Setan

javagruppe

„Denn blindlings werden alle folgen im Gedränge
dem Irrtum und dem Wahn der dummen Menge
und beugen ihrem blöden Urteil sich.“
Rabelais, „Gargantua und Pantagruel“

Indonesische Geschäftsfrau Muti auf Englisch: „Ich fühle mich so verloren. Es scheint, daß wir wieder zurückfallen in düstere Zeiten, die wir längst überwunden hatten. Wo es keine Sicherheit gibt und wir nicht wissen, ob wir der Regierung trauen können. Und wir waren doch so tolerant. Geduldig mit Andergläubigen und voller Respekt. Wieso sollen wir das jetzt verlieren? Hunderte Jahre der Toleranz zerstören?“ Rätselhaft, daß Korrespondent Holger Senzel (NDR, Singapur. Einer für ganz Südostasien?) diesen Unsinn dem deutschen Publikum unkommentiert anbietet, das über Indonesien in der Regel so informiert ist, wie ich über Mali. Indonesien ist als Staat noch nicht mal 70 Jahre alt, und die Region hat eine heftige Geschichte des Terrors hinter sich, besonders gegen Balinesen und Chinesen. Gerade erst wird versucht, eine weniger repressive Demokratie zu verwirklichen. Radikale Moslems wollen das verhindern, und so kann der Eindruck des Rückschritts entstehen. Meiner Ansicht nach ist ein zu langsamer, jedoch sich festigender Fortschritt sichtbar, der u.a. durch neue Medien wie Facebook unrevidierbar vorangetrieben wird. Bei der von der christlichen Minderheit beklagten angeblichen Christenverfolgung handelt es sich eher um die progandistisch genutzte Abwehr einer dominant islamisch ausgerichteten Kultur gegen programmatisch-subversive Missionierung durch Weihnachtsmänner und Osterhasen.

setan

„Setan!“ stellt der Fahrer im mikro fest, in dem ich nach 6Std. den Neujahrsumzug in Bitung verlasse. Er meint eine von Balinesen getragene, mehrere Meter hohe Dämonen-Figur, die anscheinend aus Gummi ist, denn sie läßt sich in tanzende Schwingungen versetzen. „Nicht Satan! Das ist hinduistische Religion!“ versuche ich ihn zu besänftigen. Die Bezeichnung „Satan“ ist für Moslems wie für Christen erheblich negativ und abwertend gegenüber Glaubensrichtungen, die solche Kultfiguren verwendenden. Tatsächlich findet ein permanenter kalter Krieg statt zwischen den Religionen (Islam, Buddhismus, Hinduismus, Christentum) und intern zwischen den zahlreichen Sekten. Schon deshalb muß die verfassungsmäßige „Einheit in der Vielfalt“ immer wieder beschworen und unter Einsatz staatlicher Gewalt bewahrt werden.
„Setan!“ wiederholt der Fahrer. Dann spielt er 2 Stücke von John Lennon ab, die mir beim Anblick der Silhouette meines Haus-Vulkans Klabat im letzten Sonnenlicht mal wieder auf die Tränendrüsen drücken. Ich weiß nich mehr, was er wirklich gesungen hat, aber das 2. Stück handelte davon, wie sich sein Vater nicht um ihn kümmerte. DAS ist mir zum Glück nicht passiert.

„Nobody loves you when you’re old and grey
Nobody needs you when you’re upside down.

When I was younger, so much younger than today
I never needed anybody’s help in any way.
And now my life has changed in oh so many ways
My independence seems to vanish in the haze
And every now and then I feel so insecure.

I’ve got a chip on my shoulder that’s bigger than my feet
I can’t talk to people that I meet.“

Auch DAMIT komme ich noch zurecht, denn die Wilden fragen immer das gleiche. Der Fahrer will Englisch lernen, um auf einem taiwanesischen Schiff arbeiten zu können, der nächste kann sogar etwas Deutsch, und die lächelnde, runde Frau, die mir im Supermarkt Zwiebeln abwiegt und unaufgefordert ihren Namen nennt, fragt so viel, daß sie vergißt, das Etikett auf die Tüte zu kleben. Eine alte, zerknitterte Frau lacht mich an, sodaß ich den einzigen Zahn sehen kann, der ihr genau in der Mitte des Unterkiefers verblieben ist. Oben auf der Spitze blitzt er silbern im Sonnenlicht.

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