Verliebt

natural

Es war ein rechtwinkliges Dreiecks-Verhältnis: Eine weiß bebluste, derb breitgesichtige junge Frau saß im mikro vor mir, ihr Freund daneben und starrte sie von Airmadidi bis Kairagi so heftich verliebt an, daß ich ihn ständich im Profil sah. Die Kopfseiten fast rasiert, oben drauf toll Gegeltes, die Haut pickelich. Um den Hals eine der Ketten, die gewöhnlich Stöpsel von Waschbecken fixieren. Immerhin schmucklose Ohren, obwohl bei jungen Männern zur Zeit eine starke Tendenz zum Teller-Ohrläppchen besteht. Die Hypotenuse zwischen ihm und mir betrug etwa 50cm. Wir waren uns also sehr nah. Da mir ihre langen, schwarzen Haare mit einem hennahaften Hauch Rot im Fahrtwind ins Gesicht wehten, spreizte ich abwehrend meine Finger hinter ihrem Kopf. Dies mußte der Bursche bemerkt haben, denn er näherte sich ihrem Ohr in Zeitlupe und flüsterte in dasselbe, worauf sie nach hinten langte, ihre Haare griff und sich jene nach vorn über die Schulter zog, wo sie nicht lange blieben. Dann war wohl etwas ins Auge geweht, was er ihr mit seinen Fingern zärtlich entfernte. Er hielt sogar eine ihrer Strähnen fest, was jedoch nix nützte, denn sie besaß davon reichlich. Also mußte ich immer wieder meine Hand hinter ihrem Kopf aufstellen, so lange, bis er sich wieder ihrem Ohr näherte, und sie wieder nach hinten griff. Das ging die ganze Fahrt so. Dabei beobachtete er sie beständig, als ob er sie hypnotisieren wollte. Auch hielten sie sich verkrampft die Pfoten. An ihrem Handgelenk zwei Schnittnarben. Suizid gefährdet? Dort befand sich ein geflochtenes Armband mit kleinen Holzwürfeln, auf denen jeweils ein Buchstabe aufgedruckt war. Seine Initialen? Immer wieder näherte er sich starrend ihrem Kopf wie ein Hahn, der gleich auf die Henne springt, und ich dachte jedesmal: JETZT! JETZT! Doch schmiegten sie nur innich ihre Köpfe aneinander, und immer wieder hatte ich mich gegen ihre Haare zu wehren – von Airmadidi bis Kairagi.
Ich mußte an die gern gesehenen YouTube-Dokumentationen über Partner-Suchende denken, die mich vor Illusionen bewahren. Ich würde beim Blind-Date in Verkennung der wahren Verhältnisse wahrscheinlich feststellen: „Da tropft was aus Ihren Nasenlöchern! – Ach! Das ist Nasenschmuck? Haben Sie ein Loch in der Schei… äh, in der Nasenwand? Zuviel Kokain? Ha, ha, ha!“ Und schon wär alles im Eimer. Warum wollen Fraun wie Rinder aussehen?
Dagegen forderte mich die attraktive Verkäuferin im „Indomaret“ auf, doch einen neuen Müsli-Riegel zu probieren. Bei zweien gips einen umsonst. Auf dem Rückweg von Manado – mein Rucksack schon mit 3kg Katzenfutter, 2 Stücken Käse und einer Packung Jasmin-Räucherstäbchen aus Malaysia gefüllt – tat ich jenes, worauf sie bat, mich für promo telephonieren zu dürfen. Dazu drehte sie ihren gut entwickelten Oberkörper um fast 180° über den Thresen, hielt einen Müsli-Riegel hoch und knipste uns vier mit ihrem Telefon-Brettchen, denn lächelnd hielt ich auch einen. Influenzer. Früher war das eine Krankheit.

