Authentisches Fahren

schlicht

Der Neandertaler, der mir neulich auf der FAZ-Net-Seite vorgestellt wurde, sah genauso aus wie die alte Frau, die im mikro neben mir saß. Jene griff in ihre Handtasche und holte so eine Art süßes Brötchen raus, das weder Nährwert hat, noch für mich überhaupt genießbar ist. Das empfand sie vielleicht auch so, denn sie fing an, von diesem weich-klebrigen Ekel-Stück nur die braune Lederhaut abzupulen und sich die Fetzen in den Mund zu stecken. Den weißen Kern drückte sie schließlich mit beiden Händen zu einem Klumpen zusammen und warf ihn über die Beine ihres Nebensitzers aus dem offenen Fenster hinaus. Dann wühlte sie mit den Kuchenfingern in ihrer Handtasche und holte einige Geldscheine heraus. Deshalb riechen die auch oft so merkwürdig. Doch spürte sie wohl noch mehr Hunger und pulte an einem weiteren Kuchenbrot rum. Das gab sie jedoch bald auf und fing nun an, die Krümel von ihrem Schoß nach rechts und links zu verteilen. Danach strich sie mit ihren öligen Fingern in manischem Rhythmus auf Gesicht und Haaren herum. Auch fand sie was Störendes in der Nase. Ungewöhnlich war, daß sie nicht wie alle anderen auf einem Handphone rumwischte. Aber dafür hatte sie ja ihre Gummi-Brötchen.
Die Heck-Bank ist das Schlimmste im mikro. Nicht nur wegen der Neandertaler. Auf dem mittleren Platz hat man noch Knie-Freiheit, davor jedoch das Brett des „WIEP“-Sitzes, dessen very important Benutzer meine Knie als Rückenlehne benutzt. Muß ich mich rechts oder links schräg hinter den Sitz vor mir klemmen, drohen nach einer Weile schwere Krämpfe in den Beinen. Auf der anderen Seite hat eine Frau platzgenommen, die auf ihren alten Mann wartet, der sich in Zeitlupe in den Mini-Bus quält. Die eigenartige Gesichts-Landschaft des Alten besteht aus so tiefen Tälern und ausgeprägten Knochen-Wölbungen, daß ich mich frage, wie er aus den tiefliegenden Augen überhaupt noch seine Umwelt wahrnehmen kann. Viel spielt sich da wohl nicht mehr ab, denn als er sich endlich neben mir niedergelassen hat, tröstet er mich nur damit, daß meine eingeklemmte Position nicht lange dauern würde. Keine weiteren Nachfragen über meinen Status. Das ist ungewöhnlich. Stattdessen schläft er ein. Er kommt gerade aus dem Krankenhaus, wo man ihm irgendwelche Ringe irgendwo eingesetzt hat. Das wird bekannt, als der vor mir sitzende drahtige 80-jährige einen Vortrag über gesundes Leben beginnt und dem neben mir in sich Eingezogenen Ratschläge gibt. Viel trinken solle man, was er auch mir halb umgewandt auf Englisch rät. Viel Gemüse essen und Sport treiben. Welchen Sport er denn treibe, fragt die Frau von dem Alten mit den eingebauten Ringen mit leicht skeptischem Unterton. „Kung Fu!“ antwortet der greise Gesundheits-Berater. Dann zündet er sich eine Zigarette an. Mir und dem Herrn der Ringe bietet er auch eine an, doch wir lehnen beide ab. Für sowas sind wir einfach zu alt.
Das nächste mikro hat keine Innenverkleidung. So kann man wenigstens die Decken-Konstruktion erkennen. Etwa so stabil wie eine Dose. Und alles braun verrostet.

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