Borderline Syndrom

borderline

„Probleme im zwischenmenschlichen Verhalten sind die am meisten sichtbaren und die am besten unterscheidbaren Merkmale von BPS. Experimentelle Daten deuteten auf instabile Gefühle, (Selbst-) Aggression, Überempfindlichkeit gegenüber möglichen Bedrohungen, geringen Erfolg bei Verständigung nach Konflikten, häufige Mißverständnisse und Vermischung von Selbst- und Fremdeinschätzung.“

Ich säuberte gerade die Reisterrassen rechts oben vor meinem Haus (T.D.), als die Musik höllisch laut losdröhnte. Also ging ich mit meiner schlammigen Kleidung zu posisi 1, genau an der Grenze meiner durch den Lorong Jerman geteilten Grundstücke. Was ich dort in ~140m Entfernung sah, waren die 3 neuen Moslem-Baracken. Seit Om Jakob tot ist, der mich mal umbringen wollte, geht sein Imperium unter – wie meins auch. Seine mehr oder weniger mißratenen Söhne zerteilten das Land und verkauften auch an ihre ehemaligen Landarbeiter aus Gorontalo. So wurden diese armen Leute zum ersten Mal Landbesitzer. Rechts von mir ist ein Slum aus 5 Sperrholz-Buden entstanden (hier untere Mittelklasse). Jede Woche eine. Das reinste Indianer-Dorf, in dem Hühner, Hunde, Ziegen und Wilde durcheinanderlaufen. Es riecht auch so. Daß es Ärger geben würde, war mir von Anfang an klar. Ihre freilaufenden Ziegen begannen meine lebenden Zäune abzufressen, gewaltige Explosionen (täglich von November bis Februar) rückten näher – und dann das erste Terror-Fest. Der Lärm war so gewaltig, daß meine ~200m entfernten Glasscheiben vibrierten. Vor dem vordersten Haus im Hintergrund sah ich junge Leute ein Zeltdach aufbauen. Also blieb ich auf der Stelle stehn und starrte rüber. Das funktionierte sofort: Die Wilden hielten in ihrer Arbeit inne, machten sich gegenseitig auf mich aufmerksam, und einige liefen ins Haus. Heraus kam ein Mann mittleren Alters, der mit einer Latte pantomimisch einen Tanz gegen mich aufführte, als ob er mich wegscheuchen, erschlagen und aufspießen wollte – in 140m Entfernung. Er fing sogar an, sich mit seiner theatralischen Drohung den Hang runter zur Brücke (jembatan) zu bewegen.

posisi1

Das war für mich, unbewaffnet und praktisch noch auf meinem Land, eine Aufforderung zum Duell. Also ging ich ebenfalls los. Da sein Weg zur Brücke kürzer war, erreichte er sie zuerst, zog mit seiner ~2m langen Holzlatte eine Linie in den Sand (posisi 2) und baute sich hinter jener wie ein Lanzenträger auf. Ich wußte nur, daß bei den Moslems ein reicher Papua eingeheiratet hatte, der die Szene dort beherrscht und die solide Beton-Brücke über den Canyon gebaut hat. Da er ein sanfter Christ ist, brüllen die Sehrlausprecher der Moslems nun „JÄÄSUUUSS!“. Diese geistlichen Schwankungen sind weit verbreitet und zeigen, wie religiöses Theater in Indonesien in der Regel ohne Tiefgang abläuft. Mit seinem Geld kauft er ihnen Alkohol, Motorräder, Feuerwerk – und eben die musikalischen Terror-Gruppen. Weder kannte ich den Mann, noch hatte ich ihn bisher gesehen. Mir war nur bekannt, daß er nicht die Papua-Einheits-Visage besaß. Und ein Mann, der vor mir die Grenzlinie eines Grundstücks zieht, konnte nur der Eigentümer sein. Das war ein Irrtum, der mich mal wieder um eine erlösende Schlägerei brachte, denn natürlich überschritt ich nicht die Grenze sondern stellte mich unmittelbar vor ihn und fragte, ob er mich mit dem soliden Holz schlagen wollte. „Ja“, sagte er und noch einiges, was ich nicht verstand. Nach einem heftigen Wortwechsel, bei dem ich ihm unter anderem mit der Polizei drohte – was ihn überhaupt nicht beeindruckte – drehte ich mich um und ging zurück zu meinem Haus. Noch kurz verfolgt von einem primitiv aussehenden – fast so breit wie hoch – der behauptete, er sei der Hausherr. Ich hielt ihn für einen dieser nichtsnutzigen Roadies und beachtete ihn nicht.

