In der Klause

aeonrecluse

DAS Video hätte ich gern gesehen, doch sperrte sich mein Server gegen jede Wiedergabe von „Aeon“-Filmen, als ob es sich um Pornos handelte. Neuerdings ist auch Microsofts „Edge“ sowas zu kantich und irgendwie gefährlich. Wer weiß, um was für eine extravagante Programmierung es sich da handelt. Im Grunde ist mir eigentlich bekannt, worum es im Film gehen kann, denn ich praktiziere es selbst. Auf einer Veranda, die keiner deutschen Vorschrift entspricht und schon deshalb so gemütlich ist. Das Geländer wegen der besseren Aussicht um darüber hinweg zu stürzen, auch die Deckenbalken zu niedrig, kein Sicherheitsglas, keine ökologische Unbedenklichkeits-Bescheinigung für den Teich dadrunter, Baugenehmigung war ganich erforderlich.
Statt eines klobigen Sessels 3 mobile Schaumgummi-Kissen und ein verstellbarer japanischer Sitz-Klappmatismus, der jedem beinverschnörkelnden Yoga-Krampf entsagt. Der ebenso von mir entworfene und realisierte Dschungel drum herum scheint mir wesentlich aufregender zu sein als auf dem Titelbild. Mein bestes Kleidungsstück, ein nun zerschlissener Seiden-Kimono, wurde übrigens einst von meiner Frau erstellt, zu einer Zeit, als sie kreativ tätich war. Jetzt drückt sie nur noch Knöpfe.
„Ein glückliches Leben ist unmöglich, das Höchste, was der Mensch erreichen kann, ist ein heroischer Lebenslauf. Einen solchen führt der, welcher, in irgendeiner Art und Angelegenheit für das allen irgendwie zu Gute kommende, mit übergroßen Schwierigkeiten kämpft und am Ende siegt, dabei aber schlecht oder gar nicht gelohnt wird.“ Bescheiden war Schopenhauer nich, der stets eine geladene Pistole neben sein Bett legte. Mir hätte es gereicht, mit meiner Frau zusammen bis zum Lebensende in dieser Situation zu existieren, die ich komplett selbst entworfen und realisiert habe. Doch es geht auch anders. Im Tod sind wir sowieso allein, und der Schmerz ist überhaupt die eigentliche Realität im Leben. Je sensibler der Mensch, um so gesteigerter sein Schmerz-Empfinden. Der, dem die Not erspart bleibt, fängt an, sich zu langweilen. Die Hölle asynchronen Zusammenlebens ist konkret erfahrbar, himmlisches Glück bleibt vage.
Der Ausweg bestand für Schopenhauer in Ästhetik und Askese. Was für Genießer die japanischen Garten-Architekten der Zen-Klöster Kyotos waren, wird bei meditativer Betrachtung offenbar. Von wegen Askese. Doch befreit jene vom Leiden, das aus dem ruhelosen Streben nach dem immer Anderen entsteht. Auch hier ist das Ziel nur negativ zu beschreiben. Die Phantasien über das buddhistische Nirvana sind grotesk kitschig. Das Überwinden des Durstes führt jedenfalls zu einem erlösenden Gefühl von Freiheit, unabhängig vom juristisch-staatsbürgerlichen Status. Der Einsiedler ist sich selbst genug. Telephone müssen draußen bleiben. Ziegen dürfen rein.

recluse

In sich ruhen

zeit

Menjadi tuan dari diri sendiri …
dan mengatasi waktu.

Um selbständig ein In-sich-Ruhender zu werden, …
muß man die Zeit überwinden.

„Zen – Befreiung des Denkens“, Tsai Chih Chung & Koh Kok Kiang, 1991

„Tuan“ = Anrede „Herr“ oder „Chef“ paßt hier gar nicht. „Meister“ ist mir zu institutionalisiert, „Erleuchteter“ zu elektrisch-religiös. Wichtig ist das selbständige Erreichen des Zustands, den ich in diesem Jahr weitgehend verloren hab. So armselig „tuan“, „diri sendiri“ betont die Eigenverantwortung gleich doppelt. Ein wesentlicher Unterschied zu den entmündigenden Religionen.

