Vanesa ist müde

dschungelbus

„Buses are for people who don’t know each other.“
Swiss Army Man“ (2016), „We all need some body to lean on.“

Auf dem Rückweg von Manado – ich muß 2x umsteigen – sitzt vor mir im mikro eine alte Frau und beobachtet die draußen vorbeisausende Szenerie wie ein Tennis-Spiel. Ihren Kopf bewegt sie so nervös hin und her, als ob sie die zivilisatorische Verwirrung beiderseits der Straße zum ersten Mal sieht. Ihr Haare tiefschwarz gefärbt. Auch alte Männer tun das. In Würde alt werden, kann hier kaum einer. Die schwarze Farbe betont die kahlen Stellen auf der hellen Kopfhaut besonders. Bei alten Frauen kann man Haarausfall wie bei Männern beobachten, was durch das Schwarzfärben extrem auffällt. Wo die Haare gewachsen sind, erscheint Grau. Diese Mischung wirkt ebenso vergammelt wie bei einer alten Frau schräg vor ihr, deren Haare einen falschen Rotton besitzen. Bei ihr gibt es von Tiefschwarz über rötlich zu Grau und zusätzlich blanker Kopfhaut alles zu besichtigen. Ergänzend möglichst noch knallrote Lippen wie bei Tante Erna, eine faltige oder aufgedunsene Haut, und die Vogelscheuche ist perfekt. Sie sehen sich eben nie aus meiner Perspektive – von schräg oben. Die rötliche Scheuche schläft trotz der heftigen mikro-Bewegungen mit dem Kopf nach vorne kippend ein. Als sie wieder aufwacht, reinigt sie sich mit ihrem langen Daumennagel die Nase. Die Popel entsorgt sie irgendwo in Kniehöhe. Die letzten reibt sie sich auf der Brust vom Nagel. Ihr Mann in schlicht-ehrlichem Silberhaar unter einer Baseball-Mütze auf der „Timor Leste“ aufgestickt ist. Vielleicht stammt er aus dieser unterenwickelten Zone, die von den Handphones erst später erreicht wurde, vielleicht gehört er aber auch nur jener ha-pe-freien Generation an, die diese Dinger nich ständich mit sich rumträgt. Jedenfalls kuckt er erstaunt, als seine Nachbarin auf dem mit Schaumgummi gepolsterten „VIP“-Brett im Mittelgang plötzlich laut zu reden anfängt. Vornehmere Fahrgäste, die der Bus unterwegs aufzulesen versucht, schrecken manchmal mit dem Ausruf: „Ohh! Wiep!“ vor dem Einsteigen zurück, wenn nur noch dieses Brett als Sitzplatz in der blauen Konservendose zur Verfügung steht. Dabei stählt besonders solch ein Notsitz den Körper wie beim Reiten. Auf der ähnlich harten Rückbank dahinter habe ich links platzgenommen, rechts eine dicke Frau und in der Mitte Vanesa. Das steht in handschriftlichen Buchstaben auf einem Klebeband auf einer flachen, durchsichtigen DIN-A3 Plastikdose, mit der man gewöhnlich Nudeln und Kuchen transportiert, auf ihrem Schoß – sonst wüßte ich es ja nich. Da drauf ein grauer Akten-Deckel größer als DIN-A4 – länger, weil ohne D. Als Vanesa ganz entspannt im Hier und Jetzt einschläft, fällt nicht nur ihr vom Fahrtwind bewegtes schwarzes, langes Haar über ihr schmales Gesicht, auch der Akten-Deckel verrutscht in Richtung dicke Dame und gibt seinen Inhalt frei: irgendwelche kopierten Zeugnisse. Nach wiederholtem Verrutschen packt die dicke Dame das Zeug zusammen, schiebt es Vanesa zurück auf den Schoß und weckt sie auf. Nicht lange danach schläft die junge Schönheit wieder ein und kippt jetzt in meine Richtung. 5 Mal rutscht ihr der Arm vom Akten-Deckel und zwischen unsere Oberschenkel. Beim 5. Mal läßt sie ihn dort liegen. Dann kippt ihr Oberkörper gegen meinen, und ihr Kopf stößt ab und zu an meine Schulter. Im Fahrtwind – man fährt bei offener Tür – kitzeln ihre weichen Haare mein Ohr. Als die dicke Dame aussteigt, wacht das Mädchen auf, das Pocahontas spielen könnte, und setzt sich auf den Platz der Dicken. Schlank, mit dem Gesichtsschnitt einer Blackfoot-Indianerin, kindlich zarte Hände, makellos hellbraune Haut. Eine Bluse mit traditionellem Muster, die an den Schultern im Ausschnitt Haut sehen läßt. Das soll anscheinend nicht sein, denn nachdem Vanesa eingestiegen war, zog sie hier schwarze Gardinen zu. In ihre zierlichen Leinen-Schuhe sind Goldfäden eingewebt.
Kurz bevor diese indianische Schönheit aussteigt, fragt sie – ohne mich anzusehen – mit einem kurzen Nicken des Kopfes in Richtung meiner Armbanduhr:
„Opa, wie spät ist es?“
DAS war hart.
Als ich nach Hause komme, ist niemand anwesend außer einem großen Graureiher, der sich elegant in die Luft schwingt und zwischen meinen Dschungel-Bäumen verschwindet.

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