Eisenbahngarten

Bislang war der Impressionist Claude Monet (1840-1926) der einzige Künstler, der einen Garten mit einer Eisenbahn besaß. Doch jetzt komme ich! Das heißt, sie könnte irgendwann kommen. Gerade ist das Geld dafür verschwunden, und so wird es noch etwas dauern. Auch verschiebt sich jeden Monat die Streckenführung, so daß eventuell nicht mein Haus sondern nur das Ziegen-Gehege und die Ruine der Villa Ludendorff betroffen sind. Nichts Genaues weiß man nich. Die Wohnlage wäre in jedem Fall ruiniert – sofern das Projekt nicht wegen Unsinnigkeit platzt. Das ist das neuste Gerücht. Sulawesi ist zwar Nord-Süd etwa so lang wie D, aber die stellenweise nur 40km schmale Insel besitzt wesentlich weniger Landmasse in der Breite. Da gerade gigantische Autobahnen im Bau sind, macht die Eisenbahn eigentlich keinen Sinn. Zumindest für Nordsulawesi, meint der ehemalige stellvertretende Präsident Jusuf Kalla, der nur den halben Auftrag für Südsulawesi bekommen hat.
Auch Monet hatte ein Gespür für Natur-Schönheit und liebte besonders das Wasser. So erwarb er 1890 im kleinen Dorf Giverny das Haus eines Kaufmanns und 3 Jahre später ein Stück Land hinter der Bahnstrecke, die seinen Garten bis dahin begrenzt hatte. Dort legte er den Seerosen-Teich an, der durch seine Gemälde berühmt wurde: „Mein Garten ist ein langsam wachsendes Werk, das ich mit Liebe hege. Und ich bin stolz darauf.“ Ende der 60er Jahre verwilderte die Anlage, der Teich versumpfte und wurde durch Fabrik-Abwässer verschmutzt. Auch Monets private Tragödien, etwa das Schwinden der Sehkraft, zeigen, wie sein „schönstes Meisterwerk“, das japanisch beeinflußte Verschmelzen von Mensch und Natur, für das er 40 Jahre brauchte, nur ein vergängliches Paradies war. Heute verbindet ein Tunnel die renovierten Garten-Teile, und die Eisenbahn-Strecke ist durch eine Straße mit Parkplatz ersetzt worden. Trotzdem malte er seine großformatigen Seerosen-Bilder mit 76. Da hab ich noch etwas Zeit.

Karte aus art 4/1981

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Apps and Downs

Ich kann ganich begreifen, warum sich die gesamte Menschheit das antut, diese elende HP-Fummelei. Seit mein Provider mein Kupfer-Kabel gekappt hat, bin ich nun auch dabei. Zumindest sacht uns das was über die sich selbstkonditionierenden Pawlow-Fans, die in panischer Angst vor dem Turm des Schweigens auf ihren Plastik-Brettern rumdrücken. Damit der Transport komprimierter Banalitäten noch schneller geht, wollte mein Provider nun ein Glasfaser-Kabel installieren, womit mein unsichtbar in Erde, Fußboden und Wänden von mir persönlich eingebautes Kabel obsolet wurde. Stattdessen durch Luft und Dach. Nee, danke! Will ich nich.

Nun drücke ich also auch. Mal hier mal da. Manches geht, oft auch nich. Meine Internet-Seiten kann ich nur noch als zerhackte oder verzerrte Mikro-Gebilde sehen. Wer sich sowas auf seinem HP anschaut, hat eigentlich kein ästhetisches Interesse.

Und während mich ein inzwischen chronisches Zuviel an Salzsäure innen zerfrißt, meine krumme Wirbelsäule mich fast bewegungsunfähig macht, bricht die letzte Möglichkeit des Außenbezugs wech. Doch besitze ich jetzt immerhin ein App zur Messung von Lautstärke. Wahrscheinlich werden die Wilden darüber nur lachen. Wie damals, als ich vorschlug, die Nachtwachen im Dorf mit HPs auszurüsten, um die mobilen Randalierer besser orten zu können. Heutzutage hat hier JEDER son Ding.

Illustration aus „rororo Hausarzt“ (1968): Gesichtsausdruck und Haltung eines Magenkranken

Das Jahr des Schweins

gelbguelle

Phil Ochs: The pig was arrested with seven people.
Mr. Kunstler: When did that take place?
Phil Ochs: This took place on the morning of August 23, at the Civic Center underneath the Picasso sculpture …
Mr. Kunstler: What were you doing when you were arrested?
Phil Ochs: We were arrested announcing the pig’s candidacy for President … Jerry Rubin was reading a prepared speech for the pig — the opening sentence was something like, „I, Pigasus, hereby announce my candidacy for the Presidency of the United States.“ He was interrupted in his talk by the police who arrested us.

Gerichtsverhandlung 1968 über eine Aktion der Yippies

1968 war gar nicht das Jahr des Schweins sondern das des Affen. Doch gaben sich die Schweine damals alle Mühe, ihrem Geruch gerecht zu werden. 2019 ist es nun wirklich, und so wurde mir klar, warum mir zur Zeit alles so stinkt. Nicht nur die unvorschriftsmäßige Ableitung der Schweine-Gülle einer benachbarten christlichen Gemeinde-Vorsteherin, die meinen Vorfluter in ein stinkendes Gülle-Becken verwandelt hat. Das muß ich nun aufgeben, weil mein Präsident, der sich sehr sozial gibt, dort die 100m breite Eisenbahn-Trasse Makassar-Bitung plant. Örtliche Bauarbeiter werden arbeitslos, weil alle Bauprojekte im Todesstreifen obsolet sind, die tatsächliche Strecke wird dann von Chinesen geplant und von Javaner gebaut. Den Wilden, die in ihren Schrott-Häusern wie Schweine hausen und von der Trasse betroffen sind, sofern es sich nicht um Restaurants handelt, kommt das nur recht. Sie hoffen auf erhebliche Entschädigungen, mit denen sie sich einfach woanders ein neues Schrotthaus bauen. Lage spielt nur insofern eine Rolle, als sie möglichst dicht an einer belebten Straße sein sollte. Die Veranda gleich neben dem offenen Gülle-Graben.
Und dann ist da noch der Schweine fressende HiFi-Papua, der mich mit seiner Arroganz terrorisiert. Also Gründe genug für Schlaf- und Eß-Störungen, für Schwermut und aggressive Phantasien. Daß ich mich noch nicht aufgegeben habe, liegt an meiner langjährigen Erfahrung als Waldschrat. Allein in der Natur konnte ich mich bisher immer wieder stabilisieren. Doch diesmal kommt es existentiell zu dick, und meine Kräfte schwinden. Dieses Jahr des Schweins könnte ein sehr übles werden – oder sich wieder in Unverbindlichkeit, Ungewißheit und Chaos auflösen. Es gibt schon Anzeichen dafür, daß ich die Kontrolle verliere, ohnmächtig überrollt werde und am Ende wie Robert M. Pirsig (1928-2017), für den Moral das Prinzip war, „dem Leben Entfaltungs-Möglichkeiten zu verschaffen“, schließlich nur noch an die Wand starre – oder auf neue Gleise. Wenn es so weit ist, werde ich wohl nicht mehr darüber schreiben können.

todeszug