Verkrustet

verkrustet

„I may be alone, but at least I don’t feel alone with the closest people I know because I changed myself into something fake to gain the group’s praise till I don’t even know my own soul, which, if you ask me, is the loneliest state of being alone.“
Touched with Fire, 2015

„Nur, weil man allein ist, heißt das nicht, daß man einsam ist. Als einsam gilt nur jemand, der das Alleinsein als schmerzhaft empfindet, der sich isoliert oder nirgendwo zugehörig fühlt. Dabei ist das Gefühl der Einsamkeit nicht per se etwas Schlechtes, es ist sogar lebenswichtig. Einsamkeit treibt uns an, bringt uns dazu, uns neu zu organisieren. Ohne das Gefühl von Einsamkeit würden wir wahrscheinlich alle nur noch vor dem Fernseher, dem Computer oder dem Smartphone hocken.“
Manfred Beutel

Ich hab das wieda nich vastanden: „Live Life – CRUST FIRST“ stand da übagroß an der Wand der Pizza-Hütte. Man verkrustet doch zuletzt, wenn die Vorurteile aufgrund von Erfahrungen zu Urteilen werden, wenn man im Alter verkalkt, versteinert, erstarrt (Wo happich denn wieda meinen Hippocampus hingelegt?). Aba zuerst iss man doch weich und offen. Man glaubt, alle Möglichkeiten der Welt zu haben. Zwar eine Illusion, doch Hoffnung treibt voran. Sogar nach Indonesien.
Mir gegenüba saßen mindestens 16 Soldatinnen, zum Teil in Dschungeltarn und Kopftuch gewandet, kuckten imma wieda rüba, aba diesmal traute sich keine mich aufzufordern, sich mit mir telephonieren zu lassen. Wascheinlich zu schüchtern diese Soldatinnen. Gut iss, dasse so winzich sind. Dann findet der Feind se nich so leicht. Allerdings sollte man sich im Pizza-Restaurant bessa als „Tuna melt“-Pizza tarnen, oda in Dschungeltarn nur die Salatisten-Bar frequentieren, sich dabei jedoch der roten Melonen-Stücke enthalten, die das beste an Indonesien sind.
Erschöpft vom langen Gehen in schattenloser Hitze hing mein gequollenes Gesichtsfleisch wie traurige Brustwarzen. Über mir hatte Elvis etwas von blauer Weihnacht gegurrt, aba weit und breit war niemand blau. Erst dachte ich, Elvis wäre wiedererschienen, doch sang er nur aus einem Sehrlautsprecher außen an der Ecke des 5. Stocks des IT-Centers, in dem mehr Klamotten und Plastik-Weihnachtsbäume als Computer angeboten werden.
Beim Besteigen des mikro rückte eine schwarz-elegant gekleidete junge Frau zuvorkommend auf der Bank zur Seite, so daß ich über dem Motor zu sitzen kam, der meine Schuhsohlen immer heißer werden ließ und das Katzenfutter im Rucksack zu schmelzen drohte. Sie trug die Uniform der Kosmetik-Verkäuferinnen in den Malls. In der einen Hand ein weißes hape, mit der anderen hielt sie ihre Plastiktasche von Wuttong. Sie war verstöpselt und sagte die ganze Zeit kein Wort. Meist häßliche Frauen, was man aba nich so leicht erkennt, weilse imma stark verputzt sind. Ich sagte auch nix, weil ich schlechte Erfahrungen mit Kosmetikerinnen hab. Auch mit Lehrerinnen und kranken Schwestern. Mit Soldatinnen hab ich noch keine. „Das Leben ist zu schwer mit einer Frau“, meinte Herr Hilmer.
Auf dem Hinweg hatte ich eine umfangreiche Gruppe Kartenspieler passiert, die an zwei Tischen unter einem Zeltdach über der Straße wie in einem Spaghetti-Western spielten. Hinter ihnen waren Sehrlautsprecher-Boxen so groß wie der Giebel der dazugehörige Baracke aufgebaut. Reste einer Totenfeier. Der Dahingeschiedene wurde erstochen. Ein älterer, mir unbekannter Mann fragte:
„Thomas, wohin?“
Und ich antwortete: „Nach Manado. Einkaufen.“
Auf dem Rückweg war ich über das unebene neue Pflaster gestolpert, als einer der Pflasterer fragte, wohin ich wolle.
„Zum Lorong Jerman!“
„Jau!“ rief er entsetzt. Weit!
„Ya, jau!“ antwortete ich, aba es war gelogen.
In der Außenwelt rief derweil ein 6jähriges Kind mit seinem Handy 19x die Polizei an, ein Mann bedrohte das SEK mit einer Bratpfanne, und eine Frau versuchte Jesus zu stehlen.

