Einfach göttlich

SengBoKiong

In der Hafenstadt Bitung hatten die Götter es erlaubt, von ihren Gläubigen in acht transportablen Schrein-Sänften zum chinesischen Neujahr etwas ausgelüftet zu werden: „Prosesi Ritual Goan Siau.“ Und so begab ich mich zum großen Tempel „Seng Bo Kiong“. Normalerweise meide ich Menschenmassen von mehr als 2 Personen, und diesmal wäre ich fast plattgewalzt worden – auch beobachtete mich zeitweise eine Drohne – aber es tat mir doch gut, mal wieder an den Feiern zum Jahreswechsel teilzunehmen. So wurde ich im Tempel gleich auf den „Boß“ hingewiesen, dem jener angeblich gehörte: Ein unauffälliger Chinese im kurzärmligen, weißen Hemd und ebensolcher Hose. An den Füßen ausgelatschte Schlappen. Später regelte er die Prozession sogar barfuß. Der Boß versorgte mich mit Trinkwasser, danach sogar mit einer ordentlichen Mahlzeit im Styropor-Behälter. Als er fragte, wo ich denn wohne, antwortete ich: „Im Lorong Jerman!“ Daraufhin drehte er sich zu einem Inder aus Malaysia und erklärte jenem grinsend: „Er wohnt im Lorong Jerman!“ Während wir zusammen mit dem Inder aßen, erzählte ich ihm, daß ich Buddhist sei, allerdings in der japanischen Variante. „Ssinto!“ sagte er gleich, wie auch später andere. „Nein“, korrigierte ich, Shinto sei die ursprüngliche Religion der Japaner und kein Buddhismus. Worauf er erwiderte, daß der Buddhismus die älteste sei, und die Orakel-Hölzer, die die Prozession in Manado verhindert hatten, sogar schon in der Bibel erwähnt werden. Wobei er 2 anscheinend hebräische Bezeichnungen nannte, denen ich nich widersprechen wollte, denn diese Chinesen mußten sich in Indonesien traditionell als Christen tarnen um nicht massakriert zu werden. Als sich dann Olga dazusetzte, die Schwester unserer Dorfbürgermeisterin, und mich vorstellte, wurde mir erst klar, mit wem ich da gerade speiste: Mit dem Bruder des Könichs von Bitung, letzterer allgemein geschätzter und erfolgreicher ehemaliger Bürgermeister der Stadt. Mir passieren imma solche Sachen, weil ich mich nich um die umzingelnden Gesellschafts-Hirarchien schere. Olga, eine höhere Beamtin, war des Könichs rechte Hand. Er erklärte auch, daß die Reisfelder, zwischen denen ich wohne, alle ihm gehören. Was nich stimmen kann, denn einige gehören mir.

schnabelkopf

Aber wieder waren alle freundlich und zuvorkommend zu mir, denn so ein Weißer wertet sie und ihre Veranstaltungen aus ihrer Sicht auf. Außerdem war ich der einzige. Gut gefielen mir diesmal auch die eigentlich nicht zur chinesischen Kultur gehörenden Cakalele-Tänze (Minahasa Dialekt = auf Kämpfen aus sein) der Urwilden Nord-Sulawesis, obwohl die Gruppen mit der faschistoiden „Brigade Manguni“ assoziiert sind, deren Abzeichen tragen und stark mit Kriminellen besetzt sind. Jedoch allein die Menge der rumtobenden Tänzer war schon beeindruckend. Für deren Kostüme muß man Anoas, Babirusas und verschiedene Affen ausrotten. Deshalb sind die Hornbill-Schnäbel (Buceros exaratus) auf dem Kopf inzwischen schon aus Holz. Und so ging mal wieder alles chaotisch durcheinander, auch akustisch. Da war die Trommel-Begleitung der Tänzer, ihre tierischen Schreie. Da gab es 3 Kapellen mit kolonial beeinflußten und auf kuriosen Blasinstrumenten schräg gespielten Marsch-Rhythmen. Und schließlich kamen eine balinesische und eine javanische Gruppe mit ihrer typischen Gamelan-Musik und getragenen Großfiguren dazu. Die eigentlich chinesische Musik erlebte ich im verräucherten Tempel-Inneren, wo weiß gekleidete junge Leute wie Indianer auf ihre Handtrommeln droschen und dazu ekstatisch sangen.

handtrommeln

Manche der Rituale, die ich mit über der Menge erhobenen Händen fotographiert und gefilmt hatte, konnte ich erst am PC-Bildschirm erkennen: Wie sie vor dem Hauptaltar getanzt und ihre Füße über einem Weihrauch-Kelch gereinigt hatten, oder wie eins der Trance-Medien, nachdem es während der Prozession von seinem Schrein abgestiegen war wie eine Kutschen-Begleitung, sich den von Schwert-Schlägen geschundenen Rücken mit Wasser bespucken und gelben Opferpapieren zukleben ließ.

kontrast

Nich nur Supermarkt und Funktürme bildeten einen relativ neuen Kontrast zum Toben der auf den Schreintragen stehenden Medien, die ihre Trance mehr oder weniger gut spielten. Immer wenn jene plötzlich abstiegen und ihr Gefährt wechseln wollten, stoben besonders Frauen und Kinder panikartich davon und kamen wie eine Tsunami auf mich zu, sodaß ich mich nur noch durch Zurückweichen davor retten konnte, niedergerissen zu werden. Zusätzlich überflog mich solch ein ferngesteuerter Mini-Hubschrauber mit Kamera, Modell „Phantom Standard“, den ich bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal in Aktion sah, und als ich die meine zückte, verharrte er über mir und beobachtete mich. Die Wilden sind viel moderner als ich – zeitweise – und von der Eremiten-Tradition ihres Taoismus weiter entfernt als ich von der Drohne.

beobachtet

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8 Gedanken zu „Einfach göttlich

  1. Pingback: Weekly Photo Challenge: The Road Taken | UNGEMALTES

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