Bis auf’s Messer

In einer jener Nächte im Rattenloch, so gegen 23:30, bestellten junge Leute nebenan bei Ira Essen. Sie wollten es später abholen. Anschließend gingen sie mit bakuku-Geschrei nach unten.
Gegen 24:00 Uhr kehrten sie zurück, um das Essen zu holen. Um ihre Identität festzustellen, ging ich raus und fotografierte „Abe“, einen tätowierten Klops, der einer der frechsten bakuku-Schreier war, zusammen mit Andi, dem Sohn unseres Blockwarts, und Melki, von mir orang ayam genannt, weil er gewöhnlich wie ein lautes Huhn lachte. „Bijey”, hauptberuflich Amokläufer, saß mit gesenktem Kopf auf der Bank vor der Baracke von Yos. Während diese blöde Digital-Kamera quälend lange für den Schuß ins Dunkel brauchte, drehten Abe und Melki ihre Gesichter wie ertappte Kriminelle weg.
Anschließend fingen Andi und Abe eine aggressive Diskussion mit meiner Frau an, in der sie jegliches bakuku abstritten. Als Abe, der mehrfach betonte, daß er mein Fotografieren überhaupt nicht leiden kann, immer bedrohlicher auf meine Frau einredete, holte ich meine bewährte Eisenstange, blieb zwar innerhalb unseres Eisenzaunes, schlug aber 2x von innen gegen denselben und forderte Abe auf zu verschwinden. Obwohl Abe mich bereits vorher bedroht hatte und sich danach schriftlich mit Stempel der Dorf-Regierung verpflichten mußte, besonders unsere Ruhe nicht zu stören, zog er eine etwa 20cm lange Messerklinge aus seiner Hose, hielt sie meiner Frau vor die Nase und zeigte sie mir auch. „Siehst du das Messer?“ Andi, der offensichtlich wie jede Nacht wieder schwer betrunken war, schrie bakuku, und Abe erklärte meiner Frau, daß sie mich nur aus Rücksicht auf die verwandschaftlichen Beziehungen noch nicht … .
Wir zogen uns ins Haus zurück, Abe diskutierte noch heftig mit Ira, dann verschwand die Gruppe nach oben – wieder mit bakuku-Geschrei. Etwa eine halbe Stunde später wurden oberhalb mehrere Explosivkörper gezündet.
Bei Anruf wollte die Polizei kommen, erschien aber – wie schon öfters – nicht. Beim zweiten Anruf hieß es, es würde regnen, aber sie sind dann doch gekommen – zu spät. Gegen 1:30, kurz nachdem die Polizei mit ihrem kaputten Moped abgefahren war, hörten wir draußen wieder Schritte und das Schleifen eines Messers auf der Straße, als traditionelles Signal für mich. Die Kriminellen, die ich ins Gefängnis bringe, sinnen immer auf Rache. Ist wie in der Schule. Einer hatte 2x im Hauptfach 5 und kriegte von mir noch eine in Kunst. Dann blieb er „wegen Kunst“ (wegen des Deutschen) sitzen und beschädigte mir das Auto (das hier eh schon kaputt war, so daß es keine Rolle mehr spielte). Meine Frau hatte Angst. Magenkrämpfe und Herzrasen. Dabei wollten die nur mich umbringen. Jedoch zuerst mußte Abe mit inzwischen komplett tätowiertem Rücken 1 Woche in Polizeihaft.

Und dies fand ich seinerzeit in SPIEGEL ONLINE:
Die Suche nach dem unheimlichen Schreier
Ein unheimliches Gebrüll versetzt ein ganzes Viertel in Angst und Schrecken. Die Anwohner sind ratlos: Keiner weiß, wer der mysteriöse Schreihals ist, und was der Radau zu bedeuten hat. „Ööööh… ööh… öööh…“, schallt es nächtens über einen Hinterhof im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel. Seit Monaten bereitet ein bizarres Brüllen den rund 1000 Anwohnern schon schlaflose Nächte, berichtet die „Hamburger Morgenpost“. Wer dahinter steckt, ist bislang ein Rätsel. „Ich glaub, das ist ein Irrer, die Stimme klingt richtig animalisch, ich verriegel jetzt abends sicherheitshalber immer mein Fenster, bevor ich zu Bett gehe“, erzählte eine Anwohnerin der Zeitung.

