Protokolle aus dem Labyrinth (1)

anschluesse

Ich, vom Stamme der Primaten, den Pongiden am nächsten stehend, sitze hier im kranken Haus auf den Michelinen, so bezeichnet nach den überwiegend wulstigen Formen ihrer weiblichen Bewohner. Zahlreiche Form-Variationen erlebe ich auf meinen erschöpfenden Irrwegen durch das labyrinthische kranke Haus. Dort fehlt ein Fuß. Was ein Mann zu wenig hat, besitzt seine ihn führende Frau zu viel am Hals. Eine andere ist im Gesicht völlig von bis zu nußgroßen Warzen entstellt und reif für die Freak-Show. Der alte Chinese neben mir besteht nur noch aus mit Haut überzogenen Knochen. Eine Frau betrachtet mich mit einem Auge, das kein Auge ist, sondern ein blutig rotvioletter Fleisch-Vulkan, der aus ihrer Augenhöhle herauswuchert. So gesehen, kann ich nur über nicht endende bürokratische Exesse und ein stinkig vergammeltes Bad im VIP-Trakt klagen. Meine Akte ist inzwischen zum Ordner angeschwollen, dessen nichts erhellende Seiten keiner liest, sonst würde man mich ja nicht immer wieder nach Alter, Beruf, Gewicht, Größe und Religion fragen. Am Ende werde ich ungefähr 30x Papiere unterschrieben haben, deren Inhalt ich nicht verstehe, meine mir helfende exilierte Krankenschwester zusätzlich mindestens 10. Unbehandelt wasserköpfige Bürokratie im staatlichen kranken Haus. Bevor ich aufgenommen werde, ist ein entscheidenes, jedoch inhaltlich total unwichtiges Formular verschwunden, ein anderes wird von der bearbeitenden Stelle falsch ausgefüllt. In beiden Fällen muß der Vorgang wiederholt werden, mit stundenlangen Wartezeiten. Ich bin immer wieder nahe dran, einfach aufzugeben. Zwar soll ich eine Teil-Summe vorauszahlen, werde aber zuerst auf der immer noch heruntergekommenen VIP-Abteilung aufgenommen, bekomme dort ein papierenes Armband und darf die auf einem Hügel isoliert liegende Station nicht mehr verlassen. Wie soll ich nun an der sich im Tal befindenden Kasse bezahlen? Also nimmt man mir das Armband wieder ab, ich irre durch das kranke Labyrinth, bis ich einen Geldautomaten finde, bezahle, bekomme auf Station das Band wieder umgeklebt, und nach der Dusche fällt es von selbst ab.
Auch muß mir wieder Blut abgezapft werden, weil das letzte Mal schon 1 Woche her ist. Das geschieht am folgenden Vormittag. Abends um 19:30 nochmal im Zimmer, 1cm neben der Vormittags-Stelle. Sowas nennt man Parallelwelten.

parallel

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.