Engel gips

zahngang

Der Deckel einer Backenzahn-Plombe ist verschwunden. Mein Zahnarzt auch. Also begebe ich mich nach erfolgloser Suche in Manado zur kranken Station „Bethesda“ in meinem Dorf, wo mir der allgemeine Arzt mit seinem HP in den Mund leuchtet und dann eine Überweisung an einen Vertrags-Zahnarzt der kranken Versicherung ausstellt. Wie immer ist seine Information über die Präsens anderer Ärzte falsch. Synchronisation von Information ist hier ein Fremdwort. Jede Organisation wurschtelt vor sich hin.
Samstag um 18:00 stehe ich in einer Apotheke in Airmadidi und frage nach dem Zahnarzt. Der ist schon weg. Inzwischen sind auf meiner Zahn-Odysee schon wieder einige Wochen vergangen. 3 vergebliche Versuche, einen Arzt zu erreichen, sind im allgemeinen das Minimum. Zum Glück habe ich keine Schmerzen. Notfalls könnte ich das Loch vielleicht mit etwas Beton von meiner Baustelle schließen. Draußen hängen 2 Schilder des Zahnarztes übereinander. Das untere: Montag – Samstag 16 – 20:00. Das obere, das innen beleuchtet werden könnte, jedoch nicht leuchtet: Montag – Samstag 16:00 – fertich. Ein praktischer Arzt. Wenn er fertich iss, geht er nach Hause.
Bei meinem 2. Versuch betrete ich um 15:30 die Apotheke, wo mir beschieden wird: Der Arzt käme erst um 17:00. Dann gehe ich wieder.
Bei meinem 3. Versuch, erreiche ich die Apotheke um 16:30, wo mich die Verkäuferin fast etwas unwillig wiederum darauf hinweist, daß der Arzt erst um 17:00 käme. Aber ich könne doch warten, wende ich ein. Ja, das ist möglich. Es gibt jedoch kein Wartezimmer, sondern nur einen 1,60m breiten Gang, der 4m hoch ist. Oben profilierte Schalungs-Bleche auf Stahl-Trägern, wie man sie für Industriebauten verwendet. Ein Höllenlärm aus ungepufferten Auspüffen, LKW-Druckluft-Hupen und dem üblichen Geschrei der Wilden echot im zur Straße offenen Gang herum. In dem dunklen Schlauch 3 undefinierte Türen. Vor der ersten einige Hocker, ein Karton und eine Wasserflasche. Das scheint zur Apotheke zu gehören. Ich nehme auf einer geschwungenen Lochblech-Bank Platz, auf der man in Hannover auf die Straßenbahn warten würde, und die sich in der Nähe einer Tür mit rätselhaftem Hinweis auf Imunisasi befindet. Zumindest klingt das medizinisch. Vor der 3. Tür wieder nur Hocker und auf ihr eigenartich selbstgebastelte Schilder und Verhalts-Richtlinien. Vor mir an der Wand ein Blutfleck.
Etwas später besetzen eine Frau und ein junger Bursche die Hocker vor der 1. Tür. Sitze ich vielleicht falsch? Schiebe ich meine Beine unter das Lochblech, können mich die Angestellten der Apotheke – aus Höflichkeit leicht geduckt – wiederholt passieren und synchron zur vortschreitenden Dämmerung die Lampen im Flur anknipsen.
Um 17:15 erscheint eine pummlige, mittelgroße, schwarze Frau (so bezeichnet man hier dunkle Hautfarbe). Ich schiebe meine Beine unter die Bank, und sie lächelt mich im Passieren breit an. Dann kommt sie zurück, ich verstecke meine Beine, sie lächelt wieder. Schließlich ein letztes Mal, Beine, Lächeln – ob das die Ärztin ist? Vielleicht freut sie sich schon auf mich. Und sie verschwindet hinter der 3. Tür. Daraufhin wechseln die Frau und der Bursche von den Hockern der 1. Tür zu den Hockern der 3. Tür, nehmen sich Karten aus einem an die Tür geklebten, selbstgebastelten Wartekarten-Kästchen, und plötzlich bin ich nicht mehr Nr.1 sondern Nr.3.

kabe

Auf der Rückseite meiner handbeschrifteten Wartekarte Nr.3 werde ich dazu animiert, Ethinylestradiol / Levonorgestrel zu kaufen. Das laß ich lieba, weil das eigentlich als Verhütungs-PIL dient und nix mit Zähnen zu tun hat.
Als die beiden vor mir Behandelten fertich sind und den kafkaesken Flur verlassen, sehe ich durch den Türschlitz kurz die Lächlerin an einem Schreibtisch. Aha! Die Sprechstundenhilfe. Doch wo ist der Arzt? Dann passiert erstmal nix. Als der Bursche wieder erscheint, weil er seinen roten Motorradhelm auf einem Tischchen neben der 3. Tür vergessen hat, wo sich jetzt auch ein selbstgebasteltes Pappschild befindet („DOKTER ADA“, Dokter ist da), weist er mich darauf hin, daß ich hineingehen könne. Also klopfe ich und betrete eine etwa 3x4m große Praxis, die von dem Schreibtisch, einem professionellen Zahnarzt-Sessel, einer Wasserpumpe und der Ärztin in Alltags-Kleidung, jedoch mit Mundschutz, weitgehend ausgefüllt wird. Sie heißt Angel mit Vornamen, und ein Schild an der Wand unterrichtet mich darüber, daß ich von einer Adventistin bedient werde. Religion kommt vor Hygiene. Eine Sprechstundenhilfe ist nicht vorhanden. Weder spritzt die weitgehend verständliches Englisch sprechende Ärztin mich naß, noch saugt sie ab. Sie und das fehlende Überfluten sind mir nicht unangenehm, denn bei meinem verschwundenen Zahnarzt hatte ich jedesmal das Gefühl zu ertrinken. Helferinnen und kranke Schwestern sind hier in der Regel faul und unfähig.
Der modern wirkende Behandlungs-Sessel wackelt wie bei Erdbeben. Als er abgesenkt wird, bleibe ich mit meinen Schuhen an dem Rohr der Wasserpumpe hängen, die sich gleich daneben befindet. Ihre moderne LED-Lampe bewirkt, daß ich beim Rausgehen schwarze Flecken in der Optik habe und entsprechend durch den Gang schwanke. Sonst iss alles gut. Mit nur ~5EUR Monats-Beitrag für die kranke Versicherung kann ich nicht klagen. Und wer möchte nich ma von einem schwarzen Engel angebohrt werden. Doch was wird, wenn meine alten Zähne komplizierteren Ärger machen? Besser, man wird nich krank auf Sulawesi!

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3 Gedanken zu „Engel gips

  1. …wir gehn nich meer zu ärzten, weil das – auch hier – auf jen fall tot aal unfug wär,
    man muss da selpst komplett „ohne“ durch, hopp oda topp, wassen sonst…!

  2. Ohne Ärtzte wär ich schon vor meiner Einschulung gestorben, später an Blutvergiftung, hätte ein verkrüppeltes Bein oder in den 90ern an Blinddarm-Durchbruch und Indonesien ganich erst erreicht. Hier dann nochma 3 Operationen gutartiger Wucherungen, die mich auf freundliche Weise umbringen wollten. Ich hätt ja grundsätzlich nix gegen biologische Auslese – wenn zum Bleistift die Neo-Nazis an Säufer-Leba ausstürben – aba es muß ja nich gerade MICH treffen! Deshalb: GOTTSEIDANK gips Ärzte!

  3. Pingback: no. 1 | Flaschenpost

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