Frühling

fruehling

Drei Monate Frühling sind die Jahreszeit, in der sich alles erneuert.
Indem alles aufblüht, wird die Welt mit Leben erfüllt.

Zeichnung: Zhou Chuncai, 2002

Kein Frühling, kein Herbst weit und breit. Jahreszeiten sind hier weder sichtbar, noch kann man sie fühlen. Durch die Klimaveränderung sind selbst Trocken- und Regenzeit nicht mehr so deutlich unterscheidbar. Dabei wirkt die Regenzeit nie deprimierend sondern genauso lebendig wie die Trockenzeit. Und ich kann wirklich nicht sagen, daß ich Winter und Herbst nur irgendwie vermisse. Es ist, als ob man das GANZE Jahr leben könnte – wenn man es versteht zu leben und sich nicht selbst ruiniert.

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Fast alles üba Nordsulawesi

sulawesi

Wie man auf dem Globus deutlich erkennen kann, befindet sich Sulawesi im Zentrum der Welt. Eigenartigaweise iss das den meisten Menschen ganich bewußt.
Die rein verwaltungsmäßige Länge Sulawesis zwischen den nördlichsten und südlichsten vorgelagerten Inseln beträgt 1805km. Die Nord-Süd-Länge der Hauptinsel jedoch nur ~800km, iss also der NS-Achse Deutschlands mit 874km nich unähnlich. Die Provinz Nordsulawesi ham die Wilden in 4 Regierungs-Bezirke gegliedert: (Von Norden) die Inselgruppe Sangihe-Talaud, Minahasa, Bolaang Mogondow und Gorontalo, wo viele der moslemischen Landarbeiter in Minahasa herstammen. Bolaang Mogondow iss der schwierichste Bereich, weil man ihn nich aussprechen kann.
Nordsulawesi hat 12 feuchte und 2 trockene Monate, weshalb einem das Jahr manchmal übatrieben lang vorkommen kann. Nur durch die Detonationen, die die Wilden zum Jahres-Wechsel von November bis Februar erzeugen, blickt man übahaupt noch durch. Auch kann man die 7 Makaken-Arten Sulawesis nur an ihrem Hintern untascheiden, und das nur, wennse nich gerade drauf sitzen.
Sulawesi wurde vor ~250 Millionen Jahren vermutlich an einem Dienstach gegründet, denn von Freitach bis Sonntach wird gefeiert, und am Montach sind alle erschöpft. Schon die Form der Hauptinsel iss merkwürdich. Manche vergleichen sie mit eina Orchidee, einem verwackelten K oder einer geistesgestörten Spinne. Letzteres erscheint mir angemessen, schon weil sich die Landmasse während ihrer Entstehung vielfach bewegt hat: Ostsulawesi schob sich so gen Westsulawesi, daß sich die südwestliche Halbinsel im Uhrzeigasinn drehte, worauf auch die nördliche, auf der ich gerade sitze, nachzog. Der Boden der Sulawesi-See verschiebt sich imma noch südwärts und taucht dabei unta die nördliche Halbinsel, wobei die absinkenden Felsen schmelzen, und es ab und zu wackelt. Kein Wunda also, wie man hier leicht Vertigo kricht. Manche meinen sogar, Sulawesi sei von der Ostkante Kalimantans abgebrochen. Was sich wirklich abgespielt hat, erforschte man anhand von Tieren, die es nich mehr oda nur hier gibt. Zum Bleistift an der Riesen-Schildkröte und dem Zwerch-Elephanten, die beide etwa die Größe eines Volkswagen-Käfers hatten. Ob jene über vermutete Landverbindungen eingereist sind, ist umstritten. Alfred Wallace zog seine Linie zwischen Kalimantan und Sulawesi und hielt eine Verbindung mit einem östlichen Kontinent für möchlich, Max Weber, der u.a. die Nebenorgane des Auges von einheimischen Lacertiden untasuchte, was mir irgendwie ganix sacht, zeichnete seine Linie dagegen zwischen Sulawesi und Australien. Sicha iss, daß die erwähnten volkswagengroßen Tiere wieda abgehauen sind, was ich gut vastehn kann. Übrich geblieben iss nur eine alte Sau und der satanische Nachtvogel, den ich gerade wiederentdeckt hab. Jedenfalls gips auf den benachbarten Landmassen 1200 Buttafliegen, dagegen nur 450 auf Sulawesi, von denen ich auch schon 3-4 fotographiert hab. Und die hätten nich ma zu schwimmen brauchen, um Sulawesi zu erreichen. Somit kann man nur zu dem Ergebnis kommen, daß Sulawesi eine einzichartige Insel und deshalb für mich genau richtich iss.

