zurück und wurde statdessen in einer der bedeutendsten katholischen Kirche eingesetzt, Basilika Santa Maria Maggiore in Rom. Weitere Mißbrauchsfälle gab es in 108 amerikanischen Städten und in 34 Städten der katholischen Welt, u.a. in Berlin und München.
SPOTLIGHT, 2015

„Was braucht es, damit eine Organisation als kriminell gilt? Eine Organisation, in der 40 Prozent aller Mitglieder Kinder vergewaltigen und mißbrauchen – ich denke, die gilt ganz klar als kriminell.“
Andrew Collins, australisches Opfer der katholischen Kirche.

Als das deutsche Bistum mit den auffälligsten Verschleierungsversuchen gilt Hildesheim.

A Te Em

verwahrlost

Manche meinen, in meinem Dorf leben besonders Primitive. Ich vermute das auch, kann es aber nicht endgültig beurteilen. Doch den Zustand des Häuschens an der Kreuzung, in dem sich 3 ATM-Maschinen befinden, habe ich bisher so noch nirgendwo gesehen. Schon die Glastür ist kaputt und immer offen. Deshalb wirkt auch die Klima-Anlage nicht, und es ist innen immer schön warm wie im Gewächshaus. Wenn die Sonne draufscheint, erkennt man auf dem Bildschirm nichts mehr. Ein Automat schon verschwunden. Vielleicht war ihm zu heiß.
Der meiner Bank fraß neulich meine Karte – und dann nichts mehr. Ich wartete eine Weile, fing an, auf dem Ding rumzutrommeln – keine Reaktion. Dann bemerkte ich einen Schlitz zwischen dem rausziehbaren Oberteil und dem dazu gehörenden Sicherheits-Schloß. Also zog ich das ganze Oberteil auf seinen Gleitschienen raus und bekam Einblick ins Innere. Dort lag eine Diskette, ich sah die Quittungsrolle und einen USB-Anschluß mit Stecker. Daran hätte ich mich eventuell anschließen können. Ferner gab es ein grünes Rad, an dem ich rumdrehte, und einige aufklappbare Kleinteile, die mich jedoch nicht näher an meine verschluckte Karte brachten. Auch fand ich kein Geld. Ich schob also das Oberteil wieder in seine korrekte Position und ging Einkaufen. Danach inspizierte ich den Kasten nochmal und fand meine Karte einsam im Schlitz ruhen. Die Entdeckung teilte ich meiner Bank per Email mit, die wahrscheinlich irgendwo in Jakarta verdunstete. Anrufen konnte ich die dafür vorgesehene Nummer nicht, weil ich kein hape mehr besitze.
Das war am Freitag. Am Montag sah ich, daß die Maschine wieder oder immer noch tot war, und öffnete gleich das Oberteil. Eine grüne Diode zeigte: „Power on“. Statt der Diskette lag jetzt ein Schlüsselbund im Inneren mit zahlreichen Spezialschlüsseln. Ich überlegte einen Moment, ob ich damit eventuell das Geldfach öffnen könnte, fühlte mich jedoch durch eine Kamera an der Decke beobachtet. Unwahrscheinlich, daß die Kamera funktioniert, doch fuhr ich lieber zur Bank in Airmadidi, um Geld zu holen, und erzählte dort dem Wachmann meine Erlebnisse. Der bekam große Augen und wollte die Angelegenheit weiterleiten.
Ich mußte an selbstfahrende Autos denken und an die 28 Mal, mit denen Windows zur Zeit vergeblich appzudäten versucht.
Oder an schnellrostende Brotmaschinen aus chinesischem Edelstahl.

hebelwirkung

Artwork aus „Machinarium