Protokolle aus dem Labyrinth (3)

wartestuhlsw

„Wo beten denn Buddhisten?“ fragt eine der Bürokratie-Schwestern in der Aufnahme, die mich anfangs nicht aufnehmen will, weil eins der überflüssigen Papiere fehlt. Vielleicht machen sie sich Sorgen, wie sie sich verhalten sollen, wenn ich die Operation nicht überlebe. Letzter Ölwechsel entfällt. Ekstatische Anrufung erfundener Götter? Räucher-Stäbchen anzünden? Verbrennung ist nicht möglich, weil es keine Krematorien mehr gibt.
Es könne ALLES passieren, betont der freundliche, fließend englisch sprechende Anästhesist, ich könne sogar sterben. Doch bevor es losgehe, würden wir zusammen beten, um uns der Hilfe des Allmächtigen zu versichern. Und nochmal unmittelbar vor der Operation, aber das bekäme ich dann wegen der Narkose nicht mehr mit. Da sei ich dann schon ganz weg, weg, weg. Das beunruhigt mich, denn ich setze auf die Kraft der Wissenschaft. Dagegen scheinen mir betende Ärzte nicht hinreichend auf das Geschehen konzentriert. Und wieder muß ich unterschreiben. Hier und da und da. Seine Assistentin, die mir die Papiere hinhält, hat einen Schnurrbart.
Als ich im Rollstuhl zum Krankenwagen transportiert werden soll, kommt die dumme, kranke Schwester auf die Idee, meine Schuhe im Raum zu belassen. Dann brauche man sie nicht nach der OP in einer Tüte zurückzutragen. So bin ich später der einzige in der Rollstuhl-Warteschlange ohne Schuhe und mit nur einer Fuß-Stütze. Also steige ich barfuß in den kranken Wagen, der uns ins Tal bringt. 2 Sitze. Neben mir ein junger, depressiver Nierenstein-Träger. Hat er nicht die gleiche Droge bekommen? Ich dagegen fühle mich entspannt und albern. Meine Ex sitzt auf dem Radkasten, neben ihr der Vater des Depressiven auf dem Wagenboden. In der Mitte rollen die 2 zusammengefalteten Stühle hin und her.
Vor der Schlachtbank wieder warten. Name, Größe, Gewicht, Schulbildung, Religion? Hinter mir einer mit Sonnenbrille, der an die Wand starrt und nix sagt. Ich nutze die Wartezeit, um mit dem Rollstuhl zu üben.

vorraumsw

Dann hinein in den OP-Vorraum, in dem es wie auf einem Markt zugeht. Ganz hinten schreit ein Kind erbärmlich. Ich muß pissen und hab keine Schuhe. Ein Netter aus dem OP-Team leiht mir seine Gummi-Latschen, ich benutze eine sehr nasse Naß-Zelle, gebe ihm die Schuhe zurück, und er geht damit in den OP-Raum. Dort werde ich nackt gekreuzigt, und es ist sehr kalt. Der freundliche Athe … äh … Anästhesist schmiegt seinen Kopf an meine Schulter und betet flüsternd. Derweil betrachte ich die schicke Parabol-Lampe von Kärcher über mir. Sie enthält lauter kleine, konkave Spiegel, die mich alle abbilden, und unmittelbar bevor der Film reißt, sehe ich noch, wie sich rote und grüne Lämpchen darin wiederspiegeln. Wenn sie sich drehen würden, wäre mir ganz psychedelisch.

narkose

„Guck mal, wie zufrieden er aussieht!“ sagen die Wilden über solche Leichen. Das iss ein ganz falscher Irrtum. Die Gesichts-Muskeln sind nur total entspannt, und danach kommt nicht das Himmelreich sondern die Hölle der Schmerzen, wenn die Betäubung abklingt. In der Nacht rutscht die Infusions-Nadel aus der Vene, weil das Klebeband auf meiner schwitzenden Haut nicht hält, und die auslaufende Flüssigkeit durchfeuchtet Hose und Laken. Ich könne mir ja ein besseres Klebeband selbst besorgen, empfehlen die nur mit Akten beschäftigten kranken Schwestern, aber man wolle mir jetzt stattdessen Tabletten geben. Das wird leider vergessen.
Gleich am nächsten Tag werde ich entlassen, trage meine Utensilien in einem Sack ins Tal, finde dort nach mehreren Versuchen einen funktionierenden Geldautomaten, bezahle insgesamt ~910EUR und fahre mit 3fach durchstochener doppelter Kreuzgurtung meiner Bauchmuskulatur nach Hause. Dort beginnen dann schwere Koliken und Muskel-Krämpfe, aber selbst das habe ich überwunden.

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6 Gedanken zu „Protokolle aus dem Labyrinth (3)

  1. Der Hammer! Bist aber flott unterwegs, im halbwegs rollenden Stuhl! 🙂 Schicke dir die Kraft guter Gedanken, kann nie schaden und riecht nicht nach Räucherstäbchen.

  2. Nach langer Zeit komme ich wieder mal dazu mir deine Einträge anzusehen. Mein Gott, da hast du ja allerhand durchgemacht und die pechschwarzen Steine, die man dir entfernt hat, hatten wirklich eine beachtliche Größe. Deinen Humor hast du gottseidank während dem ganzen Desaster nicht verloren, das sieht man auch in dem Rollstuhlvideo, wie du nonchalant deine Runden drehst und immer ein verschmitztes Lächeln im Gesicht hast.
    Drücke beide Daumen, dass der Heilungsprozess schnell vorangeht. Du bist ein zäher Hund, der, wie so oft, alles meistert und den so schnell nichts aus der Ruhe bringt.
    Toi, toi, toi

  3. Danke, Jenny! Ich wackle schon ab und zu, und die Depressionen sieht man ja nicht. Aber es geht immer irgendwie weiter.

  4. Du schaffst das, da bin ich mir ganz sicher. Gibt es denn überhaupt keine helfende Hand, die dich ein wenig unterstützen könnte? Wahrscheinlich gibt es dort keine Einrichtungen dieser Art, in Form einer Krankenschwester, die das Nötigste erledigt.

  5. Ohne meine exilierte Krankenschwester, mit der ich auch noch verheiratet bin, wär ich schon längst hinüber.

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