In Hamburg auch? Das mußte einer von hier sein.

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Straßenkampf

 

Als ich noch im Rattenloch an der Dorfstraße wohnte, gab es da „Ebol“, der versuchte seiner Umgebung den eigenen Lebensstil aufzuzwingen. Sein Motto malte er mit weißer Farbe auf die Straße: „X-trime„. Den Vorplatz vor seinem Haus (mir schräg gegenüber) machte er zum Pub, wo sich alle Alkoholiker und Kriminellen der Gegend Tag und Nacht trafen. So wurde der Platz auch zum Terminal für Busse und Motorräder, die den Krach noch verstärkten. Verschärft wurde diese Situation durch Alkoholverkauf gegenüber während der ganzen Nacht. Volltrunkene jugendliche Männer und Frauen torkelten, saßen, lagen und pißten auf der Straße, bakuku (Urschrei), Gelächter, Gegröhle, Autos mit voll aufgedrehter Soundanlage, jede mögliche Art von Lärmerzeugung, massiver Drogenkonsum (nicht nur Alkohol), 24 Std. lang.
Nachdem meine Frau Ebol wegen bakuku angezeigt hatte, begann er permanent gegen mich zu agitieren: „Dia tidak orang Kauditan!“ (Er ist keiner von hier!) konnte ich bis zur Paranoia zu jeder Tages- und Nachtzeit hören. Durchgehend schlafen war nur noch bei Regen möglich.
Als einer der auffälligsten Alkoholiker erwies sich „Budo“, der auch schon an meinem Auto hantiert hatte. Nachdem er eine Nacht lang in der Gruppe bis Tagesanbruch randalierte, fotografierte ich ihn am Morgen aus der Ferne beim „ba pajak“ (besteuern = Straßenraub). Darauf reagierte er mit bakuku, näherte sich mir und redete eine Weile entschuldigend auf mich ein. Später beobachtete ich ihn beim Abkassieren von Schülern.
Zur Gruppe gehörte auch Stenli. Ich sah ihn am Morgen unter Drogeneinfluß Steine werfen, Autos den Weg versperren und Steine auf die Straße legen, die von Glassplittern übersät war. Als ich ihn aus der Ferne ebenfalls fotografierte, schrie er mehrmals „Fuck you!“ und versteckte sich dann. Eine Weile später kam er hoch in meine Nähe, verwirrt umhersuchend, aber mich dabei aus den Augenwinkeln beobachtend. Als Yos ihn fragte, was er suche, antwortet er, er hätte ein „Negativ“ verloren. Auch vorher schon, als wir die Lumpen das erste Mal ermahnten, zeigen sie sich beunruhigt durch meine Kamera. Die Weißen haben einfach die überlegene Technologie.
„Bijey“ fiel mir jahrelang durch seinen Drogenkonsum und seine Neigung zur Gewalt auf. Da er gleich nebenan wohnte, konnte ich ihn beim Steinewerfen gegen Autos, beim Abkassieren der Fahrer und bei anderen Aggressionen beobachten (u.a. bedrohte er Ira mit einem Messer). Täglich mußten wir sein Geschrei mitanhören. An diesem Morgen lief er Amok, indem er einen großen Blumentopf durch die Luft schleuderte, mehrere Motorradfahrer angriff (einer stürzte mit seiner Maschine), einen Zeitungsverkäufer verfolgte und direkt vor unserem Haus blutig schlug. Leider hat er mich nicht angegriffen, aber man kann ja nich alles haben. Yos stoppte ihn, indem er ihn von hinten umklammerte. Das Opfer hatte soviel Angst, daß der Mann keine Anzeige aufgeben wollte. Frauen mieden sogar die Benutzung der Straße, wenn sie diese Jugendlichen sahen, und niemand (außer uns) wagte es, sich zu exponieren, indem er diese Lumpen anzeigte.
Seit ich mich ihnen offen entgegenstellte, 8 junge Burschen in 2 verschiedenen Banden anzeigte, hielten sie Abstand, und es gab totenstille Nächte. Feindliche Jugendliche waren nur noch entfernt zu hören, wie sie sich mit englischem Gestammel über mich lustigmachten und ab und zu bakuku. Als wir wegzogen, begann das Treiben wieder – und hält bis heute an, obwohl jeder im Dorf diese Burschen kennt (viele sind mit ihnen verwandt) und etliche von ihnen inzwischen schon Polizeihaft kennengelernt haben.

