Tod mit Echo

trauerhaus

Meine neuen Nachbarn haben sich schon wieder was einfallen lassen: Jetzt ist eine gestorben. Dabei wußte kaum jemand so genau, wer eigentlich. Die Gorontalo-Moslems machen das nämlich wie die Moslems in Europa: Erstmal den Haken ins Minahasa-Land, dann wird der Klan nachgezogen. Solch ein Schlitzohr steht da links mit Sonnenbrille. Der Schwiegervater meines ehemaligen Vorarbeiters Ahmad hatte sich bei mir eingeschlichen und immer breiter gemacht, bis ich ihn rausschmiß. Und so war eine hier nicht Ansässige im katholischen Busch-Krankenhaus Lembean verstorben, in dem man mir mal ein Mörtelstück in den Zeigefinger eingenäht hatte. Der alte Brauch, alle im Dorf haben am Sterben Anteil zu nehmen, ist absurd geworden. Wenn man in einer Gesellschaft mit dramatischem Bevökerungs-Wachstum solche Ereignisse nicht auf das Private reduziert, feiern die Dörfler nur noch, und auch der Verkehr wird täglich irgendwo gestaut.
Vor einer der Sperrholz-Baracken saß der junge Ehemann der Toten mit weißem Stirnband und müde-traurig wirkendem Sohn. Immerhin wußte ich jetzt, daß Weiß die Trauerfarbe ist, und man nicht vor der Totentrage ein stilles Gebet bis fünfzehn verrichtet, weil die erst kurz vor Abtransport mit der Leiche gefüllt wird. Die aus Edelstahl geschweißte Trage läßt sich aufklappen, um die nur in Tücher gehüllte Tote hinein zu legen – und zwar gleich am nächsten Tag. Auch das ein sinnvoller Brauch, der die Moslems von den kulturell verwirrten Christen unterscheidet, die ihre Leichen erstmal einmachen und später ohne Erdkontakt einbetonieren.

reinlegen

Die Mini-Sound-Anlage, die der Imam mitgebracht hatte, schloß man gleich an die vorhandene Monster-Anlage an, was ein erstklassiges Gebirgs-Echo ergab. So wurde der Imam zum „Imam-mam-mam“, und ich hatte überhaupt keine Chance, etwas von den Reden zu verstehen. Das Eigenartige ist ja, wie elektronische Verstärkung in der indonesischen Kultur eine so wichtige Rolle eingenommen hat, das Ergebnis jedoch meist schmerzhaft-akustisches Chaos ist. Der Sprung vom Mittelalter unter Auslassung der Aufklärung in die Neuzeit ist eben noch nicht gelungen. Wie unbedarft die Wilden auch im hygienischen Bereich sind, zeigte eine spatenbreite Rinne vor den Stühlen der Gäste: Graue Gülle floß da bergab, und man konnte davon ausgehen, daß sie auch das Wasser mitführte, mit der die Tote gewaschen worden war.

wegtragen

Dann ging es zum Friedhof, der sich von den aufdringlich-protzend, verkitschten christlichen durch stilvolle Schlichtheit und Sauberkeit unterscheidet. Dort wird die Leiche ohne Sarg in ein Loch in einer Seitenwand der Grube gelegt, die Öffnung mit Brettern verschlossen und die Grube zugeschüttet. Darauf ein Grabstein, der sich lediglich in Nuancen von den anderen unterscheidet. Nur die Verbrennung der chinesischen Buddhisten ist vernünftiger, deren Protzgräber jedoch oft noch bizarrer als die der Christen.

vormauer

Der wilde Hintergrund gehört mir. Das war das Beste an der surrealen Veranstaltung. Ich betrachte mich gern mal aus einer anderen Perspektive. Dabei bemerkte ich jedoch, wie schief der eine Baum gewachsen ist. Muß ich fällen. Ein weiteres Projekt zu all den unerledigten. Seufz! Und sterben muß ich auch noch, aber das hat keine Eile.

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2 Gedanken zu „Tod mit Echo

  1. Na ja, wenn – wie bei Dir – jeden Tach Leichen mit Regenschirmen auf Stangen vorbeigetragen werden und 3/4 verschleierte Fraun rumlaufen, mach das wohl langweilich wirken. Aba hier muß ich berücksichtigen, wie mein Baum einem Wilden aufen Kopp fallen könnte. Das wär zwar eine sinnvolle Maßnahme zur Reduzierung der Übabevölkerung, doch könnte das Rache hervorrufen.
    Wenn es etwas hier nich gibt, dann isses Langeweile. Ich brauch nich mal anderen beim Rodeln zukucken. Und Jecken sind hier jeden Tach untawegs.

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