Gasbeitrag

gasbeitrag

Die Frau mittleren Alters im mikro links neben mir rülpst 1x pro Minute. Nach dem Umsteigen in Airmadidi rülpst ein verschrumpelter Mann rechts vor mir 3x pro Minute – von Airmadidi bis Manado – was den Fisch-Geruch erklärt. Dabei bewegt er ständig kauend seine stark vorgestülpten Lippen wie ein Schimpanse und brabbelt vor sich hin. Offensichtlich ein Wiederkäuer. Als ein anderer Verrückter spastisch schlingernd aussteigt, der mich in Airmadidi euphorisch gegrüßt hat, lacht der Schimpanse über ihn. Was ist bloß los an diesem ganz gewöhnlichen Donnerstag? Wieso wird so viel gerülpst?

Ich bin auf der Suche nach einem Zahnarzt. Meiner ist verschwunden. In D verschwinden keine Zahnärzte. Meiner war so gut wie ein deutscher, sogar besser, weil nicht so geldgierig. Zwar hängt an seiner Tür noch ein Schild „OPEN“, jedoch finde ich im Internet „now closed“ – ohne Erklärung. Es gibt in Manado auch einen Zahnarzt-Palast mit dem passenden, jedoch abschreckenden Namen „Rich“ und ein „Dental-Kingdom“. Letzteres suche ich auf. Schon beim Anblick der weiblich verkitschten Fassade habe ich das Gefühl, hier falsch zu sein. Stufen führen in ein Keller-Geschoß, und alles weist auf einen ehemaligen Friseur-Salon. Der Empfangs-Bereich gemütlich wie im Puff, nur schwarz. Die ebenso gekleidete junge Frau, die im Halbdunkel auf einem schwarzen Sofa mit ihrem HP spielt, erkenne ich erst, als sie sich staunend erhebt. Von einer Zahnarzt-Praxis erwarte ich eher klinisch Helles, doch mein Blick durch die offene Tür in den grün-gelben Behandlungsraum zeigt auch dort Friseur-Design: mindestens 3 Zahnarzt-Sessel direkt nebeneinander. Steril ist hier nichts. Alles offen zur schmutzigen Straße. Diese „Praxis“ öffnet um 9, ich bin um 9:30 da, der Arzt wird mir für 11 angekündigt. Vielen Dank! Eine andere Adresse in Manado existiert auch nicht mehr. Jetzt habe ich ein weiteres Problem. Ich kann mir noch vom allgemeinen Arzt der staatlichen kranken Versicherung eine Überweisung zu einem drittklassigen Wanderarzt besorgen, der nur an bestimmten Tagen in bestimmten kranken Häusern praktiziert, wo er oft doch nicht auftaucht, so daß für mich eine tage- und wochenlange Wander- und Wartezeit entsteht – oder was?

Dabei begleitet mich mein Samsung S9, von dem sicher jemand behauptet, es sei funktional. Ich brauche es jedoch nur in eine Tasche meines Rucksacks zu schieben, und es macht schon Sachen, die es nicht soll. Das ist nicht etwa ein Problem der Berührungs-Empfindlichkeit, denn wenn ich es antatsche, muß ich das oft 3x tun. Es dauert meist, bis ich es davon abbringen kann, mich, anstatt das angezielte Motiv zu telephonieren. Jede Foto-Serie enthält mindestens 1 rätselhaftes Bild, welches das S9 selbständig geknipst hat. Neuerdings erhalte ich ganze Serien des gleichen Motivs. Und dann springt mich „Bixby“ an und überprüft meinen Netzwerk-Status, worüber You-Tube-Videos existieren, wie man das App killen kann. Aber nicht den Knopf, den man schon berührt, wenn man das Gerät nur anfaßt. Manchmal geht es auch nicht an, weil ich es verkehrtrum halte. An der Kasse im Bauladen muß ich meine Telefon-Nummer angeben. Die habe ich nicht im Kopf, sondern zeige sie – nach mehreren Drück-Versuchen – im S9. Dabei leuchtet die Lampe. Angemacht hab ich sie nicht, ausmachen kann ich sie nicht. Ich stopfe das Ding in meinen Rucksack und hoffe, daß die Lampe von selbst ausgeht.
„Ihre Lampe brennt noch“, warnt mich die Kassiererin.
„Ich weiß nicht, wie sie ausgeht“, antworte ich. Sie macht sie dann aus, muß dafür jedoch extra ein Menü aufrufen. Für ein Gerät, bei dem man aus ästhetischen Gründen schon nicht weiß, wo oben und unten ist, sollte man den Designer erschie… – na gut, lebenslänglich reicht auch. Wären in D ja nur kuriose 10 Jahre für die Mißhandlung von Verbrauchern. So wie meine neuen Folter-Schuhe von „Weinbrenner – Made in China“. Die bekommen Regime-Kritiker sicher kostenlos.

