Körperliche Geometrie

problembaum

Wir treiben die Ökosysteme ans Limit, seit 1990 hat die Welt 130 Millionen Hektar Regenwald verloren, und wir verlieren jeden Tag Dutzende von Tier- und Pflanzenarten.“
Achim Steiner, Entwicklungsorganisation der UN

Ich mußte nun ran an den Baum, denn er ist mir buchstäblich über den Kopf gewachsen. Das kommt davon, wenn man die Nase immer nur am Boden hat, um nicht zu stürzen. Also warum nicht mal von oben runterfallen. Mit Hilfe des „Ausführlichen Lehrbuchs der Elementar-Geometrie – Zum Selbstunterricht mit Rücksicht auf die Zwecke des praktischen Lebens“, die ich im Mathematik-Unterricht vermißt hatte, konnte ich die ungefähre Höhe des Problem-Banyans bestimmen. Das Buch, 1894 in Leipzig bei Friedrich Brandstetter erschienen, hatte Christoph Kalweit in Stallupönen für seine Karriere als Königlicher Baumeister geholfen.

messung

Demnach war HG = DG + AD. Mit einem rechtwinkligen Dreieck aus edlem Holz von C. Schrader’s Nachfolger, Hannover, das Christoph gehört hatte, einem Lot und Bandmaß visierte ich die Baumspitze an der Hypotenuse entlang an und maß die Entfernung von meinem Standpunkt bis zum Baumstamm. Das ergab eine Baumhöhe von ~24m nach 17 Jahren Wachstum. Im deutschen Moor hatte ich mir solch große Bäume noch zusammen mit dem Baugrundstück kaufen müssen. Hier sind alle selbst gepflanzt.

Das Hinaufklettern wurde durch die senkrechten Luftwurzeln erleichtert, in der Horizontalen versperrten sie mir dann den Weg. Oben fand ich als erstes eine abgestreifte Schlangenhaut in einer Astgabel. Schon bevor ich zu sägen anfing, knackte und quietschte das Astgewirr im Wind. Ich sicherte mir die Rückzugsmöglichkeit mit einem Seil, und ein weit ausladender Ast brach nach dem Ansägen schnell von selbst nach unten. Auch ein zweiter stürzte in den Teich, aus dem ich ihn rausziehen mußte. Am anstrengendsten war das Aufräumen. Das Holz ist so schwer wie Eiche, jedoch als Bauholz ungeeignet. Die weiche Rinde sondert bei der kleinsten Verletzung klebrige Milch ab, die zusammen mit meinem Schweiß durch das Hemd drang und juckende Rötungen auf der Haut verursachte. Ein hinterhältiger Baum, der aber mächtig gut aussieht. Gelöst ist das eigentliche Problem noch nicht, denn der gewaltige Ast, der sich mit Unterstützung seiner Luftwurzeln über einen Teil der Gebäude geschoben hat, wäre nur mit einem komplizierten Seilzug am zerstörerischen Sturz auf das Dach zu hindern.

hochklettern

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Überwachsen werden

ueberbuddha

Der Banyan-Baum (Ficus benghalensis) soll seinen Namen vom indischen banyan = Markt bekommen haben, denn oft war er als gewaltiger Schattenspender Dorf-Mittelpunkt und unter ihm der Marktplatz. Auf Bali findet man noch solche Situationen. Den Hindus ist er heilig, in Indonesien dagegen fast nur noch Nr. 3 der 5 Pancasila-Symbole des Staatswappens. Dort steht er für nationale Einheit und Liebe zum Land. Wirklich lieben tun die Indonesier ihn jedoch nicht, eher sieht es nach generellem Baumhaß aus, denn er zerstört mit Leichtigkeit ihre dürftigen Fundamente. Ausladend 10m und mehr, bilden die Seitenäste Luftwurzeln, die nicht nur Gewässer überbrücken sondern auch mit dem Stamm so verschmelzen, daß in den 17 Jahren, die meine Banyans gewachsen sind, unglaublich gewaltige Stämme entstanden. So bildet der Baum seinen eigenen Wald und verschlingt alles um ihn herum. Kein Problem für mich. Das war sogar meine Vorstellung einer verwunschenen Dschungel-Architektur, und bevor die von mir rund um meine Gebäude gepflanzten Bäume mich überwachsen würden, wäre ich schon tot – dachte ich.

