Gehen wie geschmiert

sohlenbruch

„Gehen, statt zu weinen. Gehen in der vergeblichen und verzweifelten Hoffnung, auf ein freundliches Gesicht zu stoßen. Gehen, gehen, gehen … .“
Henry Miller, „Das verlorene Paradies“, 1956

Mit prallvollem Rucksack und 2 Plastiktüten komme ich von der Dorf-Kreuzung, und bevor ich in den Lorong Jerman einbiege, der ganich so heißt, aba von allen so genannt wird, seit ich da wohne, überhole ich am Straßenrand einen dünnen, winzigen Jungen, der eine feine Drahtverknotung über seinem Kopf herumschleudert. Vielleicht hält er sich gerade für einen Hubschrauber. Als ich ihn passiere, grüßt er mit: „Tach!“
Ich antworte korrekt mit: „Guten Nachmittag!“ Worauf er mir strahlend sein Zahnfleisch entblößt und zu hüpfen anfängt. Woher ich käme, legt er nach.
„Aus Deutschland!“
„Zu Fuß?“ fragt er entgeistert, und das Zahnfleisch schwindet.
„Ja-ha!“ antworte ich.
Natürlich nich die ganze Strecke, aber ich gehe viel mehr als die Wilden. Nur die 5-beinigen Essens-Verkäufer mit ihren fahrbaren Restaurants, die mobilen Einzelhändler, Schuster, Schrottsammler und Verrückten gehen mehr. Ein langhaariger, bärtiger Wahnsinniger lebt in einer Hausruine in Manado. Dort hockt er manchmal zwischen Trümmern unter einem verrosteten Wellblech wie ein indischer Sadhu in kurzen, löchrigen Hosen und studiert gefundene Texte. Außer mir isser der einzige in Manado, der kein HP benutzt. Selbst die Straßenfeger telephonieren bei der Arbeit.
Eigentlich sollte die Entwicklung von Schuhen, Zahnbürsten und Gasherden historisch abgeschlossen sein, und nur noch neue Erfindungen wie Handphones zum Bleistift zu Handgranaten modifiziert werden. Doch weil sonst niemand mehr zu Fuß geht – für mich ein Zeichen von Dekadenz, veranschaulicht auch durch zunehmende Fettsucht – braucht niemand haltbare Schuhe. Viele wollen das offensichtlich ganich, weil sie sich dann nich ständich Neues kaufen, kaufen, kaufen können. Meine letzten chinesischen, Marke „Weinbrenner“, deren Leder nur wie solches aussieht, und die auffällich leicht sind, haben nich mal ein halbes Jahr gehalten. Wie bei den vorigen ist wieder die Sohle durchgebrochen. Zuerst mußte ich sie festkleben, da sie sich als Ganzes abzulösen versuchte. Nur 1-2x in der Woche über den Schotter der mehr oder weniger zerlbröselnden Dorfstraßen ist schon zu viel. Über die verlorenen ~33EUR kann man nur so lange klagen, wie man sich wie ich in diesem unseligen Jahr notorisch an der deutschen Armutsgrenze aufhält. Meine neuen aus echtem Leder haben nun immerhin schon ~50EUR gekostet. Mal sehn. Zwar geht man in „Weinbrenner“-Schuhen ausgezeichnet, doch geben sie schnell ihren Geist auf. Über dem Hackenbereich befindet sich ein Hohlraum, in den die Schottersteine einbrechen. Es handelt sich also nur um Vor-der-Tür-steh-Schuhe. Meine neuen sind von „Buccheri“ (steht oben drauf, damit es jeda weiß), demnach eigentlich für Schlachter gedacht. Geht sich prima damit, nur die rund-glatten Senkel schnüren nich.

