Hinterindische Seife

indischeseife

Jonathan Swift (1665-1745) fragte einen Armen, wie es ihm gehe. Der antwortete: „Wie einem Stück Seife, ich werde immer weniger.“

Am Morgen überweise ich dem Imigrasi-Chef vereinbarungsgemäß außertarifliche 200EUR auf sein privates Konto. Ich solle es freiwillig tun und mit niemandem darüber reden, hat der Schauspieler gesacht. Wo werd ich! Ich veröffentliche doch hier nix Privates. Soll die Öffentlichkeit selber sehn, wie sie mit Betrügern zurechtkommt. Ich befinde mich bereits in der Phase, in der man den Antrang auf Beantragung der Staatsbürgerschaft genehmigt hat, abgekürzt SKIM. Im Englischen bedeutet das „Schaum“, und das trifft genau die Wertichkeit „eines Messers ohne Klinge, dem der Griff fehlt“ (Lichtenberg). Mit SKIM ist man angeblich schon halber Indonesier. Jetz müßte ich die restliche Hälfte beantragen. Bezahlt habe ich bisher mindestens den doppelten Tarif. Eine Beamtin erklärt, ich müsse im nächsten Interview die National-Hymne vorsingen und live im Büro mehrere Erklärungen schriftlich verfassen. Singen will ich nich, genuch Indonesisch kann ich nich, schriftlich schon ganich, aber ich kann viele korupsi-Geschichten erzählen. Und ich habe es gründlich satt, mich von all diesen hinterlistigen Grusel-Clowns erniedrigen zu lassen.
In die Imigrasi in Bitung hat man mich um 14Uhr bestellt. Über dem Eingang hängt ein Banner: „Zeigen Sie es an, wenn von Ihnen mehr verlangt wird, als vorgeschrieben!“ Das werd ich lieber nich tun. Auch 1Std. später kann man das Dokument, mit dem ich in der Imigrasi Manado in einer anderen Abteilung meine Einbürgerung beantragen soll, immer noch nich ausdrucken. Der Drucker ist kaputt. Informationen, wie es weitergeht, immer nur portionsweise. Die Imigrasi-Beamten gleiten träge durch die eisgekühlte Wartehalle, in der eine indische Seifenoper im TV läuft, die mit indonesischer Synchronisation noch bekloppter wirkt. Seit mindestens 16 Jahren flackert hier TV, damit kein Antragsteller Amok läuft, der sich widersprechende Auskünfte, geplatzte Termine und endloses Warten nicht mehr aushält. Aber auch zur Unterhaltung der gelangweilten Beamten. Ein kurze, fette bohrt sich intensiv in der Nase, während sie zusieht. In wenigen Minuten bekomme ich von dem kalt-zugigen Luftstrom entzündete Augen. An kein übleres Jahr kann ich mich erinnern. So voller Demütigungen, beständich widerlich und tückisch ohne Ende. Morgens geht es um Geld, mittags geht es um Geld, abends sowieso, und nachts die Alpträume des rechtlosen Ausgeliefertseins. Jeden Monat negative Bilanz. Immer wieder von meiner Frau angebettelt. NICHTS mehr bekommt sie von mir, und ich schwöre: Dieses Haus wird eine hp-freie Zone!
Als ich von der Imigrasi erfolglos zurückkehre, steht ein Mann auf der Teichmauer, dreht mir seinen rotbraunen Rücken zu und starrt mit hochgezogenen Schultern resigniert in den Dschungel. Seine Beine so dünn, daß es sich um einen Reiher handeln muß. Ich laufe gleich los und hole meine Kamera. Da isser wech.
Ich sehne mich nur noch danach, meine letzten Tage hier in Ruhe allein zu verbringen. Ich werde wieder da weitermachen, wo ich 1975 war, als ich aus Japan zurückkam und meine Frau noch nich kannte. Regression in die große, zukunftsfreie Schlichtheit.
„Schlichte goldene Ewigkeit, die allem ihren Segen gibt.
Nichts ist geschehen.
Selbst das nicht …
In lauen Frühlingsnächten werde ich im Hof unter den Sternen stehen.
Es wird aus alledem noch etwas Gutes entstehen.
Und es wird einfach nur golden und ewig sein.
Jedes weitere Wort erübrigt sich.“
Jack Kerouac, „Big Sur“, 1962 (Geklappt hat es nich!)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s