eingewachsen

Da hatte ich jedoch die Wachstums-Geschwindigkeit unterschätzt, mit der die Bäume auf mein Haus zuwanderten, um es zu erdrosseln. Manche schienen sogar wegzulaufen. Auch werfen sie mit Kügelchen, was Fische und Hühner sehr lieben, auf Dächern und anderen Bäumen jedoch zu neuem Wachstum bis zur völligen Zerstörung des Wirtsortes führt. Geschätzt wird eine Banyan-Wuselei von den Schlangen, die sich dort gern treffen und häuten. Den Boden um solch einen Baum herum übernimmt aufquellendes Wurzelwerk, das man schließlich nicht mehr begehen kann, sofern man jenes und die Fussel von oben nicht abhackt.

luftwurzelnsw

Inzwischen ist durch meine Banyan-Bäume eine märchenhafte Situation entstanden, die von den Wilden schon als sensationell bestaunt wird, sofern sie ihren Blick zwischendurch auch mal von ihren Handfönen abwenden („This app turns your device into a portable Buddhist altar.“) . Wie Ungetüme auf Stelzen haben sie meinen Tempel umzingelt, und ich sehe mich gezwungen, mit meiner neuen Säge und einem Sicherungsseil da mal raufzuklettern, denn ab und zu fallen abgestorbene Äste wie Bomben auf die Dachziegel, und es bilden sich durch die Blätter auf den Dächern dicke Humusschichten. Irgendwann, wenn man mich nicht rechtzeitich findet, werden meine Knochen auch von einem dieser Banyan-Riesen verschlungen.

Blatt vor dem Mund

blattfall
Was tun, wenn jemand stürzt? Das scheint mir in D – abgesehen von den Syrern – momentan das größte Problem zu sein. Wer auf einem laubbedeckten Gehsteig stürzt und sich verletzt, weil er keine Schuhe zum Gehen besitzt oder einfach dermaßen degeneriert iss, daß er sich kaum noch latürnich bewegen kann, hat nich in jedem Fall einen Rechtsanspruch. Im Streitfall prüfen Richter, was zum Sturz geführt hat. Nach gängiger Rechtsprechung gilt: Wer in einer Wohngegend mit Gärten wohnt, muß die Blätter des Nachbarn in Kauf nehmen – schließlich tragen die Bäume auch zur Wohn-Qualität bei. Na sowas! Hier fallen meine Blätter gleich mehrmals im Jahr runta, und ich hab nich die Zeit, sie wieda anzukleben. Deshalb verfüttere ich die Ketapang-Blätter an meine Ziegen, ärgere meine Katze damit oder rutsche einfach darauf aus. Die Nachbarn hassen meine Bäume – wie in D auch. In Indonesien, dem Land des sensationellen Gemeinschafts-Gefühls, schmeißt man nich nur Blätter zum Nachbarn übern Zaun, auch seinen Müll – sofern man ihn nich gleich morgens anzündet, solange er noch schön feucht iss. Vollgekackte Windeln, Seifenlauge, Schweine-Kot und Teich-Schlamm leitet man einfach weita an den hoch geschätzten Nächsten. Wenn man darüber übahaupt redet, dann in richtigem Indonesisch. Nich wie Nasimi, deren sebstbewußtes Gestammel wahrscheinlich so langsam Standard in D wird: „Ich frage mich wie zahlen genug Steuer ,
Zweitens die Bäumen sind auf die Straße die sind nicht von mir und auch nicht von der Nachbar ,daher habe ich keine Zeit für so was
Viele Grüße“