Kangkong-Traum

abflug

Es muß an dem Kangkong gelegen haben, daß ich so schwer träumte. Ipomoea aquatica, eine über den Schlamm meiner Reisfelder kriechende Sumpfpflanze, mit der man übaleben kann. Soll reichlich Eisen, Kalzium, Phosphor sowie die Vitamie B2, C3 und G enthalten. Wahrscheinlich war es das G, das in Kangkong ja gleich 2x vorkommt – oder der Phosphor. Als ich so gegen 20Uhr30 schlafenging, hatte ich noch gedacht, daß ich etwa gegen 3Uhr 30 aufwachen würde. Und so war es auch. Beim Erwachen erinnerte ich mich, wie ich mich auf einem Lehmberg befand, der aus den Erd-Bewegungen meines gesamten Lebens bestand. Eine Menge Kubikmeter. Vermoderte Schalbretter hatten tiefe Schluchten hinterlassen, und ich mußte da runter, ohne zu wissen, warum und wohin.
„I have tried in my way to be free“, singt Leonard Cohen gerade. Meine Ex hatte mir vorher mitgeteilt, daß sie Bilder von Disney-Figuren in Scheeßel ausstellen würde, und ich könne ja zu Eröffnung kommen. Abgezeichnete Disney-Figuren. Womit hatte ich DAS verdient? Ich begann stattdessen lieba den Lehmberg hinunterzuklettern. Wie eine von mir selbst gesteuerte Marionette seilte ich mich an den Resten der Schal-Konstruktion hinab. Das ging unerwartet leicht. Unten landete ich in einer verfallenen Reismühle ohne Reis und Arbeiter.
Ratte schickte mir eine seiner Arbeiten. Vom 6. April. Auf die hatte er „ein donners tag“ geschrieben, und „heute mal alles gut zu verstehen“. Vorn rechts, halb angeschnitten ein nur linear angedeuteter Blumentopf, aus dem sich eine gelb blühende Pflanze trompetenartich nach oben und in den Hintergrund vulkanisiert, wo gerade mindestens 4 Bergkegel Farbiges ausspucken. Rauf und runta, rote, grüne und blaue Lava, und ein wäßriges Mondgesicht schaut dabei zu vor schwarzblauem Hintergrund. Oben bilden sich wieda geschoßartige Trompetenblüten, posaunige Teleskope oda Pinselspitzen. Vorn wird hinten und umgekehrt. Eine Form entwickelt sich aus der anderen – wie im richtigen Leben. Auch hechtet ein vielleicht unbeabsichtigter Killer-Aal, der imma meine Goldfische frißt, üba den 2. Vulkan von links. Alles gut zu verstehen. Ich versuchte mir das Bild in dem idiotischen Bildbetrachter von Windows 10 anzusehen, doch oben und unten fehlten Teile. Und imma wenn ich es kleiner zoomte, zuckte es blitzartich wieda zurück, obwohl nich mehr Donnerstag war. Der reinste Alptraum. Muß am Phosphor gelegen haben, der ansich gut für Erleuchtung iss. Solche Bilder würd ich auch gern malen, aba ich arbeite viel größer und 3-dimensional. Dann lebe ich in den Ergebnissen und werde leida nie fertich damit. Schade. Das Leben iss einfach zu kurz, und allein bin ich zu schwach. Eines Tages werde ich einfach verschwinden wie ein Reiher, der in der Dämmerung zu seinem Schlafplatz fliegt.
In den Augenwinkeln grüner Schleim. Entzündung durch schwarze Schlammspritzer beim Rausziehen des Kangkong.
So hab ich das alles aufgeschrieben – es iss jetzt 4:41 morgens – und Leonard Cohen singt imma noch: „Where is my gipsy-wife tonight?“ Mit Leonard Cohen fing alles an. Sie war viel älter als ich und hatte Cohen nach einem Konzert tröstend die Hand gehalten, weil er darüba deprimiert war, wie sich das deutsche Publikum seinem „Heil!“ als Friedens-Gruß verweigerte. Angezogen sah sie aus wie Julie Christie in „McCabe & Mrs. Miller„, hatte einen häßlichen Körper und einen schönen Geist. Sie öffnete mir das Leben und vertrieb meine Melancholie – vorübergehend.

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