sitzenderkl

Walking Meditation

walking

Nachdem ich am Morgen den Haupt-Wasserzulauf von Blättern und Müll gereinigt, die Verstopfung am Wehr beseitigt habe, die mir ein fürsorglicher Nachbar immer wieder reinbaut, der einfach ALLES Wasser haben möchte, kann ich mich ganz auf einen Gang zur Kreuzung konzentrieren. Wie beim Müllsammeln kommt es darauf an, völlich bei der Sache zu sein, etwas um seiner selbst Willen zu tun. Also zum Geldautomaten an der Kreuzung zu gehen, um dort meiner Frau 12Millionen Rupiah zu überweisen, damit sie ihren Goldschmuck im Pfandleihhaus auslösen kann. Dies sollte ganz ohne Zorn geschehen, obwohl ich mein Leben so geplant hab, daß ich Pfandleihhäuser nur aus dem Kino zu kennen bräuchte. Doch wenn man im richtigen Leben lebt, passiert eben auch Unerwartetes. „Be grateful to those who have abandoned you, for they have taught you to be independent.“
Ich ziehe also meine chinesischen Wanderschuhe aus Leinen an, von denen mir der rechte aufgrund irgendeiner chinesischen Pfuscherei schmerzend in die Hackensehne schneidet. Meine Wanderschuhe aus Philadelphia haben sich inzwischen leider aufgelöst, und man kann ja nich imma in Pennsylvania einkaufen. Begleiten lasse ich mich von den Gedanken des vietnamesischen Mönchs Thich Nhat Hanh: „When you practice walking meditation, take slow, relaxed and serene steps, with a half-smile on your face. You should step like the most leisurely and unpreoccupied person in the world. While taking such steps, let all worry and sadness fall away.“
Noch in der Einfahrt finde ich 2 gebrauchte Papier-Taschentücher, 1 Bierflaschen-Deckel und 1 verpackten Plastik-Saughalm. Hier hat unser letzter Fahrer seinen Wagen gereinigt. Ganz normal, daß man das auf dem Hof des Kunden tut. Lächeln!
Es geht nun bergauf, der Teer-Belag des „Deutschen Wegs“ bis auf den Schotter zerlegt, meine Wanderschuh-Sohlen stecken das locker wech, der Hackenschmerz läßt nach. Am Friedhof treffen wir auf den Wärter Om Nano, der den Lehm-Boden putzt, bis man auf ihm essen kann. Der nächste starke Regen trägt ihn dann wech – den Boden. Meine Frau fracht Om Nano, ob er vielleicht gesehen hätte, wer immer unsern Zufluß verstopft. Hat er nich. Stattdessen quäkt eine Ente, obwohl unsere Teiche schon ein Stück hinter uns liegen. Es iss jedoch die Ente in dem Handphone in der Tasche meiner Frau. Thich Nhat Hanh hat angeblich ma bemerkt, wie Würmer anfingen zu zittern und sich unta einem Blatt versteckten, als se den Ruf eines Vogels hörten. Manche glauben ja, diese buddhistischen Mönche wärn n bißchen doof, weilse die wissenschaftlich nachprüfbare Realität für Illusion halten und sich deshalb nich um Bildung kümmern.
An der Hauptstraße angelangt, gibt meine Frau auf, sucht Schatten und ein Motorrad-Taxi. Ich gehe meditierend weita. Neben der Straße gibt es keinen ebenen Platz für Fußgänger. Man muß sich so durchschlagen. Ne echte Herausforderung für den Körper. Die Wilden gehen einfach auf dem Asphalt, schon weilse keine Wanderschuhe besitzen. Dort sausen die Fahrzeuge SEHR knapp an einem vorbei, doch wird jeder Fahrer unbedingt vermeiden, einen Fußgänger zu berühren, schlingere jener auch noch so undiszipliniert herum.
