Der Zerstörer

liniendurchbruch

„Aber (got klag ichs) mein hertz ist von Jugend auff yn eher erbiethung vnd wolachtung der bildnis ertzogen vnd auffgewachßen. vnd ist mir ein schedliche forcht eingetragen / der ich mich gern wolt endletigen / vnd kan nit. Alßo stehn ich in forcht / das ich keynen olgotzen dorfft verbrennen. Ich hette sorg der Teuffels narr mocht mich beleydigen. Wie wol ich die schrifft (an einem teyll) hab / vnd weiß. dz Bilder nicht vermogen / haben auch weder leben / bluth / nach geyst. Idoch helt mich forcht am andern teyll / vnd macht / das ich mich vor eynem gemalten teuffell / vor eynem schatwen / vor eynem gereusch eines leychten bletlins forcht / vnd flihe das / das ich menlich solt suchen.“
Andreas Bodenstein (1486-1541): Von abtuhung der Bylder“, Wittenberg 1522

Wer sich als Blogger auch mit heißen Themen befaßt, Diskussion zuläßt und zu erwidern weiß, wird ihn kennen, den Internet-Troll. Ein typisches Kennzeichen ist der häufige Wechsel seiner Tarn-Identität. Er nähert sich mit Lobpreisung. Wird er nicht angenommen, wie er sich das vorstellt, erlebt man schließlich wüste Haß-Reaktionen, die sich bis zu jahrelanger Verfolgung und Verleumdung hochschaukeln können. Blockiert man ihn/sie, erfolgt nach hunderten von Kommentaren und Antworten der Vorwurf, man lasse abweichende Meinungen nicht zu: „… aber du siehst da kritik an dir und deiner arbeit, und die auszuhalten, iss deine sache überhaupt nicht – wenngleich du selbst an kritischem blick in deine umgebung dir und anderen null ersparst.“ Da müssen meine ausgebreiteten Arme immer wieder zur Christus-Haltung vergewaltigt werden, obwohl ich mehrmals deutlich gemacht habe, wo bei mir die roten Tücher hängen. Keine Chance also für Turner und Tänzer, etwas anderes als schwarze Kultur-Geschichte auszudrücken. Dabei findet das alles auf einem für den Troll fremden Gelände statt. Der Begriff „Gästebuch“, den manche Blogger verwenden, weist darauf hin: Der Angreifer wütet im öffentlich zugänglichen Wohnzimmer eines Gestaltenden wie ein Graffiti-Sprayer, der glaubt, eine Stadt nach seinen Vorstellungen verändern zu müssen. Auch jener kommt anders nicht zur Geltung. Wählt er dabei die Anonymität, kann er aus der Deckung heraus gegen alles schießen, was ihm nicht paßt, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Zum Beispiel gegen die Besucher der Seite, auf der er sich austobt. Inflammatory or offensive comments: Please be respectful to other commenters … in your comments and word choice. Profanity is just not on.“

Ich rechne reine Knipserei nicht zur Bildenden Kunst. Die beginnt erst mit dem mehr oder weniger gestalteten Foto. Insofern führen Kompositions-Anlysen wie für Gemälde auf Abwege. Darüber habe ich mit einem Fotographen-Meister schon eine wüste Diskussion erlebt, die auch mit einer Haß-Attacke endete. Hier war offensichtlich das Selbstwert-Gefühl jenes Knipsers in Frage gestellt.
Was mir immer wieder sauer aufstößt, ist die interpretatorische Entführung von Bildern in den eigenen, frei phantasierten Gedanken-Raum, früher beliebt im gymnasialen Deutsch-Unterricht. Jeder sieht, was er denkt, im günstigsten Fall, was er weiß. Über Nordsulawesi normalerweise wenig. Wenn also ein dünner Mann gleich das Klischee „Hunger in der 3.Welt“ auslöst, so sollte man sich eher fragen, was geschieht außerhalb des sichtbaren Ausschnitts? Weicht das ab vom allgemein bekannten Raum, sollte man vorsichtiger reagieren. Ich bin immer bereit für Erklärungen, das war früher sogar mein Beruf. Übermäßiges Phantasieren über einen Bildinhalt zerstört jedoch die „Aura“ des Bildes. Das kann humorvoll oder unsensibel wirken. Wer bewußt die scheinheilig-manipulierende Wirkung eines Bildes aufdecken will, kann diese Methode anwenden. Ich mache das gerne – aber auf MEINEN Seiten!
Im Extrem versucht der Troll, der sich unzureichend gewürdigt fühlt, sogar durch Posten von Fotos, Videos und Schad-Codes in die Gestaltung einer Seite einzugreifen. Fügt der Troll seinem Kommentar etwa überflüssige Zeichen hinzu, die zu einer Darstellungs-Störung des Seiten-Layouts führen, handelt es sich um einen Anfänger. Tut er es trotz Protests ein 2.Mal, ist er ein Provokateur. Beim 3.Mal entweder senil oder bösartig. Da hat schon mancher Blogger aufgegeben. Bei WordPress ist man dagegen recht gut geschützt, und Stasi-Widgets kann man vermeiden. Im Moment popeln die WordPress-Designer allerdings wieder rum und bringen ihren Laden dabei an den Rand des Zusammenbruchs.

