Nie allein

flucht

„Ich mache mir keine Sorgen mehr, daß ich verlieren könnte, weil ich sowieso alles verlieren werde.“
Janwillem van de Wetering, „Ein Blick ins Nichts“

Ich lebe nicht allein. Ein junger, lächerlich proportionierter Reiher besucht mich täglich. Er hat es mit seinem Dolch auf die Barsche in den Teichen abgesehen, die mein Haus umgeben. Wenn er mich bemerkt, hebt er mit langsamen, aber kräftigen Flügelschlägen ab und verschwindet in meinem Dschungel. Kommt jedoch immer laut krächzend wieder, manchmal mehrmals am Tag, kackt auf meine Veranda, empört sich mit gesträubtem Kopfgefieder über sein Spiegelbild in den Glasscheiben und sticht so zu, daß es rumst. Zwischendurch sitzt er ganz oben in einer Baumkrone und betrachtet periskopisch den Pazifik.

topreiher

Ob und wann hier alles durch die Eisenbahn-Terror-Trasse zerstört wird, ist wieder völlig offen. Markierungen gibt es dafür inzwischen schon 4 mit einer Abweichung von bis zu 100m. Da die zuständigen Regierungs-Stellen ihre Haushalts-Gelder nicht rechtzeitig abgerufen haben, müssen sie nun auf erneute Bewilligung warten. Außerdem ist auch hier angeblich ein Mitarbeiter während der landesweiten Monster-Wahl an Überarbeitung gestorben, was leicht passieren kann, wenn man das Arbeiten in diesem Klima nicht gewohnt ist, sondern hauptsächlich in klimatisierten Räumen auf seinem Touchscreen rumschmiert. Die Polizei warne vor dem Besuch der Malls in den großen Städten, weil Selbstmord-Attentäter für ~375EUR Aufwands-Entschädigung unterwegs seien. Doch eher handelt es sich dabei wieder um Fake-News aus den „getrennten Echo-Kammern“ (Applebaum), weshalb die indonesische Regierung jene teilweise gesperrt hat. Seitdem läuft das Internet wieder. Wie Kinder besitzen die Wilden einfach keine rationalen Filter für das, was wahr oder erfunden ist, und die HP’s beschleunigen die Gerüchte-Tsunamis gewaltig. Da werden vermeintlich gigantische Umsätze mit teleskopartig ausziehbaren Samurai-Schwertern erzielt, die ausgerechnet noch in Nordsulawesi übrig geblieben seien, die WHO suche für viel Geld gegen Radioaktivität immune Eidechsen, und keine Bullshit-Nachricht ist dumm genug, daß sich nicht ein Minahasa findet, der sie glaubt. Das war in der Zeitungs-Ära nicht anders, wo auch über die neusten Jesus-Erscheinungen berichtet wurde, aber es funktionierte nicht so fix.
Ich wühle statt dessen täglich im realen Schlamm. Nachdem Diebe meine letzten Ziegen gestohlen und vergiftet haben, bleibt mir nur noch der genügsame Bock, für den ich nicht mehr viel Gras schneiden muß. Während einer Arbeitspause setzte sich eine schwarze Jungfer auf meine Hand. Sie besaß knallgelbe Augen, die sie sich eifrig putzte. Als ich sie mit meinem Zeigefinger anstubste, erklomm sie jenen. Da ging ich mit ihr wieder in den Schlamm und streifte sie auf den Ast eines Busches. Doch flog sie mir von da aus auf die Schulter. Da happich einfach weitergearbeitet. Ich laß mich doch von sowas ganich irritieren.
Neulich, als ich vom Einkaufen kam, sah ich 2 weiße Hühner vor mir den Lorong Jerman hintereinander kreuzen. Es war jedoch nur 1. Ich brauch ne neue Brille!
Für alle Fälle habe ich schon ein letztes Refugium in etwa 200m Entfernung entworfen, aber ob ich das noch schaffe, weiß ich nicht. 2 Jahre würde ich mindestens dafür brauchen. Ich bin fast 71, und mein Vater starb mit 76, aber der arbeitete nicht körperlich, war herzkrank und hat sich über die Dummheit seiner 2. Frau und deren Sippe totgeärgert.

