Blatt vor dem Mund

blattfall
Was tun, wenn jemand stürzt? Das scheint mir in D – abgesehen von den Syrern – momentan das größte Problem zu sein. Wer auf einem laubbedeckten Gehsteig stürzt und sich verletzt, weil er keine Schuhe zum Gehen besitzt oder einfach dermaßen degeneriert iss, daß er sich kaum noch latürnich bewegen kann, hat nich in jedem Fall einen Rechtsanspruch. Im Streitfall prüfen Richter, was zum Sturz geführt hat. Nach gängiger Rechtsprechung gilt: Wer in einer Wohngegend mit Gärten wohnt, muß die Blätter des Nachbarn in Kauf nehmen – schließlich tragen die Bäume auch zur Wohn-Qualität bei. Na sowas! Hier fallen meine Blätter gleich mehrmals im Jahr runta, und ich hab nich die Zeit, sie wieda anzukleben. Deshalb verfüttere ich die Ketapang-Blätter an meine Ziegen, ärgere meine Katze damit oder rutsche einfach darauf aus. Die Nachbarn hassen meine Bäume – wie in D auch. In Indonesien, dem Land des sensationellen Gemeinschafts-Gefühls, schmeißt man nich nur Blätter zum Nachbarn übern Zaun, auch seinen Müll – sofern man ihn nich gleich morgens anzündet, solange er noch schön feucht iss. Vollgekackte Windeln, Seifenlauge, Schweine-Kot und Teich-Schlamm leitet man einfach weita an den hoch geschätzten Nächsten. Wenn man darüber übahaupt redet, dann in richtigem Indonesisch. Nich wie Nasimi, deren sebstbewußtes Gestammel wahrscheinlich so langsam Standard in D wird: „Ich frage mich wie zahlen genug Steuer ,
Zweitens die Bäumen sind auf die Straße die sind nicht von mir und auch nicht von der Nachbar ,daher habe ich keine Zeit für so was
Viele Grüße“

 

Advertisements

Eingriffe

verwachsen

„Die Natur, so harmonisch sie im großen sein mag, ist oft nachlässig im kleinen. Zwei Felsen können zu nahe beisammen oder zu weit auseinander stehen. Bäume können in ihrem Streben nach dem lebenswichtigen Licht oder Schatten über sich hinauswachsen, wodurch sich ein gewisser Mangel an Harmonie und Ausgewogenheit einstellen kann. Derlei kleine Fehler lassen sich beheben … Es ist nur eine behutsam lenkende Hand nötig, mehr nicht. Wenn man sich mit dem Gedanken trägt, eine kleine Veränderung vorzunehmen, tut man gut daran, zunächst einmal das, was man ändern möchte, zu verschiedenen Stunden des Tages und zu jeder Jahreszeit zu beobachten, damit nicht durch übereiltes Handeln etwas Wertvolles verlorengeht. Auch muß man zuerst selbst ein Felsen oder ein Baum werden, ehe man zu beurteilen vermag, wie eine Veränderung beschaffen sein muß, damit sie mit seiner Natur in Einklang steht.“

Hsüan-ku Tao-jen (Einsiedler vom Dunklen Tal) in der Yueh T’ai Tao Yuan (Mondterrassen-Einsiedelei)
aus John Blofeld, „Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit einem Schritt“, 1974