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Der häßliche Mensch

haesslich

Charakterlich sowieso. Viel Aufwand wird betrieben, unsere dominant animalischen Wurzeln zu verschleiern. Aber auch physisch bietet ein notorisches Inzucht-Gebiet wie Nordsulawesi viel Ekelhaftes.
Vor mir im mikro zieht die verfettete junge Frau geräuschvoll ihren Schleim aus dem Schlund und spuckt ihn aus dem Fenster. Nachdem sie sich mit ihrem T-shirt den Mund abgewischt hat, lehnt sie den Kopf gegen meinen Rucksack und schläft ein. Eine Reihe vor ihr sitzt eine total verwarzte Frau mittleren Alters. Alle sichtbaren Hautflächen sind mit unterschiedlich großen Wucherungen versehen wie die Haut einer Kröte. Als buchstäbliche Höhepunkte je eine fast vollplastische Warze auf Oberlippe und Nase. Letztere sollte als typisches Wahrzeichen der Minahasa im Landeswappen aufgenommen werden. Ein Fahrer kratzt sich am Hinterkopf – ich sitze direkt hinter ihm – und schnippt die Ernte aus seinem Seitenfenster. Ein anderer besitzt nur noch 1½ Arme. Was ich aus dem Augenwinkel als seine rechte Hand wahrgenommen hab, ist nur der Stumpf seines Oberarms mit 3 blutig rot vernarbten Enden, mit denen er das Steuerrad stabilisiert, wenn er mit der linken Hand zu schalten hat. Auf seinem Kopf nicht ein einziges Haar. Unterwegs steigt eine ältere Frau mühsam zu, durch deren O-Beine man einen Hund jagen könnte. Und all die schimmelig verputzten Frauen, die nicht in Würde altern können, mit frei positionierten Augenbrauen-Malereien oder -Tätowierungen, die noch im mikro die Wimpern tuschen und sich in ihrem HP spiegeln müssen.
Ganz hinten eingeklemmt hockt manchmal ein magenkranker Schwerhöriger, dem gerade ein harter, abgestorbener Staudenstengel ins linke Auge geschlagen ist. Das bin ich.
Und dann fiel eine weitere Woche das Internet aus, garniert mit gelegentlichen Strom-Ausfällen. So viel ist inzwischen passiert, aber das erzähle ich ein anderes Mal. Jetzt bin ich sehr müde. Ich baue nämlich wieder ein Haus.

familie

Samuel Bak (*1933), „Die Familie“ (1974, Ausschnitt)

Warning

gratis

Einsteigen gratis.
Aussteigen?
Bezahl gefälligst!

Neulich stieg ich nach kurzer Fahrt ohne zu bezahlen wieder aus, weil der Fahrer anfing, mir seinen Terror-Baß in den Körper zu drücken. Und zum ersten Mal beobachtete ich eine überernährte, chinesisch wirkende junge Frau, die sich nach Besteigen des mikro bekreuzigte. Das nützt zwar nix, beruhigt aber. Auf ihrem Busen ein zartes, weißes Plastik-Kreuz. Bestimmt würde es ihr in Bayern gut gefallen. Ist ja dort auch sehr gebirgig, und das Meer würde ihr sicher nicht fehlen, denn die extreme Nagellänge ihrer kleinen Finger zeigte, daß sie handwerklich höchstens an verschiedenen Stellen rumbohrt. Auch hatte sie keine schwarzen Ränder unter den Nägeln wie ich. Gefährlich wirkte ihr kleiner, dicker Sohn im militärgrünen Trikot und gleichartiger kurzer Hose. Auf dem Rücken rot-weiß aufgedruckt „Ranger“, da drunter 2 stilisierte Handgranaten. Mehrere Wilde stießen sich den Kopf beim Ein- und Aussteigen an den etwa 20 aus der Decke ragenden Sehrlautsprechern. Zusätzlich befanden sich dort noch einige Düsentrieb-Verstärker mit Digital-Anzeige. Nur kleine Kinder konnten aufrecht ein- und austeigen.
Wie sich Muslime bei mikro-Fahrten absichern, weiß ich nich. Nun endet leider die Schlemmerzeit Ramadhan, und die Baß-Terroristen fangen wieder an zu toben. Es war einen Monat lang so wunderbar still, daß ich mir das ganze Jahr Ramadhan wünsche. Allerdings würden die Wilden dadurch hemmungslos übergewichtig. Hindere einen am Essen, und er denkt nur noch daran. Manchmal beschlich mich sogar das Gefühl, hier völlich allein zu sein.
Bin ich ja auch.
Aba, BUMS! stirbt eina, und schon geht das Gejaule wieda los.