Der Überfall

terror

Seine Maschine sei eben schon alt. Damit erklärte der Besitzer der Reismühle, daß man sie mindestens 1km weit rattern hört. In D bekäme man dafür einen ganz jungen Mängel-Bescheid. Aber die Musik-Anlage, die 2km weit dröhnt, wenn das Rattern aufhört, sei nicht bei ihm stationiert. In der Mühle würde auch niemand wohnen. Also folgte ich mal wieder meinem Gehör, fotographierte seine Terror-Anlage, zählte die Anwesenden Wilden (4 und 1 Hund), und meine Ex schickte ihm das Foto mit der Anmerkung, daß er lüge. Seitdem ist es ruhiger geworden.
Danach wollte ich zurück zum Bauplatz und weiterbuddeln. Doch wurde ich vom Canyon aus mit „Hey mister!“ angerufen. Da ich niemanden sah und sowieso auf diesen Standard-Ruf in der Regel nicht mehr reagiere, ging ich weiter. Da klatschte hinter mir jemand in die Hände und rief wieder. Ein großer, miserabel proportionierter Polizist schlingerte den Hang herauf und auf mich zu. Hatte ich mich eines Gedanken- oder Gesicht-Verbrechens schuldig gemacht? Der Mann war mit Silber, Gold und Stickereien überdekoriert – also ein höherer Rang – und fragte, ob er in mein Haus könne. Aha! dünkte mir, endlich – nach 1,5 Jahren – kommt die Polizei, um sich die Abwasser-Schweinerei anzusehen. So hatte es jedenfalls der Büroleiter des Bürgermeisters beschieden: „Wir warten nur noch auf den Polizei-Chef.“ Der bunte Polizist wußte von nichts und wiederholte seine Bitte, mein Haus betreten zu können. Das machte mich anfangs ratlos, dann trotzig, und ich fragte ihn mehrmals, worum es denn eigentlich gehe. Keine Antwort, nur Rumgedruckse. Dann erklärte er, er wolle den Polizei-Chef (POLSEK) unseres Dorfes anrufen, der sich 100m unterhalb im Indianerlager befand. JETZT wurde mir alles klar! Der POLSEK war gekommen, um sich an einem Sonnabend persönlich von der Abwasser-Schweinerei zu überzeugen. Da kam der junge Mann auch schon in italienischem T-shirt und Jeans den Hang hinauf und begrüßte mich überschwenglich. Ob er in mein Haus kommen könne? Die Abwasser-Schweinerei sei 200m weiter oben, wir könnten dort hingehen, erwiderte ich. Der Polizei-Chef wußte auch von nichts. Der Beamte in der Bürgermeisterei hatte genauso gelogen wie der Mühlenbesitzer. Worum es denn eigentlich gehe, fragte ich nun den POLSEK. Keine klare Antwort. Da stand ich vor meinem Grundstücks-Eingang in einer kommunikativen Sackgasse, als ob ich es mit Kindern zu tun hatte. Also bat ich die Herren in meine pendopo, wo der POLSEK nach einem Stuhl fragte. Auf die Balken, die dort lagern, setzt sich kein Polizei-Offizier. Ich besorgte einen alten Klappstuhl, besitze jedoch nur einen. Auch mißkohlte ich meine Ex, damit sie mir aus der kommunikativen Zwangslage helfe. Bis zu ihrem Eintreffen erklärte ich dem Mann meine 2 Verschmutzungs-Probleme: Luft durch Terror-Musik, Wasser durch illegale Schweine-Haltung.