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Die Stelle zwischen den Hörnern

fensterbock

Als Günter mir erzählte, daß er Kontakt zu meiner ersten großen Liebe hätte, und sie ganz in seiner Nähe wohne, interessierte mich das sehr. Günter hatte in einer Band gespielt, und wir tanzten in spießigen Gaststätten in Hildesheim zu deren Musik. Damals gab es noch kaum Discos, denn die Rock-Musik war mit den Beatles gerade erst auf ihrem Höhepunkt angelangt und wurde überall restriktiv behandelt. Später als Kunst-Student traf ich Günter in Hannover wieder, wo ich in seinem Zimmer auch mein erstes LSD schluckte, wobei er mich zusammen mit seinen Kumpeln interessiert und lachend beobachtete. Als ihn später meine Ex besuchte, kam ich dazu. Wir saßen auf Günters Bett, sie in der Mitte, sie senkte die Stirn, und ich streichelte ihre erogene Stelle, die sie sich extra ausrasiert hatte: Wie bei meinen Ziegen genau zwischen den Hörnern. Die andere befindet sich an der Ziegen-Schulter. Kratzt man sie da, lehnen sie sich der Hand entgegen. Meine Ex hatte mir erklärt, daß ihr immer ganz anders würde, wenn man sie an jener Stelle streichele. Dazu sangen Simon und Furunkel „Ein Geier fliecht vorbei“, und es wurde ihr ganz anders. Für Günter war das nicht so gut, weil er sich den Abend anders vorgestellt hatte. Schon damals wurde mir klar, daß Fraun irgendwie anders sind. Ein Leben lang diese Stelle zu streicheln, hätte ich auf keinen Fall ausgehalten. Schon ihr früheres Ansinnen, ein Kind von mir zu bekommen, bevor ich nach Vietnam müßte, entsetzte mich. Dagegen wär ich durchaus an Vietnam interessiert gewesen. Damals wußte ja noch niemand, was wirklich ablief. Nur das dort „unsere Freiheit“ verteidigt wurde, wie heute in Mali. Heutzutage ist allgemein bekannt, was das für ein Unsinn ist, aber es finden sich trotzdem Idioten, die dort hinwollen. Zuhause bei meiner Ex kamen wir uns dann noch näher – doch letztendlich mit gewissem Vorbehalt ihrerseits, denn sie war gerade dabei, einen Baron zu ehelichen, der mir echt leid tat, denn ihm wurden von dieser Nymphomanin schon vor der Ehe Hörner aufgesetzt.

Übrigens stammt das Gelbe auf der Nase des Bocks von der Pisse meiner Mutta-Ziege. Er ist ein begeisterter Pisse-Trinker. Wahrscheinlich Hindu. Danach streckt er immer den Kopf in die Höhe und stülpt die Lippen nach außen – was total lächerlich aussieht, und ich nicht deuten kann.

Villa Schlangennest

gestohlen

Wenn man morgens als erstes feststellt, daß wieder eine Ziege gestohlen wurde, ist der Tag schon im Eimer. Sowas trifft mich persönlich, weil ich eine emotionale Beziehung zu meinen Ziegen habe. 8 Tage war dieses hübsche Böckchen alt, zu jung, um sich selbst zu ernähren. Die Wilden behaupten, daß es von einer Python verschluckt wurde. Von wegen! Die einzige Python, die ich hier in 18 Jahren gesehen hab, war eine mittelgroße voller Ratten, die Ahmad versehentlich motorgesenst hatte. Die größeren findet man allenfalls in Stücken auf dem Markt. Wenn es jemals eine in meine von Umweltzerstörern umzingelte Wildnis geschafft hätte, wäre ich über sie gestolpert oder hätte sie wenigstens gerochen. Dagegen sind junge Böcke heiß begehrt von Muslimen, die sie für ihre widerwärtigen Rituale unbedingt brauchen. Außerdem wird hier ALLES geklaut. Die Menge der Kriminalität verhält sich direkt proportional zur Anzahl der Gebete. Gerade habe ich eine vergammelte Bambus-Leiter von einem Fruchtbaum abgerissen, die sich Diebe zum bequemeren Besteigen konstruiert hatten. Mein Bauunternehmer sagt, sowas tun Faule, die nicht arbeiten wollen. Wer fleißig ist, hat genug zu essen.

Auch mit der Zuordnung der Schlangen hapert es. Bei der „2-Kopf„-Schlange, die beim Fundament-Ausgraben aufgetaucht ist, handelt es sich nicht um eine frisch geschlüpfte Python, sondern eine sehr sonderbare, die mit ihrem Schwanz den Kopf vortäuscht, während der eigentliche eher wie abgehackt und vernarbt wirkt. Augen sind überhaupt nicht feststellbar. Es gibt tatsächlich Schlangen-Mutationen mit gegabeltem Doppelkopf, habe ich hier jedoch noch nicht gesehen. Wie die Koordinierung beim Zubeißen funktioniert, wäre interessant. Am schlimmsten sind jedoch die zweibeinigen Schlangen.

scheinkopf