Lachende Lastkraft

sicherheit

Da mußte ich nun wieder ran an den Baum, besorgte mir jedoch Tenten dafür, einen der Söhne von Yos, der inzwischen gestorben ist. Tenten ist klein mit sehr dunkler Hautfarbe und kann klettern wie unsere Vorfahren. Dabei benutzt er seine Füße mit einem Geschick, das verdeutlicht, wie verquer die Phantasien der Religiösen über die Menschheits-Entwicklung sind. Zwar zeigte ich Tenten an einem Astmodell meine Vorstellung vom Kappen, das Dachziegel, Fensterscheiben und eine Außenlampe bedrohte, doch zog ich zusätzlich meine Ex als Dolmetscherin hinzu – sicherheitshalber! Am Morgen erklomm Tenten dann den Banyan, griff sich mit einem Fuß einen langen, verdorrten Ast, schlang und verknotete damit das Seil, das er mit Beutestücken aus meinen Kämpfen mit asozialen Rinderhaltern verlängerte, über einem anderen Ast, damit meine Ex und ich den abgehackten langsam und sicher zu Boden lassen konnten. Vorher bestaunte Tenten noch meine Seil-Kollektion. Er kappt auch Rinder-Seile, hat jedoch nicht so viele wie ich.

lastkraft

Wenn ich als Schüler in Physik besser aufgepaßt hätte, wäre ich nicht dem Irrtum unterlegen, das über einen anderen Ast geführte Seil würde das Gewicht des abgehackten halbieren. Das geschieht nur bei der losen Rolle. Da wird die Last geteilt (P = Q : 2). In der Ignoranten-Konstellation sind Last und aufzuwendende Kraft gleich (P = Q), wobei in diesem Fall der Widerstand ohne Rolle größer ist. Als der Ast brach, wurde meine das Seil umklammernde Ex vor mir hochgehoben und über einen Wassergraben geschwenkt. Mir passierte hinter ihr das gleiche, doch bevor wir beide ins Wasser des Teiches fallen konnten, ließ ich das Seil langsam nach, und stattdessen senkte sich der Ast kontrolliert in den Teich vor dem Haus. Meine Ex wiegt 56kg (6 zu viel) und ich 86kg (3 zu viel). Macht zusammen mindestens 142kg Ast-Gewicht. Sie hat jetzt – wie die Menschen der verfetteten Nationen – zu wenig Bewegung, ich dagegen zu viel, doch anscheinend bekommt mir das gut. Jedenfalls erinnerte mich die Hebel-Physik daran, wie wir einst gemeinsam bei Freunden an der Weser über einen Unfall-Bericht gelacht hatten, den das Opfer an seine Versicherung schickte: Mittels eines Flaschenzugs wollte er eine Ladung Ziegel aufwärts befördern, die sich als zu schwer erwies. Jene zog ihn selbst nach oben, wo er sich an der Rolle den Kopf stieß, während sich unten die Ladung erleichterte, und er daraufhin wieder abwärts stürzte. Unten angekommen, fielen ihm dann die restlichen Ziegel auf den Kopf. Gelacht, bis es anstrengend wurde, aber trotzdem gut tat. Nun lache ich nur noch allein vor dem Bildschirm.

silly

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Körperliche Geometrie

problembaum

Wir treiben die Ökosysteme ans Limit, seit 1990 hat die Welt 130 Millionen Hektar Regenwald verloren, und wir verlieren jeden Tag Dutzende von Tier- und Pflanzenarten.“
Achim Steiner, Entwicklungsorganisation der UN

Ich mußte nun ran an den Baum, denn er ist mir buchstäblich über den Kopf gewachsen. Das kommt davon, wenn man die Nase immer nur am Boden hat, um nicht zu stürzen. Also warum nicht mal von oben runterfallen. Mit Hilfe des „Ausführlichen Lehrbuchs der Elementar-Geometrie – Zum Selbstunterricht mit Rücksicht auf die Zwecke des praktischen Lebens“, die ich im Mathematik-Unterricht vermißt hatte, konnte ich die ungefähre Höhe des Problem-Banyans bestimmen. Das Buch, 1894 in Leipzig bei Friedrich Brandstetter erschienen, hatte Christoph Kalweit in Stallupönen für seine Karriere als Königlicher Baumeister geholfen.

messung

Demnach war HG = DG + AD. Mit einem rechtwinkligen Dreieck aus edlem Holz von C. Schrader’s Nachfolger, Hannover, das Christoph gehört hatte, einem Lot und Bandmaß visierte ich die Baumspitze an der Hypotenuse entlang an und maß die Entfernung von meinem Standpunkt bis zum Baumstamm. Das ergab eine Baumhöhe von ~24m nach 17 Jahren Wachstum. Im deutschen Moor hatte ich mir solch große Bäume noch zusammen mit dem Baugrundstück kaufen müssen. Hier sind alle selbst gepflanzt.

