Hochstapeln im Lumbung

Bei der Definition des indonesischen Begriffs lumbung der von der Künstler-Gruppe, die für die Gestaltung der Documenta 15 verantwortlich ist, programmatisch benutzt wird, handelt es sich um die erste Hochstapelei. Lumbung ist der Speicher, keineswegs zwangsläufig ein gemeinschaftlicher. Bei den einzigen traditionellen Dorfformen, die man noch auf Sulawesi findet, bei den Toraja ebenso wie bei den Batak auf Sumatra, ist jedem Wohnhaus gegenüber ein Speicher zugeordnet. Diese Architektur verschwindet völlig. Man würde in Indonesien eher einen Golfplatz finden als solch faszinierende Holz-Architektur. Das schließt nicht aus, daß es noch bäuerliche Gemeinschafts-Arbeit und gemeinsam genutzte Scheunen gibt, aber es war und ist nicht typisch, und ich kenne kein Beispiel. Wenn die urbane Künstler-Gruppe mit dem ausgelutschten Begriff Solidarität operiert, so könnte man ihr nicht nur die trostlosen Auswirkungen der pseudosozialistischen Politik Sukarnos vorhalten. Wie in der Werbung wird immer und überall diese soziale Interaktion bemüht, weil es genau da hakt. Als demonstratives Gemeinschaftswesen versucht der Indonesier seinen rücksichtslosen Egoismus zu tarnen und mehr existenzielle Sicherheit zu erlangen. Gerade Künstlergruppen haben noch nie funktioniert. Und jeder Gruppen-lumbung benötigt einen Verwalter, der dann bei der Rechnungsprüfung zugibt, er habe den lumbung versehentlich leergeräumt. Solidarität war ein Modebegriff Ende der 60er. Analysen wiesen später nach, daß Gruppen im Studium oft weniger leisteten als der klassische Einzelkämpfer, und es war beliebt, sich in der Gruppe zu verstecken. Wenn die indonesische Gruppe hier also einen antiquierten Begriff programmatisch verwendet, der selbst im Covid-Totalitarismus mißbraucht wird, stellt sich die Frage, welche Leichen sie noch im Speicher haben. Einen lesbischen Garten? Gemeinsames Hüpfen für das Klima? Und was dröhnt da gerade wieder aus der Ferne? Eine solidarische BOOM-Box so groß wie ein Kleiderschrank? Musikalische Zwangsbeglückung für alle? Eine-Welt-Musik! Nichts an ihr ist originell oder traditionell. Sie ist nur so brutal laut wie überall.
Statt lumbung wäre gengsi typisch indonesisch: Prestige! Etwas vorspielen, was man nicht ist. Jangan gengsi! Nimm dich nicht so wichtig! Träum nicht vom nachhaltigen hape sondern schmeiß es ins Klo! Du, der du mehr verbrauchst als alle Generationen vor dir.

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