Katastrophen im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit

reproduzierbar

Was hier zur Zeit geschieht, passiert seit Jahrzehnten, wenn nicht sogar seit Jahrhunderten. Der einzige, der bisher gestorben ist, soll ein schweizer Vulkanologe gewesen sein, Anno ichweißnichwann. Neu ist lediglich die künstliche Aufregung, die Naturereignisse und von Menschen selbst verursachte Katastrophen im Internet auslösen. Da sitzt einer in Entenhausen, der noch nie einen Original-Vulkan gesehen hat, und berichtet über Nordsulawesi, wobei er nicht nur die Nachrichten sondern auch gleich die Fotos klaut. Gibt man als Tag-Surfer „earthquake" ein, geht jeden Tag die Welt unter. Als Student und „Spiegel"-Leser hatte ich diesen Eindruck nur wöchentlich. „Der Spiegel" benötigte noch nicht mal Asien-Korrespondenten sondern schrieb bei „Newsweek" ab. Hört man auf, Nachrichten zu konsumieren, die einen nicht betreffen, lebt man wesentlich ruhiger und bemerkt, daß die meisten für die eigene Existenz nicht relevant sind sondern lediglich eine bizarre Unterhaltungsform darstellen. Selbst die Berichterstattung über Tsunamis mit Massen an Menschenopfern ändert nichts an der Situation, daß Millionen auf fatalistische Weise an Küsten wohnen bleiben, verhindert jedoch die weiterführende Reflexion der Frage, ob die eigentliche Katastrophe nicht in der Überbevölkerung liege, die Erde also letztlich mehr Tsunamis anstatt weniger brauche.

Der Film „Fair Game" verdeutlichte mir ein weiteres Mal, wie wichtig verantwortungsbewußtes Research ist – aber eben verantwortungsvolles – und nicht das Zumüllen der Kanäle mit Reproduktionen, die Wirklichkeit schließlich unauffindbar machen – nicht um mehr Information sondern erfolgreichere Exhibition des Ichs zu erzielen. Vulkane als Einschaltquoten-Booster.

Wenn wir heute auch Walter Benjamins Utopie vom Apparat nahe sind, welcher „um so besser, je mehr er Konsumenten der Produktion zuführt, kurz aus Lesern oder aus Zuschauern Mitwirkende zu machen imstande ist", was ist damit erreicht, wenn ständig Information auf uns einwirkt? „Sobald eine Information erworben ist, wird sie sofort durch noch neuere Information ersetzt. Unsere elektrisch durchformte Kultur hat uns gezwungen, die gewohnte Klassifikation von Fakten durch den Habitus der Wahrnehmung von Strukturen zu ersetzen. Wir sind nicht mehr fähig, Stück für Stück, Schritt um Schritt lineare Abfolgen zu entwickeln, weil die augenblickliche Kommunikation dafür sorgt, daß sich gleichzeitig alle Umwelts- und Erfahrungsfaktoren im Zustand aktiver Wechselwirkung befinden", stellte Marshall McLuhan 1967 fest und in „Die Gutenberg-Galaxis" (1962): „ist es nicht absurd, daß durch irgendeine rein technische Erweiterung unserer Sinne wir Menschen unfreiwillig ein bis in die tiefsten Seelengründe verändertes Leben führen?"
Hat da gerade ein hape gelacht?

Search: Lokon
Did you mean: logon

UPDATE 14/07 – 22:55 UTC : Der Himmel über Manado, eine Stadt der 405,000 Menschen, a ist mit dichtem Rauch gefüllt."
Kommt meine Frau aus Manado zurück, und ich frage:
„Na, in Manado alles weiß?"
„Nö, wieso?"

UPDATE 14/07 – 23:28 UTC : Lava fließt den Berg hinunter in die Kinilow Richtung. Tomohon aussieht, sicher zu sein, so weit."
AASO!
Das iss unfair, daß ich wieda die besten Fotos verpaßt hab. Und ohne Marie würd ich nich mal meine eigene Einäscherung rechtzeitig bemerken.

Und hier ein starkes Nichts-Video.

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Lokon

Meditation-&-Ausbruch

Marie hatte mich per Email gewarnt: Bald würde ich nur noch aus dem Fenster zu sehen brauchen, und dann wäre er da, der finale Ausbruch, denn nun sei auch der Lokon tätig und die Bewohner in der Nähe evakuiert. Marie iss zwar imma bessa informiert als ich, geglaubt hab ich es jedoch nich. Zumal am Morgen die Vögel so schön blühten, die Seerosen sangen und nix Asche breit und weit. Bloß die protestantische Pedigerin hörte sich wieda an, als ob sie in eine vazinkte Gießkanne reierte. Und Internet-Berichte wie dieser, „Logon auf Sulawesi aktiv„, waren wahrscheinlich gerade massenhaft im Angebot. Die armen Bochumer! Login for Lokon.
Und dann kam meine Frau mit der Zeitung, die voll mit rauchigen Fotos und Evakuierungsplänen war, und da bin ich gleich los und hab sicherheitshalber ein Tuch zum Atmen und eine Taschenlampe für die japanischen Höhlen mitgenommen.