Foto: „Zerstörer durchbricht die Linie“ aus „Jahrbuch der deutschen Kriegsmarine“, 1937

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Algorithmisch

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Algorithmusch ist ein Fachterminusch für geregelte Prozeduren zur Lösung definierter Probleme – oda Reizwort für Verschwörungsch-Theoretiker. Obwohl ein Algorithmusch im Prinschip einfach nur eine detaillierte Schritt-für-Schritt-Arbeitsanweisung wie zum Bleistift ein Kochrezept isch, vasteh ich das sowieso alles nich. Deren Gefährlichkeit schon ganich. Hat es schon ma Wahlen gegeben, wo nich irgendwer auch ohne Algorithmusch manipuliert wurde? Oda hat vielleicht schon ma jemand ohne Einwirkung von Algorithmen wasch gekauft, wascher ganich braucht, wie zum Bleistift hochhackige Schuhe? Ham die Einäugigen nich schon imma die Blinden geführt? Manche brauchen nich ma Handphones, um ihren Verstand zu valieren. Zugegeben, das Internet identifiziert mich imma astrein als Indonesier, der in Manado wohnt. Zwar stimmt weder das eine noch das andere, doch fühlt man sich irgendwie vonner Stasi verfolgt, wenn angezeigt wird, wo man wann wa. Schon wenn mir indonesische Produkte in der Werbung angeboten werden, wie die „jam tangan terbaik di bulan ini“, obwohl ich bereits 3 gefälschte besitze. Auch bei der Aktien-Spekulation werden Algorithmen vawendet, weshalb ja alle Aktien-Käufer (ohne VW) reich wern. Sogar Buddha fand das Inda-Netz gut: „From the ancient Buddhist teachings we can learn that Buddhism has the wisdom to employ the latest technology to spread its teaching and spirits … Buddhism can also spread positive energy on the Internet and help people resist harmful information.”
Ein Algorithmusch sollte wenigstens bei denselben Voraussetzungen das gleiche Ergebnis liefern. Was zum Bleistift bei Wünschelruten- und Erdstrahlen-Magie nich der Fall isch. Dagegen müschte für die Bewässerung des mit einem roten X bezeichneten Reisfeldes schon seit mindestens 100 Jahren ein eindeutich beschreibbares Verfahren mit endlich vielen Schritten vorliegen. Nich so in Indonesien, wo die realen Probleme ungleich komplexer sind, als sie von Rechenmaschinen oda Touristen bewältigt werden können. Denn der Bewässerungs-Graben verläuft durch Feindesland. Ein Minahasa-Feind ist jedoch – bei ständiger Betonung seines Gemeinschafts-Gefühls – sich selbst imma der Nächste und entzieht sich jeder Berechenbarkeit. In einem Zeitalter, in dem gewohnte alte Feinde abhanden gekommen sind – der Kapitalist (weil JEDER einer sein will) oder der Kommunist (weil es KEINER sein will), hilft son Algorithmusch doch dabei, wenigstens auf die Gefahr hinzuweisen, wie wir PC-Benutzer alle bereits durch Maschinen manipuliert wern, die sogar anfangen, sich selbst zu programmieren. Andererseits gips noch sichere Inseln wie die TAZ-Redakschion, die zwar im Gesichtsbuch und bei Twitter mitmacht, was die Indonesien-Berichterstattung betrifft, jedoch im vorigen Jahrhundert hängengeblieben isch. „Die Linke muß endlich ihren technologischen Analphabetismus überwinden.“ Macht latürnich auch Schwierichkeiten, wenn man keinen Diktator mehr zur Verfügung hat. Damals lief im Lehrerzimmer ein Kollege rum, der sein allumfassendes Weltbild aus der TAZ bekam. Nie da gewesen, wußte er doch mehr üba Indonesien als ich. Zum Bleistift berichtete er mir zutiefst erschüttert, daß bei einer Demonstration gegen Suharto 2-6 oda wieviel Menschen erschossen worden waren. Zwar wa nix üba die konkreten Umstände zu erfahren, ob sie etwa Polizisten massakriert hatten, wie das son Mob eben macht, aba der Kollege hatte eine Meinung. Ich wand ein, daß 2-6 im Verhältnis zu 240 oda wieviel Millionen ein guta Wert wär, ich hätte wesentlich höhere Zahlen erwartet. Da war der ferngesteuerte Kollege richtich empört. Anscheinend hielt er son indonesischen Mob für irgendwas Gutes oda Rationales. Wohl wußte er auch nich, wie täglich mehr an Hunde-Biß und an ihrem eigenen Dreck sterben, oda sich einfach gegenseitich tottrampeln. Doch bringt sowas der TAZ ja kein Geld, die sowieso schon eigene Asien-Korrespondenten, ebenso wie „Der Spiegel“, durch irgendwo Abschreiben einsparen musch.

