Geh doch nach drüben!

Alexander-Aan

Da mußte ich also mal wieder abdanken. Nicht weil ich meine Quellen nicht angegeben hatte, sondern eher zu viele. Für amerikanische und englische „Expats“ zählten im Internet-Forum „Expat-Blog“ meine 13jährige Erfahrung, meine konkreten Beispiele und Statistik-Links nicht. Zu den Themen: „Indonesia in expats eyes“ und „5 good reasons for living in Indonesia“ erschienen so grotesk naive Kommentare, daß ich fälschlicherweise glaubte, mal einige meiner andersartigen Erlebnisse beisteuern zu müssen. Manche fanden die geringe Kriminalität ganz toll, einer hatte schon längere Zeit kein Besäufnis mehr gesehen, die Regierung seie gut und tüchtig, überhaupt die Menschen so freundlich, und eigentlich sei es ein „gesegnetes“ Land. Das erklärt allerdings nicht, warum so viele da rauswollen. Ich fragte also zunächst mal vorsichtig an, ob man keine Zeitung lese oder fernsehe. Was unwahrscheinlich ist, denn die meisten Ausländer befinden sich in Jakarta und Bali. Das ist so, als ob man behauptet, es gäbe in Europa keinen Stierkampf, weil man in Berlin lebt. Tatsächlich hatte niemand der Diskutanten eine weitere Sicht als 1 Frosch im Brunnen. Trotzdem war ihnen sofort klar, daß ich Indonesien hasse, unglücklich bin, und sie verstanden nicht, warum überhaupt noch hier. „Love it or leave it!“ Definitiv und mit Überzeugung vorgetragen. Einem Amerikaner, der 2 Jahre länger als ich in Indonesien (Bali) lebt, erkannte gleich, daß ich ein Nazi sei: „I pray to God“, daß Anschauungen wie meine nicht wiederaufkämen. U.a. hatte ich die politisch unkorrekte Bezeichnung „3.Welt“ benutzt anstatt „G20“. Ich erlaube mir, über solch ein albernes Label keine näheren Informationen zu haben, da ohne Bedeutung für meine Lebens-Wirklichkeit. Eigenartig war, daß dieser Amerikaner, dessen Beruf nur vage mit „Berater“ angegeben war, der nichts über Ost-Indonesien oder Deutschland wußte, aber trotzdem darüber Urteile abgab, den Drang verspürte, mich so beleidigend anzugreifen (irrational, Neokolonialist), daß sogar die „Expat“-Redaktion seine Kommentare löschte – und meine Antworten gleich mit. Die international gebräuchliche Methode, einen Deutschen abzukanzeln, ist nun mal, ihn als Nazi einzustufen. Schließlich weiß man, was wir mit unseren Negern, Indianern, Chinesen und Indern gemacht haben. Als besonders unangenehm empfand ich auch seine Bemerkung, die vielen Betrügereien, die ich erlebt hätte, könnten ja nicht so extrem gewesen sein, da ich nicht ruiniert sei. Ein Beispiel dafür, wie bei perfekter Anpassung an die hiesigen Verhältnisse das Wertgefühl erodiert. Auch würde ich mit meiner Kritik das indonesische Volk beleidigen. Was ich mir noch von einem Indonesier sagen ließe, aber nicht von einem konvertierten Amerikaner. Konvertiten sind ja meist die 150%ig Angepaßten, weil sie sich und ihrer Umwelt ständig beweisen müssen, daß sie nun richtig orientiert sind.
Die sich bis zum Mobbing steigernde Aggressivität in dieser „Community“, die mehrmals von der Redaktion zur Freundlichkeit aufgefordert wurde, kann ich mir nur so erklären:
– Ausländer leben in Indonesien oft in ihrem persönlichen Disneyland und wollen dabei nicht gestört werden.
– Manche posieren als „Experten“. Weist ihnen jemand öffentlich nach, wie begrenzt und unrealistisch ihr Wissen über Indonesien ist, laufen sie Amok (was sich nicht wesentlich von indonesischen Reaktionen unterscheidet).
– Auswanderer (besonders Missionare) erreichen in Indonesien oft eine gesellschaftliche Position, wie sie ihnen in ihren Heimatländern unmöglich ist. Diese wollen sie nicht gefährden und transformieren ihre Feigheit in Philosophie. Denn Grund zur Sorge muß man in diesem gesegneten Land nach wie vor haben. Mit der falschen Meinung landet man schnell im Gefängnis.

Als ich 1991 bei der Eröffnung des World Trade Center in Bremen eine Ausstellung in den Räumen der indonesischen Firma „Asia Permai“ (wunderschönes Asien) zeigte, die von einer deutschen Managerin geleitet wurde, die danach wegen der Unfähigkeit und Arroganz ihrer Vorgesetzten in Jakarta kündigte, arbeitete dort auch ein Indonesier als ihr Kontrolleur. Jenen befragte meine Frau, ob er wisse, wie sie die indonesische Staatsbürgerschaft wiederbekommen könne. Das sei sehr schwierig, antwortete er, weil das Aufgeben der indonesischen Staatsbürgerschaft eine Beleidigung der Nation wäre. Das hat sich zwar nicht bewahrheitet, ist aber ein typisches Beispiel für die Denkweise. Oft stößt man bei Indonesiern auf tiefsitzende Minderwertigkeits-Gefühle. Seit dem Sturz Suhartos sind die Medien übervoll damit, was in Indonesien alles schiefläuft, doch WEHE, ein Ausländer spricht das aus. Dann erlebt man plötzlich den ausländer-feindlichen Indonesier. Während ich noch in D Indonesien gegenüber jenen verteidigt habe, die entsetzt waren, daß ich in ein solches Land auswandern wollte, hat sich die Situation nun eher umgekehrt: Ich kläre die über die Wirklichkeit auf, die meine Situation für eine paradiesische halten.
Und man muß doch nicht Hegel studiert haben, um zu wissen, daß These und Antithese ZUSAMMEN eventuell eine erkenntnisreichere Synthese ergeben. „Geh doch nach drüben, wenn es Dir hier nicht gefällt!“ Diesen Spruch unpolitischer Schrumpf-Köpfe habe ich schon 1968 gehaßt, weil er die Möglichkeit der Veränderung ausschließt. Bin ich unglücklich, weil ich über Verhältnisse reflektiere, die nicht perfekt sind? Was ist das überhaupt für ein Glück? Ein 24Std.-Gefühl, nur durch Schlaf unterbrochen, oder eins mit Kontrast, so daß man es überhaupt spürt? Einen meiner englischen Kritiker habe ich gefragt, was eigentlich die Realität seiner Indonesien-Liebe sei? Was tue er für das Land? Nichts. Ein DJ, der in Jakarta im „Entertainment“-Bereich Arbeit sucht. Ein Luftverschmutzer also, ideal für Indonesien mit seiner neuen Yamaha-Kultur. Wenn ich Indonesien verlasse, müssen die 4 Töchter meines Vorarbeiters, der früher nicht immer genug zu essen hatte, ihre Ausbildung abbrechen, denn ich finanziere sie.

Möglicherweise kann man morgens noch perfekter aufwachen als ich. Drehe ich den Kopf nur etwas, sehe ich einen fantastischen Sonnenaufgang über dem Pazifik. Und wenn ich gerade denke – WOW! – fangen die Lautsprecher von 3 protestantischen Kirchen an zu gröhlen. Ich HASSE das!

2 Gedanken zu „Geh doch nach drüben!

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