Dann schlich sich ein schwarzes Ungetüm, wie man es in CIA-Filmen sieht, in meine Einfahrt, gefolgt von einem Polizei-Wagen und einem kleinen Polizei-Transporter mit offener Sitzbank auf der Pritsche für Gefangene und Personal. Den 3 Wagen entstiegen 3 Zivilisten und 2 zusätzliche Polizisten. Mir wurde das immer rätselhafter. Zwar erklärte mir nun meine Ex, die breitere der 2 Frauen sei eine Javanerin und Gemahlin des Polizei-Präsidenten (KAPOLDA) von Nordsulawesi, aber – ja und? Was hatte ICH damit zu tun, der ich verdreckt, verschwitzt stinkend, in Arbeitskleidung mit Gummistiefeln ratlos vor dieser inzwischen 7-köpfigen Bande stand. Warum erklärte mir niemand, daß die Frau Polizei-Präsidentin einfach eine Besichtigungs-Tour zusammen mit einer jungen Polizei-Assistentin, genannt POLWAN (polisi wanita = Polizei weiblich), mit Bodygard und einem undefinierbaren dünnen, maskierten Mann in Shorts unternahm? Und wieso hatte ICH die Ehre, mal wieder Zoo-Tier zu sein. Deshalb weigerte ich mich, diesen unangemeldeten Haufen in mein Haus zu lassen, und erzählte ihnen stattdessen stehend – als Eremit besitze ich ja nur den 1 Stuhl für draußen – daß zwar überall Corona- Wachposten stationiert wären, ich jedoch fast jeden Tag bis zu den Ellbogen in der Abwasser-Scheiße zu wühlen hätte. Das war ja DIE Gelegenheit, meinen Ärger loszuwerden. Wahrscheinlich hat meine Ex das stark abgemildert übersetzt, und sie wies mich nebenbei darauf hin, daß man die Vokabel „Scheiße“ nicht benutzt. Warum soll man Scheiße nicht benutzen, wenn etwas so beschissen ist?
Im Laufe der folgenden Stunde kamen wir uns dann stehend näher, wobei sich mir die Persönlichkeit der einzeln umherstreifenden oder mit ihren Kommunikations-Brettchen beschäftigten Personen nur bruchstückhaft erschloß, und ich immer Gefahr lief, mit untergeordneten Besuchern eher zu kommunizieren, als mit den hochrangigen. So erklärte sich mir der dünne, maskierte Mann erst ganz zum Schluß: Ein Architekt, der mich anscheinend schon mal mit einer Gruppe Architektur-Studenten überfallen und gerade das Polizei-Präsidium in Manado umgebaut hatte, der u.a. Batik entwirft, die Entwürfe animiert – was er mir in seinem HP zeigte – eine Kunstsammlung besitzt, und dessen Sohn im nächsten Jahr an der Kunst-Akademie in Düsseldorf studieren will. Fast begeisternd, plötzlich mal wieder mit intelligenten, gebildeten Indonesiern zu tun zu haben, die ich sonst nur in Form von Ärzten auf meinen Horror-Trips in kranken Häusern erlebe. Auch die Frau Polizei-Präsidentin, die viel über die primitiven Papuas erzählte, hat inzwischen bemerkt, wie primitiv die Minahasa sind (und wie hemmungslos neugierig!). Selbst im Flugzeug erkenne man sie sofort. Das habe ich schon oft von Javanern und Balinesen gehört. Es ist also kein subjektiver Eindruck, den ich in 20 Jahren unter Hundefressern gewonnen habe. Und so ließ ich diese Eindringlinge schließlich langsam in mein Haus einsickern, nicht ohne vorher rumliegendes Bargeld vor den überall rumschnüffelnden Polizisten zu verstecken. Auch servierte ich den glorreichen 7 kaltes Wasser in 7 Gläsern (mehr hatte ich nicht) auf einem chinesischen Tablett, die ich extra für Überfälle – machmal erscheinen auch 7 in nur 1 Auto – in einem Rattan-Korb aufbewahre.
Als die ganze Bande endlich wieder abgezogen war – ihre Masken hatten sie mal über, mal unter dem Mund – räumte ich erschöpft die Gläser weg. Dabei stellte ich fest, daß auf dem schon reichlich verstaubten Tablett mindestens 15 tote Fliegen lagen, die seit dem letzten Überfall bestimmt an oder mit Corona verstorben waren. Wahrscheinlich ohne Maske geflogen. So gefährlich kann das sein, wenn man einen Einsiedler belästigt!

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