Scherben und Blut

scherben

Dieser Anblick, als ich morgens die Hoftür öffne, um zur Arbeit zu gehen, deprimiert. Ein großer, 1m hoher chinesischer Porzellan-Bottich, der schon kurz nach dem Kauf mit lautem Knall einen Sprung bekam, hat sich endgültig zerlegt. Die Regenmassen des Vortages haben ihn nun nach Jahren einfach auseinanderplatzen lassen. Während ich 1 Problem löse, entstehen 2 neue. Mein Dschungel-Haus macht mich zum Sklaven – da hat meine Ex schon recht. Besonders weil es für einen allein zu groß ist. Doch welcher Platz, den man selbstbestimmt bewohnt, macht keine Arbeit? Ist es ein größeres Vergnügen, von anderen abhängig zu sein, zu zweit ein gemietetes Zimmer zu bewohnen, dazu noch hoffnungslos verschuldet? Packen wir’s also an!
Am Vortag habe ich mal wieder meine Graben-Tour unternommen und den alles verstopfenden Müll entfernt. Vollgeschissene Windeln, Schuhe, eine Handtasche, Plastik-Tüten und -Karten, Dosen, Kokosnüssse, Bananenstauden und vieles mehr. Eine ganze Kultur wird da herangespült. Dabei griff ich im braun-trüben Wasser in eine große Glasscherbe, die mir eine Fingerspitze schmerzhaft aufriß. Die Fuchsschwanz-Säge, die ich nach Hause trug, war hinterher mit geronnenem Blut wie ein Flußdelta überklebt. Als ich am folgenden Tag durch meinen Dschungel zum Grasschneiden gehe, laufe ich mit dem Gesicht in ein kaum sichtbares Spinnennetz. Kein großes Problem, aber ein sehr klebriges. Mit verbundenem Finger arbeitet es sich nicht gut, und so treffe ich beim Gras-Schneiden mit der Sichel 2x andere Finger. Kann jetzt nicht zum Verbinden zurück. Hört von selbst auf zu bluten.
Nach dem totalen Regen sind wieder alle Wehre und Gräben verstopft, und ich unternehme die gleiche Reinigungs-Tour wie am Vortag. Wenn ich dabei meine Säge irgendwo gut sichtbar ablege, habe ich Minuten später vergessen, wo. So auch in der Vorbereitung für mein 3. Staats-Examen. Bei den vorigen ging es nur um Karriere, nun um die nackte Existenz. Die indonesischen Vokabeln, die ich im Interview abspulen soll, um Indonesier zu werden, gehen rein in mein Gehirn – und gleich wieder raus. Sinnloses kann ich mir einfach nicht mehr merken.
Nachdem ich mit Wasser-Arbeiten und Ziegenfüttern fertig bin, räume ich die messerscharfen Porzellan-Scherben weg. Dabei schneide ich mich noch ein paar Mal. Mit den blau-weißen Stücken könnte ich eigentlich mal wieder was mauern, aber weder reichen Zeit noch Energie dafür.
Als ich endlich meine von Wasser und Schweiß pitschnassen Klamotten ausziehe und die Ameisen rausschüttele, schlägt mir die Gürtelschnalle eine Ader auf dem Handrücken auf. Spielt keine Rolle mehr. Nur Abwaschen ist jetzt nicht mehr möglich. Wäre aber nötig, da ich noch kochen muß. In der Küche rutscht mir ein chinesischer Schalendeckel aus der Hand und zerschellt auf dem Boden. Dann fängt es wieder an zu gießen.

kaputtsw

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9 Gedanken zu „Scherben und Blut

  1. Lieber Tom
    Du bist ein echter Pseudo-Buddhist. Sonst hättest Du Dich beim Bau deines prächtigen Hauses
    mit der Erstellung einer knappen Unterkunft begnügt. Wir reduzierten den Wohnraum in Satun
    um fünfzig Prozent. Es herrscht immer noch Überfluss. Oh ja, man könnte möblieren, Betten aufstellen und unerwünschte Verwandtschaft liebevoll begrüssen.

  2. Ich kenne gar keine anderen als Pseudo-Buddhisten. Eben weil sie das ja auch selber merken, klammern sie sich an diese Show.
    Das Haus ist gar nicht zu groß – für 2. Schlimm ist das viele Land drum herum, das man allein schon deshalb braucht, um genügend Abstand zu den Wilden und ihren Musik-Anlagen zu bekommen. Aber gegen das irrsinnige Wachstum, besonders jetzt in der Regenzeit, komme ich nicht an. Heute fiel mal wieder ein Riesenbaum um – so etwa 30m hinter mir. Eigentlich wollte ich noch an die Stelle gehn, aber ich war zu erschöpft von all dem anderen Kram und bewegte mich gerade Richtung Haus. Doch dann mußte ich erstmal aufräumen.

  3. …also ich hab gerade im kino den aktuellen http://beuys-der-film.de/ gesehen – kurz nachdem ich auf der documenta 2017 war, was sich tot aal nicht lohnt, weil es da um kunst ganich geht;
    und da sagt der joseph in diesem film: „man muss sich in seinem leben verschleißen!“ und dazu lacht er echt überzeugend in die camera; dafür hat er das argument, dass man es sonst allzu „schade“ finden würde, wenn es zum ende kommt ohne dass man bereits verschlissen ist!
    hallo tom, es läuft gut! up (ratte)

  4. Als Student, als Beuys damals in der Aula der SHFBK in Braunschweig auftrat, fand ich keinen Zugang zu ihm. War eher mit meinem Liebesleben beschäftigt. Als Kunstlehrer ließ er, der große Erklärer, sich gut den jungen Banausen vermitteln. War mir ein besonderes Vergnügen, den jungen Leuten aufzuzeigen, wie zu sie schon waren. Und sehr viel später erfuhr ich, daß er seine Biographie gefälscht hatte, um sie mit seinen Werken zu synchronisieren. Seit dem isser für mich erledigt.
    Ja, man soll brennen, sich verschleißen und sterben. Seh ich auch so – aba nich so doll!
    Zumindest das Internet läuft hier seit Monaten nur zufällig.

  5. …ja, das mit dem fluchzeuch und den talg-fett-tataren, da sagt seine frau auch, dassa das im krim-lazarett-geträumt hat; der film macht deutlich, dass manche aktionen sepstvasuche seiner traumata-bewältigung sind; aber es ist auch nicht falsch, ersma das messer zu verbinden mit dem man sich in den finger geschnitten hat …und das intanetz läuft bald ganich mehr, wenn nämlich die festplatten tot aal voll sind.

  6. Ist das nich n schwarz-weißer Hitchcock-Film, in dem man nachts vom Garten aus n Haus sieht? Und plötzlich blitzt es, und man sieht da einen Mann zwischen den Bäumen stehn, der das Haus beobachtet. So war das.

  7. Ach weisse, Ratte, wände hier nich untagehn willst, musse auch Realist sein, und ich hab schon erfahren, wie Verbluten geht. Deshalb verbinde ich lieba meine Hände. Beuys hat eben nich gesacht, dasser es nur geträumt hat, sondern das wa eiskaltes Marketing. Und sowas will ich nich. Davon gips einfach zu viel überall.
    Ja, das Indanetz geht an übavoller Inhaltslosichkeit zugrunde.

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