Das Hinaufklettern wurde durch die senkrechten Luftwurzeln erleichtert, in der Horizontalen versperrten sie mir dann den Weg. Oben fand ich als erstes eine abgestreifte Schlangenhaut in einer Astgabel. Schon bevor ich zu sägen anfing, knackte und quietschte das Astgewirr im Wind. Ich sicherte mir die Rückzugsmöglichkeit mit einem Seil, und ein weit ausladender Ast brach nach dem Ansägen schnell von selbst nach unten. Auch ein zweiter stürzte in den Teich, aus dem ich ihn rausziehen mußte. Am anstrengendsten war das Aufräumen. Das Holz ist so schwer wie Eiche, jedoch als Bauholz ungeeignet. Die weiche Rinde sondert bei der kleinsten Verletzung klebrige Milch ab, die zusammen mit meinem Schweiß durch das Hemd drang und juckende Rötungen auf der Haut verursachte. Ein hinterhältiger Baum, der aber mächtig gut aussieht. Gelöst ist das eigentliche Problem noch nicht, denn der gewaltige Ast, der sich mit Unterstützung seiner Luftwurzeln über einen Teil der Gebäude geschoben hat, wäre nur mit einem komplizierten Seilzug am zerstörerischen Sturz auf das Dach zu hindern.

hochklettern

Überwachsen werden

ueberbuddha

Der Banyan-Baum (Ficus benghalensis) soll seinen Namen vom indischen banyan = Markt bekommen haben, denn oft war er als gewaltiger Schattenspender Dorf-Mittelpunkt und unter ihm der Marktplatz. Auf Bali findet man noch solche Situationen. Den Hindus ist er heilig, in Indonesien dagegen fast nur noch Nr. 3 der 5 Pancasila-Symbole des Staatswappens. Dort steht er für nationale Einheit und Liebe zum Land. Wirklich lieben tun die Indonesier ihn jedoch nicht, eher sieht es nach generellem Baumhaß aus, denn er zerstört mit Leichtigkeit ihre dürftigen Fundamente. Ausladend 10m und mehr, bilden die Seitenäste Luftwurzeln, die nicht nur Gewässer überbrücken sondern auch mit dem Stamm so verschmelzen, daß in den 17 Jahren, die meine Banyans gewachsen sind, unglaublich gewaltige Stämme entstanden. So bildet der Baum seinen eigenen Wald und verschlingt alles um ihn herum. Kein Problem für mich. Das war sogar meine Vorstellung einer verwunschenen Dschungel-Architektur, und bevor die von mir rund um meine Gebäude gepflanzten Bäume mich überwachsen würden, wäre ich schon tot – dachte ich.

eingewachsen

Da hatte ich jedoch die Wachstums-Geschwindigkeit unterschätzt, mit der die Bäume auf mein Haus zuwanderten, um es zu erdrosseln. Manche schienen sogar wegzulaufen. Auch werfen sie mit Kügelchen, was Fische und Hühner sehr lieben, auf Dächern und anderen Bäumen jedoch zu neuem Wachstum bis zur völligen Zerstörung des Wirtsortes führt. Geschätzt wird eine Banyan-Wuselei von den Schlangen, die sich dort gern treffen und häuten. Den Boden um solch einen Baum herum übernimmt aufquellendes Wurzelwerk, das man schließlich nicht mehr begehen kann, sofern man jenes und die Fussel von oben nicht abhackt.

luftwurzelnsw

Inzwischen ist durch meine Banyan-Bäume eine märchenhafte Situation entstanden, die von den Wilden schon als sensationell bestaunt wird, sofern sie ihren Blick zwischendurch auch mal von ihren Handfönen abwenden („This app turns your device into a portable Buddhist altar.“) . Wie Ungetüme auf Stelzen haben sie meinen Tempel umzingelt, und ich sehe mich gezwungen, mit meiner neuen Säge und einem Sicherungsseil da mal raufzuklettern, denn ab und zu fallen abgestorbene Äste wie Bomben auf die Dachziegel, und es bilden sich durch die Blätter auf den Dächern dicke Humusschichten. Irgendwann, wenn man mich nicht rechtzeitich findet, werden meine Knochen auch von einem dieser Banyan-Riesen verschlungen.