La peinture ironique

peinture-ironique

Also alle malen, nur ich muß imma witzig sein. Da hab ich mir jesacht, also Thomas, hab ich jesacht – meist sach ich nur du zu mir – also jetz malste auch! Und dann hatte ich diese Vision aus unkollektiver Jungscher Tiefe, wo ich mit einer runden Hornbrille beim Abwasch bin, und mein Innenleben iss so reich, daß mir der Teller außer Hand fällt, und alles geht kaputt und die ganzen Scherben und der Schaum und die Brille, alles rutscht in den Abfluß. Ich muß dazu erläutern, daß ich nur noch eine Brille mit ovalen Gläsern zum Lesen trage, seit ich es aufgegeben habe, wie John Lennon oder wenigstens wie Fritz Teufel auszusehen, und schon ganich beim Abwaschen. Und außadem wasche ich fast nie ab. Eher schlürfe ich ein rohes Ei aus, welches man übahaupt nich abzuwaschen braucht. Also deshalb vasteh ich auch nich, wie es mich so übakommen konnte. Jedenfalls gestete ES mich derartig heftig, daß ich mir hinterher ne neue Maus kaufen mußte. Nich daß ihr denkt, ich würde so wie der Walter Stöhrer … nee, nee, ich war ganz nüchtern, als ich das Bild gemaust habe. Malen kann man das ja nich mehr nennen. Man muß aufpassen, daß die Vision nich größer als das Gemause iss. Deshalb hab ich auch extra nur ne ganz kleine gehabt. Ich posiere ja hier nich als Schamane. Wenn ich eine Malfabrik wie Rubens oder Warhol hätte – weil wenn ich selbermale, tropfe ich wegen der Hitze imma so stark, daß hinterher alles eingesaut iss – also dann müßten die Wilden die Acrylfarbe zentimeterdick draufklatschen, daß man staubwischen muß, und so Sachen raufkleben. Ganz groß müßte das Bild werden, daß man nich weiß, wo man’s hinhängen soll. Natürlich kann ich mit taschischtischer Malerei keine 5.998 Leute begeistern, aba es iss eigentlich konkret. Man sieht doch ganz deutlich den Abwasch. Oder wie? Außadem (Hat Kandinsky das rausgefunden, jener Urheber des aufgeblasenen Kunst-Jargons?) isses konkret, wenn man Farbe draufklatscht, aba völlig abgefahn abstrakt, wenn man z.B. Engel oder irgend son schwülen Blödsinn malt.
Inzwischen hab ich aba auch was Ordentliches richtich gemalt. Hinterher mußte ich den Boden von meinen Schweißtropfen säubern. Ohne Schweiß kein Scheiß.

Es jeht nich

Aussicht

„… der wahre Dichter und Künstler findet und hoffet seine Belohnung nicht erst in dem Effekt, den sein Werk machen wird, sondern er findet in der Arbeit selbst Vergnügen, und würde dieselbe nicht für verlohren halten, wenn sie auch niemand zu Gesicht kommen sollte.“
Karl Philipp Moritz (1756-93), „Warnung an junge Dichter. Ein Fragment aus Anton Reisers Geschichte.“ 1792

