Grußadresse

dreamy-horizon

(laut & vernehmlich von Ruth für Uli, Rosi & ausnahmsweise auch Peter vorzulesen)

Zuerst einmal Schluck auf und die volle Ladung Glück Euch allen für das angeblich neue Jahr!

Beim Betrachten der Fotos, die mir Ruth dankenswerterweise geschickt hat, kam mir so manches hoch, was schon vom Dschungel der Zeit verschlungen schien:

Ich glaub, ich hätte Euch nich wiedererkannt. Optisch iss alles auf dem Stand von 2000 eingefroren. Allerdings erkenne ich mich auch nicht mehr so ohne weiteres im Spiegel wieder – besonders nach Operationen. Ich saß mal nach solch einem Zusammenbruch in einem von Manados verrotteten Restaurants und sah in den Spiegelwänden einen anderen Weißen, den ich schon grüßen wollte – es war jedoch ich. So strömt die Zeit davon wie die Fluten nach einem Tropenregen, und beim Reinigen der Siebe, die meine Teiche vor dem Müll der Wilden schützen sollen, habe ich mir heute an einer Konservendose den Finger aufgeschnitten – was hier nur als symptomatisch angeführt werden soll – denn ich räume tatsächlich regelmäßig den Müll dieser Schweine weg.
Damals in D habe ich alles gelesen, was ich über Indonesien finden konnte, auch die arroganten, rassistischen Beschreibungen weißer Pflanzer aus den 30er Jahren. Was für Arschlöcher, dachte ich damals über manchen dieser Autoren. Dann, hier in Indonesien, halfen wir den bedauernswert Armen, wie wir konnten. Ein alter Verwandter, der gut eine Samurai-Rolle in einem japanischen Hack-Film übernehmen könnte und sich mal im Schlamm unserer Reisfelder mit seinem Bruder wie Kain und Abel um die Wasserversorgung geprügelt hatte, kommentierte das mit: „Laß die doch verrecken!“ Er meinte nich seine christlichen Mitmenschen sondern die Moslems. ‚WOW‘, deuchtete mir seinerzeit, ‚was für ‘ne Bitternis‘. Der Mann hatte anscheinend schlechte Erfahrungen.
Heute, nachdem ich 11 Jahre abwechselnd wie ein Star bewundert und beachtet, mit Steinen beworfen, mit Knüppeln bedroht, geschlagen und vor Gericht gestellt worden bin, sehe ich das auch so. Aaltje mag ihr Volk nich mehr. Und wenn wir eine Alternative hätten, wären wir schon weg. Nur – wo gibt es denn die konflikt- und katastrophenfreie Insel mit moderatem Wetter und unberührter Wildnis mit Internet und Supermarkt? In Japan offensichtlich nich. Da liegt der Hase im Waran.
Und deshalb genieße ich jeden Sonnenaufgang auf unserer Pazifik-Veranda – bis jemand anfängt, seine frohe Botschaft ins Mikrofon zu brüllen. Als neuste Mode bringen die Wilden Feuerwerk zur Explosion, das den Fußboden in unserem Schlafraum noch in 100m Entfernung vibrieren läßt. Doch sicher wird mir nach meiner nächsten Rectifier-Aktion (Ich hab doch mein kritisches Bewußtsein nich bei der Imigrasi abzugeben! Und auch das neue Motto vom 2001-Versand, „shop in the name of love“, kann mich nich einschläfern.) – also nach einer dieser für mich lebensgefährlichen Aktionen wird mir wieder so ein halbgebildeter, aufgeblasener Beamter einen Vortrag darüber halten, wie anders hier das Brauchtum sei, und wie sozial und auf Ausgleich gesellschaftlicher Konflikte angeblich alle bedacht sind. Und dann werden sie sich wieder totsaufen, -fahren, -stechen oder einfach plattrampeln, weil es sich um die primitivste und rücksichtsloseste Gesellschaft handelt, die ich je erlebt habe. Und sie werden nich nur mich sondern vor allem sich ständig gegenseitig betrügen. Danach wird wieder ein Waran oder eine schwarze Kobra in einem meiner Wasserfälle fischen, und ich werde erneut fasziniert sein und vergessen, wie schön und gepflegt es bei Euch war – mal abgesehen vom Zigarettenrauch. Wir saßen gemütlich zusammen, aßen, sprachen anregend miteinander und hörten gute Musik. Civilization at it’s best!
Vorbei für immer und durch nichts zu ersetzen.
Andererseits – wenn ich mir vorstelle, daß ich die letzten 11 Jahre in gewissen Abständen auf Peters schwarzem Ledersofa gesessen hätte – hätte ich mich doch immer nach dem ganz Anderen gesehnt. Das hab ich jetzt – bis zum Überdruß, und ich hoffe, daß ich mich auch weiterhin beherrschen kann, und nicht einen der mich umgebenden Lumpen zusammenschlage. Doch falls ich dafür nich schon zu alt sein werde, wird das meine erste Aktion nach einer eventuellen Einbürgerung. Bis dahin fotographiere ich Warane.

Salam hangat von
Thomas

Ein Gedanke zu „Grußadresse

  1. Ein äusserst interessanter Bericht, wie es bei euch zugeht.
    ich hab mir ein neues Icon (gravatar) gemacht.
    das andere war echt hässlich
    und einen Bart hatte ich auch noch
    das ist ja eine onlinebearbeitung
    da gibt es einige im Internet

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