Das Verbot der Windbeutel

pezeh

Cannabis hat man in D nach 50 Jahren schon fast begriffen, doch taucht eine neue Droge auf, gelten wieder die alten Antworten: Zensieren, verbieten! Bibel-Texte in deutscher Sprache? Gefährlich, führt zu Aufständen. Goethe löste eine Selbstmord-Welle aus. Drucker müssen kontrolliert werden! Das Radio kann Massen-Panik erzeugen, Cowboy-Filme verrohen die Jugend, TV-Abhängigkeit führt zu Übergewicht. Staatliche Institutionen müssen die Medien kontrollieren! So kamen wir zum „Wort zum Sonntag“. Video-Konsum ganz schlecht, besonders die Horror-Filme. Daß Video-Shooter gewalttätig machen, ist Allgemeingut geworden, obwohl es zur Zeit keinen offenen Weltkrieg gibt, und islamistische Attentäter sowas grundsätzlich ablehnen. Tatsächlich waren entwickelte Industrie-Gesellschaften niemals vorher so zivilisiert. Nun das Internet: Kontrollieren, zensieren, verbieten!
Warum kann der eine von der Droge vernünftigen Gebrauch machen, der andere geht damit unter? Weil das Gehirn des Users unterschiedlich ausgebildet ist. Hier, bei der Sozialisation, ist so früh wie möglich anzusetzen. Ob der Vater Jurist ist, oder beide Eltern an die Existenz von Geistern und eines dreiteiligen Gottes glauben, ist ein entscheidender Unterschied für die Entwicklung des Denkens. Die Herkunft ist also von vornherein ein Faktor der Ungleichheit, die keine soziale Gesetzgebung einebnet. Man kann an sich arbeiten, doch lernen ist anstrengend und setzt Lustverzicht voraus. Logik ist eher lästig, Gefühle werden gern als Wert ansich gefeiert:
„Noch nie hatte die Königin solche Worte vernommen, und sie taten ihr wohl und erbauten sie mehr als der schönste Gesang beim Hochamt. Das sah man an ihrem Gesicht, denn sie lief purpurrot an, weil diese Worte ihr das Blut so in Wallung versetzten, daß alle Saiten ihrer Laute in Schwingung gerieten und in vollem, starkem Akkord bis hinauf in ihr Ohr zusammenklangen, denn diese volltönende Laute erfüllt, dank einer besondern Begabung ihrer widerklingenden Natur, mit ihrem Klang Leib und Seele der edlen Frauen und läßt sie zurtiefst erzittern und erwartungsvoll erschauern.“ Honoré de Balzac (1799-1850), „Tolldrastische Geschichten“
Worte! Windbeuteleien, die auf jemanden treffen, der davon ausgeht, die Welt sei dazu geschaffen ihm Lust zu bereiten, und nicht ein Dschungel, in dem jeder auf Kosten des anderen zu überleben sucht. Welche Erkenntnis- und Überlebens-Fähigkeit kommt in solchen Reaktionen zum Ausdruck? Kann man Fake-News und Romance-Scam verbieten? Oder sollte man die Menschen besser dazu befähigen, jede Art gesellschaftlicher Künstlichkeit kritisch analysieren zu können? Von Schulen ohne die Fächer Philosophie und Psychologie, stattdessen die obskursten Religionen im Angebot, kann kaum dialektisches Denken vermittelt werden. Deren Produkte lassen sich eher von Wahrsagerinnen lesen, als daß sie sich mit Kants kategorischem Imperativ auseinandersetzen. Welche Qualität hat eigentlich die Liebesfähigkeit von dummen Menschen? Für die Demokratie sind sie jedenfalls der Untergang. Und immer wird ein Teil der Gesellschaft sich selbst ruinieren und am Rande liegenbleiben. So sicher wie das Amen in der Kirche. Man kann lediglich versuchen, diesen Prozentsatz so niedrig wie möglich zu halten. Und wer verstanden hat, daß Unterentwicklung ihren Grund nicht in mangelndem Geld sondern mangelhafter Bildung hat, der ist schon auf dem richtigen Weg.

Foto: Herziger Jesus und steiniger Ersatzfuß in der dörflichen Sanitäts-Station, das Kabel mit Pflaster geschützt.

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