Grenze

Das war ein Fehler, denn er war es tatsächlich. Damit ist nicht nur der Tatbestand der Bedrohung (ancaman) sondern auch der Nötigung (pendesakan) erfüllt, denn der Lanzenträger hatte sich die Rolle des Eigentümers angemaßt und mir den Weg aggressiv verstellt. Es handelte sich jedoch um Andy, den Meister der akustischen Luft-Verschmutzung und Star unter den hiesigen Festival-Veranstaltern. Merkwürdig typisch ist dabei, daß diese musikalisch begabten Keyboard-Spieler zwar Dienstleister sind, sich aber vom Auftraggeber nicht in Ablauf und Lautstärke reinreden lassen. Der Mann ist inzwischen offensichtlich größenwahnsinnig geworden und dabei voller Wut auf mich, der ich schon mehrmals die Polizei zu seinen Terror-Veranstaltungen geschickt hatte, ohne Andy jemals zu treffen. Obwohl solche privaten Feste mit einer Sound-Anlage bestückt werden könnten, die gut in einen PKW paßt, erscheint ein LKW voll mit Boxen im Kommoden-Format und einem Lumpenpack oben drauf. Dann wird genau in der Mittags-Ruhezeit ein 1stündiger Sound-Check mit maximaler Lautstärke veranstaltet – mit dem Ergebnis einer oft völlig übersteuerten Wiedergabe – dessen eigentliche Funktion es ist, allen im 1km-Radius deutlich zu machen: HIER SPIELT ANDY! Das läuft geradezu als Wettbewerb zwischen den Keyboard-Spielern ab, und der Auftraggeber kann angeblich nichts dagegen tun. Es ist wie eine moderne Seuche in diesem geistig unterentwickelten Gebiet, und wer sich dagegen wehrt, bekommt lebensgefährlichen Ärger mit der Musik-Mafia und den jungen Wilden, die Sehrlautstärke brauchen wie eine Droge.

krachmaschine

Das eigentliche Problem liegt jedoch darin, daß es keinen Paragraphen gegen akustische Ruhestörung gibt, und die Polizei interessiert nur das Geld, was sie an den Fest-Genehmigungen verdient. Wie lange diese Terror-Feste wirklich dauern, mögen sie nicht überprüfen, zumal die Beamten selber solche Lärm-Orgien veranstalten. In West-Indonesien, wo Sharia herrscht, sorgt angeblich die Religions-Polizei dafür, daß um 22Uhr Ruhe ist. Hier in der Christen-Enklave im günstigsten Fall zwischen 1 und 2 Uhr nachts – mit einem extremen Finale. Manche Feste vibrieren die Umgebung bis zum Morgen. Es kann auch JEDEN Tag irgendwo stattfinden. Oder 3 an einem Tag, die sich gegenseitig übertönen. Das ist gelebte Anarchie, und ich habe mir immer gewünscht, mal persönlich an solch einen musikalischen Terroristen zu geraten. Das läuft jetzt. Mal sehn.

Advertisements

5 Gedanken zu „Borderline Syndrom

  1. You could lose more than you’ll ever hope to find
    When you reach the broken promised land
    And every dream slips through your hands
    Then you’ll know that it’s too late to change your mind
    Cause you’ve paid the price to come so far
    Just to wind up where you are
    And you’re still just across the borderline

  2. Herrje, da ist man wirklich bestraft wenn solche geistigen Tiefflieger einem das Leben zur Hölle machen. Ich wünsche dir trotzdem für 2018 nicht nur miese Tage, sondern auch viele Lichtblicke.

  3. Das wünsche ich Dir auch, Jenny! Hier ist überwiegend Licht, sogar die Polizeiwache ist jetzt hell und gut klimatisiert.

  4. Pingback: Wie in alten Zeiten | Flaschenpost

  5. Pingback: Sukarela | Flaschenpost

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.