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6 Gedanken zu „Gasbeitrag

  1. … unta for-datt bisse an solch tagen auf kein fall; eier-föne haben ein eigenlehm – so wie kartoffeln auch, bei denen weisse auch nie, wo oben oda unten iss, vorn und hinten sind sowieso unklar; hier in D wollnse auffem markt soga von mir wissen, opp die kartoffeln so mitgehn und im lokal fragense imma „iss bei ihnen noch alles in ordnung“ …das kann tot aal keina ma ehm auffe schnelle beantworten …

  2. Mit die Kartoffeln hap ich keine Probleme. Die leuchten ja nich, und ich kauf die nur als gefrorene Matschröllchen, damit ich se nich schälen muß. Aba das iss mir auch schon aufgefallen, wie die Leute imma so komische Sachen fragen. Im Restaurant in Philadelphia: „How was your day?“ „Cold!“ (Falsche Antwort!). Oda hier: „How are you?“ Watt soll man denn da antworten? „Lonesome“? „Exhausted“? Ich mein, Leute mit Hirn kommen ja nich mit kurzen Antworten aus, aba längere wolln die kommunikativen Aggressoren ja ganich hören. Und latürnich glaubt man anfangs, daß son Handfon von intelligenten Menschen gebaut wurde – genau wie Windows 10. Wassen Illtum!

  3. …das was beim fön oda win doof nich passt(!) – aussa dass son s9 echt kostet – kommt vonna anneren ecke (intelle genz) her, wo genau das gebraucht wird um uns im blick zu haben; es wird also aufzeichnungen darüba gehm, wer keine echten katoffeln nimmt und wer nich weiss, wie beim fön diese lampe an-aus-geht;
    das mit „hirn & antworten“ seeich genauso, man muss wissen, dass die doofe frage relativ leer ist und eben so (leer wie tonband) antworten – alles annere wird nich vastannen; so vasteh ich jetzt auch (s.o.) „unterforderung“ ; …es henkt evtl. mit den vielen neuen berufen zusamm:
    influenzer, jutuba, it-beuys, insta grammler, feschen-diseina, tv-ikonen und was sonst noch alles …

  4. Mitten Überwachungen gaps vorher schon. Zum Bleistift wurden wa überprüft, opp wa etwa Kommunisten warn. Jetzt iss der Datenmüll so angewachsen, daß es keina mehr verarbeiten kann. Die Situation könnte dadurch besser und schlechter zugleich wern. Sicha iss, daß die Störanfällichkeit der Systeme ins Gigantische wächst.
    Und denn seh ich diese Leute, meist Frauen, die untawegs ständich son Brettchen in der Hand halten. Und Influenzer müssen dauernd online sein. Das halte ich für dekadent. Diese Leute ham ja nich ma Ziegen. Wasn das fürn Lehm?

  5. Oh je – und was ist jetzt mit dem Zahnarzt??? Wenn ich das so höre…ist nicht alles schlecht in good old Germany. Zumindest die ärztliche Versorgung funzt. Und wenn man beim lokalen Augenarzt auch ein Jahr Wartezeit hat, dann geht man eben zum Optiker, die haben inzwischen jede Menge fancy Equipment und machen den Job. Und dein Handy? Kannst du damit nicht eine Sonderausstellung hier drin machen, mit den autark geknipsten Bildern? Fänd ich spannend… Grüße, viele!

  6. Damals im deutschen Moor waren manche schon darüber entsetzt, daß sich das nächste Krankenhaus 10km entfernt befand. Ich glaube, daß sich gutes Leben nicht über die bequeme Sicherheit definiert, wie man sie in D haben kann (Wobei 1 Jahr Wartezeit eigentlich eine 0-Versorgung ist.). Dort ist überall der Übervater (aktuell die -Mutti) präsent, die einen bei der Hand nimmt und bestimmt, wie man zu leben hat. Doch wenn man sein Haus, in dem man sich 24Std. aufhält, nicht mal bauen kann, wie man will (und es sich auch meistens gar nicht leisten kann), ist das keine hinreichende Freiheit für mich.
    Immerhin habe ich jetzt eine Zahnarzt-Adresse für Samstag 18:00 in Airmadidi. Dazu hat mir der allgemeine Arzt der kranken Versicherung, der eine Überweisung ausstellen muß, mit seinem HP in den Mund geleuchtet. Der weiß wenigstens, wie man es an und aus macht.
    Die merkwürdigen Fotos, die mein HP knipst, sind einfach uninteressant. Man sollte es nicht noch ermutigen, mehr davon zu machen. „Ich empfinde es als Beleidigung, dass mein Telefon gleich einen Notruf absetzt, sobald ich mich mal etwas schneller bewege.“ (Judith Horchert in Spiegel/Netzwelt)

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