Advertisements

15 Gedanken zu „Verkrustet

  1. albert einstein hat sich wie wir auch alles aufgeschriem, ummes nich zu vagessen; wie diese geschichte vom quark-kuchen, wo eine drinsitzt und sich voranbeisst; wir sind im jahr 1975, du fraaxt mich „welches stück möchtest du essen?“ „…das bunteste!“ sage ich; wir haben lange gelacht, als ich am schluss sage „…das iss mir zu bunt, ich gebe das stück frei!“

  2. Ich würde da ma wieda dick rot annen Rand schreiben: Bezuch unkla! Wo wa das 75? Ich speicher einfach keine Nahrungsmittel. Aba dieses gemeinsame Lachen vamisse ich doch sehr. Ich lach nur noch manchmal so vor mich hin. Ab und zu kommen auch Tränen. Dann denk ich: Scheiße, Scheiße, Scheiße …

  3. ich jezz auch in rot: „siesse, so kommz, wennes dir mal nich aufgeschriem hast“;
    bei uns inna wohnung wars!
    allso nahrung musse speichan, sons nimmste app ohne ende; siehs trozzdem toppfitt aus, aba vorsicht mit creme inne poorn, gerade wennse von disa kosmo tikkarin iss;
    also ich nahm ein stück vonna buttakuchenplatte und nich das von dir für mich zurückgehaltene mitta sahne, die wo oben bunt und inzbesonnere rot bemalt war;
    damals wissen wir schon, was zu tun iss, wenn 1 bestimmter moment eintritt und wir nur einfaches werkzeuch haben, andere wollen lieber, dass dieser moment ganich ers kommt oda erzählen vom besseren werkzeuch, wasses aba tot aal nich gippt…üba sowas mussten wir genauso lachen, wie üba 16 kleine soldatinnen üba dir im mikro, was denn sonst…

  4. Also das iss wirklich schwierich mit die Erinnerung, wände ers von Einstein seinem Quark-Kuchen (oda Quarks?) schreipst und dann von Deim Buttakuchen, der nie nich rot bemalt iss. In diesem Schicksalsjahr 75 happich mir im Frühjahr kalte Füße in den Tempeln Kyotos geholt und danach Indonesien entdeckt. Denn wa das vielleicht inne Sommaferien, wowa mit meina Frau des neuen Lebens und Rosi und Peter bei euch warn? Und Du hast die Polaroids gemacht. Oda so. Da wa alles noch unvakrustet. Ich ess hier gakein Kuchen, weil der imma nur nach Margarine schmeckt. Übahaupt iss das Minahasa-Essen ungenießba, weil die Wilden massenhaft Fett, Öl und Pfeffa reintun, und mit 70 sindse meistens tot oda könn sich kaum noch bewegen. Und denn happich hier auch imma nur Schlamm und Pflanzengift inne Poren. Auch nich so gesund.
    Die 16 Soldatinnen warn inner Pizza-Hütte und nich „üba“ mir. In n mikro werden mindestens 11 gepackt (in D höchstens 6).

  5. Welch ein Luxus. Hier gibt es keine Mikro, Makro oder andere Taxi. Alles Halal
    In der Pizza hat es indonesischen Palmöl-Käse. Es lebe Nord Sulawesi.
    Mit den besten Wünschen zum Jahreswechsel, Low, Satun.

  6. Danke, Low. Und Dir besonders für mehr Gesundheit und weniger Ärger die besten Wünsche!
    (Palmöl-Käse? Ach deshalb schmeckt die so unitalienisch.)

  7. @zweitesselbst: Unwahrscheinlich. Nur mit der Krachparty eines zugezogenen Papuas. Immer diese Ausländer!
    Und weiterhin „Blog auf!“ wünsche ich Dir!

  8. upps! da sollte feuerwerk hin, hamse wohl vaweigatt bei wordfress!
    & all das beste in 2018 für dich und dein umzu…

  9. So stumm happichs am liebsten. Hier hört sich das an wie Stalin-Orgel.
    Dir und Gemahlin latürnich auch die besten Wünsche für 2018! Möget ihr es besser hinkriegen als ich!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.