Sprechen

leersprech

„Habe ich Ihnen schon gesagt, daß Sie unterwegs manchmal singen müssen? Daß Sie sich unterhalten müssen mit sich selbst? Wenn Sie einen Baum sehen, dann sprechen Sie mit ihm! … Sonst verlieren Sie die Stimme. Das ist eine große Gefahr.“
Josef Martin Bauer, „So weit die Füße tragen“, 1955

Ich hab meinen Großvater verloren, meinen Vater, meine Mutter, meinen Sohn, die Ehefrau, meine deutsche Staatsbürgerschaft, meine Armbanduhr, eine Sichel und gerade neulich eine Bürste, mit der ich die Müllsiebe in den Wassergräben säubere. Wenn ich ein Werkzeug im Dschungel ablege, ermahne ich mich: ‚Leg es an eine Stelle, wo du es wiederfindest!‘ Kurze Zeit später isses wech. Nun auch die Stimme. Jetz muß ich mich nur noch selbst verlieren, dann happich nix mehr zu verlieren.
Doch werden mir im mikro immer wieder Gespräche aufgezwungen.
Als der junge Mann undefinierbaren Alters und mit spärlichem Bartwuchs da reinkriecht, wo ich schon sitze, und mich dabei überschwenglich begrüßt, vermute ich gleich, daß er einen Dachschaden hat. Nimmt schräg vor mir Platz, kuckt noch eine dezente Weile im Bus rum, dann geht’s los: Bald kommt er zum Thema Religion. Er selbst sei Priester. „Priester-Schüler!“ korrigiert er. Also wohl noch nich so alt. Er möge die Juden, weil sie einen Moses haben. In D gäbe es ja auch Juden. Nich mehr so viele, möchte ich richtichstellen, verkneife es mir jedoch. Die Deutschen hätten auch einen Moses, behauptet er: Martin Luther! Ich sach ihm gleich, daß in D nur noch höchstens 30% religiös sind. Also etwa der Anteil, der auch politisch verwirrt iss. Wie das komme, fragt er. Sein dürftiges Englisch ist kaum zu verstehen. Piepsich lispelnde Stimme. In einem Gemisch aus Englisch und Indonesisch erkläre ich ihm, wie das Christentum in D schon ziemlich überaltert sei, und die Leute deshalb nach neuen Lösungen suchen. Dabei hab ich selbst indonesische Vokabeln vergessen, die eigentlich zu meinem Wortschatz gehören – wie gereja (Kirche) und doa (Gebet). Diese penetrant aufdringlichen und dabei völlich überflüssigen Vokabeln kann man hier eigentlich ganich vergessen, weil sie einem rund um die Uhr in die Ohren gedröhnt werden. Doch wenn man aus seinem Wald kaum rauskommt und nur noch mit Bäumen und Ziegen redet … Er versteht mich ganz gut und weist gleich den Fahrer an, den Musik-Krach runterzudrehen, damit ich nich jedesmal nachfragen muß. Das Wichtigste sei ja, daß alle EINEN Gott hätten. Die Katholiken hätten 4, sach ich: Gott, angeblich heiliger Geist, Jesus und Maria.
„Maria nicht!“ widerspricht er.
„Oh!“ sach ich. „Wir kommen gleich an ihr vorbei. In Paal Dua steht eine vor der katholischen Kirche.“ Welcher Truppe er denn angehöre, frage ich.
Evangelical.“
„Ja, aber welche?“ Von denen gips hier 20-30 Sekten.
„GMIM!“ Also die dominierenden Protestanten. Dann zeigt er mir seine Bibel. Ich besitze 2, die mir aufer Zunge liegen, aber zu schwer im Rucksack wären. Stattdessen nehm ich lieber nen Schirm mit.
Was ich denn von seiner Religion halte, fragt er fuchsich. Nun, mir mißfällt die offensichtliche Diskrepanz zwischen starker Religiosität und hoher Kriminalität, obwohl die eine die andere durchaus logisch bedingt.
Fornication!“ gibt er mir mit dem Gesicht eines jesuitischen Jung-Adlers als Stichwort.
Natürlich, Hurerei als größtes soziales Problem für die Zauberer, denn freie Sexualität befreit von ihrer Herrschaft und läßt den Spendenfluß versiegen. Ich hatte eher an Suff, Diebstahl und Betrug gedacht, letzterer so verbreitet, daß er zur Normalität gehört. Dagegen helfe die Anzeige, meint er, die viele Opfer gar nicht erstatten. Die Polizei müsse man sich kaufen, stelle ich richtich, dadurch werde man doppelt geschädigt.
Ich trüge ein indonesisches Hemd, erkennt er und nennt sogar die Region, aus der das Muster stammt. „Die Weißen mögen Indonesisches, und wir bevorzugen Westliches“, lacht er. So isses! Wer hat recht?
Erleichtert bin ich, als ich umsteigen muß und wieder verstummen darf.

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