Schwarm-Intelligenz

greenscreen

Wie issen das jetz, wenn n Minimalist Übagewicht hat? Isser dann eigentlich n Mediumalist oda soga n Maximalist? Wobei dem möglichen Eßzett im „iss“ ne ganz relevante Rolle zufiele. Ich mein, ich frach mich das, seit ich son Video gesehn hab üba Minimalismus, in dem behauptet wurde, weniga sei mehr, und dasses n Trend sei, mit Nichts glücklich zu sein, wozu mir ja aus aktuellem Anlaß ganix anneres mehr übrich bleibt. Also da gab es dieses Treffen junga Minimalisten innem Park, und viele hatten Übagewicht, obwohl ich eha Untagewicht erwartet hätte. Und so frachte ich mich latürnich, ob das jetz wieda sone Form von Rotten-Dummheit iss, die sich als Schwarm-Intelligenz tarnt, oda was? Soga Nietzsche soll ja im Angesicht der kollektiven Intelligenz im Ameisen-Staat befürchtet ham, jene glaubten, durch Addition von Dummköpfen den klaren Gedanken ersetzen zu können. Und bloggen tun die ja auch, diese Minimalisten. Wobei in dem Medium manches meine Kanal-Kapazität übasteigt, und ich denn bessa vastehe, warum Ratte imma an dem „Like“ rumnagt. Da gips zum Bleistift diese Buch-Blogs, wo ich den Verdacht hab, sie wern von den Verlagen bezahlt oda von Buchhändlern eingerichtet (Virales Marketing), weil die Besprechungen manchma dürftiga als n Klappen-Text sind. Und denn müssen die ja auch ne voll statistische Resonanz bekommen, und dafür verwendet son Blogger die tollsten bedingten Erwartungswerte. Zum Bleistift kann er sich auf Eitelkeit und Geltungs-Sucht verlassen und n Blog-Award kreieren, den alle haben wolln. Manche, die eigentlich wissen, daß es sich um ne Kettenbrief-Aktion ohne Aussage-Wert handelt, informieren dann den Leser darüber, wiese sowas ablehnen, liefern jedoch gleichzeitich n Link, wo man ihre gesammelten Awards alle einsehen kann. Effektiv iss auch der martingalistische Kommentar einer Likerin, die den fabrikmäßigen Text verpingt: „This is perfect! I’m linking so my readers can enjoy as well.“ Unta Martingale versteht man eine Strategie im Glücksspiel, bei der nach einem verlorenen Spiel der Einsatz verdoppelt wird, so daß hypothetisch – bei unerschöpflichem Vermögen – kein Verlust sondern sicherer Gewinn eintritt. Dabei handelt es sich um eine weitere gefährliche Einbildung, die dadurch zustandekommt, daß dem sparsam codierten Menschen in der technisch vernetzten Virtualität die Instinkte abhanden kommen, und er zum Redundanz-Krüppel wird, der nur noch orientierungslos in immer kürzeren Abständen auf seinem Screen rumwischt. Issas nich so? „Im Endeffekt geht’s um Klarheit im Kopf“, erklärt ein ganz in Weiß gekleideter, zarter Minimalist im Film und bewegt sich dabei in einer urbanen Scheinwelt, die von hart arbeitenden Minimalisten, die keine sein möchten, in Gang gehalten wird.