Ausgezählt

Tankstellen-Kasse

In der Zweigstelle der größten Bank Indonesiens, die auch mit der Deutschen Bank zusammenarbeitet, will ich Euros in Rupiah umtauschen. Die Leiterin, die sehr gut deutsch spricht, ist nicht anwesend, die einzige Sachbearbeiterin, die das bewältigen kann, hat Urlaub. Schließlich wagen sich nach längerer Wartezeit gleich mehrere, immer unprofessionell wirkende Mitarbeiter an die Aufgabe. Die erste interessiert sich nur für den Hals-Schmuck meiner Frau. Wo der denn her sei? Hab ich auf Bali gekauft. Ob ich ihr auch solch einen besorgen könne? „Ja, wenn der Kurs gut ist.” Ich möchte ihr am liebsten das Kopftuch über ihr aufgedunsenes Gesicht ziehen und fragen, ob wir jetzt vielleicht mal zum Thema kommen könnten. Zuerst der Kurs. Der ist günstig, weil die Rupiah einen Tag vor den landesweiten Provinzwahlen abgestürzt ist. Nachdem ich entschieden hab, wieviel ich tauschen möchte, muß nochmal telefonisch in Makassar angefragt werden. Jetzt ist der Kurs etwas ungünstiger. Zwischendurch erscheint eine Mitarbeiterin der „Prioritas”-Abteilung, in der wir vor der Pleite bedient wurden. Sie begrüßt uns überschwenglich und wird rot. Da blüht ihr fürchterlicher Hautausschlag an Wangen und Hals erst richtig auf. Man möchte ihr die mit Eiter prallvollen Pickel ausdrücken. Diese Angestellten kommen selten in die Sonne, die sie grundsätzlich meiden, und sind wegen der Klima-Anlage oft erkältet. Niemals würde man im Kunden-Bereich einer deutschen Großbank eine derartig vereiterte Mitarbeiterin antreffen.
Am Nebentisch schimpft eine männlich wirkende Holländerin in fließendem Indonesisch rum, während ihr die einheimische Begleiterin besänftigend die Schulter streichelt. Die Gelder für ihre Schule sind nicht angekommen. Schuld sei die Bank! Die Frau droht, zur Konkurrenz überzuwechseln. Während ich bearbeitet werde, steht eine andere Angestellte hinter meiner Stuhllehne und wackelt dran rum. Sind oft nervös diese Wilden. Als ich mich umdrehe, lacht sie und läßt die Lehne los. Wo ist denn meine indonesische Ausweis-Karte abgeblieben? Ach, die liegt noch im Scanner. Zum ersten Mal erfahre ich, daß man für größere Festgeld-Summen den Zinssatz aushandeln kann. Das hätte ich 3 Kontrakte früher wissen müssen.
Als die Holländerin wütend abgezogen ist, nimmt eine Kröten-Frau ihren Platz ein. Gesicht und Arme sind in höchst unappetitlicher Weise dicht mit vollplastischen Warzen übersäht.
Nach mindestens 1½Std. sind die 2 Vorgänge (Geld wechseln, Festgeld-Anlage) erledigt – und ich auch. Auf dem Parkplatz finde ich das Auto erst, als der Fahrer winkt. Sehn alle gleich aus, und ich versuche ab und zu, ins falsche zu steigen.
Danach wird leckeres Hühner-Soto aus übergeschwappten, angeschlagenen Schalen geschlürft. In der Pizza-Hut ließ ich mal ein angesplittertes Glas mit Sprung zurückgehen. Hier im Soto-Restaurant finde ich eine Tacker-Klammer im Mund. Das männliche Küchen-Personal hat sich in einer Ecke des Restaurants versammelt, wo auch leere Wasser-Behälter gestapelt sind, und macht Selfies. Dabei lachen sie sich kaputt. Als ich aufmerksam werde, verstummen sie und verziehen sich in die Küche, wo sie weiterjodeln. Deshalb schwappt auch immer die Suppe über. Eine Mutter kämmt ihre kleine Tochter am Tisch. Frauen kämmen sich oft in den Restaurants oder binden ihre langen Haare nach hinten. Während sie mit den Fingern essen, arbeiten sie an ihren Handphones. Wenigstens laufen keine Hunde unter den Tischen herum. Hier fehlen auch Spatzen.
Auf der Rückfahrt schaut an der Tankstelle eine alte Indianerin ins Wagenfenster und bietet Selbstgebratenes an. Eine jüngere kommt dazu und sagt: „Ada mister di dalam, oma!” Ist ein Weißer drin, Oma! Das stimmt. Wie wär das, wenn ich an einer deutschen Tankstelle in ein Wagenfester hinein feststellte: „Iss ein Syrer drin!” Mister werden von asiatischen Frauen als Sprungbrett mißbraucht, um aus ihrer Misere herauszukommen. Deshalb sind wir überall beachtet und geschätzt wie Kolumbus – egal wie alt, häßlich und dumm. In einer weiteren neuen Super-Mall interviewt mich ein Mädchen auf Englisch, während ihre Mutter uns handphoniert.
Doch für Tin ist alles zu spät. Sie trudelt nun endgültig im Wahnsinn und kommuniziert mit ihren toten Verwandten. Mit Tabletten, die sie nicht bezahlen kann, weil sie nicht versichert ist, könnte sie wenigstens funktionieren. Als Arme bekäme sie sogar alle ärztlichen Leistungen umsonst. Aber darum muß man sich kümmern, und sie kann nicht mal schreiben. Die 2. Tochter von Ahmad liegt mit schwerem Typhus im Krankenhaus, und Om Jus ist gestorben, dem ich mal das Seil von seiner Kuh gekappt hab. So viele sind schon tot, die ich kannte. Ach ja! Die Wilden halten einfach nich lange, sind aba noch genuch da.

