Loser Schlaf

duenung

Nächtliche Blitze über dem Horizont verwandeln den Fenster-Ausschnitt in einen Blau-weiß-Fernseher.
Einsam dümpeln 2 Bügeleisen in der sanften Dünung des Pazifiks.
Begleitend trommelt der Wilde ein Nocturne von Chopin auf einer leeren Kokosnuß.

Rosa Puderquasten-Blüten sprenkeln über gefingert fallendem Grün.
Müde Schwalben rasten auf der Veranda, mich verständnislos betrachtend.
Um Dichter zu werden, muß du deine eigene Handschrift entziffern können.
Deshalb wird das hier nichts.
Und ich werfe meinen Anker aus an den Ufern der Wahnsinnigen.

Der Mensch ist verflucht

modellmeditation

„Als er begriff, daß er sehr krank war und sterben würde, begriff er auch, wie groß und mannigfaltig die Welt der Dinge ist und wie wenige davon in seiner Macht bleiben.“
Jurij Olescha (1899-1960), „Ljompa“

Die eigentliche Pest ist der Mensch. Er überzieht unseren Planeten wie ein wucherndes Krebsgeschwür. Sein massenhaftes Sterben – sofern es denn stattfände – würde mich weniger deprimieren als seine irrsinnige Vermehrung es tut.
Ich wuchs in Uelzen, Braunschweig und Hildesheim auf. In Braunschweig spielte ich noch in einer später überbauten Kriegsruine, in Hildesheim auf der Straße. Autos waren dort ebenso Sensationen wie Fernseher und Telephone. Heute parken Wagen links und rechts am Straßenrand. Abenteuer fand in einer als Bauland verkauften Gärtnerei statt. Blumen-Meere bunter Dahlien, später Brennessel-Dschungel, schließlich kasernenhafte Neubauten, die den Blick auf die Harz-Vorberge verstellten. Die Kinder spielen jetzt wahrscheinlich mit dem PC, denn zwischen den Häusern gibt es keinen halbwilden Raum mehr.
Nach einigen Jahren Großtadt Hannover und Braunschweig, in denen ich das Gruseln lernte, floh ich in die Westheide. Kaum war ich in einem gottverlassenen Moordorf angekommen, wurde es eingemeindet. Nachdem ich mir dort ein Fachwerk-Haus gebaut hatte, umzingelten es kreischende Gasbohr-Türme, danach zerstörte eine Pipeline das Moor endgültig.
Also floh ich nach Indonesien ins Heimatdorf meiner Ex und siedelte auf Reisfeldern, von denen meine zivilisierte Wilde behauptete: „Hier waren immer Reisfelder, und werden es auch bleiben.“
Um mein Land erreichen zu können, ließ ich den nur von Ochsenkarren befahrbaren Weg, der stellenweise überflutet wurde, für Autos dräinieren und befestigen. Auch finanzierte ich ein Stromkabel auf Masten bis zum Dorf. Als Folge begannen mich Siedler zu umzingeln, deren Häuser schon fertig waren, bevor ich meinen „Tempel der goldigen Einfalt“ beziehen konnte. Seit mir meine Dschungelbäume riesenhaft über den Kopf gewachsen sind und mich mit Ästen bewerfen, befindet sich in hör- und riechbarer Nähe eine ganze Siedlung primitivster Hütten wie ein Indianer-Lager. Die Wilden vergiften Land, Wasser und Luft und stehlen alles, was sich wegtragen läßt. Auch versuchen sie Bäume zu fällen, meine renaturierten Flächen heimlich zu nutzen und all die Tiere zu jagen, die ich schütze. Ringsum entstanden in der Ferne ein stählernes Funk-Gerüst nach dem anderen, die mich mit Internet versorgen. Auf halber Strecke zwischen meinem Haus und dem Pazifik wurde eine ständig qualmende Teerfabrik für den Straßenbau errichtet, die auf Satelliten-Aufnahmen wie eine Mondlandschaft wirkt. Die anfangs extrem großen Soundanlagen in den miserablen Baracken der Wilden werden immer kleiner und leistungsfähiger. Auf der Straße, dem Lorong Jerman, röhren ihre reparaturbedürftigen Fahrzeuge, vorbei an einem von mir gespendeten Friedhof, der bald überfüllt sein wird.
Wenn die Wahndemie nicht ausgebrochen wäre, hätte vielleicht schon der Bau einer Eisenbahnstrecke mitten durch mein Haus begonnen. Deshalb bastelte ich wieder ein Modell für mein letztes Haus, in das ich fliehen könnte. Entweder das oder der Sarg. Mit ihren Beton-Sarkophagen mißhandeln die christlichen Wilden die Erde noch als Tote. Das Krematorium hat aufgegeben.

Kaffee für Schlaflose

kueste

Die Schlange stößt im Schein der Lampe
nach meinem nackten Fuß.
Eine Warnung!

Der Waran stützt sich auf die Teichmauer
und sichert mit seinem Periskop-Kopf.
Jeden Nachmittag erscheint er wieder.

2Uhr nachts kräht der Hahn in meinem Telephon.
Eine besoffene, maskierte Stimme.
Falsch verbunden!

Hätte ich mir einst träumen lassen,
daß mein Computer die Bestätigung verlangt:
I am not a robot!

Sollten 73jährige Dachziegel reparieren?
Ab wann kann ich das nicht mehr?
Wer repariert dann das Dach?

Louisiana Blues