Demenz durch Fußball

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… konnte auch nach Kopfball-Einwirkung noch nicht nachgewiesen werden, weil Fußball-Fanatismus sowieso Demenz voraussetzt. Fußball-Weltmeisterschaften sind kultureller Höhepunkt für Alkoholiker. Ich interessierte mich zuletzt als Kind für Fußball. Damals waren die Spieler noch keine zusammengekauften, chemisch modifizierten Gladiatoren mit schräger Nationalität, sondern sie hießen Walter, Rahn, Tilkowski, Seeler, und jede Mannschaft repräsentierte ihr Land. Tätowiert oder sonstwie gestylt war keiner. Schweden galten als ruppich, Russen als brutal, Brasilianer waren einfach zu schnell und die Deutschen fair. Ich brauchte deshalb Stollenschuhe, die aus mir jedoch keinen guten Spieler machten, sondern – ohne Stollen – später einen Handball-Torwart. Meine Sport-Karriere endete damit, daß ich eine Brille benötigte.
Man konnte auf der Straße spielen, weil kaum jemand ein Auto besaß. Auch kein Telefon, TV-Gerät oder Kredit-Karte. Rätselhaft, wie die Menschen das überlebt haben. Wer in der Öffentlichkeit vor sich hinbrabbelte, war offensichtlich verrückt. Verglichen mit dem enorm beschleunigten Chaos heute, kommt mir das Leben damals als einfach und übersichtlich vor. Jetzt mußte ich mir ein Samsung S9 kaufen, um weiter mit meiner deutschen Bank kommunizieren zu können. Es war scheinbar zu allem in der Lage, nur nicht zum Telephonieren. Fotographieren kann es gut, nur sind die Selfies unbrauchbar, weil mein Gesicht surreal zusammengeschoben wird. Damit ich auch telephonieren konnte, sollte ich es erst in der Telkom-Zentrale Manado anmelden. Dort bekam ich eine Nummer, und nach einer halben Stunde forderte mich eine Frauen-Stimme aus dem Off auf, mich zu einem bestimmten roten Schreibtisch zu begeben. Der dort ansässigen jungen Frau mit einer Warze über der Oberlippe legte ich meinen Personal-Ausweis vor und zeigte ihr auf dem Display von dem S9 meine Familien-Karte, die ich geskännt hatte, und auf der vermerkt ist, daß ich jetzt der Familien-Häupling bin, so daß meine Ex nich mehr heimlich unsere Grundstücks-Papiere verpfänden kann. Nachdem die ernsthafte Frau ihren Läpptopf gedrückt hatte, weigerte sie sich jedoch, das HP zu registrieren, weil sie meine Personen-Daten im Zentral-Computer in Jakarta nicht finden konnte. Stattdessen schrieb sie mir einige kryptische Zahlen auf einen kleinen Zettel, mit dem ich zum Standesamt in Airmadidi gehen sollte, damit man dort meine Daten appdätete. Zuerst deuchtete mir, das sei nun wieder Folge der neuen Online-Registrierung meiner indonesischen Staatsbürgerschaft, doch stellte sich heraus, daß zahlreiche Wilde das gleiche Problem haben, weil das von meiner juristischen Nachbarin geleitete Standesamt nicht korrekt arbeitet. Dafür gibt es eine einfache, typisch indonesische Lösung: Man geht in einen etwa schrankgroßen Laden, wo pulsa und kuota (für Internet) verkauft werden. Dort registrieren die Verkäufer jedes Fon mit irgendeiner Identität, die sie aus irgendeiner Quelle besitzen. Da es in Indonesien keine Privatspähre gibt, kommt man leicht an fremde Daten. So ist mein S9 jetzt mit den Daten irgendeiner Person angemeldet, die davon ganix weiß. Zwar ist die Registrierung extra für die Terrorismus-Bekämpfung erfunden worden, ich könnte aber mit meinem S9 einigen Baß-Fans eine finale Vibration verpassen, ohne daß ich als Bomber leicht zu ermitteln wäre.
Jetzt darf ich auch telephonieren – was ich ganich will – und habe mir aus dem Google-Shop das Photo-Tan-App runtergeladen, mit dem ich eventuell mit meiner deutschen Bank kommunizieren kann – sofern mich deren Freischaltungs-Brief erreicht. Danach löschte ich alles, was Google heißt und einiges mehr, denn das S9 kann fast nix ohne Internet-Verbindung, behauptet jedoch normalerweise, es könne keinen Server finden. Zeigt mir nur stundenlang einen vor sich hindrehenden Kreis. In der Zeit bin ich zigmal mit meinem PC im Internet – sofern gerade Strom vorhanden ist.
Und nachdem der Fasten-Monat so wunderbar still war, toben die Wilden nun jede Nacht vor dem TV und schreien dabei. Bevor die Spiele anfangen, singen sie falsch. Die deutschen Fahnen, die man zur Zeit wieder häufig in allen Größen findet, drücken weniger die allgemeine Wertschätzung Deutschlands aus, sondern sind in erster Linie Zeichen dafür, auf den Sieg welcher Nation man wetten will. Mal sehn, ob sie morgen noch da sind. Besser, ich bleibe eine Weile zuhause, um nich Opfer enttäuschter Verlierer zu werden.

hafenfahne

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5 Gedanken zu „Demenz durch Fußball

  1. Hihi, wie recht du hast! Dieser Fußballwahnsinn hat genervt, HAT, denn der Spuk ist in Deutschland seit gestern Abend zum Glück vorbei. Wenn du Lust hast, kannst du meine Gedanken bezüglich „Fußball“ in meinem Archiv Mai/Juni 2016 nachlesen. Da war EM und es war schlimm.
    Liebe Grüße und verzweifele nicht. Mit allen Handys kann man heute kaum noch eines: akustisch ansprechend telefonieren. 😉

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