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Zero Libido Kuddelmuddel

zerosonne2

Dieses Jahr war so extrem beschissen vom Anfang bis zum Ende. Zuerst gelang es mir herauszufinden, wie meine Frau ganich mehr anwesend war. „You always hear how attraction fades with time – the honeymoon period comes to an end. But I always thought that was other people’s misfortune.“ (Libido Crash). Das ganze Jahr war ich mit Schulden-Tilgung beschäftigt und verlor ständig erheblich mehr Geld, als ich einnahm. „You erode your capacity for intimacy and eventually become estranged from both your sensual self and your partner. The erosion is so gradual, you don’t realise it’s happening until the damage is done and you’re shivering at the bottom of a chasm, alone and untouched, wondering how you got there.“ (Anita Clayton, „Satisfaction“, 2007). Immer wenn ich dachte, nun hätte ich das Schlimmste überstanden, kam wieder der Hammer mit neuen Offenbarungen. Und das Jahr endete mit dem Chaos von Windows 10. Zuerst gab mein transparentes Plexi-Gehäuse den Geist auf. Das neue, weniger attraktive von Corsair kam mit dem 5 Jahre alten Mutterbrett nich klar. Minutenlang mußte es ersma vorglühen, bevor es startete. Dann kam Windows 10 dazu und brachte alles gründlich durcheinander. Also brauchte ich ein neues Mutterbrett von MSI („Killer“). Das startete zwar sofort, konnte sich jedoch nich von selbst ausschalten. Kein altes Peripherie-Gerät wurde mehr erkannt (Scanner, Camera, externe Festplatte, Stick). Canon erklärt sogar auf seiner Website, daß man sich für W10 gleich einen neuen Scanner kaufen soll. Erst nach einer totalen Neuinstallation flutschte wieder fast alles. Also besser nich einfach von W7 auf W10 appdäten! „Enough is never enough. Call us today and ask for more!“The Zero Theorem“ (2013).
Bainsley: „I knew you just seemed just – well, you were lonely.“
Qohen Leth: „You’re wrong. We were always alone, never lonely.“
Bainsley: „Are you here alone?
Qohen Leth: „We’re generally everywhere alone.“
Bainsley: „I love mystery … turns me on.“
Management: „What is the meaning of life, Mr. Leth? So close to its end and still no answers.“