unterschied

Die Zum-Dienst-fahr-Schuhe oben gehören einer moslemischen Beamtin der Provinz-Imigrasi in Manado, wo ich meine Einbürgerungs-Akten aus der 1. Phase in der nationalen Imigrasi in Bitung hintragen mußte. Nach der 2. Phase „bringen Sie die Akten in die Imigrasi-Zentrale in Jakarta“, erklärt der sympathische, perfekt schauspielernde Imigrasi-Chef, der absolut keine Schmiere annehmen will (Die völlich sinnlose Zwischenstation in Manado scheint eher eine Bestätigung der provinziellen Hoheitsrechte Nordsulawesis gegenüber der Zentralregierung zu sein.).
„Ach nein“, protestiert meine Frau, „können SIE das nicht machen? Wir kennen überhaupt keinen in Jakarta!“
„Na ja“, meint der Beamte, „da entstehen allerdings Extra-Kosten.“
Aba latürnich, das kennen wir schon.
Warum ich denn Indonesier werden wolle, fragt der uniformierte Schauspieler, Deutschland wäre doch ein schönes Land. Sie habe seinerzeit auch gar nicht nach Indonesien zurück gewollt, ergänzt meine Frau völlich überflüssigerweise. Diese Lüge gehört neuerdings zum Repertoire ihrer Falschspieler-Identität und soll verdeutlichen, wie unsere mehr als 40jährige Beziehung auf falschen Voraussetzungen beruhte. Wenn das wahr wäre, würde ich heute nur an kalten Füßen in Norddeutschland leiden und nicht an ihrer Heimtücke. In Wirklichkeit ist sie damals in Tränen ausgebrochen, als ich ihr vorschlug, uns in ihrem Heimatdorf anzusiedeln.
„Es handelt sich darum, daß Sie sich hier unglücklich fühlen. Niemand ist dafür verantwortlich zu machen. Keiner von uns hätte einen solchen Ausgang voraussehen können … Auch ich möchte ab und zu mal in den Straßen von Paris spazierengehen, um das Pflaster unter meinen Füßen zu fühlen … Natürlich ist meine Lage anders. Ich fühle mich hier nicht unglücklich, was auch geschehen mag … Aber eins steht bei mir fest – dies ist ein Paradies. Wenn etwas schiefgeht, werde ich es sicher nicht dieser Gegend in die Schuhe schieben … Es ist ein schöner Tag heute, auch morgen wird es schön sein, selbst wenn es in Strömen regnet … Wissen Sie, wo es fehlt? (Ich klopfte mir mit dem Finger an den Schädel.) Hier oben.“ (Miller)

4 Gedanken zu „Gehen wie geschmiert

  1. ausnahmsweise nochma kommentah, damittese dir nich imma selba schreim musst:
    keine frau will dahin zurück, wose herkommt, das war bei aaltje so und bei meiner auch, so isses nehmlich, da hattse völlich recht, wennse es dir jetzt nochma sacht…

  2. Könnt ihr drehen und wenden, wie ihr wollt: Ohne Logik wird das nix. Meine 1. Indonesien-Reise war 1983. Da kam ich auf die Idee. 2000 sind wa ausgewandert. Wir haben das 17 (SIEBZEHN) Jahre lang gemeinsam geplant. Jetz zu sagen, ich wollte eigentlich ganich, iss Demenz pur! Reine Geschichts-Fälschung – und nich die einzige! Um nich als totale Niete dazustehen, die sich selbst in den Ruin geschattenwirtschaftet hat, musse halt sowas modellieren.
    Ich hab mich schon gefragt, wie Deine Frau das mit Dir so lange ausgehalten hat. Herzlichen Glückwunsch!

  3. ja, dreh- und wende-logik, mach ich doch mal gern für dich:
    iss doch ganz gut zu vastehn,
    dass du 83 mal dort hinguck test,
    wo sie zuvor von weck wollte und genau das auch gemacht hatte;
    was bei diesem test dann die grundlage war von
    „da kam I C H ! auf die idee“,
    das bleibt hier offen,
    also was genau hat(te) dieses bloß-weck-hier-land, was du aba wolltest;
    der blog hilft dem leser in dieser frage eher nicht;
    die situation „ratte“ war/ist insofern tot aal andas,
    weil beide dummen ratten dorthin zurück gingen, wose früa mal in nestern waren;
    ja klar, die „ich“-idee war leida auch nur meine, deswegen höre ich das, was sie dir sagt, auch;
    wir-ideen sind echt selten, damit musse lehm!

  4. Du meinst, dieser POST hilft den Lesern, von denen genuch vorhanden sind, eher nich. Blogs gibt es 3 und die helfen dem Neugierigen übareichlich bei der Komplettierung – besonders der „Waldschrat“, der die ganze Entwicklung bis 2000 u.a. mit Auszügen aus meinem (unveröffentlichten) Buch enthält. Du hast sogar mein aktuelles Abstürzen aus dem schwierigen Paradies live erlebt, und ich vermute, daß Dir Deine Frau nie derartich brutalen Egoismus geboten hat. Meine hat sogar versucht, ihren eigenen Sohn zu betrügen. Ihre fast Selbsterkenntnis erreichende Aussage, sie wolle immer das Andere, erklärt mehr. Einem solchen Menschen wird es auch der 3. Ehemann nicht rechtmachen können. Da fehlt es einfach hier oben (Klopfe mir mit dem Finger an den Schädel.)
    https://tomschrat.wordpress.com/2010/10/01/unter-hundefressern-xi-6/
    https://tomschrat.wordpress.com/2010/10/02/unter-hundefressern-xi-7/
    https://tomschrat.wordpress.com/2012/08/09/nie-wiedersehen/

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