In dem unausprechlichen Ort Kakaskasen befindet sich ~7km südöstlich des Lokon ein buddhistisches Zentrum auf einem Hügel, von dem man guten Feldherrnblick hat. Dort gewahrte ich diese dürftigen Rauchwolken, die notorisch zwischen dem Lokon (1580m) und dem Empung (1320m) herausquellen. Nicht anders als in früheren Jahren, als wir z.B. 1983 im Boot von der Insel Gangga kamen, und sich Schwiegermutter ängstlich an unseren kleinen Sohn klammerte. Weder fiel Schulunterricht aus, noch wurde im gesamten zu überblickenden Bereich jemand evakuiert. Asche nirgendwo. Das mag auf der NW-Seite anders und bedrohlicher gewesen sein. Manche äußerten sich in der Zeitung, daß sie nich wechgehen würden, weil sie den Lokon schon lange kennen, und dieser Ausbruch nich ungewöhnlich sei – nich wie 91, als sie sich vor den rumfliegenden Steinen in Sicherheit bringen mußten. Da aber die Eruptions-Intervalle aktuell sehr kurz sind, wurden nachmittags wegen der Gefahr von Glutwolken, die schwerer als Luft mit über 100km/h vom Lokon-Empung herunterströmen können, 2 Dörfer am Fuße der Vulkane evakuiert. Und da nahmen ~1000 Personen ihre Matratzen und bestiegen fröhlich die bereitgestellten Busse und LKW.

Na-endlich!

Enttäuscht von derartiger Langeweile wandten wir uns ab. Doch gerade als wir im Wagen das Tempelgelände verließen, pustete es los. Das sah schon besser aus, war aba imma noch ziemlich mickrig und schlecht zu fotografieren, weil es mittags zu gleißend hell iss und diesich dazu.

Pagode-Kakaskasen

Da mußte ich doch extra wieda aus dem Wagen aus- und diese Pagode mühevoll bis oben besteigen, um eine bessere Ansicht zu haben, denn ich wollte den Dreck nich imma nur zwischen den Armen von Pantha, dem Älteren, aufnehmen. Was hat man doch für eine Mühe mit der Bloggerei! (Iss ulkich, wenn man die Pagode so rauf und runtascrollt. Wirdse dicka und dünna. Mach ma! Aba nich zu lange! Kannste von ippilyptisch wern.)

Lokon-12.7.11

Dagegen schwärmte Teddy, der Tourismus-Chef von Minahasa, den wir in Kasuang wegen der japanischen Höhlen befragten, vom Soputan-Ausbruch neulich nachts, als jener – der Soputan – so richtich schön Feuer gespuckt habe. Das hätte ich auch gern gesehn.

Lokon-nah

Auf dem Rückweg kaufte ich mir in Manado dann noch 1 Paar neue Füße und 3 Frösche. Echt! Und abends hatte ich Durchfall. So ein Reinfall.

Wer lesen wollen mehr, der gucken sollen hier (Ich nich wissen, was Sprache sein von diese Seite jene.):
„Die Vulkanasche ist derzeit nicht zu stören den Internationalen Flughafen in Manado.
… Für die Menschen im Großraum der Lokon Vulkan (Berg Lokon), dies ist die zweite Eruption, die lästige Asche Duschen bringt. Vor Lokon Es war eine andere Sulawesi Vulkan, Soputan, wer brach und warf noch mehr Asche in den Himmel. Die Abstand zwischen beiden Sulawesi Vulkanen liegt bei ca.. 40 km tief unter den Kontinenten und zwischen.
Der Ausbruch begann im Juni und hat oben und unten gegangen seitdem.
… CVGHM berichtet, dass während der 1-25 Juni weißen Federn stieg 50-200 m über Tompaluan Krater, in den Sattel zwischen den Lokon-Empung Gipfel. Auf 26 Juni ein phreatic Eruption ausgeworfene Material, um den Krater gefallen und produzierte eine graue Wolke, die erhöhte 400 m über den Kraterrand und trieb N. Seismizität erhöht den nächsten Tag und weißen Federn stieg 50-200 m über dem Krater. Die Alarmstufe wurde erhöht 3 (auf einer Skala von 1-4). Besucher und Bewohner wurden aus geht innerhalb eines 3-km-Radius um den Krater verboten.
… Abgelaufene Zeit seit dem letzten Beben beschädigt : 23 days 5 hours 35 minutes 20 seconds“

