Konzentrierter Kitsch

kachelbruch

Das Maß an Bitterkeit und Versuchung muß voll werden. Und ebenso muß das Maß an Einsamkeit voll sein. Wer einen neuen Lebenswert erlangen will, muß zuerst alle alten Werte verlieren. War dieser Wert ein naher Mensch, so muß dieser von uns abfallen wie ein welkes Blatt.“
Roman Brandstaetter (*1906), „Abschied vom Heiligen Land“

Zuerst knirschte und knackte es, als ob ein Reiher am Fenster rumreiherte. Es waren jedoch die Kacheln an der Außenseite der Wasserturm-Pagode, die sich zum Satteldach aufstülpten, als ob die Wand schrumpfte, und nun nich nur mein Leben sondern auch mein Haus symptomatisch zerbröselte. Ich stieg also aus dem Schlamm der Reis-Terrassen, dabei einen meiner neuen Gummistiefel verlierend, der daselbst steckenblieb, und begab mich nassen Fußes zum Kachelkleben. Nachdem ich 5kg Kachelkleber im Rucksack aus Manado herangeschafft hatte, dauerte das Tage, da nachmittags immer Regen und Gewitter die Arbeit saisongemäß beendete – was Netzteil, Grafik-Karte und Internet-Anschluß meines Computers übelnahmen und diese Welt verließen. Solches spricht man, wenn Antje gestorben iss, obwohl sein entseelter Körper durchaus noch merkwürdich verrenkt auf dem Sofa im „Rattenloch“ lag, wo auch ich einst jahrelang vegetiert hatte. Jedenfalls hing er nich blutich am Strick, wie ein Beamter in Airmadidi.
In meiner Verzweiflung begann ich 22 polnische Kurzgeschichten zu lesen. Politisch korrekt waren die Deutschen darin schlecht und die Polen gut. Gustav Morcinek (*1891) beschrieb, wie Pater Kolbe im Konzentrationslager freiwillig die Stelle eines Hinzurichtenden einnimmt, denn hinter der Schwelle des Todes befinde sich nich die Hölle sondern „ein unendlich großes lichtblaues Glück“. Das weiß Pater Kolbe ganz sicher, und die Sonne, in der die Gefangenen auf dem Hofe des Konzentrationslagers stehen müssen, „ist keine Strafe Gottes mehr, sie ist ein glühender Hymnus zu Ehren der Allerheiligsten Jungfrau Maria“. Auch der brutale polnische Kapo nich. Als Kommandant Fritsch naht, und „sein teuflisches Herz an der Angst der Menge“ weidet, spricht Pater Kolbe voller Liebe zu jedem: „Und vor allem glaube unerschütterlich an den Schutz der Allerheiligsten Unbefleckten Jungfrau Maria.“ Bei Roman Brandstaetter beginnen sogar die Bäume zu beten, obwohl „nur ein einziger unter ihnen das Wunder von Golgatha erleben durfte, jene höchste und einzigartige Freude: an seinem Stamm die Last des göttlichen Leibes zu tragen“.
Da deuchtete mir: Was nützt 3D, wenn die Menschen weiter in ihrem Nebel aus längst gestorbenen Träumen verharren. Und selbst die ARD liefert so falsche Übaschriften wie: „Hamilton rast vor Rasberg zur Pole“ – anstatt „üba den Berg zur Polin, um sie unscharf zu fotographieren“. Viel besser gefiel mir die Geschichte des Russen Nikolaj Leskow von dem Linkshänder aus Tula und dem stählernen Floh, den man nur mit einem Bekiekroskop erkennen kann. Leskow hielt sich nich mit den Großmeistern des verschnörkelten Gesangs und allerfähigsten Almosensammlern auf, sondern beschrieb, wie die Englischen dem Linkshänder das Knie mit Gefreundung beklapsen, was ein seniler, pensionierter Wilder neulich im mikro auch mit mir gemacht hat.
Dagegen sind die 22 polnischen Erzählungen derartich katholisch versumpft, daß ich lieber einem Platon-Zitat aus „Phaidros“ folgen wollte, welches der ehemalige Präsident des polnischen PEN Clubs Jan Parandowski (*1895) in „Kalimera“ zitiert, der glaubte, die alten Griechen hätten „wie im Märchen“ gelebt. Daß wir nur von einer elitär-demokratischen Sklavenhalter-Gesellschaft Kunde haben, wußte zumindest Platon, der die Gedankenpolizei Indonesiens schon in seinen totalitären „Gesetzen“ begründete. Laut Platon sollen die Grillen einst Menschen gewesen, die so begeistert vom Singen waren, daß sie Speis und Trank vernachlässigten und starben. Von ihnen stamme das Geschlecht der Zikaden ab, die angeblich ohne Nahrung auskommen und draußen gerade derartich brüllten, daß ich aus dem Haus stürzte, um festzustellen, ob in meinem Dschungel Millionen Zikaden ein Musical verübten. Doch es waren 2 Straßenarbeiter mit Druckluft-Geräten, die den Lorong Jerman für eine neue Teerdecke abstrahlten, mir danach 2 Reissäcke stahlen, mit denen ich die Torpfosten geschützt hatte, und erneut Platons Idee verdeutlichten, daß uns die Akustik Geräusche nich immer so sinnlich erfahrbar vorführt, wie sie ursprünglich sind. Außerdem mußte ich feststellen, daß ich von seinen sämtlichen Werken nur Band 1 und 2 besaß, sich der Dialog mit Phaidros jedoch in Band 4 befindet. Stattdessen stieß ich in Band 2 auf Sokrates, der im Gespräch mit Hippias das Problem der richtigen Falschheit untersuchte, was mich aus gegebenem Anlaß viel stärker interessierte als der Ursprung der Zikaden. Und so schwankte ich bald so, bald so vor mich hin. Mich zwar mit den Ideen anderer auseinandersetzend, doch niemals vernachlässigte, verriet oder verkaufte ich dabei meinen Lebens-Mittelpunkt.
Dann folgte dem großen Regen die Flut, lieferte mir tonnenweise Müll und feinen, schwarzen Vulkan-Sand, zerspülte Dämme und machte wieder viel von dem zunichte, was ich mit sisyphuschischer Mühe gestaltet und gerade repariert hatte. Sie verdeutlichte mir, wie ich es allein nich schaffen kann. Doch sägte ich mir Bambus und Blattrippen von Sago-Palmen zurecht und verstopfte damit die Löcher in den Dämmen.
Das Glück ist launisch wie ein Weib. Es haut dir in die Fresse, es spuckt dir in die Augen, und man weiß nicht, warum.“ (Sergiusz Piasecki)

bluemisw

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