Pauline Laubie: „Why did you stop loving life?”
Matthew Morgan: „Well, you don’t love life itself. You love, uh, places, animals, people, memories, food, literature, music. And sometimes you meet someone … who requires all the love you have to give. And if you lose that someone, you think everything else is gonna stop too. But everything else just keeps on going. Giraudoux said, you can miss a single being, even though you are surrounded by countless others. Those people are like … like extras. They cloud your vision, they’re a meaningless crowd. They … They’re an unwelcome distraction. So you seek oblivion in solitude. But solitude only makes you wither.”Mr. Morgan’s Last Love” (2013)

There’s a crack in everything. That’s how the light gets in.” Leonard Cohen, „Anthem

Soll man im Dschungel rosa Brillen tragen?

rosabrille

Eigentlich imma, damit die Welt bessa aussieht, aba wenn, dann welche mit 2 Bügeln. Und das kam so:
Nachdem meine Frau die Betrügerin Ernny in unserer pendopo mit ihren Schuhen beworfen hatte – Betrüger unta sich – sprang ich in meine Gummistiefel und stolperte in den Canyon, um den Müllbach zu reinigen, der sich nach heftigen Regenfällen in eine Abfall-Tsunami verwandelt. Dort deuchtet mir imma, ich wär im Harz, nur wärmer. Da liegen nämlich auch solche abgeschliffenen Felsbrocken rum, bei denen ich mich schon als Kind gefracht hab, wer die da hingelümmelt hat. Zwischen den Felsen verheddern sich Bambus- und Holz-Stücke, Plastik-Tüten, vollgeschissene Windeln, Küchen-Ausrüstungen, Kinderspielzeug, Medikamente und was die Wilden sonst noch nich mehr brauchen. Ab und zu fasse ich in Glasscherben und blute eine Weile vor mich hin. Durch den Müll entstehen Erosion und Untiefen, in denen sich meine Stiefel gerne mit pißwarmem Typhus-Wasser füllen. Nachdem ich den einen wieda entleert hatte, gelang es mir mit dem anderen auch noch. Das quietscht hintaher so scheun beim Gehen. Vom Bach aus reiße ich die Schlingpflanzen aus den Baumkronen. Diejenigen, die dabei durchreißen, treiben von oben nach unten dünnste Fäden bis zum Grund, und dann schlingern sie wieda los. Ahmad erntet zwar gerne die Gewürznelken, doch die Bäume säubern darf ich. Das verärgert die mittelgroßen, roten Ameisen, die die Lianen als Highway benutzen. Sie springen mich an und beißen sofort zu. Eine neben mein linkes Auge, was sich anfühlte, als ob sie mir direkt ins Auge biß. Meine Frau setzt sich sowas längst nich mehr aus, sondan telephoniert lieba, aba Wilde, wie ich, kennen keinen Schmerz – jedenfalls kaum nich. Ich erschreck mich bloß, fuchtel epileptisch mit den Armen und falle dabei eventuell um. Manchmal versuch ich dieses ganze Geschlingel einfach ganich zu ignorieren und wühle mich durch, als ob es nich da wär. Doch an den Stellen, wo das Blätterdach offen und der Bodenbewuchs heftich, halten mich die schlaufigen Schlingel so fest, daß ich gerade noch mein Haumesser aus der Scheide krich, um mich freizuhacken. So sind die.
Zum Trost findet man dann aba auch imma wieda was Feines. Ein stark gebrauchtes Handphone zum Bleistift, oda was anderes zum Spielen – oda eben ne rosa Brille mit nur noch einem Bügel.

KB

Da hat doch wieda eine Wilde ihre Anti-Kinda-Pillen (Nicht an Arme verkaufen) nich komplett geschluckt. Als nächstes wird bestimmt ne Heirats-Anzeige angeschwemmt.