Hundertwasser meinte, man solle immer so leben, als ob Krieg ist. Hier sowieso. Das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheiden, keine Resourcen verschwenden (Nur für die Kunst?), achtsam leben. Feigheit wird in einer saturierten Gesellschaft leicht mit Nachdenklichkeit verwechselt. Die Künste zeigen Weltfremdheit und Ohnmacht. Soziale Gefüge im Großen sind wie diese Straßen da draußen im Kleinen. Es ist immer Krieg. Du kämpfst oder gehst unter, bzw. flüchtest in dein Privatgespinst. Du verlierst in jedem Fall: deine Unschuld, deine Ruhe, deine Kraft.

Abb. aus PC-Spiel „M.I.A.“

Ego

Ego is like a room of your own, a room with a view with the temperature and the smells and the music that you like. You want it your own way. You’d just like to have a little peace, you’d like to have a little happiness, you know, just gimme a break. But the more you think that way, the more you try to get life to come out so that it will always suit you, the more your fear of other people and what’s outside your room grows. Rather than becoming more relaxed, you start pulling down the shades and locking the door. When you do go out, you find the experience more and more unsettling and disagreeable. You become touchier, more fearful, more irritable than ever. The more you try to get it your way, the less you feel at home. Pema Chodron „Start Where You Are“

Als ich noch provisorisch und depriviert im „Rattenloch“ wohnte, wo es so laut wie auf einem Hauptbahnhof war – wobei man den Lärm eines Hauptbahnhofs als erheblich geregelter erfährt – verbrachte ich Weihnachten mit 1 PC-Spiel. Vielleicht 1 Aufbauspiel oder 1 Vietnam-Shooter – ich weiß es nich mehr. Ich bin gerne im Dschungel. Der virtuelle hat den Vorteil, daß es nich so heiß iss, und man keine Probleme mit Blutegeln hat. Ameisen und Moskitos gab es aber auch im „Rattenloch“ reichlich. Manchmal kann ich nich unterscheiden, ob die Dschungel-Geräusche von draußen, aus dem Lautsprecher oder aus dem neuen Handphone meiner Frau kommen. Wenn ich die Vietcong beruhigt habe, beende ich oft nicht gleich die Mission, sondern schaue mich noch ein bißchen in der Botanik um.

Ich spielte 2 Tage lang – nur unterbrochen von Essen, Schlafen und dieses schweinische Klo besuchen. Ich vergaß den Irrsinn um mich herum und hörte auch nichts anderes mehr. Gleichzeitig trommelte der Regen ununterbrochen auf’s Wellblech. Hier und da tropfte Wasser, löste die Sperrholzdecke auf und versickerte im fleckigen Teppichboden.
Als der Regen aufhörte, ging ich zum ersten Mal wieder raus – und befand mich in einem erklärten Katastrophen-Gebiet. 2 Häuser weiter hatte Hochwasser das dritte weggespült, 50m unterhalb des „Rattenlochs“ sich 1 „Beton“-Brücke aufgelöst (was man eben hier so beton nennt), und die Straße sah aus, als ob sie kürzlich noch ein Fluß gewesen wäre. Der Asphalt (was man eben hier so aspal nennt), auf den die Vulkanausläufer hinaufführenden Wegen, war im unteren Bereich blasig aufgeworfen, in Kaima fehlte ebenfalls ein Haus mitsamt nun nicht mehr lebendem Inventar, die Hauptstraße nach Bitung unterbrochen, weil mehrere Brücken eingestürzt. Überall in der Region fand man Straßen unbenutzbar.
Ich hatte mal wieder nichts mitbekommen.