Ich passiere Häuser, die wie Paläste aussehen, und solche wie Bruchbuden. Letztere oft auf sehr optimistischen Stelzen am Abgrund. Den Müll schmeißt man in denselben. So riecht es auch. Nachdem es jahrzehntelang nur den Markt gab, der zu eklich iss, um dort einzukaufen, gehe ich nun an einer Baustelle für den 3.Supermarkt vorbei. An der Bude des Nachtwächters brennt eine Energiespar-Lampe im grellen Sonnenlicht des Vormittags. Vorher passiere ich Gideon, den Rumsteher. Seit 15 Jahren sehe ich ihn rumstehen. Seine Beine sind schon ganz nach hinten durchgebogen. Anfangs folgte er mir überall, stand während der Bauzeit auf einem Hügel und beobachtete mich. Ich hätte ihn fast umgebracht. Als er auch noch anfing, Achmads Töchter zu belagern, hab ich ihn verjagt. Heute trägt er eine Art Rucksack, der aussieht wie das „Soft Pay-Telephone“ von Claes Oldenburg. Anscheinend aus Reissäcken genäht. Mit den Händen fingert er an merkwürdigen Gegenständen rum, die wie ein Objekt aus Bambus, Holz und Metall wirken. Manchmal trägt er auch Arbeits-Werkzeuge, die den falschen Eindruck vermitteln, er würde arbeiten. Gideon meditiert im Stehen und wartet auf Godot. Mit einem Seitenblick erkennt er mich und lächelt bescheiden. Na also!
Next time when you practice try this – let a lotus flower blossom under each footstep, just like a newborn Buddha.“ Stattdessen finde ich ein zermatschtes Küken. Vor dem „Rattenloch“ steigt gerade der leicht gestörte Verwandte Yantje vom Moped und hebt die Hand zum Gruß. An der Kreuzung in der heißen Glaskabine mit den 3 Geldautomaten, die oft leer sind, drängelt sich ein grinsender Sarotti-Mohr an mir vorbei, der meine Frau anscheinend kennt. Ich kenn ja keinen. Sie unterhalten sich kurz darüba, wer bei der anstehenden Wahl zu wählen sei. Die meisten bevorzugen Vorbestrafte. Wichtich iss nur, dasse Geld verteilen. Ruft mir ein Wilder „EUOHMISCHTARR!“ nach, versucht er Englisch zu sprechen.
Weiter passiert nix. Es lohnt also ganich, daßde weitaliest. Das iss nu ma der Sinn der Meditation, daßde nix erwartest, außer vielleicht aufem Rückweg vom Geldautomaten den verhinderten Dalang Joubert auf der anderen Straßenseite zu sehn, der diesmal nich vor dir auspuckt, sondern ganz heftich auf sein Handphone starrt, damit er dich nich grüßen muß. Du siehst sogar, wie sich die Fläche des Displays in seinem Gesicht spiegelt – und DAS sind die wirklich bedeutenden Beobachtungen, die dich weitabringen. Nich Wut oder Enttäuschung, die imma wieda dein Gehirn übafluten wollen. Thich Nhat Hanh schlägt sogar vor, wiede beim Gehen deinen Atem kontrollieren sollst. Wände n Rhythmus von 3-3 hast, und dabei imma vor dich hinmurmelst: „lo-tus blooms/lo-tus blooms“, kannste auch 2-3 atmen und murmeln: „lo-tus/lo-tus blooms“. Er hat denn noch Lösungen für 5-5, 5-6, 4-4 und 6-6, aba mir iss das alles zu kompliziert, und ich atme lieba automatisch.
Zurück geht es bergab. Da fühl ich mich schon fast wie nachem Satori. Die Millionen sind übawiesen, das Geld iss wech, es geht bergab, und alles wird leichta – da begegnet mir der Tod. Echt! Er erscheint in der Form des verwandten Yos. Yos, der einst den Mekong befahren hat, iss nur noch n Strich. Soga dünna als ich, der ich bald Hosenträger brauch. Immerhin geht er wieda zum Markt, nachdem er sich jahrelang nich mehr aus dem Haus getraut hat. Fast bis zum Skelett abgemagert. „The first and most basic thing a Buddhist should see is the presence of suffering.“ Wir begrüßen uns kurz, und dann biege ich wieda in den „Lorong Jerman“, wo mich relative Kühle und der besänftigende Anblick der von mir gepflanzten Bäume empfängt. Vorher grollt mich jedoch noch n Hund an. Bei einem ähnlichen Erlebnis hat Thich Nhat Hanh ma festgestellt, wie man nur lang genuch gehend zu meditieren bräuchte, denn würde der Hund sich beim nächsten Mal schon dran gewöhnen. Hier iss das anners. Eher iss n neuer Hund da, weil die Wilden den alten inzwischen aufgefressen ham.
Schließlich erreiche ich den Eingang zu meinem Tempel-Bezirk mit seinen chinesisch roten Torpfosten und dem grünen Gitter, dessen Spitzen imma wieda von verwirrten Wilden abgebrochen werden, und alles iss gut. „Be grateful to those who have hurt or harmed you, for they have reinforced your determination.“