Gefühlsdatei

kritzel

„At any moment of my conscious life, there is one object (or at most some very small number of objects) to which I am attending. All knowledge of particulars radiates out from this object.“ (Bertrand Russell, „Theory of Knowledge“, 1913)

Wenn Michael Nimrot (19) und Amelia Elisabeth (17), beide nich volljährich, ganz schnell heiraten müssen, weil Amelia im 9.Monat iss und sie das Kind ehelich zu gebären wünscht, so iss das gut verständlich, wenn auch übaflüssig. Denn was hat man an Ehrbarkeit erreicht, wenn das Kind am Hochzeitstag um 7Uhr zur Welt kommt, die Hochzeit jedoch erst für 9 angesetzt iss. Das ergibt nur eine wacklige Braut und viel Gerede. Pfiffe man auf all den Zirkus, so könnte das Leben doch ganz entspannt ablaufen. Das sind Fragen existentieller Art, die mich ebenso beschäftigen wie die zahlreichen an mich gerichteten englischen Sätze der Wilden allein an einem einzigen Freitag.
Aus einer Autoreparatur-Werkstatt in Manado ruft mich ein junger Bursche im Vorbeigehen mit der Frage an: „Who are you?“ Eine ganz fundamentale, die man sich im Laufe eines langen Lebens oft stellt und möchlicherweise unterschiedlich beantwortet. Dem jungen Mann dauerte mein Besinnen wohl zu lange, weshalb er sie gleich selbst erledigte mit: „Yes!“
Ganz unverständlich blieb mir das, was einem Verkehrs-Polizisten aus einem kleinen Kästchen auf der Schulter zu entnehmen war: „Kch – ähh – krrrsst – ächh – kech – krrrsst!“
Dagegen gut nachvollziehbar das Angebot eines schwulen, jungen Friseurs, der aus seinem Laden trat mit den Worten: „Mista, I can help you!“ Da ich zu grundsätzlich anderen Vorstellungen üba meinen Kopfschmuck neige, lehnte ich dankend ab.
Auf einem der Boulevards Manados passierte ich einen jungen Mann, der mich dabei unvermittelt informierte: „I’m from Bethlehem!“ Das tat mir leid, aba das Christentum iss nu ma eine internationale Pest, und es gibt sogar in den USA Städte, die so heißen.
Dagegen im städtischen Supermarkt ein ganz selbstbewußt von einem wesentlich jüngeren Mann mir irgendwie schwul entgegengeschleudertes: „Ey, buddy!“
Im dörflichen Supermarkt suchte ich dann vergeblich nach den Einkaufs-Körben, die man sinnigerweise hinter Waren-Kisten versteckt hatte. Und wieder fiel mir dafür nich gleich die mir eigentlich bekannte Vokabel ein, so daß ich mit Handbewegungen den Korb nachbaute: „Keranjang“, identifizierte ein Verkäufer gleich meine Pantomime und gab mir einen. Bevor ich danken konnte, sagte er voller Stolz über seine Englisch-Kenntnisse: „Thank you!“ Was ja eigentlich MEINE Antwort gewesen wäre.
Im mikro saß ich dann schräg hinter einer Jüngerin der Agnosie und hatte vollen Einblick in ihren Intim-Bereich. Sie spielte mit ihrem Handphone, was normalerweise alle außer mir anfangen, die sich gerade in einen Bus gesetzt haben und sich sofort langweilen – sofern sie nich süchtich sind. Dabei schien sie besonders mit dem Problem des richtigen Einsatzes von Emoticons beschäftigt, diese gelben Köppe, die angeblich Gefühle vermitteln. Die Fraun hams ja nich leicht heutzutage. Imma untadrückt, dazu noch ständich auf der Suche nach passenden Emotionen und voller Sorge um die Kapazität ihrer Akkus. Dreimal hintereinander öffnete sie den Ordner und fügte diese Dateien irgendwelchen Kurz- oda Ganich-Texten hinzu. Mir deuchtete, das müsse doch auf Dauer auch langweilich werden. Und tatsächlich machte sie das Ding nach einer Weile aus, und dann machte sie es wieder an und suchte einen neuen gelben Kopf. Doch endlich packte sie ihr Handphone in die Handtasche. Da fragte ich mich, wieviele Kilometer sie DAS wohl aushalten würde. Ungefähr 2. Doch suchte sie jetzt zusätzlich ein kleineres, blaues HP heraus, mit dem sie richtich sprach. Während dessen textete sie mit dem anderen. Ihr Gesichtsausdruck wirkte entspannt glücklich. Ich stellte mir vor, wie sie mit dem kleinen, blauen mit ihrem Foreverlover sprechen und dabei ihren anderen Foreverlover antexten könnte, wobei man viel Zeit spart. Wie ich ausstieg, sah sie immer noch zufrieden aus.
Als ich nach Hause kam, lag meine Frau entspannt auf unserem thailändischen Teak-Sofa und spielte mit ihrem Handphone.

Einen Teil der brachliegenden Reisterrassen, die ans Haus anschließen, habe ich geflutet und reiße nun mit bloßen Händen das Kraut der letzten Mißernte heraus, um sie in einen Wassergarten zu verwandeln. Eine anstrengende Arbeit im schwarzen Schlamm, die mich noch Monate beanspruchen wird. Neulich hockte ich unbeweglich am Teichrand, als ich einen Kuhreiher bemerkte, der sich mir bis auf 3m näherte und mich offensichtlich für einen Baum hielt. Zwar umflattern sie den Pflüger, doch flüchten sie normalerweise schon, wenn ich nur am Fenster erscheine. Wie ein kleiner, schneeweißer Storch stocherte, planschte und hüpfte er im seichten Wasser herum, zitterte mit einem Fuß den Schlamm durch und ließ sich ab und zu durch Abducken vom Wasser überperlen. Dieses Erlebnis machte mich froh, und mein innerer Akku war hinterher voller als vorher. Wer sich dagegen nur noch in virtuellen Räumen aufhält, „lebt nicht in der Gegenwart, sondern beklagt mit rückwärts gewandtem Auge die Vergangenheit, oder er stellt sich auf die Zehenspitzen, um die Zukunft vorherzusehen, ohne die Reichtümer zu beachten, die ihn umgeben. Er kann nicht glücklich und stark sein, ehe nicht auch er mit der Natur in der Gegenwart und jenseits der Zeit lebt“ (Ralph Waldo Emerson, „Selbstvertrauen„).

schlammschlacht

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