Zügig in den Kampf

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Anfangs hielt ich den Film „The 15:17 to Paris“ für eine jener Dilettanten-Produktionen, in denen junge Männer auch mal Filmstars sein wollen. Doch ist dafür der Aufwand zu groß und die Kamera-Führung geradezu übertrieben professionell. Die Entwicklungs-Geschichte dreier junger Amerikaner wird vorgeführt, in der besonders ein Glatzkopf, der allzeit bereit ist, sich zu verteidigen, folgerichtig auf ein besonderes Erlebnis hinsteuert: Den terroristischen Angriff eines Marokkaners 2015 im Zug nach Paris, der von den Protagonisten vereitelt wird. Holprige Szenen aus der frühen Jugend der drei, endlos langweiliges, extrem doofes Touristen-Verhalten und immer das vage Gefühl des Betrachters: Sind das drittklassige Schauspieler, oder ist der Regisseur ein Idiot aus dem Bible-Belt? Szenen in D braucht man nicht in D zu drehen. Es findet sich immer jemand, der falsch deutsch sprechen kann (was man ja auch aus amerikanischen WW2-Filmen kennt). Am Ende hat man dann begriffen, daß sich hier drei Helden selbst gespielt haben, wobei es einen erheblichen Unterschied macht, ob man sieht, wie die Kalaschnikow des Terroristen nicht funktioniert (Realität), oder man ihn in jedem Fall frontal angreift (Film). Doch das Erstaunlichste im Nachspann: Regisseur ist der 87jährige Clint Eastwood, der sich mit diesem Schmarren selbst demontiert.
3 Kernaussagen enthält das absurde Werk, das in seiner zielgerichteten Modellierung von Sozialisation an den Hochstapler Joseph Beuys erinnert:
1. Extreme Waffen-Vernarrtheit bei amerikanischen Jugendlichen ist kein Problem.
2. Gute Menschen sind betende Christen, die mit Gott in direktem Kontakt stehen.
3. Persönlicher Mut der Bürger kann mit islamischem Terrorismus fertigwerden.

Alle 3 Prämissen sind falsch.

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Salz, Klopapier und kein Pfeffer

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Es gibt so viele gute und interessante Filme des Regisseurs Werner Herzog (*1942), daß „Salt and Fire“ (2016) verblüfft in seiner Miserabilität. Als Einführung für einen Parteitag der Grünen würde er sich vielleicht eignen, schnitte man alle Szenen mit Schauspielern raus. Schon wenn deutsche Schauspieler englisch sprechen, knackt es, doch warum müssen sie in typisch deutscher Film-Manier so hölzern agieren? Das ist dann doch wohl eher ein Problem des Regisseurs. Kann mich an keinen Film erinnern, wo sie so bemüht an der Kamera vorbeizusehen versuchen. Veronica Ferres ein Auslauf-Modell, dagegen Michael Shannon pure Verschwendung für dieses Produkt, dessen kapitalistischer Hintergrund vielleicht des Rätsels Lösung ist. Die finanziellen Produktions-Bedingungen von kulturellen Leistungen werden ja viel zu selten untersucht.
Wenn Schauspieler wie aus dem Globetrotter-Katalog ausgerüstet, trotz schwierigster Bedingungen, sauber wie gebügelt durch den Film laufen, auch virilste Männer sich grundsätzlich nicht zu rasieren brauchen (Shannon wirkt, als ob er unter Mottenfraß leidet), weiß ich: Glaubwürdigkeit war dem Regisseur nicht wichtig. Oder wollte Herzog auch mal einen von diesen Filmen drehen, in denen vermummte, schwarze Männer mit Schießeisen rumlaufen? Ich mag es inzwischen nicht mehr sehen. Immerhin gelungene Produkt-Plazierung, obwohl ich die Marke von Veronicas Servierbrett, das nie aufgeladen werden muß, nicht erkennen konnte.
Jedenfalls, Herr Herzog, eine Flasche Sekt auf einem selbstfahrenden Rollstuhl in die Salzwüste zu schicken, reicht heutzutage nicht mehr. Anrührend zwar die Idee mit den 2 fast blinden Jungs, die auch gleich ihr Lego mitgebracht haben, aber wenigstens hätte man noch einen Hund dazusetzen sollen.

Man Down

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Man Down“ (2015) könnte die Fortsetzung des spannenden Films „American Sniper“ (2014) sein, in dem man zwar umfangreiches Trauerbewältigungs-Theater sieht, aber keine Antwort auf die Frage: Warum wurde der amerikanische Scharfschütze Chris Kyle von einem Veteranen erschossen? Der Regisseur Clint Eastwood verweigert sich dabei sogar historischer Genauigkeit. In „Man Down“ wird der Betrachter dann leider durch die mißlungene Erzählstruktur gründlich in die Irre geführt: Zuerst (noch) ein post-apokalyptischer Zukunfts-Film, den man sowieso nicht ernstnehmen kann, dann (noch) ein realistisch wirkender Afghanistan-Film und zum Schluß (noch) ein Psycho-Thriller, der erst ganz am Ende verdeutlicht, wie man vom Regisseur verwirrt wurde. Das schadet der Darstellung des ernsten Themas PTSD sehr – trotz brillianter schauspielerischer Leistung und Kameraführung. Weniger reißerische Filme setzen den Erzähler an Anfang und Schluß und springen auf der Zeitschiene nicht ständig hin und her. Wenn dazu die schizophrenen Vorstellungen des unter PTSD leidenden Veteranen – zwar mit durch Nachbearbeitung reduzierter Farbigkeit, aber für den Betrachter doch real wirkend – vorgeführt werden, ist die erzählerische und optische Konfusion perfekt.
Für den, der auch heimtückische und psychisch wie materiell ruinöse Aktivitäten seiner Partnerin im Internet entdeckt hat, bekommt der Film noch eine weitere Flashback-Bedeutung: Ein Mann braucht nicht unter PTSD zu leiden, um auszurasten.

Joe: „Did you ever love me?“
Emma: „We had a laugh, Joe. I’m sure there were moments, but you have to make it some it wasn’t.“
Joe: „Which was what?“
Emma: „A lie! You know, we’re not God’s children … I’m free, Joseph!“
Joe: „I don’t wonna be free.“
Emma: „O, come on! That’s all we ever wanted!“
Joe: „That’s what YOU wanted – and now you got it . – Good bye, Emma.“
Live by Night“ (2016)