Es jeht wirkrich nich. Ich habs versucht. Mir deuchtete, wenn schon Katastrophe, könnt man ja in der Zwischenzeit ma wieda was malen. Schon weil Uli vorgeschlagen hat, ich sollte ab und zu was schicken. Iss doch peinlich, wenn man nix vorzuweisen hat auβer Häusern und Ziegen. Drauβen warten zwar kaputte Zäune und andere Unarten auf mich, und der Dschungel sieht aus wie bei Hempels untam Sofa, aba es iss dort auch gefährlich stürmisch und glitschich. Schon ewich stehn ein paar angefangene Leinwände in meinem Atelier und flächeln mich vorwurfsvoll leer an. Also hab ich eine ersma mit gelber Ölfarbe grundiert, mit der ich eigentlich schon längst wieda die Hauswände streichen müβte. Das iss niemals fertich geworden, seit es das ganze Jahr regnet, und die gestrichenen Flächen sind schon wieda vergammelt. Aba Gelb iss gut, durchstinkt bloβ fürchterlich das ganze Haus, weil wegen der Hitze alles offen iss.
Während des nächsten Stromausfalls trug ich dann meine klappbare Feld-Staffelei auf die Veranda des Schlafzimmers im Obergeschoβ. Dort geht der Blick über die Terrassen meiner gelb-reifen Reisfelder zum Pazifik. DAS will ich irgendwie malen. Schon bei der Installation der Staffelei lief mir der Schweiβ in Strömen, obwohl ein starker Wind wehte, und ich fast nix anhatte. Als die gelbe Leinwand vor dem Motiv stand, schien die gleiβende Vormittags-Sonne DURCH die Malfläche, und ich konnte nix sehn. Also baute ich alles wieda ab und einen Platz zum Zeichnen auf. Kein Ventilator konnte mich dabei abkühlen, und mit Hand- oder Armauflage auf gröβerem Papier-Format zu zeichnen, würde ein einziger Matsch. Deshalb versuchte ich es mit Ölkreide auf sehr kleinem, dunkelbraunem Papp-Format. Schon längst hatte ich wieda vergessen, daβ es vor ganich langer Zeit mit Buntstiften besser ging. Stattdessen fuhrwerkte ich mit viel zu groben Ölkreiden Marke „Mona Lisa“ herum, die ma mein Sohn in der Schule benutzt hat. Man soll ja nie nix wechwerfen! Die Sifte verbogen sich in der Hitze zwischen meinen Finger in bizarrer Weise und gaben den Geist auf. Wieso DAS denn? Die sind doch höchstens 30 Jahre alt.
Ich muβte an den Film „Lust for Life“ (1956) mit Kirk Douglas in der Hauptrolle denken: Van Gogh und Gauguin versuchen es drauβen in der Landschaft, während der Mistral bläst. Gauguin gibt schnell verärgert auf und meint, er brauche ganich vor dem Motiv zu sitzen, und van Gogh, von Herrn Douglas in der gewohnten und sehr passend heftigen Art gespielt – DA GEHT PLÖTZLICH DAS LICHT AN! Schon nach nur 11Std.. Ich renn los zum Pumpen-Raum, um sie lospumpen zu lassen, denn ich trau ihr nich mehr, das von alleine zu tun. Und dann hatten wa wieda Wasser. Wo wa ich stehn geblieben? Ach so! Van Douglas kämpft also noch ne Weile mit dem Wind, und dann kippt ihm die Staffelei um. So schwer ham die Künstler das.
Und nach 2Std. war der Strom wieda wech. Ich hab nach dem Mittagessen zu schlafen versucht, aba 1 Fliege hatte sich durch die geöffnete Verandatür eingeschlichen und mich mutwillich gestört. Da bin ich aufgestanden, hab n Kaffee getrunken, die Ziegen gefüttert, die gelbe Leinwand wieda auf die Veranda getragen, die Landschaft draufskizziert, die Leinwand wieda runter in mein Atelier befördert, die groβe Staffelei eingerichtet, die Farb-Tuben mit 2 Zangen geöffnet – so fest zu warn die nach mehr als 13 Jahren Nicht-Benutzung – und hab losgemalt. Na ja, man sieht noch nich, ob es jeht, aba es iss wenigstens 1 Anfang, und Lust isses auch. „If I’m to be anything as a painter, I’ve got to break through that iron wall between what I feel and what I express. My best chance of doing it, is here, where my roots are … the people I know, the earth I know.” erklärte van Gogh in „Lust for Life” – bevor er sich erschoß.

fuck

Dicke Beine

Schulmaedchen

„Denn nie ist, was wir an uns schätzen,
zugleich des anderen Ergetzen.“
Karl Heinrich Waggerl

In ihrem Essay über das Thema Sexualität bei Arno Schmidt („Wo bleibt vor solchem Traum die Wirklichkeit?“) wirft Monika Albrecht (*1953) nicht nur dem Schriftsteller ein gestörtes Verhältnis zu Frauen vor, auch der Zeichner Robert Crumb bekommt gleich sein Fett: „Die Beharrlichkeit, mit der Crumb seine Comic-Welt mit weiblichen Figuren bevölkert, deren Ausmaße in der Realität kaum eine Frau unter tausend aufweist, scheint mir keine wesentlich andere zu sein als diejenige, mit der Arno Schmidt seinen Lesern Figuren- und Handlungskonstellationen zumutet …“. Diese bekannte Standard-Feststellung – normalerweise bezogen auf die rassistische Zuchtwahl von Mode-Bunnies – erscheint mir für das Panoptikum Crumbs völlig unsinnig. Man möchte fast annehmen, Monika habe Crumbs Frauenwelt nicht wirklich gründlich betrachtet und nie erlebt, seinen Figuren auf der Straße zu begegnen. Neulich bei Rudis Beerdigung, wo die sonderbarsten Ärsche an mir in Gesichtshöhe vorbeipromenierten, schienen die Leute geradezu seinen Skizzenbüchern entsprungen. Abgesehen von der abwegigen Gleichsetzung von Kunst und Realität, greift hier auch die Schmidt-Rezeption falsch an – ein Schriftsteller, der wie kein zweiter das muffige Klima der mittfünfziger Jahre mit seiner moralinsauren Bevormundung der Medien durch die Kirche geschildert hat. Schmidt zeigt geradezu exemplarisch die Situation der Männer jener Zeit. Mit welcher Distanz, darüber läßt sich streiten. Wer hat in den 50ern das Grundproblem der Kriegs- und folgender Generation in der Unterscheidung zwischen Frauen, die „gut lassen“ und Frauen, die „nicht gut lassen“ prägnanter und vor allem witziger auf den Punkt gebracht? Außerdem kann inzwischen jeder rezipieren, was zu ihm paßt, seit die Kunst nicht mehr von Köln aus geregelt wird. Jedenfalls geht die Kritik der aufgeklärt-emanzipierten, eher bitter-humorlosen Monika ebenso am Zeitbezug vorbei, wie Crumb – mit all seiner von ihm selbst zugegebenen Fixierung – nicht als Hieronymus Bosch der 60er Jahre erkannt wird. Seine „katholischen Schulmädchen“ von 1972 sind so treffend wie nie zuvor wiedergegeben, daß man annehmen könnte, er habe sich zeitweise in Manado aufgehalten, wo das dicke Bein überall triumphierend aus zu kurzen Röcken und Hosen lugt. Wenn es sich nicht um eine Obsession der Dicken handelt, möglichst viel von ihren Körpermassen zu zeigen, so zumindest um die völlige Abwesenheit von Selbsterkenntnis.

selbst-spiegelnd