Gärtnerbedarf

Rambutan

Am Dienstag kamen die Grundschüler zum Klauen. Man erkennt sie am burgunder-roten Rock und ihrem weißen Hemd. Es waren nämlich 2 kleine Mädchen. Sie hatten es auf meine Rambutan-Früchte (Nephelium lappaceum) abgesehen. Das sind so glibrige Früchte, die in einer weich-stacheligen Hülle in der Art von Kastanien stecken. Der Name kommt von rambut (Haar). Ein stattlicher Fruchtbaum mit von den schweren Frucht-Büscheln hängenden Zweigen. Reif werden die Schalen rot, und man ißt den weiß durchscheinenden Samenmantel, der süß schmeckt. Meist kommt man nich dazu, da die Wilden vorher alles klauen, was eßbar iss. Und wenn man die 3.Tochter von Ahmad zum Bewachen und Abernten des Baumes einsetzt, klaut SIE die Früchte. Also habe ich mich um die Mittagszeit, nachdem ich die Anti-Müllgitter gereinigt hatte – diesmal ohne Scheiß – in einer verfallenen Bambushütte in der Nähe der Bäume versteckt und gewartet.
Da saß ich nun, starrte nach oben zu den Löchern im Palmblatt-Dach und dachte darüber nach, warum ich hier eigentlich von allen getäuscht, belogen und betrogen werde, und was ich dagegen tun könne – außer meine Koffer zu packen. Wie Tolstois Nechljudow fragte ich mich: „Bin ich verrückt, daß ich das sehe, was die anderen nicht sehen, oder sind jene verrückt, die das tun, was ich sehe? Aber die Leute – und es waren viele – vollbrachten alles das, was ihn so wunderte und grauen machte, mit einer so ruhigen Überzeugtheit, daß das so sein müsse, ja, daß das, was sie taten, auch eine sehr wichtige und nützliche Sache sei, daß es schwer war, alle diese Leute für verrückt zu erklären. Sich selber aber für verrückt halten konnte er nicht, weil er sich der Klarheit seiner Gedanken bewußt war. Und darum befand er sich immer in einem Zustand zweifelnden Nachdenkens.“
Da vernahm ich plötzlich einen Knacks, den ich nich einordnen konnte. Und siehe – durch eine Lücke im kaputten angrenzenden Friedhofzaun bewegten sich 2 Mädchen zielstrebig auf ein Rambutan-Bäumchen zu, das die eine dickliche mit quadratischem Kopf behende erstieg, wobei sie mir einen Blick auf ihre Unterhose eröffnete. Die 2., kleiner und dünner mit schlitzigen Augen, wartete derweil unten – wobei ich mich dazugesellte. Die unten erstarrte und warnte die oben. Jene gefror ebenfalls, blickte jedoch in die falsche Richtung. Dann bemerkte sie mich, kletterte eiligst vom Baum und begann etwas von einer Genehmigung zu stottern, an die ich mich jedoch nicht erinnern konnte. Stattdessen schimpfte ich, sie solle nicht STEHLEN – in der Faust meine gefährlich spitze Schaufel. Sich rückwärts bewegend, stotterte sie noch etwas von einer angeblich nur kleinen Menge, die sie nehmen wollte, worauf ich sie noch heftiger ermahnte. Da ergriff sie Zuflucht zu einer Höflichkeits-Floskel, die der Wilde anwendet, um sein Gegenüber bloß nich zu frustrieren, wenn er sich entfernen will. Etwa: „Also, Pak, ich geh dann schon mal, nicht wahr!“ oder „Ich geh dann schon mal voraus.“ Ich ließ die beiden Würstchen entkommen, verfolgte sie jedoch unauffälig und sah sie zwischen den Hütten auf der anderen Seite des Canyons verschwinden, wo neulich ein Kind gestorben ist. Hatte es vielleicht nich genuch Rambutan bekommen?
Der Mittwoch war der Tag der Mittelschule. Wieder saß ich in meiner Hütte und beobachtete die Friedhofsgrenze durch die Schlitze zwischen dem gespaltenen Bambus. Mittelschüler tragen weiße Hemden und blaue Hosen. Der sich jetzt zu einem der größeren Bäume gezielt bewegte, hatte sogar ein Hemd mit dem Wappenmuster seiner Schule an. Mittelgroß, drahtig, mit arabischem Profil und kurzen Haaren. Entfernung ~15m. Ich spurtete sofort los, als er zu pflücken begann. Leider raschelte das hohe Elefantengras dabei warnend. Ich hatte gerade die Hälfte der Strecke geschafft, als er sich erschreckt umwandte und seinerseits sofort Richtung Westen davonsauste. Während ich mich noch vergewissern mußte, nicht in Stacheldraht-Resten des maroden Friedhof-Zauns hängenzubleiben, sprang er routiniert durch eine Lücke. Weiter ging es über den schrägen Lehmhang des Friedhofs, wobei er sich noch rennend nach mir umsah, dabei immer mehr Vorsprung gewinnend. Am Ende des Friedhofs bog er ab in den Dschungel, und ich verlor ihn aus den Augen. Keine Chance. Der Bursche wetzte um sein Leben. Ich hechelte noch einen Hang hinauf, um festzustellen, ob er dort oberhalb unterwegs war, traf aber nur auf 2 Rinder, die mich erstaunt anglotzten und von nix was wußten.
Weil ich nur ein kaputtes Luftgewehr besitze, kann ich mir leider keinen Oberschüler schießen, die graue Hosen tragen, vielleicht nur an Donnerstagen erscheinen und wahrscheinlich noch schneller rennen können als Mittelschüler. Wenn es hier Fußfallen zu kaufen gäbe, oder ich sie wenigstens selbst herstellen könnte, würde ich sie für die Oberschüler auslegen. Einmal gefangen, könnte man jene ausstopfen und sie sich an die Wand hängen.

Fussfalle