Lava me or lava me not

Klabat-6.2011

Vielleicht liegt es am Sommaloch – obwohl hier eigentlich imma Somma iss und weit und breit kein größeres Loch, abgesehen von denen, die die Japaner im 2. Weltkrieg gebuddelt ham – jedenfalls steht in der Manado Post, daß unsa erloschener Hausvulkan, der 1995m hohe Gunung Klabat, ganich schläft sondern das letzte Mal 1821 ausgebrochen sei und deshalb jetzt beobachtet werden soll.
Nu ist die Manado Post aktiver Teil der internationalen Aufregungs-Industrie, in der Berichterstattung etwa so seriös wie Esoterik-Blogs, und allenfalls sind die Fußballergebnisse zuverlässig. Selbst Sprachkundige fragen sich gelegentlich: Was will uns der Journalist damit mitteilen? Aba so ganz falsch iss das nu auch wieder nich, denn ein „ruhender“ Vulkan wird nich als erloschen sondern als lebendiger definiert, der zur Zeit nur keine Lust zum Ausbruch hat. Also wie bei manchen Mitmenschen auch. Der „Klabat is probably still an active volcano and has active fumaroles on the summit„. Tatsächlich sind sich aber alle mir verfügbaren Quellen darin einig, daß es kein bekanntes historisches Ausbruchs-Datum für den Klabat gibt. Dafür habe ich mich latürnich sehr interessiert, bevor ich anfing, auf den Ausläufern dieses gunung api (Feuerberg) zu siedeln.
1983 war es Liebe auf den ersten Blick. Egal von welcher Seite ich ihn sah, er faszinierte mich, zumal Vulkane in Niedersachsen selten sind, und der Harz sieht irgendwie anders aus. Noch besser, wenn sich die eigenen Reisfelder davor erstrecken. Von Fumarolen weiß hier niemand was. Man sollte doch annehmen, daß ich in 11 Jahren täglichen Anblicks aus ~10km Entfernung etwas davon bemerkt hätte. Allerdings habe ich es noch nicht bis auf seinen Gipfel geschafft. Und wenn es einen Ausbruch im Jahre 1821 gegeben haben sollte, müßte 1983 in einer Gesellschaft mit ausgeprägter mündlicher Überlieferung noch jemand existiert haben, der die Kunde seiner Vorfahren weitertrug. Zumal sie soo gerne über Magisches reden. Auch optisch bietet die klassische Form des Klabat nichts, was auf einen Ausbruch hinweist, das sieht man schon am Bewuchs. Tätige Vulkane sind meist abgeflachter, weil sich die Spitze immer wieder zerlegt, wie zum Bleistift beim Lokon, der ständig vor sich hinbrutzelt. Allerdings wirkt der Soputan auch ziemlich klassisch.
Eine Erklärung für die Hysterie-Meldung läge in der Verwechslung entweder mit dem Zwillingsvulkan Dua Sudara (1351m) oder dem etwas weiter nördlich gelegenem Kegel Tangkoko (1109m) mit seinem Kraterhügel Batu Angus (699m). Vom Tangkoko sollen mindestens 9 Ausbrüche zwischen 1680 und 1980 bekannt sein. Aber als ich ihn bestieg, war er so dschungelich, daß ich nicht mal den Eindruck hatte, auf einem Vulkan durch die Vegetation zu rutschen, und kein Krater weit und breit. Hier stimmt also etwas nicht mit der Nachrichtenlage: Auf Sulawesi-Karten, auf denen 1cm 150km entspricht, schrumpfen die 6 Vulkane meiner näheren Umgebung zu einem Einheitsklops, und die Nachrichten darüber werden zu Matsch. Gerade schickt mir Verena einen Zeitungsbericht, in dem beschrieben wird, wie sich Affen auf SULAWESI selbst fotografieren. Latürnich! Sie telephonieren auch mit geklauten Handphones. Bloß WO? Und wenn ich noch länger an diesem Post rumkorrigiere, werde ich noch selba zu einer Fummelrole. Durch Reste der Eruption von 1980 bin ich sogar seinerzeit gefahren. Der Ausbruch von 1680 soll gewaltig und sehr laut – wie könnte es anders gewesen sein. Da sich der Batu Angus, der auf einer meiner halb verwesten Karten als aktiv rot markiert iss, nur ~25km von meinem Haus entfernt befindet, könnte er durchaus mal ein Problem werden. AUWEIA! Ich bin gegen nix versichert.
Doch es gibt noch eine weitere Erklärung: Die Wilden entwickeln gern Projekte, die zu nichts führen. Dafür gips nämlich staatliche Gelder. In solch einem neuen Beobachtungsprojekt für ruhende Vulkane, die von den Geräten der bestehenden Beobachtungstationen ohnehin erfaßt werden, würde das Geld an die Teilnehmer verteilt – und das war’s dann. Manchmal geben die Projektleiter es auch versehentlich für sich selbst aus.

Lava come down soft and hot.
You better lava me now
or lava me not.

Jimmy Buffet, „Volcano“ (1979)