Die Stunde der Verzweiflung

versperrt

… kam schneller als erwartet. Einige hatte ich ja schon hinter mir. Es war nur die Frage, wann würde dieser Neuanfang scheitern?
2 große Bäume, zu schräg gewachsen, hatte ich gefällt. Daraufhin verlor ein 3. seinen Halt und kippte in Richtung Ziegenzaun, noch aufgefangen von einem anderen. Beim letzten Sturm vor wenigen Wochen kam er dann runter. Die Ziegen waren begeistert. Noch immer fressen sie an seiner Rinde, ich dagegen mußte die Äste entwirren, den Stamm zersägen und den Zaun sofort reparieren. In die entstandene Schneise sauste nun der schlimmste Sturm in 16 Jahren – die Klima-Veränderung ist deutlich. Oder sind die Bäume nur übergroß geworden? Jedenfalls brach ein Riesen-Benjamini, stürzte in eine Sago-Palme, und ein Riesen-Tulpenbaum in den Ziegenzaun. Etliche Baumkronen verabschiedeten sich von ihrer natürlichen Position und segelten davon. Zum Glück entstand kein Gebäudeschaden. Die Ziegen bemerkten das Loch nicht – vielleicht war es ihnen auch zu unheimlich – und fraßen sich dick an allem, was runterkam. Der Strom fiel schon aus, bevor der Sturm begann. Gerade hatte ich meinen Gasherd durch eine Induktions-Kochplatte ersetzt – was immer das auch ist – weil ich die schweren Gas-Flaschen nicht mehr heranschaffen konnte. Also weitgehend leerer Magen, das Telefon-Kabel, die letzte Verbindung zur Außenwelt gerissen (mindestens 3x im Jahr), der Zaun war wieder sofort zu reparieren, mein Dschungel eine Desaster-Zone, der Boden glitschig von tagelangem Regen. Wieder etwas, was ich allein nicht bewältigen konnte. Da war er nun der Punkt. Also los, packen wir’s an! Ich sägte, hackte, hebelte, bis ich den zerstörten Zaun freihatte. Über mir schwankten und knackten die Baumkronen. Die Ameisen, eigentlich alle zermanscht, ersoffen oder verirrt, mußten mir doch immer noch am Kopf und unterm Hemd rummachen. Jenes naßkalt von Regen und Schweiß. Spitziges bohrte sich in mich, am Tag davor ein Grashalm direkt ins Auge. Aber ich schaffte es.
Danach saß ich mit Kerzenlicht in der Küche und erinnerte mich an die ersten Abende im norddeutschen Moor. 1973, in einem verfallenen Häuslingshaus ohne Strom, Wasser und Heizung. Damals ernährte ich mich überwiegend von gesammelten Brombeeren, frischer Milch und rohen Eiern. Das Leben war neu, unsicher und verheißungsvoll. Und als ich Strom hatte, sang Neil Young: „When you were young and on your own, how did it feel to be alone?“ Es hatte eine Weile gedauert, bis ich seine Frage positiv beantworten konnte: „I’m only waiting till the morning comes.“
Nach dieser Plackerei war ich so erschöpft, daß ich tief und ungestört schlief. Am Morgen gab es wieder Strom, ich kochte mir einen Kaffee und setze mich noch im Dunkeln auf die Veranda. Hörte den Imam, einen anfliegenden Graureiher und die Hähne schreien, bevor sich die ersten roten Fetzen am Horizont entlangtasteten. Die Zikaden machten gerade Pause. Ich auch.
„It’s over.“
Eigentlich sieht das Chaos in meinem Dschungel recht gut aus, noch mehr nach Urwald. Das Licht hat sich verändert. Alte Wege sind versperrt, neue freizulegen. Ach! Imma diese Symbolik.
„There must be some way that I can lose these lonesome blues. Forget about the past, find someone new!“
Leicht gesungen. So einfach iss das nich in meinem Alter. Damals war ich zu dem Ergebnis gekommen, daß eine feste Beziehung sowieso nix für mich wär. Ich hätte dabei bleiben sollen.
„Yes, only love can break your heart. Try to be sure right from the start!“
So isses!
Und kaum hatte ich das Hoftor geöffnet, war der Buckel auf seinem Motorrad drin, um Geld für eine schielende Wucherin einzutreiben, bei der meine Frau verschuldet ist.
Nicht mehr mein Problem. Ich hab keine Schulden. RAUS!
Am nächsten Morgen stand er mit der Wucherin, die auch im Kirchenvorstand ist, vorm Tor.

lilin

Kerzenverpackung

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2 Gedanken zu „Die Stunde der Verzweiflung

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