SA sie oda was?

AS

Heute geht es wieder die Ausläufer des Vulkans Klabat (1995m) hoch. Ein früherer Versuch scheiterte. Inzwischen ist alles gut ausgeschildert, geteert und bereinigt – von Bäumen. Nicht ein einziger alter Baum. Stattdessen Plantagen bis hoch zwischen sich auftürmenden Felsbrocken. Ein Wilder mäht das im Licht wuchernde Schlingkraut mit der Motorsense. Unser Fahrer hat Schwierigkeiten die 1½km bergauf. Er meint, bergauf ginge nich, wenn die Klima-Anlage liefe. Eigentümlich. Denn macht man se eben aus und die Fenster auf. Die Luft iss hier sowieso kühler.
Wir sind unterwegs zu dem gigantischen christlichen Armleuchter, der gern Minahasa-Land triumphierend dominieren möchte, es jedoch nich schafft, weil er so doof aussieht. Die etwa 4m hohen Blech-Buchstaben „MINAHASA UTARA“, die die eindrucksvolle Fernsicht behindern, fallen sogar immer wieder ab. Es ist doch nich wie in Hollywood. Mit der Seilbahn zu diesem Zentrum der Heuchelei, wie es sich die Frau des Regierungs-Präsidenten wünscht, wird wohl nix. Eigenartigerweise kommen religiös motivierte Touristen nich in gewünschter Menge, und die Anlage verfällt schon wieder. Vielleicht sollte Jesus mal da oben erscheinen? Der Traum aller Minahasa Gebets-Kommissionen droht als 7armiger jüdischer Leuchter so dümmlich am Hang des Klabats, daß eher meine Hand verdorrt, als daß ich ihn knipsen könnte. Auch steht die Sonne ungünstig genau über ihm. Da meine Frau gerade keine Schuhe trägt, mit denen man gehen kann, klettere ich die gefährlich glatt gekachelte, prachtlose Breittreppe alleine hoch. Neben dem Monstrum ein verzinkter Pfahl mit waagrechtem Solarpanel, von dem ein freischwebendes Kabel im Unterbau des Beton-Klotzes verschwindet. Deshalb leuchtet er wohl nachts – wenn alles funktioniert. Gesehen hab ich das noch nich. Durch vergitterte Fenster blicke ich in den Raum, der nur Müll enthält. Die ganze konfuse Anlage riecht säuerlich nach vergammelndem Picknick-Abfall. An beiden Seiten offene Hallen für Gottesdienste. Zum Glück gibt es keinen Strom zum verstärkten Schreien, doch reichlich Müllsäcke. Unter einem Schild „Hier keinen Müll hinwerfen“ findet sich eine größere Kollektion derselben. Nach Wasser wird gerade gebohrt.
Weit geht der Blick über das mit häßlichsten Bauten im traditionellen Slum- oder modernen „Minimalis“-Stil zersiedelte Tal. Im Hintergrund der südwestliche Gebirgszug mit einem Zwischenraum für den diesig entfernten Vulkan Mahawu (1311m). Der Blick nach Osten zum Meer ist durch den Klabat-Gipfel verstellt, doch Manado, mit dem auf zweifelhaft angeschüttetem Grund errichteten Turm-Hotel „Lagoon“, im Nordwesten zu erkennen. Einmalig die Sicht, und auch für meine Frau erstmalig. Was sie wohl tut? Mit dem Tele zoome ich sie mir heran: Sie lehnt mit dem Rücken zur Aussicht an der Brüstung eines hölzernen Pavillons und bearbeitet ihr Handphone. Wenn sie nicht schläft, checkt sie es neuerdings etwa alle 15min. Vielleicht bahnt sich die nächste Katastrophe an.
Im japanischen Restaurant in Manado sitzt ein junges Paar und betätigt sich in moderner Kommunikation: Er redet auf sie ein, sie reagiert lächelnd, textet jedoch weiter. Später bedienen sie beide ihre Handphones. Ich könnte vielleicht einen existentialistischen Stummfilm produzieren: Ein Paar sitzt sich am Tisch gegenüber. Sie ist kurz mit fetten Oberschenkeln in roten Jekürzerjelieber-Höschen, er klein in überlangen Schuhen mit hochgebogenen Spitzen. Beide tragen schwarze T-shirts. Er mit dem Aufdruck „Let’s make some noise“, und sie mit „God save Manado“ (was bitter nötich iss). Das Paar spricht nich miteinander, sondern schickt sich gegenseitig Texte. Der Inhalt des Dialogs würde als Sprechblasen über ihren Köpfen erscheinen.